„Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und der Freistaat schätzt dieses Potential auch.“

Am 11. April kehrt „In guter Nachbarschaft“ einmal mehr ins Franz Mehlhose nach Erfurt zurück. Dann wird neben Isabelle Lehn und Antje Lampe auch Sandra Blume aus ihren Texten lesen. Wir stellen die Autorin aus Marksuhl im Kurzinterview vor. Ihre Website mit zahlreichen Gedichten und Fotos ist hier zu finden.

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Sandra Blume hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Im August 2018 erschien der Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien der Autorin beim Thüringer Landstreicher Verlag. (Foto: Yvonne Bartsch)

Liebe Sandra, auf deiner Website gibst du die Selbstauskunft „[Die] Dichterin lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem kleinen Haus auf einem kleinen Hof im Thüringer Wald.“ Das klingt nach einem recht idyllischen Leben.

In gewisser Weise ist das natürlich idyllisch. Ich brauche es ruhig und grün und mit eher weniger Menschen. Ich bin sehr nah an der Natur und registriere die kleinsten Veränderungen im Wechsel der Jahreszeiten, selbst im Licht des Tages. Das brauche ich sehr – wobei ich auch Momente der Ruhe finden muss, das aufzunehmen und vor allem schreibend umzusetzen. Leben im ländlichen Idyll bedeutet nämlich auch: viel Arbeit in Haus und Garten. Obwohl ich durchaus sehr gern in der Erde rumwühle, Blumen pflanze oder Steine schleppe.

Wie nimmst du das literarische Leben oder das Literaturland Thüringen von außerhalb der größeren Städte wahr?

Ich bin dankbar, dass es facebook gibt. Ich habe mich hierüber mit anderen, die schreiben und veröffentlichen vernetzt. Mit Autoren, Verlagen, Initiativen und Einrichtungen. Das ist ungemein bereichernd. Das literarische Leben in den größeren Städten kam mir immer ein wenig elitär vor und ich habe mich als die „Provinzdichterin“, als die ich mich lange empfunden habe, ein bisschen davor versteckt. Unterdessen verbinden mich doch eine Reihe von literarischen Freundschaften mit „Stadtkollegen“. Ich finde, Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und in meiner Wahrnehmung schätzt der Freistaat dieses Potential auch.

Dein Schreiben folgt einem recht sensitiven, im Grunde romantischen Ansatz. Woher kommt das deiner Meinung nach?

Ich bin ein sehr sensitiver oder noch besser: sehr sinnlicher Mensch. Ich bin wie ein Schwamm, der die kleinsten Details aufsaugt. Und dann kommt das Gefühl dazu und irgendwann später (oder auch gar nicht ;-)) setzt der Verstand ein. Und ja, ich bin romantisch. Ich finde das Leben tatsächlich schön und ich halte mich vorzugsweise an das Schöne.

Sind dir als Dichterin die Klassiker*innen und Romantiker*innen etwas näher, als z.B. zeitgenössische Lyriker*innen?

Nein überhaupt nicht. Ich mag natürlich Rilke – das war meine erste Lyrikliebe und ich mag noch heute diese starken, singenden Gedichte. Meine literarischen Wurzeln liegen aber eher bei Hilde Domin und vor allem bei Eva Strittmatter, deren bodenständige, treffsichere Texte mir viel bedeuten. Ich lese viel zeitgenössische Lyrik und gehe auch gern zu Lesungen in die größeren Städte, wenn ich irgendwie dafür Zeit finde.

Du teilst deine Gedichte bisher vor allem online und häufig in Verbindung mit Naturfotografien. Welchen Stellenwert hat diese zweite Kunst für dich bzw. die Verbindung von Bild und Text?

