ioha im Interview über Solidarität, Krisen und Aliasse

Am 17. November erscheint IN GUTER NACHBARSCHAFT #24 als Podcast. Mit dabei ist ioha aus Weimar und stellt einen Audio-Beitrag mit dem Titel „Daseinsfürsorge“ vor. Wir sprachen mit ioha.

Johanna Ledermann (c) Larissa Barth
ioha, Foto: Larissa Barth

Dein Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, der auch Teil der nächsten Sendung von “In guter Nachbarschaft” ist, ist ein Spaziergang durch verschiedene Szenerien und Schauplätze einer utopischen Post-Corona-Gesellschaft. Wie kam es dazu? Wie geht es dir angesichts der 2. Welle, was machst du zur Zeit?

In der Anfangszeit der Pandemie war ich doch einigermaßen schockiert davon, wie sozialdarwinistisch, körper- und leistungsorientiert ein großer Teil der Gesellschaft denkt, und wie sehr Freiheit mittlerweile als neoliberale Freiheit des Individuums verstanden wird. Aussagen wie „wieso sollte ich mich einschränken, betrifft mich eh nicht, ich bin jung, ich bin gesund, ich habe auch keine Person im Umfeld die ich schützen müsste“ hätte ich vor der Pandemie z.B. eher nicht von Menschen aus meinem Umfeld erwartet. Die Verbreitung dieser Werte und Normen waren mir vorher in dem Ausmaß nicht so klar. Sehr viele Menschen haben tatsächlich wenig Bewusstsein dafür, wie abhängig unsere Leben voneinander sind, wie wichtig gute öffentliche Daseinsvorsorge, bestimmte Versorgungsarbeiten, und menschliche Fürsorge sind.

Mich beunruhigt auch, dass es weniger solidarisches Denken und Handeln in unseren Communities ist, von dem wir uns leiten lassen, als Maßnahmen, die Regierungen erlassen. Die Lockerungen im Sommer und die rasche Normalisierung, das Ignorieren oder Abwehren der Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen im Alltag fand ich sehr ernüchternd. Dementsprechend habe ich in dieser Zeit vor allem pessimistische Texte verfasst.

Über einen Unikurs kam dann der Impuls, etwas positiver zu denken, mich in die Zukunft zu versetzen. Und da habe ich dann beschlossen, aus dem ganzen negativen Knäuel etwas Positives zu spinnen. Mit den oben genannten Einstellungen können wir als Gesellschaften langfristig nicht resilient sein, egal in welcher Krise. In meinem Szenario passiert dann eigentlich etwas relativ unwahrscheinliches, nämlich dass auf einer großen Zahl Toter und einem von der Gesellschaft selbst zerquetschten Gesundheitssystem eine starke solidarische Gesellschaft entsteht. Wie die Verantwortung für gesellschaftliches Versagen, für massenhafte Tode psychologisch verarbeitet werden kann, kommt im Audiowalk nicht vor. Vermutlich durch kollektive Verdrängung.

Damit zur zweiten Welle: wenn es jetzt über den Winter zu Triagen kommt, können wir die Schuld nicht komplett „der Politik“ in die Schuhe schieben. Natürlich haben Regierungen auch versagt, z.B. wenn es ums Contact Tracing geht. Aber wir können seit einigen Monaten wissen, dass es an uns liegt, und auch dank Wissenschaftler*innen, wie wir die Übertragung des Virus besser verhindern können. Und wir können wissen, dass die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems endlich sind, sowie unter welchen Bedingungen Menschen dort für uns alle arbeiten. Es ist nicht so, als liefen wir nicht sehenden Auges in eine Kreissäge. Wer gerade mit dem Finger auf Coronaleugner*innen und Verharmloser*innen zeigt, könnte auch darüber nachdenken, ob das eigene Verhalten gerade der Schwere der Situation angemessen ist, oder der eigene Umgang nicht auch Verantwortung verdrängt, ein Virus verharmlost, das in einigen Fällen tödlich ist oder die Gesundheit bisweilen schwer schädigt.

Persönlich bin ich gerade in Graz in Österreich und mache ein „Urlaubssemester“ beim freien Radio Helsinki. Die pandemische Lage überrascht mich nicht besonders, auch wenn ich uns leider gerade nicht auf „Daseinsfürsorge“ zusteuern sehe. Ich lebe aber ein für diese Zeit sehr privilegiertes Leben: ich habe viele Projekte, gute Bücher, Filme, Online-Konferenzen und Menschen die ich anrufen kann. Und ich verbringe viel mehr freie Zeit vor allem total unlocked an der frischen Luft.

Du hast einen Bachelor in Kulturwissenschaften, studierst nun im Master an der Bauhaus Uni Weimar Medienkunst- und Gestaltung. War das ein schrittweiser Prozess, oder wolltest du schon immer Kunst machen?

Ich war schon als Kind immer kreativ und habe das recht unterschiedlich ausgelebt. Mein Lebensweg ist nicht besonders gerade verlaufen, ich bin ständig umgezogen, habe viel im Ausland gelebt und gearbeitet. Die Geisteswissenschaften kamen zwischendurch dazu und haben mich auf jeden Fall sehr geprägt. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Privileg hatte viel zu lesen, zu denken, zu schreiben. Ich habe danach zwei Jahre gearbeitet und empfand das erste Semester in Weimar dann auch wieder als Riesenerleichterung – meinen eigenen Themen und Ideen nachgehen zu können, von den Dozierenden an der Uni und Mitstreiter*innen unterstützt zu werden fühlt sich wirklich gut an. Ob meine Arbeiten „Kunst“ sind, entscheiden letztlich andere. Der schrittweise Prozess war eher der Umgang mit meinen eigenen Ideen – es hat bei mir schon recht lange gedauert nicht mehr für die Schublade zu produzieren und zu beschließen, dass ich die Sachen auch zeigen möchte und mehr Lebenszeit in kreative Arbeit investieren will.

Wir haben dich über Sound kennen gelernt, aber du arbeitest sehr interdisziplinär mit Text, Bild und Installation. Was reizt dich am Audio-Format?

