Hörspielautorin Vivien Schütz im Interview

Mit IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 haben wir nicht nur das digitale Format des Podcasts ausprobiert, sondern auch erstmals ein Hörspiel ins Programm unserer Lesereihe integriert. „Kammerspiel“ von Vivien Schütz kann man hier nachhören. Wir sprachen mit der Autorin über ihre Arbeit.

Vivien Schütz - Foto David Heaton
Vivien Schütz, Foto: David Heaton

Liebe Vivien, vielen Dank für dein Hörspiel „Kammerspiel“ in unserer Podcast-Premiere. Du hast in Weimar Medienkunst studiert und bist zurzeit als freie Autorin für Radio und Podcast tätig. Hat sich für dich schon während des Studiums herauskristallisiert, dass du im Bereich Radio und Podcast arbeiten möchtest?

Das hat sich nach und nach herauskristallisiert. Anfangs, direkt nach dem Abi, hat mich vor allem die Arbeit beim Fernsehen oder Film interessiert, aber während meines Journalistikstudiums in Dortmund und die Arbeit beim Campusradio habe ich dann gemerkt, dass ich weniger visuell und eher „auditiv“ denke und meine Ideen besser im Radio umsetzen kann. Ich habe dann ein einjähriges Volontariat beim Lokalradio absolviert, dort aber gemerkt, dass mir der kreative Spielraum fehlt und mich die kurze tagesaktuelle Berichterstattung nicht reizt. Der Masterstudiengang „Medienkunst“ mit dem Schwerpunkt Experimentelles Radio kam da gerade recht, weil ich dort Journalistisches und Künstlerisches vereinen konnte.

Du hast also sowohl einen journalistischen als auch einen künstlerischen Hintergrund zur Radioproduktion. Überwiegt in deiner Arbeit eine der beiden Herangehensweisen für dich?

Das hängt von dem jeweiligen Projekt ab. Wenn ich an einem Hörspiel arbeite, und eine fiktive Welt erschaffe, dann arbeite ich vor allem mit dramaturgischen Mitteln. Die Vorarbeit dazu kann sogar „journalistisch“ sein, weil ich vielleicht Menschen vorab interviewe und recherchiere, um besser in diese Welt, die ich baue, einzudringen. Wenn ich an einer Doku arbeite, greife ich auf journalistisches Werkzeug zurück, arbeite aber auch hier mit dramaturgischen Mitteln wie Musik und Plot-Entwicklung.

Dein Hörspiel „Kammerspiel“ zeigt sehr anschaulich den Kontrast einer Fülle an auditiven Eindrücken im Digitalen bei sehr begrenztem Raum im Analogen – eine Erfahrung, die zurzeit sehr viele Menschen machen. Ist das Hörspiel aus der aktuellen Situation heraus entstanden? Wie würdest du die Entstehung dieses Hörspiels beschreiben?

Das Hörspiel habe ich noch vor der Pandemie produziert. Mein Freund und ich wohnen in einer sehr kleinen Einzimmerwohnung und ich habe leider kein eigenes Büro, dafür aber eine kleine Kammer. In die begebe ich mich, wenn ich Sprachaufnahmen machen möchte. Die ist vielleicht einen Quadratmeter groß. Ich habe so eine Art Hassliebe zu der Kammer. Sie ist super praktisch, aber gleichzeitig sehr unbequem. Es wird darin sehr schnell sehr warm. Als ich dann den Aufruf für den Kurzhörspielwettbewerb der ARD gesehen habe, kam ich auf die Idee diese „Schwäche“, diese Herausforderung einer freien Autorin (kein professionelles Aufnahmestudio in der Regel, Zeitdruck) zu thematisieren, mit humoristischem Blick.

Sehr gelungen, wie wir finden.

Danke.

Hast du literarische Vorbilder oder Inspirationsquellen beim Schreiben und Entwickeln deiner Hörspiele?

Eine Hörspielserie, das mir sehr im Kopf geblieben ist und mich nachhaltig beeindruckt hat, ist „The Shadows“ von Kaitlin Prest (https://www.cbc.ca/listen/live-radio/1-201-the-shadows). Der Plot ist fiktiv, aber die Serie fühlt sich extrem realistisch und intim an. Da wird geflüstert, geatmet, geraschelt und man hat das Gefühl, das sind keine SchauspielerInnen, das sind echte Menschen, die einen gerade in ihr Leben lassen. Solche Formate, solche hybriden Formen, finde ich spannend, Fiktion, die auf echten Lebenswelten, echten Menschen fußt, aber mit dokumentarischem Gewand.

Seit einigen Jahren gibt es eine ganze Reihe von neuen Podcast-Formaten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Wie würdest du die derzeitige Situation Kreativer in der nationalen und internationalen Radio- und Podcast-Szene einschätzen?

Wir sind auf jeden Fall gerade in einer spannenden Zeit. Es entstehen ständig neue Podcasts und neue Formate beim Radio, die entweder als Podcast ausgespielt werden oder exklusiv als Podcast veröffentlicht werden. Das bedeutet, es gibt viel Arbeit für freie AutorInnen und die Festivals, die Hörspiele und Dokumentationen präsentieren, werden auch immer größer und vielfältiger. Die Schwierigkeit ist, als freie AutorIn mitzubekommen, wo gerade etwas passiert und inwiefern man Teil davon werden kann. Ich bin auch immer noch dabei herauszufinden, was der beste Weg für mich ist, kreativ und ökonomisch. Am liebsten produziere ich meine Stücke komplett frei, gerne mit einem Mentor/einer Mentorin, aber ohne Vorgaben (Länge, Stil, Voice-Over etc.), aber das ist ökonomisch nicht immer vernünftig. Es ist besser direkt mit einer Redaktion zusammen zu arbeiten, aber dann gibt es natürlich gewisse Einschränkungen.

Woran arbeitest du zurzeit?

Ich habe gerade mehrere Projekte fertig gestellt, die in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. z.B. ein Radiofeature über orthodoxe JüdInnen in Brooklyn und ein Kurzhörspiel. Und gerade arbeite ich an einer Podcast-Serie, die sich thematisch mit der Medizin in der NS-Zeit beschäftigt und mit BetrügerInnen, die sich mit einer jüdische Opferidenität schmücken.

Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview.

Gerne!

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Vivien Schütz, *1990, hat Journalistik an der TU Dortmund und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie produziert Reportagen, Features, Kurzhörspiele und Podcast-Geschichten und war Åke Blomström Awardee der EBU 2019. Aktuell arbeitet sie an einem Radio-Feature über jüdisch-orthodoxe Frauen in Brooklyn, die das Gebot der Kopfbedeckung hinterfragen und neu denken.

Mehr von Vivien Schütz gibt es hier zu hören.

IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 als Podcast

Am 18.8.2020 ging IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 über den Radioäther. Ab sofort und jederzeit könnt ihr die Sendung als Podcast nachhören. Es gibt ein Kurzhörspiel von Vivien Schütz, Lyrik von Lea Weiß und Helene Bukowskis Debütroman Milchzähne zu entdecken – musikalisch gerahmt von Sofie Thon.

Den Podcast findet ihr in der Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen oder auf Spotify:

Viel Spaß beim Hören!

Vorgestellt: Lea Weiß und Franziska Bergholtz

2020 ist ein Jahr in dem sich einiges geändert hat. Mitten in die Zeit der Pandemie fiel auch ein Wechsel der Projektleitung von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Mario Osterland sprach mit Lea Weiß (Jena) und Franziska Bergholtz (Erfurt), die nun an der Seite von Gorch Maltzen die Lesereihe organisieren.

Liebe Franzi, liebe Lea, willkommen an Bord von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wisst ihr noch wie der Kontakt zu Gorch Maltzen zustande kam?

Franzi: Den Kontakt zu Gorch habe ich über Lea bekommen. Lea und ich waren beide in der Schreibwerkstatt „Poesie & Praxis“ mit Peter Neumann und Nancy Hünger und haben uns auf Anhieb ziemlich gut verstanden. Letzten Sommer hat sie mich gefragt, ob ich Interesse hätte, bei „In guter Nachbarschaft“ mitzumachen und den Kontakt zu Gorch hergestellt. Ich hatte in Ulm schon ein paar kleinere Literaturveranstaltungen organisiert und hatte große Lust, das in Thüringen ausdauernder und professioneller zu machen. Nachdem ich Gorch getroffen und wir uns auch gut verstanden hatten, war relativ schnell klar, dass wir als Team gut funktionieren. Ich freue mich sehr, dabei zu sein!

Lea: Genau, Gorch hat mir, das müsste so Mitte letzten Jahres gewesen sein, auf Facebook geschrieben und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei „In guter Nachbarschaft“ mitzumachen. Ich war dann noch für ein Auslandssemester in Finnland, sodass wir uns erst im Winter zum ersten Mal zusammengesetzt haben. Da wussten wir auch noch gar nicht, dass die Lesereihe bald erst einmal digital stattfinden würde!

Hattet ihr zuvor eigentlich schon mal von der Lesereihe gehört? Wie nehmt ihr die Literaturszene in Thüringen im Allgemeinen wahr?

Lea: Der Name war mir auf jeden Fall ein Begriff, ich kannte auch die Webseite – war aber tatsächlich vorher noch nie bei einer der Lesungen! Das ist bei Franzi glaube ich auch so, weshalb es ganz lustig war, als wir gemeinsam nach Leipzig gefahren sind zum Treffen der unabhängigen Lesereihen und dort „In guter Nachbarschaft“ vertreten haben, die wir so noch gar nicht selbst erlebt hatten.

Franzi: Ich glaube, ich hatte schon über „In guter Nachbarschaft“ gelesen, aber ich wusste nicht viel über die Lesereihe und ich war auch vorher noch nie da. In Thüringen war ich allgemein noch nicht auf vielen literarischen Veranstaltungen. Ich glaube, wie überall wo ich bisher gelebt habe, sind es einige wenige, die sich sehr viel Mühe geben, ein vielfältiges Angebot zu organisieren und die Thüringer Literaturszene möglichst aktiv zu gestalten. Allerdings kann ich da auch nur für meinen recht oberflächlichen Eindruck der Städtekette sprechen.

Lea: Da würde ich mich anschließen! Ich habe das Gefühl, es gibt eine kleine, aber sehr aktive und gut vernetzte Literaturszene, man kennt sich gegenseitig und es wird viel veranstaltet. Ich denke da vor allem an die Literarische Gesellschaft Thüringen und den Lesezeichen e.V. Vor allem gibt es einiges an Förderung für junge Schreibende, Schreibwerkstätten aber auch Ausschreibungen wie das Junge Literaturforum oder den Eobanus-Hessus-Wettbewerb.

Ihr seid beide aus den „alten Bundesländern“ zum studieren nach Thüringen gekommen. Welche Unterschiede v.a. im Hinblick auf die kulturelle Szene waren für euch auffällig?

Lea: Das ist schwierig. In NRW leben natürlich viel mehr Menschen, in den Großstädten gibt es meist eigene Literaturhäuser und -büros, über die viel organisiert wird. Ich komme aus Bonn, und mein Gefühl ist, dass es dort eher Einzelveranstaltungen gibt, die zum Teil auch an die Uni angebunden sind, als eine wirklich vernetzte Literaturszene. Spontan würde ich sagen: Hier sind die Veranstaltungen vielleicht etwas kleiner, das Angebot überschaubarer, dadurch aber auch näher und leichter zugänglich.

Franzi: Ich bin in München aufgewachsen und habe dann ein Jahr in Ulm gelebt bevor ich nach Erfurt gezogen bin. Ich denke der Unterschied von Erfurt/Weimar/Jena zu München ist einfach der zwischen Groß- und Kleinstadt. In Ulm bin ich dagegen ziemlich schnell in das Herz der literarischen und kulturellen Szene gerutscht und habe viel mitbekommen, was ich jetzt vielleicht noch verpasse. Allgemein kommt mir die Szene der Kulturschaffenden in Thüringen auf jeden Fall jünger vor. Ich habe das Gefühl, dass es weniger etablierte Institutionen gibt und stattdessen viele junge Menschen, die Bock haben, etwas auf die Beine zu stellen. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass ich jetzt Studentin bin und Kontakt zu diesen jungen Menschen habe.

