„Was passiert, wenn man in einen Vulkan springt“ von Gorch Maltzen

Bereits Ende September hatten wir den Weimarer Autor Gorch Maltzen im Interview vorgestellt. Anfang November war er in Erfurt zu Gast am offenen Mikrofon bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #11. Hier könnt ihr nun seinen Text „Was passiert, wenn man in einen Vulkan springt“ nachlesen.

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Gorch Maltzen am offenen Mikrofon bei IGN #11 in Erfurt. (Foto: Julia Hauck)

„Ich glaube, man bleibt auf der Lava liegen wegen der Oberflächenspannung, so wie ein Wasserläufer auf einem Teich. Ich denke nicht, dass man einfach hinein fällt und verschwindet, verdampft. Man verschmort eher langsam.“, sagte Simon.

Joshua, sein Freund, gerade erst vierzehn, sechs Monate jünger, deshalb kleiner, aber auch körperlich kleiner, Simon war fast eineinhalb Köpfe größer, Joshua hoffte noch auf einen Wachstumsschub, glaubte ihm sofort, glaubte ohnehin jede These, die Simon aufstellte ohne Beweis, mit offenem Mund. Und Simon wusste noch mehr: „Es gibt einen Vulkan in Japan, da begehen jedes Jahr fünfhundert Leute Selbstmord. Das sind fast zwei am Tag.“ So groß Simons Faktenwissen war, so emotionslos war sein Ton.

Die beiden Jungen standen im Arbeitszimmer von Simons Vater, umgeben von Andenken aus dem Himalaya, Lebloses wie Steine oder Bedeutungsloses wie Utensilien für ausgestorbene Riten. Alles Dinge, die einem Besucher das Gefühl gaben noch nichts von der Welt gesehen zu haben. Alles Dinge, die seinen Vater Vorträge halten ließen, wenn man so dumm war und fragte. Alles Dinge, die Simons Mutter nach der Scheidung nicht für sich beanspruchen wird. Wie die vulkanologischen Karten, die er ihr bei ihrem ersten Date gezeigt hatte. Sie sagte nur: „Du beschäftigst dich also mit der Form der Hölle.“ Sie mochte Poesie. Er wollte sie korrigieren, erinnerte sich aber, dass er nicht im Hörsaal war. Sie ein Gast, ein Mädchen, nicht so sehr seine Studentin in diesem Moment. Später einmal nannte sie ihn ihren Mephisto, er sie sein Licht, dann nichts mehr und dann für eine ganze Zeit Schlampe und schließlich Ex. Simons Mutter war schon Nichts, als die Jungen sich den Nachmittag vertrieben mit ihrem Spiel. Das Spiel bestand darin, einen vom anderen gewählten Schmerz auszuhalten. Simons Hand war rot, weil er sie auf die Herdplatte gedrückt hatte. Joshua hatte gejohlt. Simon würde sich später einmal an diesen Nachmittag erinnern und sich rechtfertigen, wie langweilig ihnen war, wie pubertär sie waren mit den Hormonen und allem, wie notgedrungen sie nach etwas suchten, das sie wirklich fühlten, so überwältigend und ganz. Es umgab sie ein Altherrenmuff, dessen würziges Aroma ihnen irritierend angenehm war, etwas ankündigte, das sie noch nicht benennen konnten. Simon bewunderte seinen Vater und Joshua bewunderte Simon. Nadeln zur Markierung von Gesteinsschichten waren die nächste Mutprobe, würden später dann eine nach der anderen unter Joshuas Haut stecken.

Am selben Nachmittag beschloss, nachdem er durch die Bordelle Tokios gezogen war ohne eine Antwort zu finden, der rechtmäßige Erbe eines Hotelimperiums, gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt, zu sterben. Er war nach Japan gereist, um sich spirituell zu reinigen, um Cassandra zu vergessen, diese eine wahre perfekte Zehn. Blonde Haare, große Brüste. Er konnte sie nicht kaufen. Er konnte nicht aufhören an sie zu denken. Mit ihr zu schlafen war, wie den ersten Zeh in ein warmes Bad tauchen. Zuerst suchte er noch nach einer Medizin – es gibt so etwas in Japan: eine Wunderheilung. Aber nichts half. Auch nicht der Versuch sich mit Prostituierten zu betäuben. Er hatte von diesem Vulkan gehört – beinahe fünfhundert Menschen pro Jahr sprangen hinein – und begab sich auf den Weg zum Gipfel. Als die Steigung zunahm fiel ihm auf, wie viel er geraucht hatte in letzter Zeit. Der Weg war gesäumt von kleinen Schildern, auf denen stand „Was möchtest du heute Abend essen?“ oder „Morgen wird bestimmt ein schöner Tag.“ Die Bergwacht hatte sie aufgestellt, um Gefährdete auf andere Gedanken zu bringen. Diskutiert wurde zudem die Sperrung des Gipfels.