Mit Audio und Installation habe ich erst durch das Studium angefangen. Besonders der Input vom Experimentellen Radio an der Uni hat mir wirklich ganz neue Türen geöffnet, vorher hatte ich mich nie so intensiv damit beschäftigt. Ich mag an Audio die Immersion, die Möglichkeit sehr rhythmisch zu arbeiten und einen ganz anderen Zugang zu anderen Menschen zu haben. Es ist gerade jetzt im Studienkontext auch eine sehr kostengünstige Alternative zu Video, Film und anderen Medien, Projekte lassen sich ziemlich rasch umsetzen. Außerdem arbeite ich wirklich sehr gern mit Stimmen und Sprecher*innen. Soundtechnisch bin ich offener in der Umsetzung, aber bei der Interpretation von Texten habe ich immer sehr genaue Vorstellungen. Bei Installationen finde ich die Kombination spannend. Zwischen Räumen, Objekten, Ton kann ganz viel entstehen, ich kann aber auch besser beeinflussen, wie das Sichtbare überhaupt wahrgenommen und interpretiert werden könnte.

Besteht die Möglichkeit, dass wir dich irgendwann auch als Autorin einladen?

Momentan bin ich ja Autorin meiner Hörspiele und Drehbücher. Die Möglichkeit, dass ich irgendwann mal längere Texte schreibe, würde ich nicht ausschließen. Ob ihr die dann Literatur oder mich Autorin nennt, liegt aber wieder eher bei euch als bei mir.

Du arbeitest mit verschiedenen Aliassen, “Daseinsfürsorge” etwa erscheint unter den Pseudonymen Ulla Unlust und Annegret Altersarmut. Wieso?

Mein „bürgerlicher“ Name steht in meiner Geburtsurkunde und mit ihm wird früher oder später wohl mein Totenschein ausgestellt. In der Zwischenzeit ist er verknüpft mit Identifikationszwängen, wie Steuernummern, Krankenkassen, Belegen, Rechnungen, Anträgen etc.

Dabei klingt auch immer die Idee der „Einheit“ einer Person und Identität an, die ein ganzes Leben lang gleich oder zumindest kongruent, nachvollziehbar, linear entwickelt sein soll. 1 Name verlangt nur 1 Narration. Damit fühle ich mich irgendwie nicht wohl, und die Aliasse kommen immer von selbst.

Vor kurzem habe ich eine mögliche Legitimation bei Paul B Preciado gefunden – „die Aufteilung des Autors in eine Vielzahl von Stimmen […] die den Übergang vollziehen – [ist] ein Phänomen, das in jeder Schreibarbeit steckt, für gewöhnlich aber von der Einheit des Autorennamens verdeckt wird“. [Preciado, Paul.B (2020) Ein Apartment auf dem Uranus. Berlin: Suhrkamp, S. 34] – Ich würde das auf alle Arbeiten beziehen. Die Verwendung verschiedener Namen ist auch eine kulturfeld-kritische Technik. Das ist aber wiederum ein ganz eigenes Thema…

Du verknüpfst deine Kunst ausdrücklich mit sozialen und politischen Fragen und bist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In dem Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, den du uns für die Sendung zur Verfügung gestellt hast, hast du die Folgen der Coronakrise weitergedacht und dir eine Zukunft ausgemalt, in der die Menschheit mit wiederkehrenden Infektionswellen zu leben gelernt hat, und in der Vieles besser und solidarischer läuft. “Ich habe gefühlt, was meine Würde ist”, sagt eine der Figuren, “weil ich gemerkt hab, ich kann sie verlieren.” Müssen die Menschen erkennen, dass sie sterblich sind, um eine solidarische Gesellschaft zu errichten?

Es ist interessant, dass du den Satz so deutest. Ich denke, dass die Menschenwürde meist über den Tod hinaus besteht, beobachtbar zum Beispiel in der Art und Weise, wie tote Menschen bestattet werden. Als ich den Satz geschrieben habe, dachte ich eher an die Menschen, deren Wert und somit Würde während der Pandemie immer wieder von anderen Menschen ins Wackeln und Wanken gebracht wird.

Damit meine ich diejenigen, die bis 2020 ein für sie normales Leben geführt haben. Bis andere Menschen begonnen haben, sich zu fragen, ob es sich überhaupt „lohnen“ würde, das öffentliche und wirtschaftliche Leben runterzufahren. Dadurch war auf einmal nicht mehr gesichert, dass jedes Leben erstmal gleich viel wert sein sollte.

Dieser Diskurs entwertet und entwürdigt auch alle, die am Virus versterben. Das können auch junge, fitte Menschen sein – im sozialdarwinistischen Sprech waren diese dann einfach doch „zu schwach“. Ich finde das echt problematisch. Menschen, die mit bestimmten Diagnosen leben, sollen sich jetzt nicht mehr nur um ihre eigene Gesundheit kümmern, sondern sich auch noch vor dem Virus in Acht nehmen, und gleichzeitig ist das in einigen öffentlichen und sehr vielen privaten Räumen nicht möglich, wenn Maßnahmen nicht eingehalten werden oder nicht im Sinne bestmöglichster Prävention gestaltet sind.

Wenn sich unser Verhalten nicht an der bestmöglichsten Prävention orientiert, schließen wir viele Menschen von Teilhabe aus unseren privaten und öffentlichen Räumen aus. Und ignorieren, dass das Virus sich manchmal recht wenig um diese vorher festgelegten „Risikofaktoren“ schert.

Zum anderen Punkt: ich schätze, dass die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit unterschiedliche Blüten treibt, und nicht immer auf Solidarität rausläuft. Der Begriff Solidarität wird ja auch momentan ständig recht munter umgedeutet, z.T. Auch entwertet, und in der aktuellen Situation durch viele Personen ganz unterschiedlich ausgelegt. Niemand möchte sich als unsolidarisch bezeichnen lassen. Eine Person meint, es sei gerade solidarisch zu Hause zu bleiben, eine andere Person meint, den eigenen engen Kontaktkreis von 30 auf 20 Personen zu reduzieren sei solidarisch, wiederum eine andere ändert gar nichts am eigenen Alltag aber installiert solidarisch die Corona-Warn-App.

