„Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut.“

Der er aus Pößneck stammende Dichter und Musiker Robert Wenzl war mit und ohne Gitarre Gast unserer Lesereihe. Mit seiner neuen Band Innung für Rockmusik veröffentlichte er unlängst die EP Algorithmenwind. Grund genug für ein kleines Interview.

Bandfoto.JPG
Die Band Innung für Rockmusik um den Songwriter Robert Wenzl (2.v.l., Foto: Jakob Schmitt)

 

 

Mario Osterland: Lieber Robert, ich habe dich als Dichter und Singer/Songwriter kennengelernt, außerdem als Gitarrist der Band Lightcap. Jetzt bist du mit einer neuen Band am Start. Wie kam es dazu?

Robert Wenzl: Es gibt da verschiedene Gründe. Zum einen hatte ich nach der dritten CD als Singer/Songwriter das Bedürfnis, etwas Neues zu machen. Ich wollte textlich mehr Bewegungsfreiheit und dass die Lieder mehr Eigenständigkeit bekommen. Als Singer/Songwriter denken viele, dass die Lieder von einem selbst handeln. Aus dieser Falle wollte ich raus. Zum anderen begann vor Jahren mein Interesse zu Musik eigentlich mit Rock und Metal, von daher lag da schon immer eine Spur, die ausbaufähig war. Und in den letzten Jahren war der deutschsprachige Mainstream-Pop zwar immer größer, jedoch auch immer phrasenhafter geworden. Besonders die Musik klingt zur Zeit sehr gleich, selbst bei Indiebands. Wir, immer noch die gleichen Leute wie bei Lightcap, haben dann angefangen herumzuprobieren mit rockigeren Sachen, was sehr gut für uns funktioniert hat. Von den Texten her habe ich mich versucht von eigenen Erfahrungen zu lösen und habe sehr viel mit Zitaten gearbeitet. So entstanden dann sehr eigenständige, collagenartige Lieder, die ganz anders klangen als die Sachen, die ich und wir zuvor gemacht haben.

M. Osterland: Der Name Innung für Rockmusik klingt nach Interessenvertretung. Wie steht’s denn deiner Ansicht nach mit der Rockmusik 2019?

R. Wenzl: Puh, schwierige Frage. Natürlich schwingt im Bandnamen auch etwas Ironie mit, jedoch stimmt schon deine Vorahnung: Irgendwie dachte ich, dass besonders in der deutschsprachigen Musik der Rock ein Nischendasein fristet und eine eigentlich eine Vertretung bräuchte. In der DDR gabs ja eine große Szene, und in den 60ern und 70ern der BRD war Rock sogar im Mainstream. Aber das sind heute alles ältere Leute, die entweder schon lange keine Musik mehr machen oder nur noch eine ältere Hörerschaft ansprechen (Westernhagen, Wolfgang Niedecken). Jüngere Bands spielen so etwas nicht, frei nach Nietzsche könnte man also sagen: Rock ist tot. Aber das war eben auch der große Reiz: Musikalisch ist man bei Rock stark festgelegt, aber textlich empfand ich die Musik als großen Möglichkeitsraum, da man eigentlich wenig Konventionen hat, die man erfüllen muss.

M. Osterland: Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess der Platte? Bist du mit fertigen Songs ins Studio gekommen oder habt ihr die zusammen entwickelt?

R. Wenzl: Die meisten Songs sind über den Zeitraum eines Jahres entstanden. Ich hatte angefangen, ein paar Rocksongs von Bob Dylan zu übersetzen, um ein bisschen Sprachgefühl für die Musik zu entwickeln, dann habe ich Gedichte und andere Textbausteine gesammelt und einfach auf große Blätter geschrieben. Davor habe ich dann angefangen zu improvisieren und die Lieder geschrieben. Deshalb waren die meisten Lieder schon relativ fertig, bevor wir die ersten Proben gemacht haben. Jedoch hat sich in den Proben mit der Band erst so richtig gezeigt, was Potential hat und was nicht. Wir haben dann noch viel herumprobiert, verändert, besonders hier und da mal eine Strophe gestrichen oder etwas verkürzt, damit die Songs knackiger werden. Ins Studio gegangen sind wir dann mit fertigen Liedern. Das Studio in Frankfurt am Main ist in einem alten Bunker, man ist dort ein bisschen abgeschieden von der Welt und kann sich gut auf die Musik konzentrieren. Nach gerade einmal zwei Tagen war alles aufgenommen, es waren glaube ich die stressfreisten Aufnahmen, die ich bisher hatte.

