Rückschau: IN GUTER NACHBARSCHAFT #12

Am 28. April fand die zwölfte Ausgabe unserer Lesereihe in Jena statt. Im Rahmen der „Langen Nacht der Museen“ gastierten wir in Kooperation mit dem Kunsthof Jena e.V. und dem Jenaer Kunstverein e.V. in der Galerie im Stadtspeicher.

Im Mittelpunkt stand dabei einmal mehr unsere Idee, ausgehend von der Literatur Nachbarschaftsverhältnisse zu anderen Künsten zu suchen, zu finden, herzustellen und zu pflegen. Bereits im Januar hatten Tim Holland und Moritz Schneidewendt diese Idee erfolgreich für uns in der ACC Galerie in Weimar erprobt.

In Jena ließen wir nun den Frankfurter Dichter Marcus Roloff und den elektroakustischen Klangkünstler Tim Helbig aufeinander treffen. Roloff las unter anderem aus seinem letzten Gedichtband Reinzeichnung, in dem er sich verstärkt mit den Wirkungsweisen bildender Kunst auseinandersetzt, diese poetisch reflektiert und sprachlich erweitert. Um dem Publikum den Einstieg in das recht komplexe Sujet zu erleichtern, eröffnete er seine Lesung mit einem kurzen Essay, der die Arbeitsweise des Dichters illustrierte.

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Mit teilweise selbstgebauten Instrumenten und Effektgeräten stieg Tim Helbig in die Lesung ein, improvisierte Klangbilder, verfremdete und loopte die Stimme Roloffs. So entstand aus dem Zusammenspiel von Lesung und Klangkunst eine vielschichtige Soundcollage abseits der sonst üblichen Auftritte beider Künstler. Das neue Zusammenwirken von Wort und Klang knüpfte zudem an die in den Räumen des Stadtspeichers gezeigte Ausstellung DEKONTEXT an, in der Objekte aus ihrer gewohnten Umgebung isoliert und so einer neuen Bedeutungsebene zugeführt werden.

Zwischen den zwei improvisierten Sets pflegten wir zudem die Nachbarschafts-Tradition des Autorengesprächs. Im Dialog mit Moderator Mario Osterland erläuterte Marcus Roloff kurz seine kreativen Herangehensweisen an bildende Kunst und Literatur. Dabei betonte er, dass die Künste seiner Meinung nach einen Zugang ohne vorausgesetztes Wissen ermöglichen sollten, um das Publikum nicht unnötig vor den Kopf zu stoßen.

Das Publikum im gut gefüllten Jenaer Stadtspeicher entließ beide Künstler mit entsprechend langem Applaus in die Nacht.

„In guter Nachbarschaft“ sagt Danke für einen gelungenen Abend, der ohne die Unterstützung von Kunsthof und Kunstverein Jena so nicht möglich gewesen wäre!

Rückschau: watch us grow.

Am 18.2.2017 schlossen sich insgesamt fünf Kulturinitiativen zusammen, für einen gemeinsamen und vor allem vielfältigen Literaturabend in Erfurt; mit Lesungen, Performances und Musik. Die Idee dahinter: fünf Veranstalter lassen fünf Autoren für sich sprechen. Mit dabei waren das hEFt, das HANT – Magazin für Fotografie, der Litart Thüringen e.V. (Literaturfestival Erfurt), unsere Lesereihe In guter Nachbarschaft – und als Gäste unsere Freunde von mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur aus Salzburg.

Ein Abend, der die Vielfalt und den Pluralismus einer freien Kultur- und Literaturszene abbilden möchte, braucht natürlich einen passenden Veranstaltungsort. Wir haben uns sehr gefreut, bei FRAU KORTE im Nordbahnhof zu Gast sein zu dürfen!

Nach einer kurzen Einführung durch die Moderatoren eröffnete die Kieler Autorin Franziska Ostermann, auf Einladung vom HANT-Magazin, den Abend. Ihr Langgedicht „Der Mückentod“ war eine poetische Wahrnehmungsfolge, in der das Publikum der Protagonistin Aurie durch einen Sommertag am Wasser folgte.