Die Sache mit den Fotos ist eigentlich nur ein Mittel zum Zweck gewesen, weil ich meine Texte in den Sozialen Medien bebildern musste. Ich bin keine wirklich leidenschaftliche Fotografin und von der Technik habe ich fast gar keine Ahnung. Aber mir haben viele gestandene Fotografen gesagt, dass ich einen ungewöhnlichen Blick für den richtigen Moment hätte. Ich habe zum Fotografieren noch weniger Zeit als zum Schreiben. Auf dem Weg zur Arbeit kurz anhalten, in zwei Minuten festhalten, was mich zum Anhalten gebracht hat und dann weiter eilen, weil das Kind im Auto zur Schule muss und schon die Augen verdreht. Ich mag allerdings diese Verbindung, die ich dann schaffen kann – zwischen Fotos und Texten. Manchmal entsteht beides im gleichen Moment, oft illustriert sich so ein Text dann später wie von selbst mit dem richtigen Foto.

Vielen Dank für deine Antworten. Wir freuen uns auf deine Lesung in Erfurt!

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Lesung, Gespräch, Musik mit Isabelle Lehn, Sandra Blume, Antje Lampe und yanzzon

11. April 2019 – 19:30 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99089 Erfurt)

Eintritt: 5,- € / ermäßigt 3,- € (nur Abendkasse)

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„Meine Freundin hat lange gedacht, ich hätte das Wort Lampenfieber erfunden.“

Am 11. April kehrt „In guter Nachbarschaft“ einmal mehr ins Franz Mehlhose nach Erfurt zurück. Diesmal ist auch die Erfurter Autorin Antje Lampe mit dabei. Und das nicht zum ersten Mal. Ein willkommener Anlass für ein kleines Interview.

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Antje Lampe, Jahrgang 1989, geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Brandenburg, inzwischen Erfurterin aus Gelegenheit. Eobanus-Hessus-Preisträgerin 2018. Als Gründungsmitglied der Aktionsgruppe Eskapismus liest sie regelmäßig Texte auf eigenen oder fremden Bühnen vor. (Foto: Krajamine)

Als „In guter Nachbarschaft“ zum ersten Mal in Erfurt gastierte, warst du mit dabei. Wie hast du den Abend in Erinnerung?

„In guter Nachbarschaft“ war nach dem KoCOLORes und der Spätlese erst die dritte öffentliche Lesung, bei der ich in Erfurt mitgemacht habe. Mit Franz Mehlhose waren wir in einer meiner Lieblingslokale, aber ich muss zugeben, dass ich riesiges Lampenfieber hatte. Meine spanischsprachige Freundin Silvia hat übrigens lange gedacht, ich hätte das Wort „Lampenfieber“ erfunden.

Zweieinhalb Jahre sind seither vergangen. Was ist in der Zwischenzeit bei dir passiert?

Es ist auf jeden Fall einiges an Leseerfahrung dazu gekommen. Ich war viel mit der Aktionsgruppe Eskapismus unterwegs und habe mit meinen Literatur-Kumpanen Freddy und Fuchstraum an ganz verschiedenen Orten in Thüringen und anderswo gelesen. Im Herbst 2017 haben wir dann auch unseren „Wortwald“ herausgebracht, eine Anthologie mit Texten von mitteldeutschen Autor*innen und wunderbaren Illustrationen von Krajamine. Außerdem arbeite ich inzwischen an einem Roman.

Welche Themen oder Genres interessieren dich derzeit bzgl. deiner schriftstellerischen Arbeit hauptsächlich?

Zur Zeit beschäftige ich mich viel mit dem „Coming of Age“-Thema. Das Heranwachsen mit seinen kleinen, einschneidenden Moment, kaum sichtbar vielleicht, aber umso stärker für die Protagonisten spürbar – das sind Momente, von denen ich erzählen will. Das ist auch die Grundlage für den Roman, den ich zu schreiben versuche.

Du bist eines der drei Mitglieder der „Aktionsgruppe Eskapismus“. Was genau macht ihr da?

Ganz einfach: schreiben, lesen und über das Leben und die Welt sprechen. Letzteres aber nicht immer mit Publikum. Dem bringen wir dafür manchmal Schnaps mit. Das ist ja auch was.
In seriös bedeutet das: Wir sind eine Autorengruppe, die auf gemeinsamen Veranstaltungen eigene Texte vorliest und dazu gern auch andere Autor*innen einlädt. Ich wäre früher gern Teil einer Band geworden, aber mein musikalisches Talent ist nicht ganz so ausgeprägt. Im Grunde ist die Aktionsgruppe Eskapismus eine literarische Band.

