Vorgestellt: Gorch Maltzen

Gorch Maltzen, geb. 1987 in Heide (Holstein). Er studierte in Erfurt und Weimar und ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er lebt in Weimar. Blog: Gorch Maltzen.

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Gorch Maltzen (Foto: Nija-Maria Linke)

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Mario Osterland: Lieber Gorch, wie bist du eigentlich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Gorch Maltzen: Robert Wenzl (Autor bei der SUMMER EDITION – Anm. M.O.) und ich sind ja miteinader befreundet. Er hatte mir das Texttreffen mit Peter Neumann und dir empfohlen. So hab ich von der Lesereihe sozusagen aus erster Hand erfahren.

M.O.: Aber Robert und du, ihr kennt euch von der Musik her.

G.M.: Sagen wir es mal so: wir sind Freunde, die darüber geredet haben, Musik zusammen zu machen. Er ist ja schon ein richtiger Songwriter. Ich spiele E-Gitarre.

M.O.: Wie sieht das derzeit bei dir aus? Halten sich Literatur und Musik die Waage?

G.M.: Im Moment ist es mehr Literatur. Ich habe allerdings erst mit Musik angefangen. Ich spiele seit ich 11 bin Gitarre. Ich hätte das fast studiert. Ich hatte aber immer Schwierigkeiten mit dem vom Blatt spielen. Mich hat eher der Prozess interessiert eigene Lieder zu machen. Das selbst kreativ sein, das etwas eigenes machen, nach eigenen Regeln, sich nach eigenen Interessen ausrichten und gegebenenfalls autodidaktisch etwas anzueignen. Es ging dann in Richtung Komposition, aber ich habe nie Musik studiert. Ich habe auch Literatur nie studiert. Ich habe eine Abneigung dagegen, dass mir gesagt wird, was ich tun soll, was ich hören oder lesen soll, was relevant ist. Das Konzept des Kanons ist mir suspekt.

M.O.: Also hast du dich bewusst gegen ein künstlerisch/geisteswissenschaftliches Studium entschieden?

G.M.: Ich denke, da spielen viele Faktoren rein. Persönliche Reife, Jobaussichten, freie Studienplätze, Eignungsprüfungen. Ich weiß, dass ich mich gerne gegen Lehrer und Autoritätspersonen gestellt habe. Ich habe mich immer für Künstlerisches interessiert und vielleicht war es eher die Sorge, dass mir das jemand kaputt macht, zerredet oder stört. Mir ist die Eigenständigkeit als Autor sehr wichtig, die Freiheit, vielleicht auch die Macht. Ich habe Bauingenieurwesen studiert und es ist ein sinnvoller Job. Es gibt schon ein paar interessante Persönlichkeiten, die Bauingenieurwesen studiert haben: Dostojewski oder L. Ron Hubbard. Ich denke, dass beim Schreiben nicht das Studium entscheidet. Es zählt nur, was man zu Papier bringt.

M.O.: Du hast bisher ausschließlich Prosa veröffentlicht. Wie würdest du dein eigenes Schreiben beschreiben? Was interessiert dich an der Literatur?

G.M.: In Literatur kann etwas sehr Kluges neben etwas sehr Emotionalem stehen und beides hat seine Berechtigung darin. Wenn ich etwas lese, dass mich umhaut, dann ist es meistens entweder etwas, über das ich noch nie nachgedacht habe, das sich völlig meiner eigenen Wahrnehmung, meinem eigenen Leben entzieht oder etwas, dass ich immer schon geahnt habe über mein eigenes Leben, etwas für das mir jemand ein brandneues Vokabular gibt. Meine eigenen Sachen entstehen daraus, dass ich Interessen folge, mich ein bestimmtes Thema aufwühlt. Ich mag Dinge, über die es schwer ist zu reden. Die sind es meistens besonders Wert, dass versucht wird über sie zu reden. Ich denke in der Struktur weisen meine Kurzgeschichten bisher häufig ein Thema auf, dass reflektiert wird auf einer eher Intellektuellen Ebene und einen emotionalen Kern, zum Beispiel den Konflikt eines Charakters. Ich fühle mich wohler in der ersten Person zu schreiben

M.O.: Also würdest du sagen, deine Texte entstehen in erster Linie von den Figuren her?

G.M.: Ich brauche immer unglaublich lange für die erste Seite einer Geschichte. Manchmal ein paar Wochen. Auf der ersten Seite ist dann fast alles schon angelegt für die Geschichte und braucht dann nur noch erfüllt zu werden. Es fängt bei mir aber immer mit dem Kern an, also einem Konflikt oder emotionalen Problem eines Charakters.

In dem Konflikt ist das Thema schon enthalten. Und dann diskutier ich das Thema mit zig Leuten durch und versuche so viele Perspektiven wie möglich zu bekommen. Ich finde so meistens überhaupt erst heraus, wie mein eigener Standpunkt ist. Ein bisschen wie bei Susan Sontag: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“

M.O.: Du hast in den letzten Jahren einige Texte im hEFt veröffentlicht, mehrfach in Erfurt gelesen und auch den Jurypreis beim Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2015 gewonnen. Wie nimmst du die literarische Szene Thüringens wahr?

G.M.: Ich würde mich zur freien Kulturszene in Thüringen zählen. Die Erfahrungen, die ich als Kreativer in Erfurt gemacht habe waren vor allem vom Kampf ums Überleben geprägt. Ständig fehlt das Geld, ständig wird alles zusammen gekürzt. Das hEFt hat eine so starke und wichtige Funktion in Thüringen. Jeder junge Mensch, der sich berufen fühlt zu schreiben, kann etwas beim hEFt einreichen und mit ein bisschen Glück drucken die das dann und fremde Leute können das lesen. Als erste Erfahrung eine eigene Geschichte ganz selbstständig zur Veröffentlichung zu bringen ist das hEFt der perfekte Ort. Dazu kommt noch die politische Bedeutung als Medium der freien Kulturszene. Ich finde eine Zeitschrift, die sich über Jahre etabliert hat, sollte als Institution erkannt und entsprechend gefördert werden.

M.O.: Dem schließ ich mich natürlich an! Und es scheint ja wirklich passend zu sein, dass wir dich bei der nächsten Nachbarschaft ausgerechnet in Erfurt am offenen Mikrofon begrüßen können.

G.M.: Ja, ich freu mich sehr darauf!

M.O.: Wir freuen uns auf dich und In guter Nachbarschaft #11 in Erfurt. Vielen Dank für das Gespräch!

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