Lea, du hast in diesem und im letzten Jahr jeweils einen der Hauptpreise beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen gewonnen. Das Literaturforum versteht sich als Förderer und Türöffner für junge Schreibende. Was bedeutet das für dich bzw. wie nimmst du das wahr?

Lea: Ich nehme es auf jeden Fall als „Türöffner“ wahr. Einerseits, weil man natürlich aus dem eigenen Raum heraustritt und andere Leute trifft, gemeinsam deren Texte liest und bespricht… das fand ich sehr schön. Auch, weil Schreiben an sich ja eine eher „einsame“ Tätigkeit ist, und die Möglichkeit zum Austausch dann wirklich wertvoll. Andererseits, weil neue Kontakte entstehen, etwa zu den Thüringer Literaturtagen auf Burg Ranis. Und Gorch ist damals glaube ich auch wegen des Literaturforums auf mich zugekommen!

Franzi, du hast bereits im letzten Jahr mit dem Gedichtband Kolumbianischer Winter debütiert. Welche Förderungen hast du auf dem Weg zum ersten Buch erfahren?

Franzi: Die Veröffentlichung von Kolumbianischer Winter war ein ziemlicher Glücksfall. Ich habe nach dem Abi ein Jahr in Ulm gewohnt und am Aicher-Scholl-Kolleg eine Art „Orientierungsstudium“ absolviert, wobei ich einfach verschiedene Seminare besuchen und mich ausprobieren konnte. Unter anderem waren da auch das Literaturseminar bei Rasmus Schöll und das Seminar für Kreatives Schreiben bei Florian Arnold. Es hat sich bald herausgestellt, dass unser Jahrgang Lust auf literarische Veranstaltungen hatte. Wir haben im Rahmen des Schreibseminars einige ziemlich coole, junge Literaturabende in Rasmus‘ Buchhandlung Aegis veranstaltet. Irgendwann im Frühjahr 2018 kamen Rasmus und Florian auf mich zu und haben gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in ihrem Verlag Topalian & Milani einen Gedichtband zu veröffentlichen. Ich habe also vor allem ideelle Unterstützung von Rasmus und Florian erhalten, aber das zunächst unabhängig von Kolumbianischer Winter. Das kam erst später.

Mit zwei Organisator:innen in Erfurt und einer Organisatorin in Jena ist im Team von IN GUTER NACHBARSCHAFT wieder eine ähnliche Konstellation eingetreten, wie es sie schon einmal gab, als mit Peter Neumann, Julia Hauck und mir die Städte Weimar, Jena und Erfurt je einmal vertreten waren. Wir haben die Lesereihe damals auch abwechselnd in den drei Städten stattfinden lassen. Wie werdet ihr das in Zukunft machen, sobald wieder richtige Live-Veranstaltungen möglich sind?

Franzi: Bis jetzt sind wir noch gar nicht dazu gekommen, viele konkrete Pläne für die Zukunft zu machen, weil Corona dazwischen kam. Tatsächlich haben wir uns außerhalb von Skype noch nie zu dritt getroffen. Aber ich denke unser Ziel ist es schon, möglichst alle drei Städte zu bespielen und damit einerseits ein breites Publikum abzuholen und andererseits dem Namen „In guter Nachbarschaft“ gerecht zu werden. Erfurt, Weimar und Jena bieten sich da ja schon sehr gut an. Und wer weiß, welche Orte sich in Zukunft noch finden.

Lea: Ich denke, es bietet sich auf jeden Fall an, sich erst einmal auf die drei Städte zu konzentrieren. Da bestehen natürlich auch schon Kontakte zu den Veranstaltungsorten, auf die wir zurückgreifen können, und wir kennen uns aus! Wir haben auch schon mit dem Gedanken gespielt, vielleicht mal in eine kleinere Stadt in Thüringen zu gehen, wo es vielleicht noch nicht so viel Angebot gibt… mal schauen, unsere erste Live-Veranstaltung steht ja noch aus!

Seid ihr vor der Coronazeit viel auf der Städtekette unterwegs gewesen, um in der jeweils anderen Stadt Konzerte, Lesungen usw. zu besuchen oder andere Kulturschaffende zu sehen?

Franzi: Tatsächlich war ich bisher immer nur in Weimar und Jena, um kulturelle Events zu besuchen. Schreibwerkstatt, Lesungen, Konzerte, Kunstaustellungen – ich glaube, ich habe die Städte noch nie einfach so besucht. Teilweise habe ich sie noch nicht einmal richtig bei Tag gesehen. Ich dachte immer, wie praktisch, ich kann kostenlos und ohne viel Zeitaufwand noch in zwei anderen schönen Städten leben, aber irgendwie hat ein Ausflug sich bisher noch nie ergeben.

Lea: Das ist bei mir ähnlich – ich muss gestehen, dass ich eher selten aus Jena herauskomme! Ich bin hin und wieder in Weimar, war dort auch mal im Theater, in Erfurt auf einem Konzert – aber das ist auf jeden Fall eher selten. Schade, dass man momentan die Zeit nicht nutzen kann, um da mehr zu entdecken. Ich würde zum Beispiel gern mal in die ACC Galerie in Weimar, wo ja „In guter Nachbarschaft“ auch schon stattgefunden hat.

Die erste Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT unter eurer Mitarbeit wird als Radiosendung bzw. Podcast ausgestrahlt. Was wird die Hörer:innen erwarten?

