Rückschau: In guter Nachbarschaft #15

Mit der 15. Ausgabe von In guter Nachbarschaft ging am 8.12. in Weimar das bisher ereignisreichste Jahr unserer Lesereihe zu Ende. Zum Abschluss gab es für das Publikum noch einmal einen echten Höhepunkt. Der Jazz-Posaunist Conny Bauer, der Übersetzer Alexander Filyuta und der Schriftsteller Alexander Graeff präsentierten einen Abend lang „Wassily Kandinsky als Dichter“.

Filyuta und Graeff, die die bisher weitgehend unbekannten Gedichte aus dem Nachlass Kandinskys in ihrem Buch Vergessenes Oval herausgegeben haben,  beeindruckten die Gäste im gutbesuchten Kulturzentrum „mon ami“ mit einer zweisprachigen Lesung auf russisch und deutsch. Dabei haben beide in beeindruckender Betonung den spezifischen Klang der Texte wiedergegeben, der nicht nur starken Einfluss auf die Dadaisten um Hugo Ball, sondern auch auf die Konkrete Poesie ausübte.

Zum integralen Bestandteil des Vortrags, der vom Kandinsky-Experten Graeff durch interessantes Hintergrundwissen ergänzt wurde, wurde das charakteristische Posaunenspiel der Jazzlegende Conny Bauer. Bauer, der bereits 2007 von Kandinskys Bühnenwerk Der gelbe Klang zu eigenen Kompositionen inspiriert wurde, spielte immer wieder in den Text hinein – umgekehrt lasen Filyuta und Graeff im Einklang mit Bauers Posaune Kandinskys stark rhythmisiere Verse.

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Schließlich lies es sich Conny Bauer nicht nehmen einen längeren Solopart zu spielen, bei dem melodische, stakkohafte, bisweilen schnarrende und pochende Klänge ein beeindruckend breites Klangspektrum der Posaune offenbarten. Der Applaus des Publikums – für alle drei Akteure – war im Anschluss entsprechend lang und herzlich.

Beschlossen wurde der Abend mit einem Gespräche zwischen Moderator Mario Osterland und den auftretenden Künstlern. Dabei ordneten Filyuta und Graeff noch einmal die Bedeutung des schriftstellerischen Werks Wassily Kandinskys ein und gaben Auskunft über die Arbeit an den Übersetzungen der Texte, aber auch über Kandinskys Zeit in Weimar. Als besondere Überraschung für Publikum und Veranstalter ließ Conny Bauer zudem erkennen, dass das Kandinsky-Projekt mit Filyuta und Graeff fortgeführt werden soll. Vielleicht sogar in Form neuer Kompositionen für Posaune. Man darf gespannt bleiden, denn allzu tief ließen sich die Künstler diesbezüglich noch nicht in die Karten schauen.

Wir bedanken bei allen Förderern und Freunden der Lesereihe für den erfolgreichen Jahresabschluss! Tausend Dank an Conny Bauer, Alexander Filyuta, Alexander Graeff, an die Agentur Artischocke und Lena Panzer-Selz, an die Literarische Gesellschaft Thüringen, den LeseZeichen e.V. – und nicht zuletzt an unser Publikum.

(Fotos: Anne Osterland)

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Vorgestellt: Wassily Kandinsky als Dichter

Am 8.12. findet in Weimar eine besondere Ausgabe unserer Lesereihe statt. Wir widmen uns einen Abend lang einer eher unbekannte Seite des Künstlers Wassily Kandinsky. In Lesung und Konzert stellen Alexander Filyuta, Alexander Graeff und der Jazzposaunist Conny Bauer das dichterische Werk Kandinskys vor. [Alle Infos hier.]

Mario Osterland sprach vorab mit Alexander Graeff über seine Arbeiten zu Kandinsky.

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Alexander Graeff (Foto: Ute J. Krienke)

Mario Osterland: Lieber Alexander, du beschäftigst dich schon ziemlich lange mit dem Werk und der Person Wassily Kandinskys. Was fasziniert dich an ihm?

Alexander Graeff: Mich fasziniert seine Biografie vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Auf der einen Seite zählt er zu den bekanntesten VIPs der Klassischen Moderne, seine Kunst und er selbst sind bis heute beliebte Projektionsflächen für bürgerliche Mythenproduktion, die oft den sozialgeschichtlichen Umständen der Zeit diametral entgegenlaufen; die ‚klassische‘ Kunstgeschichte hat diese sehr einseitige und oft verzerrende Rezeption seines Lebens und Werks zum Teil mit hervorgebracht. Auf der anderen Seite – und das treibt mich zu dem Thema – ist Kandinsky ein gutes Beispiel für ein bestimmtes deviantes Verhalten eben in Bezug auf seine Biografie: Dass er sich erst im Alter von dreißig Jahren für eine Kunstausbildung in München entschied und auf seine bisherige akademische Laufbahn in Russland verzichtete, dass er ein Kenner des Okkultismus war, oder dass er eine gewisse Zeit polyamor lebte, sind nur einige Aspekte seiner Biografie, die ich spannend finde und nach und nach herausarbeite – nicht zuletzt auch, um das oben erwähnte Bild von Kandinsky zu ergänzen und ggf. zu korrigieren.