Nachdem Simons Vater aus der Wüste Gobi zurückgekehrt war, wo er die voranschreitende Desertifikation untersucht hatte – diese sich unaufhaltsam ausbreitende Leere in der Welt – war Simons Mutter schon zu ihrem Freund gezogen. Sein Vater würde nie wieder so richtig zurückkehren. Man hörte manchmal ein Wimmern aus dem Arbeitszimmer. Selten ein Duschen oder Kochen. Manchmal ein Kotzen. Nachdem das Feuerzeug kaputt war, zündete sein Vater jede Kippe mit der letzten an, wollte sehen wie lange er das schafft. Verwahrlosung erfordert auch Kondition.

Joshua wippte vor und zurück auf der genieteten Sitzauflage aus Leder des Arbeitsstuhls. Es steckten bereits drei Nadeln unter der Haut seines rechten Handrückens. Das gleichförmige Vor und Zurück erinnerte Simon, ob er wollte oder nicht, an das unangenehme Ausbleiben der rhythmischen Geräusche seiner Eltern des Nachts. Diesen Geräuschen, die auf Urlaubsreisen gehäuft, immer einem guten Omen entsprachen, etwas das seine Eltern hielt und dämpfte, ermutigte und tröstete. Im Skiurlaub in den Alpen schien ihm einmal sogar, dass eben dieses Wippen in einer sternklaren Nacht eine Schneelawine ausgelöst hatte – sein Fehlen eine ganz eigene Art Katastrophe. Die fürchterliche Hellhörigkeit hatte sich gewandelt in unerträgliche Stille. Seine Eltern in zwei Fremde.

Reflexartig griff Simon Joshuas Hand, um das Wippen zu stoppen. Simons Handfläche war von kleinen Brandblasen übersät. Einen Moment schien ihm, er könnte Joshua bitten, ihre Hände zusammenzunähen. Er hätte es getan, er hätte alles getan für ihn. Simon drückte mit seiner brennenden Hand die Nadeln noch tiefer in Joshuas Hand. Sie spürten sich.

Den beiden Jungen sollte an diesem Nachmittag noch das Fläschchen mit Salzsäure zum Nachweis von Kalk bevorstehen. Simon wird einmal das Ätzmahl an seiner Hand ansehen und denken, wie jung und naiv sie doch waren, wie sie nichts anderes mit ihren Körpern anzufangen wussten.

Rückschau: In guter Nachbarschaft #11

Liebe Nachbarschaftsfreunde,

am 5.11. haben wir unser Etappenziel erreicht und In guter Nachbarschaft auch nach Erfurt gebracht. Damit ist die Lesereihe nach Jena und Weimar auch in der Landeshauptstadt angekommen. Und wir denken, dass wir tatsächlich vom „Ankommen“ sprechen können. Obwohl wir zum ersten Mal in Erfurt waren, war das Kulturcafé Franz Mehlhose voll. Zusätzliche Stühle mussten getragen werden.

Zu Gast bei der nunmehr elften Ausgabe war der Siegener Autor Crauss, der einen geschlossenen Lesevortrag aus Einzeltexten zusammenstellte. Lyrik und Prosa flossen dabei ebenso ineinander, wie eigene Texte und Übersetzungen und Bearbeitungen von Songtexten der Eurythmics oder Laurie Anderson. Inhaltlich drehte sich dabei alles um die Liebe, das Verlangen, um Sehnsüchte und Orientierungslosigkeit auf dem Weg von der Pubertät zum Erwachsensein. Crauss beendete seine Lesung stehend mit einem leidenschaftlichen Vortrag seines Gedichtes Ich will mehr!, der das Publikum beeindruckte und begeisterte.

(Videolesung von Crauss inkl. Ich will mehr!)