Von jungen Autor*innen wird immer mal wieder mehr Beteiligung am politischen Diskurs gefordert. Ist es da als statement zu verstehen, dass ihr euch das Wort Eskapismus auf die Fahne schreibt?

Im Gegenteil, die Aktion ist das Statement. Autor*innen und Leser*innen wird gern vorgeworfen, dass sie eine Art Weltflucht begehen würden. Dem setzen wir die Aktion entgegen. Wir wollen nicht nur in unseren eigenen Zimmern hocken, auf Bildschirme schauen und uns in unseren selbst erschaffenen Welten verlieren – wir kommen auch sehr gern aus unseren Schreibhöhlen heraus und fordern zur Aktion auf. Es ist zwar ein Oxymoron, aber für uns passt Aktionsgruppe sehr gut mit Eskapismus zusammen.

Worauf können wir uns bei deiner Lesung am 11.4. freuen?

Auf eine Gruppe von Freunden, die sich als Ziel für eine private Abifahrt einen spießigen Ferienpark ausgesucht haben und dort zwischen Vorzeigefamilien und Frühstücksbuffet mit ihren persönlichen, kleinen Tragödien klar kommen müssen.

Darauf freuen wir uns, liebe Antje. Vielen Dank für deine Antworten.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Lesung, Gespräch, Musik mit Isabelle Lehn, Sandra Blume, Antje Lampe und yanzzon

11. April 2019 – 19:30 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99089 Erfurt)

Eintritt: 5,- € / ermäßigt 3,- € (nur Abendkasse)

 

„Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut.“

Der er aus Pößneck stammende Dichter und Musiker Robert Wenzl war mit und ohne Gitarre Gast unserer Lesereihe. Mit seiner neuen Band Innung für Rockmusik veröffentlichte er unlängst die EP Algorithmenwind. Grund genug für ein kleines Interview.

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Die Band Innung für Rockmusik um den Songwriter Robert Wenzl (2.v.l., Foto: Jakob Schmitt)

 

 

Mario Osterland: Lieber Robert, ich habe dich als Dichter und Singer/Songwriter kennengelernt, außerdem als Gitarrist der Band Lightcap. Jetzt bist du mit einer neuen Band am Start. Wie kam es dazu?

Robert Wenzl: Es gibt da verschiedene Gründe. Zum einen hatte ich nach der dritten CD als Singer/Songwriter das Bedürfnis, etwas Neues zu machen. Ich wollte textlich mehr Bewegungsfreiheit und dass die Lieder mehr Eigenständigkeit bekommen. Als Singer/Songwriter denken viele, dass die Lieder von einem selbst handeln. Aus dieser Falle wollte ich raus. Zum anderen begann vor Jahren mein Interesse zu Musik eigentlich mit Rock und Metal, von daher lag da schon immer eine Spur, die ausbaufähig war. Und in den letzten Jahren war der deutschsprachige Mainstream-Pop zwar immer größer, jedoch auch immer phrasenhafter geworden. Besonders die Musik klingt zur Zeit sehr gleich, selbst bei Indiebands. Wir, immer noch die gleichen Leute wie bei Lightcap, haben dann angefangen herumzuprobieren mit rockigeren Sachen, was sehr gut für uns funktioniert hat. Von den Texten her habe ich mich versucht von eigenen Erfahrungen zu lösen und habe sehr viel mit Zitaten gearbeitet. So entstanden dann sehr eigenständige, collagenartige Lieder, die ganz anders klangen als die Sachen, die ich und wir zuvor gemacht haben.

M. Osterland: Der Name Innung für Rockmusik klingt nach Interessenvertretung. Wie steht’s denn deiner Ansicht nach mit der Rockmusik 2019?