Lea: Der Versuch, einen Abend mit „In guter Nachbarschaft“ als Hörfassung nachzustellen! Wir haben die eingeladenen Künstlerinnen gebeten, uns Tonspuren zu schicken, ein Interview über Skype geführt, im Tonstudio die Moderation eingesprochen…

Franzi: … wir waren alle ein bisschen nervös bei dem Gedanken daran, die nächste Lesung als Sendung zu gestalten, weil niemand von uns dreien Erfahrung damit hatte. Aber es hat wirklich Spaß gemacht, die Sendung vorzubereiten und aufzunehmen und sie ist meiner Meinung nach richtig schön geworden. Was euch erwartet sind tolle Lesungen von Helene Bukowski und Lea Weiß, einmal mit Helenes Romanauszug und einmal mit Leas feinen Gedichten. Mit Helene haben wir außerdem ein spannendes Gespräch zu ihrem Debüt Milchzähne geführt. Zwischendurch gibt es schöne musikalische Untermalung von der Musikerin Sofie Thon. Und als kleines Special, das wir nur in dieser Form überhaupt mitnehmen konnten, gibt es ein witziges Kurzhörspiel von Vivien Schütz. Was euch also erwartet ist etwas zum Mitfiebern und Mitlachen, aber auch zum Träumen und einfach mal abschalten. Hört gerne hin!

Alle Infos gibt es auch noch einmal gebündelt hier auf der Website. Vielen Dank euch beiden für eure Antworten und viel Spaß in Zukunft mit IN GUTER NACHBARSCHAFT!

18.08. Radio LOTTE Weimar – IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 – mit Helene Bukowski, Sophie Thon, u.a.

Am 18.08. kehrt IN GUTER NACHBARSCHAFT zurück und feiert Premiere als Podcast, der erstmalig ausgestrahlt wird im Radio LOTTE Weimar, danach verfügbar über die Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen.

Zu Gast ist die die Schriftstellerin Helene Bukowski, die aus ihrem Debütroman Milchzähne lesen wird.  Der Roman handelt von einer Mutter-Tochter-Beziehung in einer zerstörten Welt, der Suche nach Zuflucht in einer abgeschotteten Überlebensgemeinschaft, die alle Brücken zu sich gesprengt hat. Helene Bukowski erzählt von Vertrautem und Fremden, von dem Wunsch dazuzugehören und der Angst vor Unbekanntem und den Bedrohungen eines unkontrollierbaren Klimas, schwebt dabei „zwischen Postapokalypse und Robinsonade“ (Spiegel Online).

Außerdem begrüßen wir die Hörspielautorin Vivien Schütz (Berlin, Weimar), Preisträgerin des Nachwuchshörspielpreises der ARD und die Autorin Lea Weiß (Jena), diesjährige Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Die Sendung wird musikalisch begleitet von der Singer-Songwriterin Sofie Thon (Ilmenau).

 

 

 

 

 

Erstausstrahlung:
Dienstag, 18. August 2020 – 22:00 Uhr
https://www.radiolotte.de/

Mediathek der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.:
https://studio-literatur.podigee.io/

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Helene Bukowski, *1993, studiert zurzeit Literarisches Schreiben, Kulturjournalismus und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Sie war Ko-Autorin des Dokumentarfilms „Zehn Wochen Sommer“, der 2015 den Grimme-Sonderpreis Kultur erhalten hat, und Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Bella triste“. 2016 war sie zur Autorenwerkstatt Prosa des Literarische Colloquiums Berlin eingeladen und erhielt außerdem den Förderpreis der Wupperthaler Literaturbiennale. Ihre Texte wurden in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Ihr erster Roman „Milchzähne“ erschien 2019 bei Blumenbar.

Sofie Thon spielte seit 2017 bereits auf über 100 Bühnen in ganz Mitteldeutschland, so u.a. auf der GeyserHaus Parkbühne (Leipzig) als Supportact der US-amerikanischen Band „Iron & Wine“ und auf dem Kunstfest Weimar als Höhepunkt der Konzertreihe im Künstlergarten 2019. Ihre zweite Single wurde vom Produzenten und Gitarristen Ertuğrul Güney in den Studios von „Blue Kite Audio“ in Istanbul aufgenommen. Der Song „Hours & Miles“ erscheint in den kommenden Monaten erstmals als unabhängige Veröffentlichung.

Vivien Schütz, *1990, hat Journalistik an der TU Dortmund und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie produziert Reportagen, Features, Kurzhörspiele und Podcast-Geschichten und war Åke Blomström Awardee der EBU 2019. Aktuell arbeitet sie an einem Radio-Feature über jüdisch-orthodoxe Frauen in Brooklyn, die das Gebot der Kopfbedeckung hinterfragen und neu denken.

Lea Weiß, *1997, studiert in Jena Soziologie und Politikwissenschaft. Seit 2020 ist sie Mitorganisatorin der Thüringer Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ und war 2018 Preisträgerin bei postpoetry.NRW und dem 33. Treffen junger Autor*innen. Sie veröffentlichte Texte in den jeweiligen Begleitanthologien und im Narr #28. Im Jahr 2020 wurde sie bereits zum zweiten Mal vom Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichnet.

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Die unabhängige Lesereihe IN GUTER NACHBARSCHAFT gehört zum festen Bestandteil der Thüringer Literaturszene. Sie vereint seit 2014 neue Lyrik und Prosa mit aktueller Musik. Über zahlreiche selbst organisierte Veranstaltungen hinaus wird die Lesereihe von Kulturveranstaltern im gesamten Freistaat als zuverlässiger Partner für anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur geschätzt.

IN GUTER NACHBARSCHAFT ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen.

Außerdem sind wir Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen.

Tommy Neuwirth bei den 23. Thüringer Literaturtagen

Mit Tommy Neuwirth war ein weiteres bekanntes Gesicht aus unserer Lesereihe bei den 23. Thüringer Literaturtagen vertreten, die in diesem Jahr digital stattfanden.

Hier könnt ihr seine Videoperformance Die Unverfügbarkeit meiner Feelings bei gleichzeitiger Verfügbarkeit meiner Privilegien nachschauen.

Lea Weiß bei den 23. Thüringer Literaturtagen

Die 23. Thüringer Literaturtage auf Burg Ranis fanden in diesem Jahr aus den uns allen bekannten Gründen digital statt. Mit dabei war auch Lea Weiß aus Jena, die seit diesem Jahr zum Team unserer Lesereihe gehört.