M. Osterland: Du hast über den Pädagogen Kandinsky promoviert und im letzten Jahr als Herausgeber den Dichter Kandinsky präsentiert. Sind das zwei verkannte Seiten eines Mannes, der heute immer noch in erste Linie als Maler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Ganz genau. Nur wenigen war Kandinsky als Pädagoge oder Poet bekannt, dabei sah er sich selbst in diesen Rollen. Die Kunstgeschichte zeigte ihn immer nur als Maler oder Grafiker, publiziert wurden vorrangig Bildinterpretationen in zigfacher, sich wiederholender Ausführung, die seinen Weg zur abstrakten Kunst illustrieren. Sein soziales Umfeld aber wurde nur wenig beachtet, genauso wenig wie seine Bildungsvorstellungen, seine Gesellschaftskritik, seine poetischen Ambitionen oder sein esoterisches Weltbild. Gerade letzteres passte eben nicht ins Bild, das sich die bildungsbürgerliche ‚Elite‘ nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm machte.

M. Osterland: Ist das der Grund warum Kandinsky heute vor allem als Maler ‚schöner bunter Bilder‘ bekannt ist?

A. Graeff: Kann sein, dass diese Deutung sowas auch befördert. Eine wichtige Denkfigur Kandinskys war die Synthese der Künste, es verwundert daher nicht, dass er sich in allen Sparten der Kunst ausprobierte. Um so mehr aber verwundert es, dass ihn die Kunstgeschichte ebenso wie der ‚bürgerliche Mythos‘ jahrelang nur als Maler betrachtete und bewarb.

M. Osterland: Welchen Stellenwert innerhalb seines Werkes hatte sein poetisches Schreiben und die Dichtung allgemein für Kandinsky?

A. Graeff: Vor dem Ersten Weltkrieg scheint es so gewesen zu sein, dass er sich so gar nicht entscheiden konnte, ob er sich eher als Maler oder als Schriftsteller sehen sollte. Mit dem Münchner Piper Verlag hatte er ab etwa 1910 einen Verlag gefunden, der sowohl seine kunst- und gesellschaftstheoretischen Texte als auch seine poetischen Arbeiten veröffentlichte. 1912 erschienen sein berühmtes Buch Über das Geistige in der Kunst und seine Prosagedichtsammlung Klänge.

M. Osterland: Das heißt also, dass Kunst und Literatur in Kandinskys Denken und Schaffen zu jeder Zeit gleichberechtigt vom ihm behandelt oder betrachtet wurden?

A. Graeff: Nein, es trifft, auf eine bestimmte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu. Als er 1921 wieder nach Deutschland kam und dann ein Jahr später ans Bauhaus berufen wurde, hatte sich sein Schaffen im Vergleich zur Münchner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weiter professionalisiert, er setzte dann Schwerpunkte bei den bildenden Künsten, nicht zuletzt auch, weil er ja von Gropius als Zeichenlehrer ans Bauhaus berufen wurde. Kunstpädagogik, Malerei und Grafik waren dann seine Hauptbeschäftigungsfelder.

M. Osterland: Wie gestaltete sich die Übersetzungs- und Herausgeberarbeit für die Neuausgabe seiner Gedichte in Vergessenes Oval?

A. Graeff: An die Originalmanuskripte kamen wir nicht heran, die liegen verschlossen im Kandinsky-Archiv im Centre Pompidou in Paris. Die Kandinsky-Forschungssituation ist zum Teil eine sehr esoterische Sache, nicht jede*r Forscher*in kommt in die Archive, ein Zustand, der oft schon bemängelt, aber bisher nicht verändert worden ist. Große Museen und Archive, die Kandinsky-Material besitzen, wittern Konkurrenz und wollen nach und nach selbst Ausstellungen und Bücher zum Thema auf den Markt werfen. Wir haben für Vergessenes Oval auf eine edierte Forschungsversion des Manuskriptes zugegriffen. Nur die Übersetzungen daraus haben wir nicht übernommen, die hat Alexander Filyuta neu übersetzt.

M. Osterland: Welche Rolle spielen die Illustrationen für ein Buch, dessen Autor ja vordergründig als Künstler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Das war für Christoph Vieweg wirklich eine Herausforderung und anfangs war ich auch skeptisch, wie das Konzept der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin auf Kandinsky übertragen werden würde. Christoph hat das in meinen Augen aber hervorragend gelöst. Er hat eine neue Bildsprache gefunden, die Motive aus Kandinskys Grafiken zwar aufgreift, aber eine eigenständige Gesamtkomposition darstellt, die den Text gut ergänzt.