Es folgte die gebürtige Erfurterin Franziska Wilhelm, hEFt-Autorin der ersten Stunde, die bereits als Romancière auf sich aufmerksam machte und fester Bestandteil der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz in Leipzig ist. In ihren Texten huldigte sie leidenschaftlich und augenzwinkernd dem Dresdner Autor Michael Bittner und spürte der Orientierungslosigkeit der Nach-Wendejahre im Erfurter Plattenbau nach.

Bevor es in die Pause ging, setzte sich Kinga Tóth auf Einladung unserer Lesereihe hinters Mikrofon. Die ungarische Soundpoetin, die bereits im letzten Jahr bei der „Summer Edition“ in Jena bleibenden Eindruck hinterließ, las und performte aus ihrem aktuellen Gedichtband Wir bauen eine Stadt. Dazu mischte sie die Texte mit einer Geräuschkulisse aus Gesang, Knister- und Klopfgeräuschen, die sie live mit einer Loop-Station wiedergab.

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Nach der Pause eröffnete Josef Kirchner den zweiten Teil des Abends und stellte kurz das in Salzburg beheimatete Label mosaik vor, das mittlerweile nicht mehr nur als Zeitschrift, sondern auch als Verlag und Veranstalter in Erscheinung tritt. Für mosaik las die Augsburgerin Alke Stachler aus ihrem Buch Dünner Ort poetische Prosaminiaturen. Aufmerksam folge das Publikum den sorgsam gesetzten Worten und Wendungen, die einen gefühlvollen und überzeugenden Ich-Du-Dialog erzeugten.

Zuletzt trat der Musiker und Schauspieler Michael Donth ans Mikro. Er las und sang auf Einladung des Litart Thüringen e.V. eine Cut-Collage aus Arno Schmidts Aus dem Leben eines Fauns. „Die Sache ist nicht unkompliziert“, gab er zu. Dennoch bedurfte es weder bei ihm noch beim Publikum einer Anlaufzeit, um sofort in den Text hineingezogen zu werden. Begeistert folgte das Publikum u.a. den Schmidtschen Lobpreisungen Wielands – ebenso wie den unterhaltsamen Schmähungen Goethes. Kein Wunder, dass im sehr gut besuchten FRAU KORTE der Abend mit viel Applaus endete.

Zu den zahlreichen anschließenden Gesprächen über Literatur und das Kulturschaffen in und außerhalb Thüringens ließ DJ Holm J∅rgensen mit chilltem Elektro und House die Köpfe zufrieden nicken.

In guter Nachbarschaft sagt im Namen aller Beteiligten „Vielen Dank!“ an die Autoren, FRAU KORTE und das Publikum.

Rückschau: „vom wuchern“ mit Tim Holland und Moritz Schneidewendt

Am 19. Januar startete unsere Lesereihe mit einer Kooperation mit der ACC Galerie Weimar ins neue Jahr. Und was für ein Auftakt das war!

Im Rahmen der Ausstellung „Alle Achtung! – Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit“ haben wir den Berliner Dichter Tim Holland eingeladen, der vor allem aus seinem Werk vom wuchern/theorie des waldes  las.  Es handelt sich dabei um einen  Hybrid aus faltbarer Landkarte und experimenteller Lyrik. Ein Textgeflecht, das vom Leser Aufmerksamkeit fordert, aber auch ein ganz neues Leseerlebnis mit neuen Aufmerksamkeiten für Details generiert.

Inhaltlich beschreibt Holland das Ganze so: „Es geht um Fukushima, Berichterstattung und (mediale) Katastrophen, um Liebe, da geht es dann auch um asymptotische Annäherung, wo man crashen wollen würde, es geht um Territorialverhalten und um Imitation, um Bespitzelung, Singen, es geht um den Wald, um Wiese, das Meer, nicht um den Strand, aber das Ufer und das Wasser“.

Das Publikum in der gut besuchten ACC Galerie wurde mit dieser experimentellen Art der Lyrik jedoch nicht allein gelassen. Auf sehr sympathische Weise trug Holland seinen Text vor, gab Einblicke in den Entstehungsprozess und vermittelte so den Text an die Zuhörer*innen. Dabei gab er jedoch zu bedenken, dass seine Lesereihenfolge nur eine Möglichkeit ist den Text zu erschließen.