R. Wenzl: Puh, schwierige Frage. Natürlich schwingt im Bandnamen auch etwas Ironie mit, jedoch stimmt schon deine Vorahnung: Irgendwie dachte ich, dass besonders in der deutschsprachigen Musik der Rock ein Nischendasein fristet und eine eigentlich eine Vertretung bräuchte. In der DDR gabs ja eine große Szene, und in den 60ern und 70ern der BRD war Rock sogar im Mainstream. Aber das sind heute alles ältere Leute, die entweder schon lange keine Musik mehr machen oder nur noch eine ältere Hörerschaft ansprechen (Westernhagen, Wolfgang Niedecken). Jüngere Bands spielen so etwas nicht, frei nach Nietzsche könnte man also sagen: Rock ist tot. Aber das war eben auch der große Reiz: Musikalisch ist man bei Rock stark festgelegt, aber textlich empfand ich die Musik als großen Möglichkeitsraum, da man eigentlich wenig Konventionen hat, die man erfüllen muss.

M. Osterland: Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess der Platte? Bist du mit fertigen Songs ins Studio gekommen oder habt ihr die zusammen entwickelt?

R. Wenzl: Die meisten Songs sind über den Zeitraum eines Jahres entstanden. Ich hatte angefangen, ein paar Rocksongs von Bob Dylan zu übersetzen, um ein bisschen Sprachgefühl für die Musik zu entwickeln, dann habe ich Gedichte und andere Textbausteine gesammelt und einfach auf große Blätter geschrieben. Davor habe ich dann angefangen zu improvisieren und die Lieder geschrieben. Deshalb waren die meisten Lieder schon relativ fertig, bevor wir die ersten Proben gemacht haben. Jedoch hat sich in den Proben mit der Band erst so richtig gezeigt, was Potential hat und was nicht. Wir haben dann noch viel herumprobiert, verändert, besonders hier und da mal eine Strophe gestrichen oder etwas verkürzt, damit die Songs knackiger werden. Ins Studio gegangen sind wir dann mit fertigen Liedern. Das Studio in Frankfurt am Main ist in einem alten Bunker, man ist dort ein bisschen abgeschieden von der Welt und kann sich gut auf die Musik konzentrieren. Nach gerade einmal zwei Tagen war alles aufgenommen, es waren glaube ich die stressfreisten Aufnahmen, die ich bisher hatte.

M. Osterland: Worum geht es deiner Meinung nach in den Songs?

R. Wenzl: Grundsätzlich ist das natürlich den Hörer*Innen überlassen. Aber gerade weil es keine persönlichen Stoffe waren, habe ich natürlich auch angefangen mich zu fragen, worum es denn so geht. Am Ende sind es immer noch Songs, es geht also oft um große Themen wie Liebe, Leben, Einsamkeit, Tod. ‚Rippenbruch‘ etwa finde auch ich noch interessant, in dem Text deuten sich für mich Identitätsverlust und Prostitution an, dazu Verwahrlosung und Lust – eine ganz hübsche Mischung, finde ich. ‚Tote Filmstars‘ bringt in mir so ein Roadtrip-Gefühl hoch, das finde ich auch nicht schlecht. Aber wie gesagt, irgendwie treiben die Texte, dadurch dass sie nicht von mir sind, ein Eigenleben. Ein schöner Spuk.

M. Osterland: Das erste Stück der EP heißt „Albany“. Ich muss zugeben, dass ich da erstmal an Roger Whittaker denke musste. Der Song hat aber einen anderen, doch recht besonderen Hintergrund, oder?

R. Wenzl: Wir mussten natürlich auch an Whittaker denken und hatten unsere Freude daran. Wieso kennen wir den eigentlich? Schlager scheint man nicht aus dem Weg gehen zu können! ‚Albany‘ als Titel ist Ergebnis einer gewissen Verfremdung. Für das Lied hatte ich mir ein paar Zeilen von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau geliehen, der im Barock der Begründer des Galanten Stils war – was schon für sich genommen witzig klingt. Er hat ein, wenn du mich fragst, recht anzügliches Liebesgedicht an eine Gewisse Albanie geschrieben. Die Betonung liegt auf dem E am Ende, was sich aber nicht gut singen lässt, deswegen ‚Albany‘. Die ersten zwei Zeilen sagen schon alles: „Albanie, gebrauche deiner Zeit / Und laß den Liebeslüsten freien Zügel“. Die vielen Zeilen danach sind ein Versuch, sie ins Bett zu bekommen, mit allerlei bildlicher Sprache. Und anscheinend liegt es bei ihr zu bestimmen, ob sie ihn lässt oder nicht. Man muss dieses Gedicht einfach mal lesen, auch weil es so offen sexuell ist. Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut. Anscheinend war Sexualität vor dem Aufkommen des Bürgertums noch weniger tabuisiert. Ich habe dann auch weiter zurückgeschaut und festgestellt, dass selbst Walther von der Vogelweide offener über Verlangen und Sex schreiben konnte als Goethe und Schiller zusammen. Deswegen waren besonders ältere Texte für mich eine Bereicherung für meine Bildsprache. ‚Albany‘ kann da als gutes Beispiel dienen.