In der Welt von Daseinsfürsorge ist die Solidarität auch nicht Garant. Es ist ja beispielsweise nicht so, dass sie alle Tode vermeiden können. Dafür gibt es auch zu viele Viren die auf den Menschen übergesprungen sind. Aber sie strengen sich echt an. Und sie haben Wege gefunden, trotz Prävention einen gewissen Hedonismus auszuleben und ihr Leben zu genießen. Statt dem Rückzug ins Private oder Digitale haben sie zum Beispiel die Chance genutzt mehr Freiflächen in der Öffentlichkeit zurückzuerobern und als Gesellschaft auszuhandeln, was eigentlich für ein gutes Leben für alle wichtig ist. Da schwingt viel Lust auf Veränderung mit.

Ich kann leider nicht beantworten, welche Erkenntnis zu mehr solidarischem Handeln bei Einzelpersonen führen würde. Allgemein bräuchte es aber für eine solidarische Gesellschaft sicher mehr Lust und Willen und Offenheit zur Veränderung.

Vielen Dank für das Interview!

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ioha gestaltet unter verschiedenen Aliassen künstlerische Texte, (Bewegt-)Bild, Ton und Installationen. Eigentlich als Master of Fine Arts Medienkunst- und Gestaltung Studierende an der Bauhaus Universität Weimar, gerade für ein halbes Jahr am freien Radio Helsinki in Graz. Besonderes Interesse widmete sie in ihren letzten Arbeiten der Verwebung psycho- und sozialpolitischer Fragen, Subkultur und (Land-)Arbeiter*innenkultur.

Mehr über ioha auf dieser Website.

17. November: IN GUTER NACHBARSCHAFT #24 mit Caren Jeß, u.a.

Am 17. November wird eine neue Ausgabe IN GUTER NACHBARSCHAFT als Podcast ausgestrahlt auf Radio LOTTE Weimar, danach verfügbar über die Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen.

Zu Gast ist die Dramatikerin Caren Jeß (Dresden), die ihr neues, bislang noch nicht aufgeführtes Stück Eleos vorstellen wird.

Eleos ist eine Partitur aus Wut. Mit poetischer Genauigkeit und filigranem Rhythmus komponiert Caren Jeß aus 36 Miniaturen eine beklemmend schöne Kakophonie der Dunkelheit. Ihre Empörungen erzählen von Frust und Zurückweisung, Niedergeschlagenheit, Angst, Gewalt und Hass. Sie erzählen von ahnungsloser Wut und vorsätzlicher, von Demütigung, Beleidigung und immer wieder von dem Schmerz, der aller Wut zugrunde liegt. Caren Jeß verwandelt dieses abgründige Gefühl in eine verstörend schöne Symphonie aus Sprache, Klang und Form. Unentrinnbar komisch und tragisch zugleich.“

Caren Jeß ist diesjährige Nachwuchsdramatikerin der Kritiker-Umfrage von Theater heute und Gewinnerin des Stückepreises des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises 2020.

Außerdem begrüßen wir mit einem Audio-Beitrag ioha (Weimar) und mit Gedichten die Autorin Tina Neumann (Meuselwitz). Die Sendung wird musikalisch begleitet vom Erfurter Rapper Zweipunkteins (Erfurt, Berlin).

Erstausstrahlung:
Dienstag, 17. November 2020 – 22:00 Uhr
https://www.radiolotte.de/

Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.:
https://studio-literatur.podigee.io/

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Caren Jeß, * 1985 in Eckernförde, studierte Deutsche Philologie und Neuere deutsche Literatur in Freiburg und Berlin, lebt in Dresden. Für ihre Theaterstücke und literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. Sie ist unter anderem Nachwuchsdramatikerin des Jahres in der Kritiker-Umfrage des Jahrbuchs von Theater heute 2020, Gewinnerin des Stückepreises im Rahmen des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises 2020 mit Der Popper und Gewinnerin des taz-Publikumspreises 2018 in der Kategorie Lyrik im Rahmen des open mike Wettbewerbs für junge Literatur.

Zweipunkteins, ursprünglich aus dem Main-Kinzig-Kreis in Hessen, rappt seit 2016 in Erfurt, lebt in Erfurt und Berlin. Veröffentlichung mehrerer EPs, die im eigenen Tonstudio in der Saline34 in Erfurt entstanden sind. Jahrelange Organisation der ILL Verses Cypher in der Ilvers Musikbar (Erfurt).

ioha gestaltet unter verschiedenen Aliassen künstlerische Texte, (Bewegt-)Bild, Ton und Installationen. Eigentlich als Master of Fine Arts Medienkunst- und Gestaltung Studierende an der Bauhaus Universität Weimar, gerade für ein halbes Jahr am freien Radio Helsinki in Graz. Besonderes Interesse widmete sie in ihren letzten Arbeiten der Verwebung psycho- und sozialpolitischer Fragen, Subkultur und (Land-)Arbeiter*innenkultur.

Tina Neumann, * 2002, lebt in Meuselwitz, Preisträgerin beim Thüringer Buchlöwen in jeder Altersklasse, 2015 Erster Platz beim Club der jungen Schreiber, 2016 Preis in der Kategorie Text beim Europäischen Wettbewerb, 2020 Erster Preis beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen.

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Die unabhängige Lesereihe IN GUTER NACHBARSCHAFT gehört zum festen Bestandteil der Thüringer Literaturszene. Sie vereint seit 2014 neue Lyrik und Prosa mit aktueller Musik. Über zahlreiche selbst organisierte Veranstaltungen hinaus wird die Lesereihe von Kulturveranstaltern im gesamten Freistaat als zuverlässiger Partner für anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur geschätzt.

IN GUTER NACHBARSCHAFT ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen.

Außerdem sind wir Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen.

Hörspielautorin Vivien Schütz im Interview

Mit IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 haben wir nicht nur das digitale Format des Podcasts ausprobiert, sondern auch erstmals ein Hörspiel ins Programm unserer Lesereihe integriert. „Kammerspiel“ von Vivien Schütz kann man hier nachhören. Wir sprachen mit der Autorin über ihre Arbeit.