M. Osterland: Worum geht es deiner Meinung nach in den Songs?

R. Wenzl: Grundsätzlich ist das natürlich den Hörer*Innen überlassen. Aber gerade weil es keine persönlichen Stoffe waren, habe ich natürlich auch angefangen mich zu fragen, worum es denn so geht. Am Ende sind es immer noch Songs, es geht also oft um große Themen wie Liebe, Leben, Einsamkeit, Tod. ‚Rippenbruch‘ etwa finde auch ich noch interessant, in dem Text deuten sich für mich Identitätsverlust und Prostitution an, dazu Verwahrlosung und Lust – eine ganz hübsche Mischung, finde ich. ‚Tote Filmstars‘ bringt in mir so ein Roadtrip-Gefühl hoch, das finde ich auch nicht schlecht. Aber wie gesagt, irgendwie treiben die Texte, dadurch dass sie nicht von mir sind, ein Eigenleben. Ein schöner Spuk.

M. Osterland: Das erste Stück der EP heißt „Albany“. Ich muss zugeben, dass ich da erstmal an Roger Whittaker denke musste. Der Song hat aber einen anderen, doch recht besonderen Hintergrund, oder?

R. Wenzl: Wir mussten natürlich auch an Whittaker denken und hatten unsere Freude daran. Wieso kennen wir den eigentlich? Schlager scheint man nicht aus dem Weg gehen zu können! ‚Albany‘ als Titel ist Ergebnis einer gewissen Verfremdung. Für das Lied hatte ich mir ein paar Zeilen von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau geliehen, der im Barock der Begründer des Galanten Stils war – was schon für sich genommen witzig klingt. Er hat ein, wenn du mich fragst, recht anzügliches Liebesgedicht an eine Gewisse Albanie geschrieben. Die Betonung liegt auf dem E am Ende, was sich aber nicht gut singen lässt, deswegen ‚Albany‘. Die ersten zwei Zeilen sagen schon alles: „Albanie, gebrauche deiner Zeit / Und laß den Liebeslüsten freien Zügel“. Die vielen Zeilen danach sind ein Versuch, sie ins Bett zu bekommen, mit allerlei bildlicher Sprache. Und anscheinend liegt es bei ihr zu bestimmen, ob sie ihn lässt oder nicht. Man muss dieses Gedicht einfach mal lesen, auch weil es so offen sexuell ist. Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut. Anscheinend war Sexualität vor dem Aufkommen des Bürgertums noch weniger tabuisiert. Ich habe dann auch weiter zurückgeschaut und festgestellt, dass selbst Walther von der Vogelweide offener über Verlangen und Sex schreiben konnte als Goethe und Schiller zusammen. Deswegen waren besonders ältere Texte für mich eine Bereicherung für meine Bildsprache. ‚Albany‘ kann da als gutes Beispiel dienen.

M. Osterland: Das heißt dein Songwriting ist nach wie vor recht stark mit deinen Erfahrungen als Dichter und Lyrikleser verbunden.

R. Wenzl: Ich würde sogar sagen, dass nun mein Songwriting deutlich stärker von meinen Erfahrungen als Dichter geprägt ist als zuvor. Ich sehe da eindeutig einen Methodentransfer von der Dichtung hin zur Musik. Ich hoffe nur, dass man den Liedern nicht (im negativen Sinne) anhört, dass sie etwas verkopfter sind. Schließlich sind es immer noch Songs und keine Gedichte, auch wenn das sich nicht prinzipiell ausschließt, ist es für mich nicht das Gleiche.

M. Osterland: Du warst im letzten Jahr Teilnehmer des Literaturwettbewerbs „open mike“. Das ist ja eine recht gute Bühne, um von dort aus weitere Schritte zu gehen. Wie sieht es derzeit mit deiner schriftstellerischen Tätigkeit aus?