M. Osterland: Das heißt dein Songwriting ist nach wie vor recht stark mit deinen Erfahrungen als Dichter und Lyrikleser verbunden.

R. Wenzl: Ich würde sogar sagen, dass nun mein Songwriting deutlich stärker von meinen Erfahrungen als Dichter geprägt ist als zuvor. Ich sehe da eindeutig einen Methodentransfer von der Dichtung hin zur Musik. Ich hoffe nur, dass man den Liedern nicht (im negativen Sinne) anhört, dass sie etwas verkopfter sind. Schließlich sind es immer noch Songs und keine Gedichte, auch wenn das sich nicht prinzipiell ausschließt, ist es für mich nicht das Gleiche.

M. Osterland: Du warst im letzten Jahr Teilnehmer des Literaturwettbewerbs „open mike“. Das ist ja eine recht gute Bühne, um von dort aus weitere Schritte zu gehen. Wie sieht es derzeit mit deiner schriftstellerischen Tätigkeit aus?

R. Wenzl: Der „open mike“ war für mich gleichzeitig eine Motivation als auch Ruhepunkt, wenn nicht ein Stocken. Vor dem Wettbewerb war ich sehr motiviert und hatte neue Sachen, hauptsächlich Lyrik, geschrieben. Aber nach dem Wettbewerb war irgendwie die Luft raus. Ein paar Monate machte ich erst einmal eine Pause und kam zu nichts, nutzte die Zeit zum Lesen, Nachdenken, Entspannen. Aber seit Februar habe ich wieder Wind in den Segeln, schreibe nun deutlich mehr Prosastücke und versuche, dort mehr eine eigene Sprache zu finden. Ein paar Texte werde ich nun bei Wettbewerben und Zeitschriften einreichen. Man könnte also sagen, es läuft wie zuvor: viel Schreiben, viel Freude daran, aber wenig Resonanz. Jedoch nicht im Schlechten, es macht mir riesigen Spaß, ohne Druck einfach draufloszuschreiben. Und mal schauen, was das Jahr mit sich bringt. Es muss ja nicht die letzte Teilnahme am „open mike“ gewesen sein, oder?

M. Osterland: Na hoffentlich nicht! Ich wünsche dir in jedem Fall viel Erfolg mit der neuen Band und dem natürlich auch mit der Literatur. Vielen Dank für deine Antworten.

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Robert Wenzl, geboren 1990 in Pößneck. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studiert er seit 2014 Geografie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe 33 und HANT – Magazin für Fotografie. 2018 war er Finalist beim Literaturwettbewerb open mike. Er lebt in Berlin.

Das Debüt von Lennardt Loß ist da!

Dieser Tage erscheint das Debut unseres Freundes Lennardt Loß. Mit einem Auszug aus Und andere Formen menschlichen Versagens war er u.a. beim Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann Preis angetreten. Jetzt könnt ihr die komplette Story um die nach einem Flugzeugabsturz verschollene Marina Palm lesen. Weitere Infos zum Buch gibt es hier.

Wir gratulieren Lennardt Loß herzlich zum Debüt und sagen: lesen, lesen, lesen!

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Lennardt Loß, wurde 1992 in Braunschweig geboren. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Jena, danach Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main. Er war u.a. Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2017 und 2018, im Frühjahr 2019 ist er Stipendiat der Roger Willemsen-Stiftung in Hamburg.