Gemeinsam mit Melis Ntente und anderen gehört Lea zu den aktuellen Preisträgerinnen des Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Im Video bekommt ihr einen Einblick in das Schreiben der beiden und ihre ersten Schritte ins literarische Leben. Moderiert von Nachbarschafts-Mitbegründerin Romina Nikolić.

100% Jena

Unsere Freund*innen vom Jenaer Kunstverein e.V. beteiligen sich an der Initiative 100% Jena, die Akteur*innen aus Einzelhandel, Gastro und Kultur in Szene setzt, die dort das Stadtbild und öffentliche Leben prägen.

Derzeit gibt es in der Galerie im Stadtspeicher (Markt 16) die Ausstellung „Dressuren der Durchlässigkeit“ zusehen, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Pferd auseinandersetzt. Schaut es euch an!

 

„Mittlerweile bin ich zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich bis mittags nicht ins Internet zu gehen.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im Mai 2019 war Deniz Ohde zu Gast bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #21 in Weimar und las aus dem Manuskript ihres Romans Streulicht, der diesen Sommer bei Suhrkamp erscheint.

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Deniz Ohde (Foto: Martin Dost)

Liebe Deniz, wie geht’s dir derzeit?

Mir geht es gut! Ich habe den Vorteil, dass ich vor manchen der Probleme, vor denen viele Menschen angesichts der Situation gerade stehen, schon vorher stand. Also z.B., wie arbeitet es sich am besten im Home-Office, wie strukturiere ich dort meinen Tag, wie sehe ich zu, dass ich mich genug bewege – in vielerlei Hinsicht ist mir aufgegangen, dass mein Lebensstil an sich schon Quarantäne ist (lol), da entspreche ich vielleicht dem Klischee vom einsamen Schriftsteller. Und das sind natürlich totale Luxusprobleme, denn es ist ein großes Privileg seinen Lebensunterhalt durch Schreiben zu finanzieren und nirgendwo hin zu müssen; außerdem trage ich keine Verantwortung für Kinder oder Angehörige, für die ich jetzt zusätzlich zeitlich oder finanziell aufkommen müsste. Also ja, mir geht‘s gut und ich schätze mich glücklich!

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Am Anfang hat mich die Situation etwas ausgebremst, weil ich mich zu sehr mit den Nachrichten und Live-Tickern beschäftigt habe und mir dabei Sorgen um die Gesundheit meiner Familie und mir gemacht habe. Aber mittlerweile bin ich fast zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich morgens bis mittags nicht ins Internet zu gehen.

Du warst im Mai vergangenen Jahres bei uns in Weimar zu Gast. Woran hast du in der Zwischenzeit gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

Kurz nachdem ich bei euch war, habe ich den Vertrag für meinen Debütroman unterschrieben. Dann begann für mich die Arbeit am Text, vor allem in den letzten Monaten war ich mit dem Lektorat beschäftigt. Parallel habe ich etwas an meiner zweiten Romanidee geschrieben, mir darüber Gedanken gemacht und recherchiert.

Herzlichen Glückwunsch! Wann wird der Roman erscheinen und worum geht’s darin?

Danke!! Der Roman heißt Streulicht, erscheint am 17.08. bei Suhrkamp, und es geht darin thematisch vor allem um das Bildungsversprechen von Chancengleichheit und real erlebte Ungleichheit. In den Worten meines Verlags:
„Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.“

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Welche Projekte sind bei dir derzeit zum erliegen gekommen?

Das Schreiben am nächsten Text geht nur sehr schleppend voran, das hat aber nichts mit der aktuellen Situation zu tun, sondern vielmehr damit, dass das gerade einfach die Phase der Arbeit ist. Die besteht vor allem aus Lesen, Nachdenken und die Sache sich innerlich formen lassen. Außerdem stecke ich gedanklich noch mitten im ersten Text und das auch planmäßig, die jetzige Zeit wäre auch so eher zurückgezogen gewesen. Ich hatte keine Lesungen oder ähnliches geplant, die jetzt ausgefallen wären. Auch das ist wieder ein Glücksfall, es hätte aber genauso gut nicht so kommen können, und deshalb fühle ich mit allen Kolleg*innen (darunter vor allem die Debütant*innen), die im Frühlingsprogramm ein Buch veröffentlicht haben und jetzt nicht damit raus können. – Wie sich da die Lage bis August entwickelt, darauf bin ich gespannt.

Was denkst du kann schlimmsten- oder bestenfalls passieren?

Bestenfalls sind die Buchläden wieder offen und z.B. Lesungen mit begrenzter Publikumsanzahl erlaubt. Dass sich allerdings bis dahin alles wieder normalisiert hat, dass eine Großveranstaltung wie die Frankfurter Buchmesse stattfindet, das halte ich eigentlich nicht für realistisch, und das finde ich natürlich schade. Trotzdem hoffe ich aber noch; auch dass das Buch, egal welches Szenario wir bis dahin haben, bei den Leuten ankommen wird, die es lesen wollen.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

Ich wünsche mir, dass die Arbeitsausfälle, unter denen viele freischaffende Künstler*innen gerade zu leiden haben, getragen werden, und zwar ohne Kredit o.ä. Die letzte Zeit ist hat außerdem nochmal eindeutig gezeigt, dass ohne Kunst zu leben unmöglich ist; jede*r, der*die derzeit gezwungen ist zu Hause zu bleiben, ist darauf angewiesen, um nicht verrückt zu werden, deshalb wünsche ich mir vor allem längerfristig, dass die Erkenntnis hängen bleibt und nicht immer zu erst der Kulturbetrieb von Kürzungen betroffen ist – aber keine Ahnung, ob das eine realistische Hoffnung ist.
Ansonsten wünsche ich mir sowieso und immer Wohlstand für alle, vor allem für die Personen, auf deren Schultern auch schon vorher das ganze System gelastet hat und die trotzdem zu wenig Geld, Anerkennung und Freizeit bekommen: Pflegepersonal, Arbeitende im Supermarkt, Kraftfahrende, Bauarbeiter*innen, Fabrikarbeiter*innen, Putzkräfte, die Leute, die jetzt die vielen Online-Bestellungen abwickeln und ausfahren, etc. etc. smash capitalism now!