Der Klarinettist Moritz Schneidewendt fand indessen einen ganz eigenen Zugang zu Hollands Texten, erweiterte und reagierte auf sie, indem er an diesem Abend gleichberechtigt zur Lesung Kompositionen Neuer Musik vortrug. Gespielt wurden unter anderem Stücke von Jörg Widmann und Olivier Messiaen. Seine intensive Auseinandersetzung mit den Texten Hollands beeindruckte dabei nicht nur das Publikum, sondern auch den Autor selbst. So kam es an diesem Abend zu einem hochklassigen Dialog zweier Künste, der durch die zusätzlichen Bezugnahmen beider Künstler zur Ausstellung in den Räumen der ACC Galerie eine Einheit bildete.

Im Hinblick auf das geplante Jahresprogramm von In guter Nachbarschaft im Jahr 2017, war der Abend ein mehr als gelungener Auftakt. Im letzten Jahr begannen wir unserem Namen wörtlich zu nehmen und weiteten die Lesereihe von Jena auch auf die Nachbarstädte Weimar und Erfurt aus. In diesem Jahr wird die „Nachbarschaft der Künste“ im Mittelpunkt stehen. Das heißt, dass es unter anderem Kooperationen mit Kunstvereinen und Galerien geben wird. Und natürlich, dass andere Kunstformen während unserer Veranstaltungen gleichberechtigt zur Literatur zur Geltung kommen werden. Wie das im Einzelnen aussehen wird, verraten wir jeweils zu gegebener Zeit.

 

Rückschau: In guter Nachbarschaft – XMAS Edition

Am 16. Dezember 2016 fand im Jenaer Atelier Merle Stankowski die kleine In guter Nachbarschaft – XMAS Edition statt. Dabei hielt Ralf Schönfelder eine kleine einführende Laudatio auf die Lesereihe und gleichzeitig einen Abgesang auf das Jahr 2016. Peter Neumann und Mario Osterland ließen danach das Nachbarschaftsjahr in einer Art best of-Lesung Revue passieren. Dabei wurden Texte aller 2016 eingeladenen Autor*innen, Domink Dombrowski, Anja Kampmann, Christoph Wenzel, Björn Kuhligk und Crauss, gelesen. Kinga Tóth wurde nicht vergessen, sondern per Videostream live aus Lübeck zugeschaltet! Sie las aus ihrem aktuellen Buch Wir bauen eine Stadt.

Im zweiten Teil des Abends haben Neumann und Osterland eigene Texte gelesen, die teilweise mit Grafiken des Geraer Künstlers Alexander Neugebauer illustriert wurden.

Für den passenden musikalischen Rahmen des intimen Abends sorgten Robert Wenzl und seine Band, mit Songs in bester Singer/Songwriter-Manier.

Zum Ende des Jahres sagen wir DANKE! an alle, die die Nachbarschaft 2016 zu dem gemacht haben, was sie war – ein voller Erfolg! Danke an alle Autor*innen und Lesenden am offenen Mikrofon, an die Galerie Iconotop in Weimar, Franz Mehlhose in Erfurt, Merle Stansowki in Jena, an die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V., die Thüringer Staatskanzlei, den LeseZeichen e.V. und alle Sponsoren und Förderer.

Tausend Dank natürlich und vor allem an unser wunderbares Publikum! Wir sehen uns 2017 wieder. Euch und Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest, guten Rutsch und alles Gute für’s neue Jahr.

Rückschau: In guter Nachbarschaft #11

Liebe Nachbarschaftsfreunde,

am 5.11. haben wir unser Etappenziel erreicht und In guter Nachbarschaft auch nach Erfurt gebracht. Damit ist die Lesereihe nach Jena und Weimar auch in der Landeshauptstadt angekommen. Und wir denken, dass wir tatsächlich vom „Ankommen“ sprechen können. Obwohl wir zum ersten Mal in Erfurt waren, war das Kulturcafé Franz Mehlhose voll. Zusätzliche Stühle mussten getragen werden.

Zu Gast bei der nunmehr elften Ausgabe war der Siegener Autor Crauss, der einen geschlossenen Lesevortrag aus Einzeltexten zusammenstellte. Lyrik und Prosa flossen dabei ebenso ineinander, wie eigene Texte und Übersetzungen und Bearbeitungen von Songtexten der Eurythmics oder Laurie Anderson. Inhaltlich drehte sich dabei alles um die Liebe, das Verlangen, um Sehnsüchte und Orientierungslosigkeit auf dem Weg von der Pubertät zum Erwachsensein. Crauss beendete seine Lesung stehend mit einem leidenschaftlichen Vortrag seines Gedichtes Ich will mehr!, der das Publikum beeindruckte und begeisterte.