Raniser Debüt: Lisa Goldschmidts „Tage Fragmente“

Im Sommer 2017 trug Lisa Goldschmidt im Rahmen unserer Lesereihe Gedichte in Schillers Gartenhaus in Jena vor. Nun ist ihr Band Tage Fragmente in der Reihe „Raniser Debüt“ des Lese-Zeichen e.V. Jena erschienen. Mario Osterland hat das Buch gelesen und rezensiert.

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Lisa Goldschmidt (Foto: privat)

Tage Fragmente heißt Lisa Goldschmidts Debüt, doch ihre Texte erscheinen nicht eigentlich fragmentarisch, sondern eher wie Absplitterungen von etwas Größerem, dessen sich die Autorin weiter anzunähern versucht. Jede abgeklärt wirkende, abgeklärt spielende Pose ist ihr fremd, was den Gedichten eine bemerkenswerte Zartheit verleiht.

Die vollständige Rezension ist auf den Seiten von fixpoetry.com zu lesen. Das „Raniser Debut“ wird jährlich ausgeschrieben und bietet literarischen Newcomer*innen die Chance ihr erstes Manuskript mithilfe eines professionellen Lektorats fertigzustellen und zu veröffentlichen. Alle Infos dazu gibt es hier.

Mirandolina Babunashvili bei hr2-Kultur

Bereits im Juni hatten wir voller Freunde darauf hingewiesen, dass Mirandolina Babunashvili den diesjährigen hr2-Literaturpreis gewonnen hat. Im Nachgang der Frankfurter Buchmesse war sie bei hr2-Kultur zu Gast. Das 25-minütige Gespräch über ihren Werdegang, ihr Schreiben und die literarischen Szenen Hessens und Thüringens kann man unter diesem Link nachhören.

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Mirandolina Babunashvili (Foto: Dirk Skiba)

Nachlese: Niklas L. Niskate

Kreuzschlag

hungrige wanderer. gestanzt in
orientierung am tag. aber nachts
fetzen. sezierte zensuren
überreste. sanft abgeschlagen

synonyme der zeitdiktatur. in fenstern
sitzende leere. blinde
auf immerfort wachsenden gipfeln
tanzende kinder die gesichter grimassen

optionssinne ausgefahren
zugänglich. ausgerechnete bäume

drehst du diesen körper zu
mir wird es abend. fast bodenlos ich seh dich
verschwommen dreimal die dämmerungen
schlagen die hände die köpfe zum

Dopplungen, fließende

Niklas L. Niskates neuem Gedichtband liegt eine Doppelstruktur des Schreibens zugrunde, wie man aus einer Selbstauskunft des Autors erfährt. Er ließ beim Schreiben der Texte erst einmal alles zu, häufte so sehr viel Textmaterial an, aus dem dann die eigentlichen Gedichte herausgearbeitet wurden. Der Doppelsinn des Titels deutet das schon an. Jeder aufzulösende Knoten muss erst einmal geknüpft werden oder zumindest geknüpft sein. Niskates Knoten sind seine Gedichte, gemacht aus einer Sprache, die auf dem Prüfstand steht, die nicht feststeht, sondern sich im Fließen befindet. Assoziativ erscheinen seine Aneinanderreihungen, assoziativ auch die Brüche innerhalb der Texte.

Dieses Changieren zwischen Gewiss- und Ungewissheiten bestimmen nicht nur sein neues Buch, das im Grunde nur die halbe Wahrheit ist, sondern auch seine Auftritte. Fern der klassischen Lyriklesung performt Niskate seine Texte mit einer Loopstation, die ihm erlaubt, auf der Grundlage des Geschriebenen Musik entstehen zu lassen. Denn wenn die Sprache durchlässig ist, sind es die künstlerischen Gattungen erst recht. So ist es nur konsequent, dass der Autor seine Gedichte zudem in Computergrafiken übersetzt und zur Illustration seines Bandes verwendet hat.

Entwicklung der Knoten ist ein komplexes Unterfangen, das durch seine Offenheit jedoch einlädt, hier und da ein Stück herauszupicken und selbst weiterzuspinnen, weiterzuweben, weiterzu(ent)wickeln.

mo

Hier geht’s zum Buch.