Rückschau: IN GUTER NACHBARSCHAFT #21

Für die 21. Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT kehrten wir am 17. Mai in die ACC Galerie nach Weimar zurück. Die Leipziger Autorin Deniz Ohde stellte im Gespräch mit Moderator Gorch Maltzen ihr Romanprojekt „Silberfarm“ vor und las anschließend aus dem noch unveröffentlichten Manuskript.

Zuvor las die Weimarerin Sina Stolp aus ihrer Sammlung von Prosaminiaturen. Kathleen Kröger teilte mit Text und Bildprojektionen ihre Beobachtungen aus der Erfurter Graffiti-Landschaft.

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Gerahmt und begleitet wurde der Abend mit den Songs und Musikperformances des Weimarer Medienkünstlers Tommy Neuwirth, der mit vollem Körpereinsatz und spektakulärer Lichtshow für bleibenden Eindruck sorgte.

Wir bedanken uns bei allen beteiligten Künstler*innen, Förder*innen und Freund*innen, die den Abend ermöglicht haben! (Alle Fotos: Anne Osterland)

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23.11. – Erfurt – Lesung mit Gorch Maltzen und Beate Weston-Weidemann

Im Rahmen der Erfurter Herbstlese stellt die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. die aktuellen Bände der Edition Muschelkalk vor. Beate Weston-Weidemann liest anlässlich dessen aus ihrem Gedichtband Partitur der leisen Geräusche. Außerdem liest unser neues Teammitglied Gorch Maltzen aus seinem Erzählband Sträuben, der mehr als eine Empfehlung wert ist!

am 23.11.2018 – um 19 Uhr

im Kulturhaus Dacheröden (Anger 37, 99084 Erfurt)

Eintritt: 10,-€/ermäßigt 8-€

Weitere Informationen gibt es hier.

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Gorch Maltzen (Foto: Nija-Maria Linke)

Robert Wenzl beim 26. open mike

Wir freuen uns sehr darüber, dass unser Nachbar Robert Wenzl zum diesjährigen open mike eingeladen wurde. Auf dem Wettbewerbsblog gibt er Auskunft über sich und sein Schreiben – und erinnert sich auch an uns zurück.

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Robert Wenzl (Foto: Julia Hauck)

Wer liest Deine Texte zuerst?
Ein paar enge Freunde lesen meine Texte meist zuerst. Man muss sich ja ein wenig kennen, um ernsthafte Kritik üben zu können. Manchmal stelle ich meine Texte auch anderen jungen Autoren vor, die ich aus meiner Jenaer Zeit kenne und die sich um die Lesereihe In guter Nachbarschaft um Mario Osterland und Peter Neumann zusammengefunden haben.

Nach einem aktuellen Literaturtipp gefragt antwortet Robert:

Gorch Maltzens »Sträuben«. Nicht nur ist dieses Buch verdammt schlau, sondern auch verdammt gut und unterhaltsam erzählt. Die Dialoge und Erzählungen darin haben in mir einen starken Eindruck einer absurden bis komischen Verlorenheit hinterlassen. Wer also gern über den postmodernen Abgrund schaut, darf sich eingeladen fühlen, dieses Buch zu kaufen.

Da schließen wir uns natürlich an, drücken Robert die Daumen und senden liebe Grüße nach Berlin!

Der open mike ist ein jährlich stattfindender Wettbewerb für junge deutschsprachige Lyrik und Prosa. Er findet in diesem Jahr vom 16. bis 18. November im „Heimathafen Neukölln“ statt. Alle Infos dazu gibt es hier.

Das ganze Interview mit Robert Wenzl kann man hier nachlesen.

Bücherschau im Frühjahr 2018 – Teil 5

Den Weimarer Autor Gorch Maltzen lernten wir 2016 als Gast am offenen Mikrofon von „In guter Nachbarschaft“ kennen. Seither verfolgen wir sein literarisches Schreiben und freuen uns sehr nun sein Debut Sträuben (Edition Muschelkalk) vorstellen zu können. Der Band enthält 11 Erzählungen und einen dramatischen Text, der in drei Akte aufgegliedert ist und die einzelnen Kapitel der Textsammlung einleitet.

Gorch Maltzen hat einen Weg gefunden von der unmittelbaren Gegenwart zu erzählen und es geschafft dabei angegriffene Sprachformen hinter sich zu lassen. Inhaltslose Ironie oder zynische Lakonie wird man in Sträuben ebenso wenig finden, wie pseudophilosophische Generationenbilder und postmoderne Knalleffekte. Stattdessen gilt es hier einen neuen erzählerischen Sound zu entdecken, der vielfältige Themen und Phänomene von Arbeitsverhältnissen, Männlichkeitskonzepten oder Paarbeziehungen genau jetzt, genau hier verhandeln.