Vivien Schütz - Foto David Heaton
Vivien Schütz, Foto: David Heaton

Liebe Vivien, vielen Dank für dein Hörspiel „Kammerspiel“ in unserer Podcast-Premiere. Du hast in Weimar Medienkunst studiert und bist zurzeit als freie Autorin für Radio und Podcast tätig. Hat sich für dich schon während des Studiums herauskristallisiert, dass du im Bereich Radio und Podcast arbeiten möchtest?

Das hat sich nach und nach herauskristallisiert. Anfangs, direkt nach dem Abi, hat mich vor allem die Arbeit beim Fernsehen oder Film interessiert, aber während meines Journalistikstudiums in Dortmund und die Arbeit beim Campusradio habe ich dann gemerkt, dass ich weniger visuell und eher „auditiv“ denke und meine Ideen besser im Radio umsetzen kann. Ich habe dann ein einjähriges Volontariat beim Lokalradio absolviert, dort aber gemerkt, dass mir der kreative Spielraum fehlt und mich die kurze tagesaktuelle Berichterstattung nicht reizt. Der Masterstudiengang „Medienkunst“ mit dem Schwerpunkt Experimentelles Radio kam da gerade recht, weil ich dort Journalistisches und Künstlerisches vereinen konnte.

Du hast also sowohl einen journalistischen als auch einen künstlerischen Hintergrund zur Radioproduktion. Überwiegt in deiner Arbeit eine der beiden Herangehensweisen für dich?

Das hängt von dem jeweiligen Projekt ab. Wenn ich an einem Hörspiel arbeite, und eine fiktive Welt erschaffe, dann arbeite ich vor allem mit dramaturgischen Mitteln. Die Vorarbeit dazu kann sogar „journalistisch“ sein, weil ich vielleicht Menschen vorab interviewe und recherchiere, um besser in diese Welt, die ich baue, einzudringen. Wenn ich an einer Doku arbeite, greife ich auf journalistisches Werkzeug zurück, arbeite aber auch hier mit dramaturgischen Mitteln wie Musik und Plot-Entwicklung.

Dein Hörspiel „Kammerspiel“ zeigt sehr anschaulich den Kontrast einer Fülle an auditiven Eindrücken im Digitalen bei sehr begrenztem Raum im Analogen – eine Erfahrung, die zurzeit sehr viele Menschen machen. Ist das Hörspiel aus der aktuellen Situation heraus entstanden? Wie würdest du die Entstehung dieses Hörspiels beschreiben?

Das Hörspiel habe ich noch vor der Pandemie produziert. Mein Freund und ich wohnen in einer sehr kleinen Einzimmerwohnung und ich habe leider kein eigenes Büro, dafür aber eine kleine Kammer. In die begebe ich mich, wenn ich Sprachaufnahmen machen möchte. Die ist vielleicht einen Quadratmeter groß. Ich habe so eine Art Hassliebe zu der Kammer. Sie ist super praktisch, aber gleichzeitig sehr unbequem. Es wird darin sehr schnell sehr warm. Als ich dann den Aufruf für den Kurzhörspielwettbewerb der ARD gesehen habe, kam ich auf die Idee diese „Schwäche“, diese Herausforderung einer freien Autorin (kein professionelles Aufnahmestudio in der Regel, Zeitdruck) zu thematisieren, mit humoristischem Blick.

Sehr gelungen, wie wir finden.

Danke.

Hast du literarische Vorbilder oder Inspirationsquellen beim Schreiben und Entwickeln deiner Hörspiele?

Eine Hörspielserie, das mir sehr im Kopf geblieben ist und mich nachhaltig beeindruckt hat, ist „The Shadows“ von Kaitlin Prest (https://www.cbc.ca/listen/live-radio/1-201-the-shadows). Der Plot ist fiktiv, aber die Serie fühlt sich extrem realistisch und intim an. Da wird geflüstert, geatmet, geraschelt und man hat das Gefühl, das sind keine SchauspielerInnen, das sind echte Menschen, die einen gerade in ihr Leben lassen. Solche Formate, solche hybriden Formen, finde ich spannend, Fiktion, die auf echten Lebenswelten, echten Menschen fußt, aber mit dokumentarischem Gewand.

Seit einigen Jahren gibt es eine ganze Reihe von neuen Podcast-Formaten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Wie würdest du die derzeitige Situation Kreativer in der nationalen und internationalen Radio- und Podcast-Szene einschätzen?

Wir sind auf jeden Fall gerade in einer spannenden Zeit. Es entstehen ständig neue Podcasts und neue Formate beim Radio, die entweder als Podcast ausgespielt werden oder exklusiv als Podcast veröffentlicht werden. Das bedeutet, es gibt viel Arbeit für freie AutorInnen und die Festivals, die Hörspiele und Dokumentationen präsentieren, werden auch immer größer und vielfältiger. Die Schwierigkeit ist, als freie AutorIn mitzubekommen, wo gerade etwas passiert und inwiefern man Teil davon werden kann. Ich bin auch immer noch dabei herauszufinden, was der beste Weg für mich ist, kreativ und ökonomisch. Am liebsten produziere ich meine Stücke komplett frei, gerne mit einem Mentor/einer Mentorin, aber ohne Vorgaben (Länge, Stil, Voice-Over etc.), aber das ist ökonomisch nicht immer vernünftig. Es ist besser direkt mit einer Redaktion zusammen zu arbeiten, aber dann gibt es natürlich gewisse Einschränkungen.

Woran arbeitest du zurzeit?

Ich habe gerade mehrere Projekte fertig gestellt, die in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. z.B. ein Radiofeature über orthodoxe JüdInnen in Brooklyn und ein Kurzhörspiel. Und gerade arbeite ich an einer Podcast-Serie, die sich thematisch mit der Medizin in der NS-Zeit beschäftigt und mit BetrügerInnen, die sich mit einer jüdische Opferidenität schmücken.

Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview.

Gerne!