(Videolesung von Crauss inkl. Ich will mehr!)

Im zweiten Teil gab es wie immer neue Thüringer Autor*innen zu entdecken, aber auch ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Los ging es allerdings mit dem Geraer Matthias Lachmann mit Gedichten u.a. über Freundschaft, Vertrauen und das Verliebtsein. Es folgte Gorch Maltzen aus Weimar (hier vorgestellt), der eine Geschichte über die Gefühlswelt des pubertierenden Simon, dessen geschiedenen Eltern, der Beziehung zu seinem besten Freund und dem Suizid durch das Herabstürzen in Vulkane vorlas. Als dritter im Bunde las Christoph Grosse aus Erfurt die Kurzgeschichte Hunger, welche durch ein Bild von Käthe Kollwitz inspiriert über den Tod und das Sterben einer Familie handelt. Antje Lampe, ebenfalls aus Erfurt, las anschließend die beiden Kurzprosatexte Marie. (Lina lügt.) und Igel Ida, die vom Lügen und der Langeweile sprachen, aber auch vom eigenen Verschwinden. Den Abschluss der Lesenden machte schließlich Patrick Siebert, der in seinen Gedichten humorvoll Ausflüge in die Provinz reflektierte, aber sich auch eindrucksvoll mit der Engstirnigkeit so mancher Stammtischler auseinandersetzte.

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Und was wäre eine Nachbarschaft ohne Musik? Wir haben uns riesig gefreut littlemanlost aus Erfurt bei uns zu haben, der mit seinem sehr persönlichen Americana-Folk das Publikum förmlich in seinen Bann zog. (Eine Phrase, ja – aber sie ist sehr passend.) Mit Banjo, Percussion und Loops kreirte er einen eigenen Sound, der im Ohr, im Kopf, im Herz bleibt. Sein zurückhaltender, intim-familiärer Auftritt erinnerte nicht wenige Beuscher an einen jungen Musiker, der Anfang der 1960er im New Yoker Gaslight Café auftauchte. „Schade, dass er nicht öfter spielt“, hörten wir einige sagen. „Ja, aber immerhin hat er den Nobelpreis bekommen.“ 😉

Bleibt uns nur „Danke!“ zu sagen bei allen Besuchern, den Künstlern und dem Team von Franz Mehlhose („It’s a match!“). Es war ein phänomenaler Einstand in Erfurt. 2017 geht unsere Lesereihe weiter. Wir haben eine Menge vor. Ihr dürft gespannt sein.

Presseschau

Im Zuge der SUMMER EDITION war In guter Nachbarschaft mehrfach in der Thüringer Presse- und Medienlandschaft vertreten. Hier gibt es eine kleine Presseschau mit den Links zu allen Beiträgen.

Am 8.7. (Online) bzw. 9.7. (Print) kündigte die OTZ die SUMMER EDITION mit einem Artikel an.

Ebenfalls am 8.7. waren die Nachbarschafts-Mitorganisator*innen Julia Hauck und Peter Neumann zu Gast beim Campusradio Jena.

Am 11.7. berichtete die TLZ (Online und Print) von der SUMMER EDITION und die scheidende Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth.

Am 21.7. war Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland beim Erfurter Radio F.R.E.I. und sprach u.a. ausführlich über die Lesereihe.

Rückschau: In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION (2/2)

Hier geht’s weiter mit dem zweiten Teil der SUMMER EDITION-Rückschau.

Es gehört zu den Traditionen der Nachbarschaft, dass bei unseren Veranstaltungen ein offenes Mikrofon bereit steht, an dem noch unbekannte Nachwuchstalente, regionale Autoren und Freunde unserer Lesereihe gern gesehen sind. Auch bei der SUMMER EDITION gab es für sie wieder Gelegenheit ihre neusten Texte in entspannter, ungezwungener Atmosphäre vorzutragen.