Gorch Maltzen im Interview auf unserer Website.

Gorch Maltzen zu Gast bei Blaubart & Ginster im Radio OKJ am Montag, den 2. April um 15 Uhr.

Die Website des Autors.

26.8. – Eisenach – Sommerfest der Poesie

IN GUTER NACHBARSCHAFT beim Sommerfest der Poesie in Eisenach

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Samstag, 26. August 2017 – Reuter-Wagner-Museum, Reuterweg 2 (an der Auffahrt zur Wartburg)

Beginn: 16:00 Uhr

Eintritt: 10,- € / ermäßigt 8,- € (Tageskarte)

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Zum ersten Mal veranstaltet die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. ein Sommerfest der Poesie. An verschiedenen Orten der Eisenacher Südstadt stellt sie Projekte vor, mit denen sie im vergangenen Jahr Literatur ins Thüringer Land getragen hat. Bis in die Nacht hinein lassen sich so Literatur, Film und Musik genießen.

Peter Neumann und Mario Osterland stellen im Rahmen des Sommerfestes die Reihe „In guter Nachbarschaft“ mit einer Lesung vor. Unterstützt werden die beiden Organisatoren dabei vom Gastautor Gorch Maltzen aus Weimar. https://gorchmaltzen.wordpress.com/

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Das Gesamtprogramm des Sommerfests gibt es hier.

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„In guter Nachbarschaft“ ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird durch die Thüringer Staatskanzlei gefördert. Organisiert von Julia Hauck, Peter Neumann und Mario Osterland.

https://inguternachbarschaft.com/

„In guter Nachbarschaft“ ist Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen. (http://lesereihen.org/)

„Was passiert, wenn man in einen Vulkan springt“ von Gorch Maltzen

Bereits Ende September hatten wir den Weimarer Autor Gorch Maltzen im Interview vorgestellt. Anfang November war er in Erfurt zu Gast am offenen Mikrofon bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #11. Hier könnt ihr nun seinen Text „Was passiert, wenn man in einen Vulkan springt“ nachlesen.

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Gorch Maltzen am offenen Mikrofon bei IGN #11 in Erfurt. (Foto: Julia Hauck)

„Ich glaube, man bleibt auf der Lava liegen wegen der Oberflächenspannung, so wie ein Wasserläufer auf einem Teich. Ich denke nicht, dass man einfach hinein fällt und verschwindet, verdampft. Man verschmort eher langsam.“, sagte Simon.

Joshua, sein Freund, gerade erst vierzehn, sechs Monate jünger, deshalb kleiner, aber auch körperlich kleiner, Simon war fast eineinhalb Köpfe größer, Joshua hoffte noch auf einen Wachstumsschub, glaubte ihm sofort, glaubte ohnehin jede These, die Simon aufstellte ohne Beweis, mit offenem Mund. Und Simon wusste noch mehr: „Es gibt einen Vulkan in Japan, da begehen jedes Jahr fünfhundert Leute Selbstmord. Das sind fast zwei am Tag.“ So groß Simons Faktenwissen war, so emotionslos war sein Ton.

Die beiden Jungen standen im Arbeitszimmer von Simons Vater, umgeben von Andenken aus dem Himalaya, Lebloses wie Steine oder Bedeutungsloses wie Utensilien für ausgestorbene Riten. Alles Dinge, die einem Besucher das Gefühl gaben noch nichts von der Welt gesehen zu haben. Alles Dinge, die seinen Vater Vorträge halten ließen, wenn man so dumm war und fragte. Alles Dinge, die Simons Mutter nach der Scheidung nicht für sich beanspruchen wird. Wie die vulkanologischen Karten, die er ihr bei ihrem ersten Date gezeigt hatte. Sie sagte nur: „Du beschäftigst dich also mit der Form der Hölle.“ Sie mochte Poesie. Er wollte sie korrigieren, erinnerte sich aber, dass er nicht im Hörsaal war. Sie ein Gast, ein Mädchen, nicht so sehr seine Studentin in diesem Moment. Später einmal nannte sie ihn ihren Mephisto, er sie sein Licht, dann nichts mehr und dann für eine ganze Zeit Schlampe und schließlich Ex. Simons Mutter war schon Nichts, als die Jungen sich den Nachmittag vertrieben mit ihrem Spiel. Das Spiel bestand darin, einen vom anderen gewählten Schmerz auszuhalten. Simons Hand war rot, weil er sie auf die Herdplatte gedrückt hatte. Joshua hatte gejohlt. Simon würde sich später einmal an diesen Nachmittag erinnern und sich rechtfertigen, wie langweilig ihnen war, wie pubertär sie waren mit den Hormonen und allem, wie notgedrungen sie nach etwas suchten, das sie wirklich fühlten, so überwältigend und ganz. Es umgab sie ein Altherrenmuff, dessen würziges Aroma ihnen irritierend angenehm war, etwas ankündigte, das sie noch nicht benennen konnten. Simon bewunderte seinen Vater und Joshua bewunderte Simon. Nadeln zur Markierung von Gesteinsschichten waren die nächste Mutprobe, würden später dann eine nach der anderen unter Joshuas Haut stecken.