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Vivien Schütz, *1990, hat Journalistik an der TU Dortmund und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie produziert Reportagen, Features, Kurzhörspiele und Podcast-Geschichten und war Åke Blomström Awardee der EBU 2019. Aktuell arbeitet sie an einem Radio-Feature über jüdisch-orthodoxe Frauen in Brooklyn, die das Gebot der Kopfbedeckung hinterfragen und neu denken.

Mehr von Vivien Schütz gibt es hier zu hören.

IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 als Podcast

Am 18.8.2020 ging IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 über den Radioäther. Ab sofort und jederzeit könnt ihr die Sendung als Podcast nachhören. Es gibt ein Kurzhörspiel von Vivien Schütz, Lyrik von Lea Weiß und Helene Bukowskis Debütroman Milchzähne zu entdecken – musikalisch gerahmt von Sofie Thon.

Den Podcast findet ihr in der Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen oder auf Spotify:

Viel Spaß beim Hören!

Vorgestellt: Lea Weiß und Franziska Bergholtz

2020 ist ein Jahr in dem sich einiges geändert hat. Mitten in die Zeit der Pandemie fiel auch ein Wechsel der Projektleitung von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Mario Osterland sprach mit Lea Weiß (Jena) und Franziska Bergholtz (Erfurt), die nun an der Seite von Gorch Maltzen die Lesereihe organisieren.

Liebe Franzi, liebe Lea, willkommen an Bord von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wisst ihr noch wie der Kontakt zu Gorch Maltzen zustande kam?

Franzi: Den Kontakt zu Gorch habe ich über Lea bekommen. Lea und ich waren beide in der Schreibwerkstatt „Poesie & Praxis“ mit Peter Neumann und Nancy Hünger und haben uns auf Anhieb ziemlich gut verstanden. Letzten Sommer hat sie mich gefragt, ob ich Interesse hätte, bei „In guter Nachbarschaft“ mitzumachen und den Kontakt zu Gorch hergestellt. Ich hatte in Ulm schon ein paar kleinere Literaturveranstaltungen organisiert und hatte große Lust, das in Thüringen ausdauernder und professioneller zu machen. Nachdem ich Gorch getroffen und wir uns auch gut verstanden hatten, war relativ schnell klar, dass wir als Team gut funktionieren. Ich freue mich sehr, dabei zu sein!

Lea: Genau, Gorch hat mir, das müsste so Mitte letzten Jahres gewesen sein, auf Facebook geschrieben und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei „In guter Nachbarschaft“ mitzumachen. Ich war dann noch für ein Auslandssemester in Finnland, sodass wir uns erst im Winter zum ersten Mal zusammengesetzt haben. Da wussten wir auch noch gar nicht, dass die Lesereihe bald erst einmal digital stattfinden würde!

Hattet ihr zuvor eigentlich schon mal von der Lesereihe gehört? Wie nehmt ihr die Literaturszene in Thüringen im Allgemeinen wahr?

Lea: Der Name war mir auf jeden Fall ein Begriff, ich kannte auch die Webseite – war aber tatsächlich vorher noch nie bei einer der Lesungen! Das ist bei Franzi glaube ich auch so, weshalb es ganz lustig war, als wir gemeinsam nach Leipzig gefahren sind zum Treffen der unabhängigen Lesereihen und dort „In guter Nachbarschaft“ vertreten haben, die wir so noch gar nicht selbst erlebt hatten.

Franzi: Ich glaube, ich hatte schon über „In guter Nachbarschaft“ gelesen, aber ich wusste nicht viel über die Lesereihe und ich war auch vorher noch nie da. In Thüringen war ich allgemein noch nicht auf vielen literarischen Veranstaltungen. Ich glaube, wie überall wo ich bisher gelebt habe, sind es einige wenige, die sich sehr viel Mühe geben, ein vielfältiges Angebot zu organisieren und die Thüringer Literaturszene möglichst aktiv zu gestalten. Allerdings kann ich da auch nur für meinen recht oberflächlichen Eindruck der Städtekette sprechen.

Lea: Da würde ich mich anschließen! Ich habe das Gefühl, es gibt eine kleine, aber sehr aktive und gut vernetzte Literaturszene, man kennt sich gegenseitig und es wird viel veranstaltet. Ich denke da vor allem an die Literarische Gesellschaft Thüringen und den Lesezeichen e.V. Vor allem gibt es einiges an Förderung für junge Schreibende, Schreibwerkstätten aber auch Ausschreibungen wie das Junge Literaturforum oder den Eobanus-Hessus-Wettbewerb.

Ihr seid beide aus den „alten Bundesländern“ zum studieren nach Thüringen gekommen. Welche Unterschiede v.a. im Hinblick auf die kulturelle Szene waren für euch auffällig?

Lea: Das ist schwierig. In NRW leben natürlich viel mehr Menschen, in den Großstädten gibt es meist eigene Literaturhäuser und -büros, über die viel organisiert wird. Ich komme aus Bonn, und mein Gefühl ist, dass es dort eher Einzelveranstaltungen gibt, die zum Teil auch an die Uni angebunden sind, als eine wirklich vernetzte Literaturszene. Spontan würde ich sagen: Hier sind die Veranstaltungen vielleicht etwas kleiner, das Angebot überschaubarer, dadurch aber auch näher und leichter zugänglich.

Franzi: Ich bin in München aufgewachsen und habe dann ein Jahr in Ulm gelebt bevor ich nach Erfurt gezogen bin. Ich denke der Unterschied von Erfurt/Weimar/Jena zu München ist einfach der zwischen Groß- und Kleinstadt. In Ulm bin ich dagegen ziemlich schnell in das Herz der literarischen und kulturellen Szene gerutscht und habe viel mitbekommen, was ich jetzt vielleicht noch verpasse. Allgemein kommt mir die Szene der Kulturschaffenden in Thüringen auf jeden Fall jünger vor. Ich habe das Gefühl, dass es weniger etablierte Institutionen gibt und stattdessen viele junge Menschen, die Bock haben, etwas auf die Beine zu stellen. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass ich jetzt Studentin bin und Kontakt zu diesen jungen Menschen habe.