Liebe Deniz, vielen Dank für deine Antworten.

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Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. Im Sommer 2020 erscheint ihr Debutroman Streulicht im Suhrkamp Verlag.

„Die Männer reichen sich jetzt das Bier mit langen Stöcken über den Zaun.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im Sommer 2018 war Stefan Petermann zu Gast bei der 17. Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT in Jena.

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Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Lieber Stefan, wie geht’s dir derzeit?

Ich fühle mich erschöpft und hellwach, besorgt und sicher, neugierig und apathisch, überfordert und unterfordert, ein Nebeneinander verschiedener Zustände, die sich zum Teil widersprechen. Das Verwirrende an der Situation ist deren Unsichtbarkeit. Die eigentliche Gefahr bleibt fern und wird erst durch Berichte, Fotos, Texte nahe herangeholt. Dagegen sind die Veränderungen der Abläufe und Routinen ganz real jederzeit da. Auch deshalb gibt es verschiedene Sorgen; Sorge um Familie und Freunde zuallererst. Sorge um die Pläne, verbunden auch mit wirtschaftlichen Fragen. Und, abstrakter, eben weil es dafür die fernen Augenzeugenberichte und erschütternden Protokolle aus den Ländern braucht, die medizinischen und menschlichen Tragödien, auch eine Sorge um die Welt, die Gesellschaft. Was so aufgeschrieben erst einmal wahnsinnig pathetisch klingt, aber sehr konkret wird, wenn ein Polizeiauto abstandkontrollierend im Park an mir vorbeifährt und ich mir sage: Ich finde das notwendig, ich finde das furchtbar.

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Momentan lese ich mehr Peppa Wutz als Marcel Proust.

Woran hast du in den letzten Monaten gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

An etwas Längerem, das sich mit einer Ausnahmesituation beschäftigt. Ab Mitte März habe ich gemerkt, dass sich zwei Extreme zugleich nicht bewältigen lassen, weshalb ich vorerst nur noch sporadisch daran arbeite.

Welche Projekte sind bei dir derzeit zum Erliegen gekommen?

Das lange Schreiben, das apokalyptische, das hoffnungsferne Schreiben. Das ist momentan nicht möglich. Es gibt die Anfrage, sich für eine Anthologie eine Geschichte für Kinder über diese Zeit auszudenken. Das finde ich sehr hilfreich, weil es zwingt, Hoffnung in die Worte zu geben.
Für März & April waren mehrere Lesungen angesagt, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Die sind nun weggefallen. Dazu ein künstlerisches Projekt, von dem nicht klar ist, wie es weitergeht.
Neben dem Wegfall hat sich auch Neues aufgetan. Im Februar habe ich begonnen, täglich einige Worte zur Situation zu notieren. Zuerst still, auch, weil ich nicht ertappt werden wollte bei einer Überreaktion. Was, wenn es doch vorbeigegangen wäre wie die Waldbrände in Australien; ein kurzer Aufreger, bevor bald jeder von … gesprochen hätte?
So ab Mitte März habe ich das Geschriebene öffentlich ausgestellt. Mir ist bewusst, dass es viele solcher Auseinandersetzungen gibt; Tagebücher, Kolumnen, Podcasts, lustige TikToks. Jedes einzelne davon ist notwendig und sei es nur für diejenige, die es verfasst. So auch bei mir. Ich habe gemerkt, dass mir diese Stunde am Abend beim Ordnen der Eindrücke von innen und außen hilft. Das Schreiben schafft ein Gefühl von Kontrolle, lässt mich glauben, dass das, was geschieht, sich in ein Datum tippen ließe, fein säuberlich durch Tage getrennt. Es ist ein Sammeln von Gedanken, auch ein neugieriges Beiwohnen beim Verändern einer Realität, ein Auflisten von Fundstücken, ein Zuschauen dabei, wie sich die Ausnahme verfestigt.
Und, noch eine Sache: Für einen Fernsehsender sollten kurze Dokumentationen entstehen, die zeigen, wie die Pandemie das Leben hier verändert. Zusammen mit meinen Kollegen bin ich in ein sehr kleines Dorf gefahren, das wir vom letzten Buchprojekt kennen. Das Dorf liegt so ein bisschen jenseits der Welt, nur ein Weg führt ins Tal hinein. Die Fahrt dahin war schon leicht surreal, vor Jena liefen Rehe auf die leere Autobahn. Im Dorf ging es darum, festzuhalten, was dort jetzt anders ist. Eigentlich nicht viel, wie die Menschen fast ein wenig entschuldigend sagten. Die Männer reichen sich jetzt das Bier mit langen Stöcken über den Zaun. Und der Spielplatz ist abgesperrt. Ansonsten geht das meiste seinen Gang; Gartenarbeit, Hausbau, Holz aus dem Forst holen, die Osterlämmer auf die Wiese bringen. Das war fast schon idyllisch, die zwei Drehtage dort haben sehr gutgetan.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