Den Anfang machte Moritz Gause, der seine Lesung mit einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet eröffnete und danach neue, in Kirgisistan entstandene Gedichte vortrug. Ihm folgte der Erfurter Patrick Siebert. Mit lakonischem, bisweilen selbstironischem Ton las er Gedichte, die individuelle Eindrücke aus verschiedenen Thüringer Landschaften reflektieren und zu poetischen Momentaufnahmen verdichten. Mit seinem spontanen Auftritt am offenen Mikrofon beeindruckte danach der Poetryslammer Friedrich Hermann, der seinen Text Das erste Mal freisprechend und äußerst pointiert vortrug.

Den Abschluss am offenen Mikrofon machte Demien Bartók, der aus dem Vorwort seines Buches Die Abschaffung von Erfurt-Nord las. Zwischen Essay und Erzählung entwirft er darin ein gesellschaftliches Panorama aus Kritik und Selbstreflexion, zwischen großen Utopien, Europapolitik, Maulwürfen und dem Bundespräsidenten. Eine echte Entdeckung!

Höhepunkt und literarischer Abschluss der SUMMER EDITION war schließlich die Lesung mit Christoph Wenzel, Anja Kampmann und Björn Kuhligk am Abend. Drei etablierte und vielfach ausgezeichnete Dichter also, die aus ihren jeweils aktuellen Büchern lasen.

Den Anfang machte der Aachener Christoph Wenzel, der aus seinem viel gelobten Band lidschluss las. Mit scharfem Blick und zugleich voller Empathie kartiert er darin u.a. seine rheinisch-westfälische Heimat und deren Strukturwandel nach der Schließung zahlreichen Zechen. Vom Verschwinden ganzer Dörfer für den Tagebau, bis hin zu den kleinen Dramen auf dem Fußballplatz – Wenzel bewies, dass er ein Auge für die großen und die kleinen Szenen hat. Für jedes seiner Gedichte findet er die richtige Sprache, bleibt insgesamt aber unverkennbar in seinem poetischen Ton zwischen Beschreibung und Erzählung.

Auch Anja Kampmanns Lesung war geprägt von kartografischen Suchbewegungen, die einen großen Bogen spannen von Brandenburg über die Ostsee und Polen, bis hin nach Weißrussland und Slowenien. Mit den Gedichten aus ihrem aktuellen Band Proben von Stein und Licht nahm sie das Publikum mit auf eine Reise ostwärts, auf eine Suche nach Vertrautem in der Fremde. Als eine Erkenntnis verdeutlichten Kampmanns Gedichte, dass diese Bewegungen keine Einbahnstraße darstellen, oftmals sogar erst einen Blick zurück ermöglichen und so das Fremde in scheinbar Vertrautem zu Tage fördern.

Mit der Lesung aus seinem Band Die Sprache von Gibraltar lieferte Björn Kuhligk einen Beweis dafür, dass die oftmals nachgeplapperte Behauptung von der angeblich unpolitischen Gegenwartslyrik null und nichtig ist. Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage der spanischen Exklave Melilla, ist ein beeindruckendes Langgedicht, aus dessen Mittelteil Kuhligk ohne zusätzliche Erklärungen oder Unterbrechungen vorlas. Vom Warten derjenigen, die auf ein besseres Leben auf der anderen Seite hoffen, vom Scheitern einer gesamteuropäischen Migrationspolitik, vom merkwürdigen Gefühl als privilegierter EU-Bürger vor Ort zu sein, schließlich von der Suche nach einer angemessenen Art darüber zu berichten – all das macht Die Sprache von Gibraltar zu einen Ereignis, zu einem kraftvollen Rütteln an den Mauern der Festung Europa. Dafür wurde Kuhligk in Jena mit einem langanhaltendem Applaus bedacht.

Nach über fünf Stunden Literatur im Paradies legte die SUMMER EDITION den Partymodus ein und feierte mit DJ Lutz Hartmann in den Morgen. Dabei gab es nicht nur etwas für die Ohren und Tanzbeine, sondern auch für die Augen. Der Licht- und Videokünstler Dimitri Engelhardt (Sehrinde17) entwarf für die Aftershowparty eine mehr als sehenswerte Lichtinstallation in Form von Buchseiten.

Das war die mehr als gelungene In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION. Alles in allem danken wir allen für alles! Chapeau!