Lea, du hast in diesem und im letzten Jahr jeweils einen der Hauptpreise beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen gewonnen. Das Literaturforum versteht sich als Förderer und Türöffner für junge Schreibende. Was bedeutet das für dich bzw. wie nimmst du das wahr?

Lea: Ich nehme es auf jeden Fall als „Türöffner“ wahr. Einerseits, weil man natürlich aus dem eigenen Raum heraustritt und andere Leute trifft, gemeinsam deren Texte liest und bespricht… das fand ich sehr schön. Auch, weil Schreiben an sich ja eine eher „einsame“ Tätigkeit ist, und die Möglichkeit zum Austausch dann wirklich wertvoll. Andererseits, weil neue Kontakte entstehen, etwa zu den Thüringer Literaturtagen auf Burg Ranis. Und Gorch ist damals glaube ich auch wegen des Literaturforums auf mich zugekommen!

Franzi, du hast bereits im letzten Jahr mit dem Gedichtband Kolumbianischer Winter debütiert. Welche Förderungen hast du auf dem Weg zum ersten Buch erfahren?

Franzi: Die Veröffentlichung von Kolumbianischer Winter war ein ziemlicher Glücksfall. Ich habe nach dem Abi ein Jahr in Ulm gewohnt und am Aicher-Scholl-Kolleg eine Art „Orientierungsstudium“ absolviert, wobei ich einfach verschiedene Seminare besuchen und mich ausprobieren konnte. Unter anderem waren da auch das Literaturseminar bei Rasmus Schöll und das Seminar für Kreatives Schreiben bei Florian Arnold. Es hat sich bald herausgestellt, dass unser Jahrgang Lust auf literarische Veranstaltungen hatte. Wir haben im Rahmen des Schreibseminars einige ziemlich coole, junge Literaturabende in Rasmus‘ Buchhandlung Aegis veranstaltet. Irgendwann im Frühjahr 2018 kamen Rasmus und Florian auf mich zu und haben gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in ihrem Verlag Topalian & Milani einen Gedichtband zu veröffentlichen. Ich habe also vor allem ideelle Unterstützung von Rasmus und Florian erhalten, aber das zunächst unabhängig von Kolumbianischer Winter. Das kam erst später.

Mit zwei Organisator:innen in Erfurt und einer Organisatorin in Jena ist im Team von IN GUTER NACHBARSCHAFT wieder eine ähnliche Konstellation eingetreten, wie es sie schon einmal gab, als mit Peter Neumann, Julia Hauck und mir die Städte Weimar, Jena und Erfurt je einmal vertreten waren. Wir haben die Lesereihe damals auch abwechselnd in den drei Städten stattfinden lassen. Wie werdet ihr das in Zukunft machen, sobald wieder richtige Live-Veranstaltungen möglich sind?

Franzi: Bis jetzt sind wir noch gar nicht dazu gekommen, viele konkrete Pläne für die Zukunft zu machen, weil Corona dazwischen kam. Tatsächlich haben wir uns außerhalb von Skype noch nie zu dritt getroffen. Aber ich denke unser Ziel ist es schon, möglichst alle drei Städte zu bespielen und damit einerseits ein breites Publikum abzuholen und andererseits dem Namen „In guter Nachbarschaft“ gerecht zu werden. Erfurt, Weimar und Jena bieten sich da ja schon sehr gut an. Und wer weiß, welche Orte sich in Zukunft noch finden.

Lea: Ich denke, es bietet sich auf jeden Fall an, sich erst einmal auf die drei Städte zu konzentrieren. Da bestehen natürlich auch schon Kontakte zu den Veranstaltungsorten, auf die wir zurückgreifen können, und wir kennen uns aus! Wir haben auch schon mit dem Gedanken gespielt, vielleicht mal in eine kleinere Stadt in Thüringen zu gehen, wo es vielleicht noch nicht so viel Angebot gibt… mal schauen, unsere erste Live-Veranstaltung steht ja noch aus!

Seid ihr vor der Coronazeit viel auf der Städtekette unterwegs gewesen, um in der jeweils anderen Stadt Konzerte, Lesungen usw. zu besuchen oder andere Kulturschaffende zu sehen?

Franzi: Tatsächlich war ich bisher immer nur in Weimar und Jena, um kulturelle Events zu besuchen. Schreibwerkstatt, Lesungen, Konzerte, Kunstaustellungen – ich glaube, ich habe die Städte noch nie einfach so besucht. Teilweise habe ich sie noch nicht einmal richtig bei Tag gesehen. Ich dachte immer, wie praktisch, ich kann kostenlos und ohne viel Zeitaufwand noch in zwei anderen schönen Städten leben, aber irgendwie hat ein Ausflug sich bisher noch nie ergeben.

Lea: Das ist bei mir ähnlich – ich muss gestehen, dass ich eher selten aus Jena herauskomme! Ich bin hin und wieder in Weimar, war dort auch mal im Theater, in Erfurt auf einem Konzert – aber das ist auf jeden Fall eher selten. Schade, dass man momentan die Zeit nicht nutzen kann, um da mehr zu entdecken. Ich würde zum Beispiel gern mal in die ACC Galerie in Weimar, wo ja „In guter Nachbarschaft“ auch schon stattgefunden hat.

Die erste Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT unter eurer Mitarbeit wird als Radiosendung bzw. Podcast ausgestrahlt. Was wird die Hörer:innen erwarten?

Lea: Der Versuch, einen Abend mit „In guter Nachbarschaft“ als Hörfassung nachzustellen! Wir haben die eingeladenen Künstlerinnen gebeten, uns Tonspuren zu schicken, ein Interview über Skype geführt, im Tonstudio die Moderation eingesprochen…

Franzi: … wir waren alle ein bisschen nervös bei dem Gedanken daran, die nächste Lesung als Sendung zu gestalten, weil niemand von uns dreien Erfahrung damit hatte. Aber es hat wirklich Spaß gemacht, die Sendung vorzubereiten und aufzunehmen und sie ist meiner Meinung nach richtig schön geworden. Was euch erwartet sind tolle Lesungen von Helene Bukowski und Lea Weiß, einmal mit Helenes Romanauszug und einmal mit Leas feinen Gedichten. Mit Helene haben wir außerdem ein spannendes Gespräch zu ihrem Debüt Milchzähne geführt. Zwischendurch gibt es schöne musikalische Untermalung von der Musikerin Sofie Thon. Und als kleines Special, das wir nur in dieser Form überhaupt mitnehmen konnten, gibt es ein witziges Kurzhörspiel von Vivien Schütz. Was euch also erwartet ist etwas zum Mitfiebern und Mitlachen, aber auch zum Träumen und einfach mal abschalten. Hört gerne hin!