In Thüringen gibt es eine unbürokratische Hilfe; zwei Seiten, wenige Angaben genügen schon. Das ist eine gute Sache. Der Antrag befindet sich momentan – Zitat Infomail – »zur weiteren Prüfung« und ich hoffe, dass dieser und die Anträge anderer nicht auf halbem Weg verloren gehen, weil die Hilfe erst einmal einen kleinen Teil der allgemeinen Unsicherheit nehmen würde.
Wenn man Musik, Literatur, Kunst macht, versucht man sich momentan möglicherweise mehr oder minder verzweifelt eine Systemrelevanz einzureden. Und dann kommt man zur Supermarktverkäuferin, die sich zwanzig Mal am Tag anbrüllen lassen muss, weil sie nur eine Packung Toilettenpapier pro Kunde verkaufen darf oder hört von der Cousine, dass sie als Ärztin Ostern komplett durcharbeiten muss und im Übrigen die Desinfektionsmittel von der Station geklaut werden und muss dann das eigene Wort oder die eigene Melodie dagegensetzen. Das sind lapidare eigene Probleme und zugleich riesengroße, weil sie auch nach der Sinnhaftigkeit dessen, was man tut und kann, fragt.
Zudem ist das eine Situation, deren Schwierigkeit – neben vielem anderen – auch in ihrer unbekannten Länge besteht. Es ist nicht möglich, Veranstaltungen zu planen, sowohl als Autor wie auch als literarischer Verein. Sollen Lesungen für Mai, für Juni abgesagt werden? Alle Lesungen bis Spätsommer? Und wenn alles auf den Herbst verschoben wird, gibt es dann ein Überangebot an Veranstaltungen? Braucht es sogar dieses Überangebot, um den vermuteten Hunger auf Livesachen zu stillen? Oder soll man erst für 2021 planen, wie Virologen empfehlen, für Sommer 2021? Auch wenn sich Lesungen nachholen lassen, verschieben sich so die dann sonst möglichen Veranstaltungen. Man landet immer wieder dabei: Was jetzt verloren geht, geht für immer verloren.

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Stefan Petermann, geboren 1978 in Werdau, schreibt Romane und Erzählungen. Er studierte an der Bauhaus-Universität Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. Er war Stadtschreiber im oberösterreichischen Wels und lebt in Weimar. Zuletzt erschien von ihm der Reportagenband Jenseits der Perlenkette (gemeinsam mit Yvonne Andrä).

http://stefanpetermann.de/

ALTERNATIVEN ZUR KAPITULATION

„Ich kann aktuell schlecht in größeren zeitlichen Dimensionen denken.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im vergangenen Frühjahr war Isabelle Lehn mit ihrem Roman Frühlingserwachen zu Gast in Erfurt bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #20.

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Isabelle Lehn (Foto: Amrei-Marie)

Liebe Isabelle, wie geht’s dir derzeit?

Ganz okay. Eigentlich fehlt es mir gerade an nichts, ich bin beschäftigt und es gelingt mir ganz gut, im Moment zu leben. Aber manchmal macht mir schon Angst, wie massiv die Einschnitte ins öffentliche Leben sind, die wir gerade erleben. Die Polizeipräsenz auf den Straßen, die kreisenden Hubschrauber über den Dächern, die weltweiten Konsequenzen, die wir noch gar nicht abschätzen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in ein paar Wochen einfach zur Tagesordnung zurückkehren werden. So eine Krise ist natürlich auch eine Chance: Aussortieren, was sich als überflüssig erwiesen hat, überdenken, was verbessert werden könnte, und sich darüber klar werden, was man keinesfalls aufgeben will. Aber ich mochte mein Leben, so wie es war, und ich frage mich, was nach Corona noch davon übrig sein wird: Wie werden sich unsere Gewohnheiten verändern, das Bild der Stadt, in der ich lebe, der Kulturbetrieb, in dem ich mein Geld verdiene, aber auch größere politische und volkswirtschaftliche Zusammenhänge? Was mich in solchen Momenten beruhigt, ist meistens das Lesen. Bei manchen Büchern spürt man einfach, dass Literatur ein unangreifbarer, übergeordneter Wert ist und von einer Gültigkeit, die nicht einfach verschwinden wird.

Welche Bücher sind das? Diese, die schon immer ein persönliches Trostpotential für dich hatten? Oder eher Bücher, die sich auf die aktuelle Situation bezogen neu entdecken lassen? Albert Camus‘ Die Pest ist ja z.B. das derzeit wohl meistgefragte Buch in Europa.

Stimmt, ja, die thematischen Bezüge: Ich habe auch ins Decamerone hereingelesen, wie sicherlich viele gerade. Aber hilfreich fand ich vor allem Bücher, die ohnehin auf meinem Lesestapel lagen. Sehr berührt und beeindruckt hat mich Aras Örens Berliner Trilogie, drei Langgedichte, die von der Situation der ersten türkischen Gastarbeitergeneration in Kreuzberg erzählen, und zwar mit so großer ästhetischer und poetischer Kraft, dass sie mich rund 40 Jahre nach ihrem Entstehen total erwischt haben. Ich fand tröstlich, wie stark und zeitlos Literatur sein kann. Außerdem habe ich Annie Ernaux‘ Die Jahre zu Ende gelesen. Das Buch, das über Jahrzehnte hinweg aus ihrem Leben erzählt, enthält so viel historischen Wandel und Weltgeschehen, dass es mir ein „da Draußen“ ersetzt und gegen den Eindruck von Stillstand geholfen hat. Und schließlich eines meiner Lieblingsbücher, das ich tatsächlich immer wieder lesen kann, um die Verhältnismäßigkeit der Dinge zurechtzurücken: Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur, das alle großen Themen verhandelt und sowieso das traurigste und tröstlichste Buch der Welt ist.

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Beides. Einerseits bin ich dankbar, genug Aufgaben zu haben, die mich ausfüllen: Ich bereite ein Seminar zum Thema „Wut in literarischen Texten“ vor, das ich als Gastdozentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig halte – nun allerdings etwas anders als geplant, nämlich per Videokonferenz. Andere Lehraufträge oder Lesungstermine fallen weg, aber ich mache per Mail und Telefon Textarbeit mit Autorinnen, die sich ein Feedback zu ihren Romanmanuskripten wünschen, und beteilige mich an Online-Literaturfestivals. Es gibt also genug zu tun. Schreiben kann ich allerdings gerade nur kürzere Texte, die nicht weit über den Moment hinausweisen. Zum Beispiel eine wöchentliche Kolumne für die Sendung Unter Büchern bei MDR-Kultur unter dem Titel Weiter im Text – Notizen aus dem Elfenbeinturm. An meinem aktuellen Romanprojekt zu arbeiten, gelingt mir gerade nur mit Mühe. Ich kann aktuell schlecht in größeren zeitlichen Dimensionen denken, zumal sich alle Wertigkeiten zu verschieben und relativieren scheinen. Das empfinde ich tatsächlich als lähmend.