Am selben Nachmittag beschloss, nachdem er durch die Bordelle Tokios gezogen war ohne eine Antwort zu finden, der rechtmäßige Erbe eines Hotelimperiums, gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt, zu sterben. Er war nach Japan gereist, um sich spirituell zu reinigen, um Cassandra zu vergessen, diese eine wahre perfekte Zehn. Blonde Haare, große Brüste. Er konnte sie nicht kaufen. Er konnte nicht aufhören an sie zu denken. Mit ihr zu schlafen war, wie den ersten Zeh in ein warmes Bad tauchen. Zuerst suchte er noch nach einer Medizin – es gibt so etwas in Japan: eine Wunderheilung. Aber nichts half. Auch nicht der Versuch sich mit Prostituierten zu betäuben. Er hatte von diesem Vulkan gehört – beinahe fünfhundert Menschen pro Jahr sprangen hinein – und begab sich auf den Weg zum Gipfel. Als die Steigung zunahm fiel ihm auf, wie viel er geraucht hatte in letzter Zeit. Der Weg war gesäumt von kleinen Schildern, auf denen stand „Was möchtest du heute Abend essen?“ oder „Morgen wird bestimmt ein schöner Tag.“ Die Bergwacht hatte sie aufgestellt, um Gefährdete auf andere Gedanken zu bringen. Diskutiert wurde zudem die Sperrung des Gipfels.

Nachdem Simons Vater aus der Wüste Gobi zurückgekehrt war, wo er die voranschreitende Desertifikation untersucht hatte – diese sich unaufhaltsam ausbreitende Leere in der Welt – war Simons Mutter schon zu ihrem Freund gezogen. Sein Vater würde nie wieder so richtig zurückkehren. Man hörte manchmal ein Wimmern aus dem Arbeitszimmer. Selten ein Duschen oder Kochen. Manchmal ein Kotzen. Nachdem das Feuerzeug kaputt war, zündete sein Vater jede Kippe mit der letzten an, wollte sehen wie lange er das schafft. Verwahrlosung erfordert auch Kondition.

Joshua wippte vor und zurück auf der genieteten Sitzauflage aus Leder des Arbeitsstuhls. Es steckten bereits drei Nadeln unter der Haut seines rechten Handrückens. Das gleichförmige Vor und Zurück erinnerte Simon, ob er wollte oder nicht, an das unangenehme Ausbleiben der rhythmischen Geräusche seiner Eltern des Nachts. Diesen Geräuschen, die auf Urlaubsreisen gehäuft, immer einem guten Omen entsprachen, etwas das seine Eltern hielt und dämpfte, ermutigte und tröstete. Im Skiurlaub in den Alpen schien ihm einmal sogar, dass eben dieses Wippen in einer sternklaren Nacht eine Schneelawine ausgelöst hatte – sein Fehlen eine ganz eigene Art Katastrophe. Die fürchterliche Hellhörigkeit hatte sich gewandelt in unerträgliche Stille. Seine Eltern in zwei Fremde.

Reflexartig griff Simon Joshuas Hand, um das Wippen zu stoppen. Simons Handfläche war von kleinen Brandblasen übersät. Einen Moment schien ihm, er könnte Joshua bitten, ihre Hände zusammenzunähen. Er hätte es getan, er hätte alles getan für ihn. Simon drückte mit seiner brennenden Hand die Nadeln noch tiefer in Joshuas Hand. Sie spürten sich.

Den beiden Jungen sollte an diesem Nachmittag noch das Fläschchen mit Salzsäure zum Nachweis von Kalk bevorstehen. Simon wird einmal das Ätzmahl an seiner Hand ansehen und denken, wie jung und naiv sie doch waren, wie sie nichts anderes mit ihren Körpern anzufangen wussten.