Alle Infos gibt es auch noch einmal gebündelt hier auf der Website. Vielen Dank euch beiden für eure Antworten und viel Spaß in Zukunft mit IN GUTER NACHBARSCHAFT!

18.08. Radio LOTTE Weimar – IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 – mit Helene Bukowski, Sophie Thon, u.a.

Am 18.08. kehrt IN GUTER NACHBARSCHAFT zurück und feiert Premiere als Podcast, der erstmalig ausgestrahlt wird im Radio LOTTE Weimar, danach verfügbar über die Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen.

Zu Gast ist die die Schriftstellerin Helene Bukowski, die aus ihrem Debütroman Milchzähne lesen wird.  Der Roman handelt von einer Mutter-Tochter-Beziehung in einer zerstörten Welt, der Suche nach Zuflucht in einer abgeschotteten Überlebensgemeinschaft, die alle Brücken zu sich gesprengt hat. Helene Bukowski erzählt von Vertrautem und Fremden, von dem Wunsch dazuzugehören und der Angst vor Unbekanntem und den Bedrohungen eines unkontrollierbaren Klimas, schwebt dabei „zwischen Postapokalypse und Robinsonade“ (Spiegel Online).

Außerdem begrüßen wir die Hörspielautorin Vivien Schütz (Berlin, Weimar), Preisträgerin des Nachwuchshörspielpreises der ARD und die Autorin Lea Weiß (Jena), diesjährige Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Die Sendung wird musikalisch begleitet von der Singer-Songwriterin Sofie Thon (Ilmenau).

 

 

 

 

 

Erstausstrahlung:
Dienstag, 18. August 2020 – 22:00 Uhr
https://www.radiolotte.de/

Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.:
https://studio-literatur.podigee.io/

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Helene Bukowski, *1993, studiert zurzeit Literarisches Schreiben, Kulturjournalismus und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Sie war Ko-Autorin des Dokumentarfilms „Zehn Wochen Sommer“, der 2015 den Grimme-Sonderpreis Kultur erhalten hat, und Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Bella triste“. 2016 war sie zur Autorenwerkstatt Prosa des Literarische Colloquiums Berlin eingeladen und erhielt außerdem den Förderpreis der Wupperthaler Literaturbiennale. Ihre Texte wurden in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Ihr erster Roman „Milchzähne“ erschien 2019 bei Blumenbar.

Sofie Thon spielte seit 2017 bereits auf über 100 Bühnen in ganz Mitteldeutschland, so u.a. auf der GeyserHaus Parkbühne (Leipzig) als Supportact der US-amerikanischen Band „Iron & Wine“ und auf dem Kunstfest Weimar als Höhepunkt der Konzertreihe im Künstlergarten 2019. Ihre zweite Single wurde vom Produzenten und Gitarristen Ertuğrul Güney in den Studios von „Blue Kite Audio“ in Istanbul aufgenommen. Der Song „Hours & Miles“ erscheint in den kommenden Monaten erstmals als unabhängige Veröffentlichung.

Vivien Schütz, *1990, hat Journalistik an der TU Dortmund und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie produziert Reportagen, Features, Kurzhörspiele und Podcast-Geschichten und war Åke Blomström Awardee der EBU 2019. Aktuell arbeitet sie an einem Radio-Feature über jüdisch-orthodoxe Frauen in Brooklyn, die das Gebot der Kopfbedeckung hinterfragen und neu denken.

Lea Weiß, *1997, studiert in Jena Soziologie und Politikwissenschaft. Seit 2020 ist sie Mitorganisatorin der Thüringer Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ und war 2018 Preisträgerin bei postpoetry.NRW und dem 33. Treffen junger Autor*innen. Sie veröffentlichte Texte in den jeweiligen Begleitanthologien und im Narr #28. Im Jahr 2020 wurde sie bereits zum zweiten Mal vom Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichnet.

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Die unabhängige Lesereihe IN GUTER NACHBARSCHAFT gehört zum festen Bestandteil der Thüringer Literaturszene. Sie vereint seit 2014 neue Lyrik und Prosa mit aktueller Musik. Über zahlreiche selbst organisierte Veranstaltungen hinaus wird die Lesereihe von Kulturveranstaltern im gesamten Freistaat als zuverlässiger Partner für anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur geschätzt.

IN GUTER NACHBARSCHAFT ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen.

Außerdem sind wir Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen.

Tommy Neuwirth bei den 23. Thüringer Literaturtagen

Mit Tommy Neuwirth war ein weiteres bekanntes Gesicht aus unserer Lesereihe bei den 23. Thüringer Literaturtagen vertreten, die in diesem Jahr digital stattfanden.

Hier könnt ihr seine Videoperformance Die Unverfügbarkeit meiner Feelings bei gleichzeitiger Verfügbarkeit meiner Privilegien nachschauen.

Lea Weiß bei den 23. Thüringer Literaturtagen

Die 23. Thüringer Literaturtage auf Burg Ranis fanden in diesem Jahr aus den uns allen bekannten Gründen digital statt. Mit dabei war auch Lea Weiß aus Jena, die seit diesem Jahr zum Team unserer Lesereihe gehört.

Gemeinsam mit Melis Ntente und anderen gehört Lea zu den aktuellen Preisträgerinnen des Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Im Video bekommt ihr einen Einblick in das Schreiben der beiden und ihre ersten Schritte ins literarische Leben. Moderiert von Nachbarschafts-Mitbegründerin Romina Nikolić.