Im zweiten Teil gab es wie immer neue Thüringer Autor*innen zu entdecken, aber auch ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Los ging es allerdings mit dem Geraer Matthias Lachmann mit Gedichten u.a. über Freundschaft, Vertrauen und das Verliebtsein. Es folgte Gorch Maltzen aus Weimar (hier vorgestellt), der eine Geschichte über die Gefühlswelt des pubertierenden Simon, dessen geschiedenen Eltern, der Beziehung zu seinem besten Freund und dem Suizid durch das Herabstürzen in Vulkane vorlas. Als dritter im Bunde las Christoph Grosse aus Erfurt die Kurzgeschichte Hunger, welche durch ein Bild von Käthe Kollwitz inspiriert über den Tod und das Sterben einer Familie handelt. Antje Lampe, ebenfalls aus Erfurt, las anschließend die beiden Kurzprosatexte Marie. (Lina lügt.) und Igel Ida, die vom Lügen und der Langeweile sprachen, aber auch vom eigenen Verschwinden. Den Abschluss der Lesenden machte schließlich Patrick Siebert, der in seinen Gedichten humorvoll Ausflüge in die Provinz reflektierte, aber sich auch eindrucksvoll mit der Engstirnigkeit so mancher Stammtischler auseinandersetzte.

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Und was wäre eine Nachbarschaft ohne Musik? Wir haben uns riesig gefreut littlemanlost aus Erfurt bei uns zu haben, der mit seinem sehr persönlichen Americana-Folk das Publikum förmlich in seinen Bann zog. (Eine Phrase, ja – aber sie ist sehr passend.) Mit Banjo, Percussion und Loops kreirte er einen eigenen Sound, der im Ohr, im Kopf, im Herz bleibt. Sein zurückhaltender, intim-familiärer Auftritt erinnerte nicht wenige Beuscher an einen jungen Musiker, der Anfang der 1960er im New Yoker Gaslight Café auftauchte. „Schade, dass er nicht öfter spielt“, hörten wir einige sagen. „Ja, aber immerhin hat er den Nobelpreis bekommen.“ 😉

Bleibt uns nur „Danke!“ zu sagen bei allen Besuchern, den Künstlern und dem Team von Franz Mehlhose („It’s a match!“). Es war ein phänomenaler Einstand in Erfurt. 2017 geht unsere Lesereihe weiter. Wir haben eine Menge vor. Ihr dürft gespannt sein.

Vorgestellt: Gorch Maltzen

Gorch Maltzen, geb. 1987 in Heide (Holstein). Er studierte in Erfurt und Weimar und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bauforschung (IAB). Er lebt in Weimar. Blog: Gorch Maltzen.

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Gorch Maltzen (Foto: Nija-Maria Linke)

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Mario Osterland: Lieber Gorch, wie bist du eigentlich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Gorch Maltzen: Robert Wenzl (Autor bei der SUMMER EDITION – Anm. M.O.) und ich sind ja miteinader befreundet. Er hatte mir das Texttreffen mit Peter Neumann und dir empfohlen. So hab ich von der Lesereihe sozusagen aus erster Hand erfahren.

M.O.: Aber Robert und du, ihr kennt euch von der Musik her.

G.M.: Sagen wir es mal so: wir sind Freunde, die darüber geredet haben, Musik zusammen zu machen. Er ist ja schon ein richtiger Songwriter. Ich spiele E-Gitarre.

M.O.: Wie sieht das derzeit bei dir aus? Halten sich Literatur und Musik die Waage?

G.M.: Im Moment ist es mehr Literatur. Ich habe allerdings erst mit Musik angefangen. Ich spiele seit ich 11 bin Gitarre. Ich hätte das fast studiert. Ich hatte aber immer Schwierigkeiten mit dem vom Blatt spielen. Mich hat eher der Prozess interessiert eigene Lieder zu machen. Das selbst kreativ sein, das etwas eigenes machen, nach eigenen Regeln, sich nach eigenen Interessen ausrichten und gegebenenfalls autodidaktisch etwas anzueignen. Es ging dann in Richtung Komposition, aber ich habe nie Musik studiert. Ich habe auch Literatur nie studiert. Ich habe eine Abneigung dagegen, dass mir gesagt wird, was ich tun soll, was ich hören oder lesen soll, was relevant ist. Das Konzept des Kanons ist mir suspekt.

M.O.: Also hast du dich bewusst gegen ein künstlerisch/geisteswissenschaftliches Studium entschieden?