Diesbezüglich geistern mir seit Tagen folgende Gedanken durch den Kopf. Zum einen denkt man sich, dass diese Situation gerade ideal zum Schreiben ist, da sich ringsum alles entschleunigt hat. Aber dem steht so ein gewisser, wenn auch nur unterschwelliger Erwartungsdruck gegenüber, aus dieser Situation heraus, deren Besonderheit uns allen bewusst ist, etwas zu schaffen. Zum anderen wundere ich mich über die vielen Corona-Tagebücher von Schriftsteller:innen, da ich mich frage, was diese denn nun mitzuteilen haben, was wir anderen nicht auch auf die eine oder andere Weise erfahren und erleben. Dann wiederum weiß ich aber, dass ja jeder von uns diese Situation individuell durchlebt – in diesem paradoxen Zustand der kollektiven Vereinzelung. Ich bin da hin und her gerissen.

„Bitte schreibt jetzt nicht alle den großen Corona-Roman!“, habe ich kürzlich sinngemäß auf der Facebook-Seite eines Literaturkritikers gelesen. Ich bin da auch hin- und hergerissen. Einerseits will ich die ganzen Quarantäne-Tagebücher jetzt schon nicht lesen, da ich das Gefühl habe, sie würden mein eigenes Erleben (dem ich viel lieber entfliehen würde) nur potenzieren. Tatsächlich sind wir ja alle gerade in den Elfenbeinturm eingesperrt, von dem die Literaturkritik traditionell verlangt, wir sollten ihn verlassen, um welthaltige und erfahrungsgesättigte Literatur zu schreiben. Prinzipiell denke ich aber auch, dass das, was Literatur einzigartig macht, der Einfluss der individuellen Wahrnehmung, der Sprache und der Gedankenwelt ist – selbst wenn sich die Geschichten und unsere Erfahrungen ähneln mögen. Dass ich die Situation trotzdem als lähmend empfinde, liegt aber auch daran, dass ich gerade kaum weiter als bis zur nächsten Wand oder über den nächsten Tag hinaus denken kann. Zumal sich alle Wertigkeiten zu verschieben scheinen. Ein Roman braucht aber vermutlich doch ein gewisses Maß an Planungssicherheit und die Möglichkeit, in größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Du warst vor ziemlich genau einem Jahr bei uns in Erfurt zu Gast. Woran hast du in den letzten Monaten gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

Ich war nach meinem Besuch in Erfurt noch sehr viel unterwegs – sowohl zu weiteren Lesungen mit meinem aktuellen Roman Frühlingserwachen, als auch zu Presseterminen oder Stipendienaufenthalten. Gearbeitet habe ich hauptsächlich an Auftragstexten für Literaturhäuser oder -Festivals. Außerdem habe ich in Leipzig eine monatliche Literaturveranstaltung organisiert und moderiert. Das letzte Jahr hatte ich mir also ganz bewusst reserviert, um alle möglichen Termine wahrzunehmen. Zum Glück, kann ich heute sagen. Zum Jahreswechsel sollte dann eine ruhigere Zeit an meinem Leipziger Schreibtisch und die Arbeit am neuen Romanprojekt folgen. Darauf habe ich mich sehr gefreut. Nun ist alles etwas anders gekommen als erwartet. Zum Beispiel hatte ich ab März eine intensive Recherchephase geplant, die ich wegen des Kontaktverbots und der Schließung aller Bibliotheken erst einmal auf Eis gelegt habe.

Welche Projekte sind bei dir derzeit zum Erliegen gekommen?

Eigentlich habe ich noch Glück, da ich nicht zu den Autorinnen zähle, die in diesem Frühjahr einen neuen Titel veröffentlicht haben. Trotzdem sind natürlich einige Lesungen ausgefallen sowie Workshops, in denen ich unterrichtet hätte, und Moderationen im Rahmen der Buchmesse. Ein paar Festivals, die im Sommer stattfinden sollen, überlegen noch nach möglichen Alternativen, um den beteiligten Künstlern nicht absagen zu müssen. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Am meisten tut es mir leid um eine Reise nach Teheran auf Einladung des Goethe-Instituts: Ursprünglich sollte ich bereits im Januar im Iran aus Frühlingserwachen lesen, was wir wegen der politisch angespannten Lage und dem Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine verschieben mussten. Unser Ausweichtermin war Ostern – was nun ebenfalls hinfällig ist. Aber ich hoffe sehr, dass die Reise irgendwann wieder möglich sein wird.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

Ich finde es toll, wie viel Energie manche Veranstalter aufwenden, um Ausfallhonorare zu bezahlen oder alternative Veranstaltungsformate zu entwickeln. Generell erlebe ich gerade einen großen Zusammenhalt und viel Verständnis für die Situation von freischaffenden Autorinnen – auch von Seiten meines Verlages und meiner Lektorin. Hilfreich wäre es sicherlich, wenn öffentliche Fördergelder auch bei Veranstaltungsausfall nicht zurückgezahlt werden müssten – das würde zumindest erste Verluste auf Veranstalter- und Autorenseite abfedern, zumal diese Gelder oft durch langwierige Antragstellung erworben wurden. Die Soforthilfe ist natürlich auch hilfreich, solange sie nicht als Darlehen zur Verfügung gestellt wird. Denn was jetzt an Verdienst ausfällt, kommt ja hinterher nicht automatisch obendrauf. Wie sich die Situation langfristig verändern wird und welche Hilfen dann erforderlich sind – das müssen wir sicherlich noch abwarten.

Liebe Isabelle, vielen Dank für deine Antworten.

Die Fragen stellte Mario Osterland.

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Isabelle Lehn, geb. 1979 in Bonn, lebt heute in Leipzig und führt auf den ersten Blick ein erfolgreiches Leben: promovierte Rhetorikerin, Autorin des mehrfach ausgezeichneten Debütromans Binde zwei Vögel zusammen, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zuletzt erschien von ihr der Roman Frühlingserwachen, in dem sie über eine Frau namens Isabelle Lehn schreibt. Alles andere ist Auslegungssache.