100% Jena

Unsere Freund*innen vom Jenaer Kunstverein e.V. beteiligen sich an der Initiative 100% Jena, die Akteur*innen aus Einzelhandel, Gastro und Kultur in Szene setzt, die dort das Stadtbild und öffentliche Leben prägen.

Derzeit gibt es in der Galerie im Stadtspeicher (Markt 16) die Ausstellung „Dressuren der Durchlässigkeit“ zusehen, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Pferd auseinandersetzt. Schaut es euch an!

 

„Mittlerweile bin ich zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich bis mittags nicht ins Internet zu gehen.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im Mai 2019 war Deniz Ohde zu Gast bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #21 in Weimar und las aus dem Manuskript ihres Romans Streulicht, der diesen Sommer bei Suhrkamp erscheint.

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Deniz Ohde (Foto: Martin Dost)

Liebe Deniz, wie geht’s dir derzeit?

Mir geht es gut! Ich habe den Vorteil, dass ich vor manchen der Probleme, vor denen viele Menschen angesichts der Situation gerade stehen, schon vorher stand. Also z.B., wie arbeitet es sich am besten im Home-Office, wie strukturiere ich dort meinen Tag, wie sehe ich zu, dass ich mich genug bewege – in vielerlei Hinsicht ist mir aufgegangen, dass mein Lebensstil an sich schon Quarantäne ist (lol), da entspreche ich vielleicht dem Klischee vom einsamen Schriftsteller. Und das sind natürlich totale Luxusprobleme, denn es ist ein großes Privileg seinen Lebensunterhalt durch Schreiben zu finanzieren und nirgendwo hin zu müssen; außerdem trage ich keine Verantwortung für Kinder oder Angehörige, für die ich jetzt zusätzlich zeitlich oder finanziell aufkommen müsste. Also ja, mir geht‘s gut und ich schätze mich glücklich!

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Am Anfang hat mich die Situation etwas ausgebremst, weil ich mich zu sehr mit den Nachrichten und Live-Tickern beschäftigt habe und mir dabei Sorgen um die Gesundheit meiner Familie und mir gemacht habe. Aber mittlerweile bin ich fast zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich morgens bis mittags nicht ins Internet zu gehen.

Du warst im Mai vergangenen Jahres bei uns in Weimar zu Gast. Woran hast du in der Zwischenzeit gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

Kurz nachdem ich bei euch war, habe ich den Vertrag für meinen Debütroman unterschrieben. Dann begann für mich die Arbeit am Text, vor allem in den letzten Monaten war ich mit dem Lektorat beschäftigt. Parallel habe ich etwas an meiner zweiten Romanidee geschrieben, mir darüber Gedanken gemacht und recherchiert.

Herzlichen Glückwunsch! Wann wird der Roman erscheinen und worum geht’s darin?

Danke!! Der Roman heißt Streulicht, erscheint am 17.08. bei Suhrkamp, und es geht darin thematisch vor allem um das Bildungsversprechen von Chancengleichheit und real erlebte Ungleichheit. In den Worten meines Verlags:
„Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.“

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Welche Projekte sind bei dir derzeit zum erliegen gekommen?

Das Schreiben am nächsten Text geht nur sehr schleppend voran, das hat aber nichts mit der aktuellen Situation zu tun, sondern vielmehr damit, dass das gerade einfach die Phase der Arbeit ist. Die besteht vor allem aus Lesen, Nachdenken und die Sache sich innerlich formen lassen. Außerdem stecke ich gedanklich noch mitten im ersten Text und das auch planmäßig, die jetzige Zeit wäre auch so eher zurückgezogen gewesen. Ich hatte keine Lesungen oder ähnliches geplant, die jetzt ausgefallen wären. Auch das ist wieder ein Glücksfall, es hätte aber genauso gut nicht so kommen können, und deshalb fühle ich mit allen Kolleg*innen (darunter vor allem die Debütant*innen), die im Frühlingsprogramm ein Buch veröffentlicht haben und jetzt nicht damit raus können. – Wie sich da die Lage bis August entwickelt, darauf bin ich gespannt.

Was denkst du kann schlimmsten- oder bestenfalls passieren?

Bestenfalls sind die Buchläden wieder offen und z.B. Lesungen mit begrenzter Publikumsanzahl erlaubt. Dass sich allerdings bis dahin alles wieder normalisiert hat, dass eine Großveranstaltung wie die Frankfurter Buchmesse stattfindet, das halte ich eigentlich nicht für realistisch, und das finde ich natürlich schade. Trotzdem hoffe ich aber noch; auch dass das Buch, egal welches Szenario wir bis dahin haben, bei den Leuten ankommen wird, die es lesen wollen.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

Ich wünsche mir, dass die Arbeitsausfälle, unter denen viele freischaffende Künstler*innen gerade zu leiden haben, getragen werden, und zwar ohne Kredit o.ä. Die letzte Zeit ist hat außerdem nochmal eindeutig gezeigt, dass ohne Kunst zu leben unmöglich ist; jede*r, der*die derzeit gezwungen ist zu Hause zu bleiben, ist darauf angewiesen, um nicht verrückt zu werden, deshalb wünsche ich mir vor allem längerfristig, dass die Erkenntnis hängen bleibt und nicht immer zu erst der Kulturbetrieb von Kürzungen betroffen ist – aber keine Ahnung, ob das eine realistische Hoffnung ist.
Ansonsten wünsche ich mir sowieso und immer Wohlstand für alle, vor allem für die Personen, auf deren Schultern auch schon vorher das ganze System gelastet hat und die trotzdem zu wenig Geld, Anerkennung und Freizeit bekommen: Pflegepersonal, Arbeitende im Supermarkt, Kraftfahrende, Bauarbeiter*innen, Fabrikarbeiter*innen, Putzkräfte, die Leute, die jetzt die vielen Online-Bestellungen abwickeln und ausfahren, etc. etc. smash capitalism now!

Liebe Deniz, vielen Dank für deine Antworten.

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Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. Im Sommer 2020 erscheint ihr Debutroman Streulicht im Suhrkamp Verlag.