G.M.: Ich denke, da spielen viele Faktoren rein. Persönliche Reife, Jobaussichten, freie Studienplätze, Eignungsprüfungen. Ich weiß, dass ich mich gerne gegen Lehrer und Autoritätspersonen gestellt habe. Ich habe mich immer für Künstlerisches interessiert und vielleicht war es eher die Sorge, dass mir das jemand kaputt macht, zerredet oder stört. Mir ist die Eigenständigkeit als Autor sehr wichtig, die Freiheit, vielleicht auch die Macht. Ich habe Bauingenieurwesen studiert und es ist ein sinnvoller Job. Es gibt schon ein paar interessante Persönlichkeiten, die Bauingenieurwesen studiert haben: Dostojewski oder L. Ron Hubbard. Ich denke, dass beim Schreiben nicht das Studium entscheidet. Es zählt nur, was man zu Papier bringt.

M.O.: Du hast bisher ausschließlich Prosa veröffentlicht. Wie würdest du dein eigenes Schreiben beschreiben? Was interessiert dich an der Literatur?

G.M.: In Literatur kann etwas sehr Kluges neben etwas sehr Emotionalem stehen und beides hat seine Berechtigung darin. Wenn ich etwas lese, dass mich umhaut, dann ist es meistens entweder etwas, über das ich noch nie nachgedacht habe, das sich völlig meiner eigenen Wahrnehmung, meinem eigenen Leben entzieht oder etwas, dass ich immer schon geahnt habe über mein eigenes Leben, etwas für das mir jemand ein brandneues Vokabular gibt. Meine eigenen Sachen entstehen daraus, dass ich Interessen folge, mich ein bestimmtes Thema aufwühlt. Ich mag Dinge, über die es schwer ist zu reden. Die sind es meistens besonders Wert, dass versucht wird über sie zu reden. Ich denke in der Struktur weisen meine Kurzgeschichten bisher häufig ein Thema auf, dass reflektiert wird auf einer eher Intellektuellen Ebene und einen emotionalen Kern, zum Beispiel den Konflikt eines Charakters. Ich fühle mich wohler in der ersten Person zu schreiben

M.O.: Also würdest du sagen, deine Texte entstehen in erster Linie von den Figuren her?

G.M.: Ich brauche immer unglaublich lange für die erste Seite einer Geschichte. Manchmal ein paar Wochen. Auf der ersten Seite ist dann fast alles schon angelegt für die Geschichte und braucht dann nur noch erfüllt zu werden. Es fängt bei mir aber immer mit dem Kern an, also einem Konflikt oder emotionalen Problem eines Charakters.

In dem Konflikt ist das Thema schon enthalten. Und dann diskutier ich das Thema mit zig Leuten durch und versuche so viele Perspektiven wie möglich zu bekommen. Ich finde so meistens überhaupt erst heraus, wie mein eigener Standpunkt ist. Ein bisschen wie bei Susan Sontag: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“

M.O.: Du hast in den letzten Jahren einige Texte im hEFt veröffentlicht, mehrfach in Erfurt gelesen und auch den Jurypreis beim Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2015 gewonnen. Wie nimmst du die literarische Szene Thüringens wahr?

G.M.: Ich würde mich zur freien Kulturszene in Thüringen zählen. Die Erfahrungen, die ich als Kreativer in Erfurt gemacht habe waren vor allem vom Kampf ums Überleben geprägt. Ständig fehlt das Geld, ständig wird alles zusammen gekürzt. Das hEFt hat eine so starke und wichtige Funktion in Thüringen. Jeder junge Mensch, der sich berufen fühlt zu schreiben, kann etwas beim hEFt einreichen und mit ein bisschen Glück drucken die das dann und fremde Leute können das lesen. Als erste Erfahrung eine eigene Geschichte ganz selbstständig zur Veröffentlichung zu bringen ist das hEFt der perfekte Ort. Dazu kommt noch die politische Bedeutung als Medium der freien Kulturszene. Ich finde eine Zeitschrift, die sich über Jahre etabliert hat, sollte als Institution erkannt und entsprechend gefördert werden.

M.O.: Dem schließ ich mich natürlich an! Und es scheint ja wirklich passend zu sein, dass wir dich bei der nächsten Nachbarschaft ausgerechnet in Erfurt am offenen Mikrofon begrüßen können.

G.M.: Ja, ich freu mich sehr darauf!

M.O.: Wir freuen uns auf dich und In guter Nachbarschaft #11 in Erfurt. Vielen Dank für das Gespräch!