R. Wenzl: Der „open mike“ war für mich gleichzeitig eine Motivation als auch Ruhepunkt, wenn nicht ein Stocken. Vor dem Wettbewerb war ich sehr motiviert und hatte neue Sachen, hauptsächlich Lyrik, geschrieben. Aber nach dem Wettbewerb war irgendwie die Luft raus. Ein paar Monate machte ich erst einmal eine Pause und kam zu nichts, nutzte die Zeit zum Lesen, Nachdenken, Entspannen. Aber seit Februar habe ich wieder Wind in den Segeln, schreibe nun deutlich mehr Prosastücke und versuche, dort mehr eine eigene Sprache zu finden. Ein paar Texte werde ich nun bei Wettbewerben und Zeitschriften einreichen. Man könnte also sagen, es läuft wie zuvor: viel Schreiben, viel Freude daran, aber wenig Resonanz. Jedoch nicht im Schlechten, es macht mir riesigen Spaß, ohne Druck einfach draufloszuschreiben. Und mal schauen, was das Jahr mit sich bringt. Es muss ja nicht die letzte Teilnahme am „open mike“ gewesen sein, oder?

M. Osterland: Na hoffentlich nicht! Ich wünsche dir in jedem Fall viel Erfolg mit der neuen Band und dem natürlich auch mit der Literatur. Vielen Dank für deine Antworten.

///

Robert Wenzl, geboren 1990 in Pößneck. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studiert er seit 2014 Geografie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe 33 und HANT – Magazin für Fotografie. 2018 war er Finalist beim Literaturwettbewerb open mike. Er lebt in Berlin.

Werbeanzeigen

24.3. – Crauss in Erfurt!

Im Herbst 2016 war der Siegener Dichter Crauss bei uns zu Gast. In Lesung und Gespräch begeisterte er damals das Publikum im rappelvollen Franz Mehlhose in Erfurt.

Jetzt kehrt Crauss in die Landeshauptstadt zurück! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit ihm – und euch!

Crauss_EF

Das Debüt von Lennardt Loß ist da!

Dieser Tage erscheint das Debut unseres Freundes Lennardt Loß. Mit einem Auszug aus Und andere Formen menschlichen Versagens war er u.a. beim Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann Preis angetreten. Jetzt könnt ihr die komplette Story um die nach einem Flugzeugabsturz verschollene Marina Palm lesen. Weitere Infos zum Buch gibt es hier.

Wir gratulieren Lennardt Loß herzlich zum Debüt und sagen: lesen, lesen, lesen!

///

Lennardt Loß, wurde 1992 in Braunschweig geboren. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Jena, danach Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main. Er war u.a. Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2017 und 2018, im Frühjahr 2019 ist er Stipendiat der Roger Willemsen-Stiftung in Hamburg.

11.4. – Erfurt – IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Zum 20. Mal IN GUTER NACHBARSCHAFT – wir feiern natürlich mit Literatur und Musik! Zu Gast ist diesmal die Leipziger Autorin Isabelle Lehn, die in Lesung und Gespräch ihr neues Buch Frühlingserwachen vorstellen wird. Außerdem lesen Sandra Blume (Eisenach) und Antje Lampe (Erfurt) aus ihren noch unveröffentlichten Texten.

Musik gibt es diesmal vom Erfurter Singer/Songwriter yannzon.

///

am 11. April 2019 — um 19:30 Uhr

im Kulturcafé Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99084 Erfurt)

Eintritt: 5,-€ (ermäßigt 3,-€)

///

Isabelle Lehn, geb. 1979 in Bonn, lebt heute in Leipzig und führt auf den ersten Blick ein erfolgreiches Leben: promovierte Rhetorikerin, Autorin des mehrfach ausgezeichneten Debütromans »Binde zwei Vögel zusammen«, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Alles andere ist Auslegungssache.

Sandra Blume hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Im August 2018 erschien der Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien der Autorin beim Thüringer Landstreicher Verlag. Im Internet sind ihre Texte und Fotos unter www.herzhuepfen.com zu finden.

Antje Lampe, Jahrgang 1989, geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Brandenburg, inzwischen Erfurterin aus Gelegenheit. Studium der Kommunikations- und Sprachwissenschaften. Eobanus-Hessus-Preisträgerin 2018. Als Gründungsmitglied der Aktionsgruppe Eskapismus liest sie regelmäßig Texte auf eigenen oder fremden Bühnen vor.

yanzzon ist ein Singer/Songwriter aus Erfurt, der mit Piano und Gitarre stimmungsvolle Klangwelten erschafft und seine selbst komponierten Songs wie Filmmusiken erklingen lässt. Seine Texte verbinden Traumbilder mit Autobiographischem, Improvisation und Experimentierfreude sind wesentliche Elemente seiner Liveauftritte. www.yanzzon.de

///

Die unabhängige Lesereihe IN GUTER NACHBARSCHAFT gehört zum festen Bestandteil der Thüringer Literaturszene. Sie vereint seit 2014 neue Lyrik und Prosa mit aktueller Musik. Über zahlreiche selbst organisierte Veranstaltungen hinaus wird die Lesereihe von Kulturveranstaltern im gesamten Freistaat als zuverlässiger Partner für anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur geschätzt.

IN GUTER NACHBARSCHAFT ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen.

Außerdem sind wir Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen.

Raniser Debüt: Lisa Goldschmidts „Tage Fragmente“

Im Sommer 2017 trug Lisa Goldschmidt im Rahmen unserer Lesereihe Gedichte in Schillers Gartenhaus in Jena vor. Nun ist ihr Band Tage Fragmente in der Reihe „Raniser Debüt“ des Lese-Zeichen e.V. Jena erschienen. Mario Osterland hat das Buch gelesen und rezensiert.

lisa_goldschmidt
Lisa Goldschmidt (Foto: privat)

Tage Fragmente heißt Lisa Goldschmidts Debüt, doch ihre Texte erscheinen nicht eigentlich fragmentarisch, sondern eher wie Absplitterungen von etwas Größerem, dessen sich die Autorin weiter anzunähern versucht. Jede abgeklärt wirkende, abgeklärt spielende Pose ist ihr fremd, was den Gedichten eine bemerkenswerte Zartheit verleiht.

Die vollständige Rezension ist auf den Seiten von fixpoetry.com zu lesen. Das „Raniser Debut“ wird jährlich ausgeschrieben und bietet literarischen Newcomer*innen die Chance ihr erstes Manuskript mithilfe eines professionellen Lektorats fertigzustellen und zu veröffentlichen. Alle Infos dazu gibt es hier.

Rückschau: IN GUTER NACHBARSCHAFT #19

Gemütlich war’s zur Kneipenedition von IN GUTER NACHBARSCHAFT am 7.12. im Salon Konetzny in Weimar. So gemütlich, dass wir ganz vergessen haben ein paar mehr Fotos für euch vom Abend zu machen. Darum gibt es diesmal ausnahmsweise nur einen kleinen Eindruck vom Autorengespräch mit Michael Bittner, in dem er seine Zeit als unfreiwilliger Sachverständiger für so ziemlich alles was in den letzten Jahren in Dresden geschah, Revue passieren zu lassen. „Politik ist auch immer so ein downer.“, so sein Zwischenfazit, das uns nicht davon abhält im kommenden Jahr unseren Fokus verstärkt auf Autor*innen zu setzen, die sich in ihren Texten politisch und/oder gesellschaftskritisch positionieren. Wir informieren euch natürlich rechtzeitig über alles was 2019 passieren wird.

Wir bedanken uns herzlich bei der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. und der Thüringer Staatskanzlei für die Unterstützung unserer Lesereihe, bei Michael Bittner und allen Autor*innen, die 2018 bei uns zu Gast waren, beim Team vom Salon Konetzny und alles Menschen, in deren Räumen wir zu 2018 zu Gast sein durften. Nicht zuletzt ein herzlicher Dank an alle, die unsere Veranstaltungen besuchen, besucht haben und besuchen werden.

Wir treten nun einen langen Winterschlaf an. Bis bald.

Mirandolina Babunashvili bei hr2-Kultur

Bereits im Juni hatten wir voller Freunde darauf hingewiesen, dass Mirandolina Babunashvili den diesjährigen hr2-Literaturpreis gewonnen hat. Im Nachgang der Frankfurter Buchmesse war sie bei hr2-Kultur zu Gast. Das 25-minütige Gespräch über ihren Werdegang, ihr Schreiben und die literarischen Szenen Hessens und Thüringens kann man unter diesem Link nachhören.

mira02_skiba
Mirandolina Babunashvili (Foto: Dirk Skiba)