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aus: Wassily Kandinsky – Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass. (Verlagshaus Berlin, 2016)

M. Osterland: Was macht deiner Ansicht nach das Lesen von Kandinskys literarischen Texten reizvoll?

A. Graeff: Sie zeigen die Entwicklung der Kunst der Moderne auf literarischer Ebene. Seine Texte sind konkret wie seine Grafiken, ironisch und stark inspiriert vom Dadaismus. Seine Texte sind Wegbereiter der Konkreten Poesie, gerade dieser Sachverhalt ist wenigen bekannt. Kandinsky kann als Vorläufer der Konkreten Poesie bezeichnet werden. Der spätere ‚Gründer‘ der Konkreten Poesie Eugen Gomringer hat sehr genau Kandinskys Texte studiert, die poetischen ebenso wie die kunsttheoretischen. Die Manifeste Gomringers aus den 1950er Jahren lesen sich zum Teil eins zu eins wie Kandinskys Überlegungen zur Synthese der Künste, zur abstrakten bzw. konkreten Kunst von vor dem Zweiten Weltkrieg.

M. Osterland: Am 8. Dezember 2017 liest du Kandinskys Prosagedichte zusammen mit dem Übersetzer Alexander Filyuta in Weimar. Außerdem spielt Conny Bauer auf der Posaune Improvisationen, die zu einem Bühnenstück Kandinskys entstanden sind. In dieser Dreierkonstellation konnte man euch in der Vergangenheit schon mal erleben. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

A. Graeff: Das war eher Zufall. In Berlin richtete uns die Berliner Literarische Aktion rund um Martin Jankowski eine Lesung aus und bot an, Conny Bauer, der ja vor etwa 10 Jahren zu Kandinskys Bühnenstück Der gelbe Klang gearbeitet und eine CD produziert hatte, für die Veranstaltung hinzuzunehmen. Das war natürlich eine große Ehre für Alexander Filyuta und mich! Und so kam es, dass wir drei uns sehr gut verstanden. Conny Bauers Improvisationen auf der Posaune passten perfekt zu Kandinskys zeitlebens unveröffentlicht gebliebenen Dada-Prosagedichten, die Alexander Filyuta und ich ja letztes Jahr mit Vergessenes Oval herausgegeben haben. Und jetzt wiederholen wir das Format in Weimar, einer Stadt, in der Kandinsky selbst drei Jahre lang lebte und wirkte.

M. Osterland: Waren die Weimarer Jahre eine besondere Zeit in Kandinskys Biografie?

A. Graeff: Sie waren eine sehr fruchtbare Zeit im Hinblick auf seine Freundschaft zu Paul Klee, den er ja aus München kannte und nun in Weimar wieder traf, und auch zu Lyonel Feininger. Das inspirierte ihn. Künstlerisch war er im Vergleich zu seiner Zeit in Russland davor viel produktiver. Überschattet wurde seine Zeit in Weimar allerdings vom provinziellen und xenophoben Milieu der Weimarer Bürgerschaft, in das eine damals so unkonventionelle Schule wie das Bauhaus mit ‚fremdländischen Zeichenlehrern‘ nicht so recht passen wollte. Von Beginn an hatten es Gropius und die anderen Bauhäusler*innen schwer mit ihrem lebensreformerischen Projekt. So schwer, dass der Druck von Rechts irgendwann so stark wurde, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

M. Osterland: Freuen wir uns also auf die Rückkehr Kandinskys nach Weimar am 8.12. Danke für das Gespräch!

Alexander Graeff, Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Promotion bei Heinz-Elmar Tenorth und Michael Parmentier über Wassily Kandinsky als Pädagoge. Lebt in Berlin und Greifswald. Er veröffentlichte zahlreiche philosophische sowie belletristische Texte.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #15 – Wassily Kandinsky als Dichter

Freitag, 8.12.2017 – 20 Uhr

Kulturzentrum mon ami (Goetheplatz 11, Weimar)

Eintritt: 7,-/ erm. 5,-€ (Abendkasse)

Ticketreservierungen unter: inguternachbarschaft [at] gmx.de

23.11. – Weimar – Robert Prosser liest aus „Phantome“

Lieber Nachbarschafts-Freund*innen, wir möchten euch unbedingt auf die Lesung von Robert Prosser am Donnerstag, den 23.11. in der Stadtbücherei Weimar hinweisen! Prosser liest/performt aus seinem Roman Phantome, der in diesem Jahr völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand.

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23.11.2017 – 19:30 Uhr

Stadtbücherei Weimar (Steubenstr. 1)

Eintritt: 7,-/ ermäßigt 5,- €

Gewinnt hier einen Einblick in Robert Prossers einzigarte Vortragsweise. Das solltet ihr nicht verpassen!

„Raniser Debut“ für Lisa Goldschmidt

Lisa Goldschmidt, die im Juli diesen Jahres bei der „Junges Literaturforum Edition“ von In guter Nachbarschaft in Jena las, ist neue Stipendiatin des „Raniser Debuts“! Wir gratulieren herzlich und wünschen ihr und Lektor Helge Pfannenschmidt eine produktive Arbeitszeit.

Robert Sorg bei „Blaubart & Ginster“

Robert Sorg, Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins, verhalf unserer Lesereihe im April 2017 einer wunderbaren Veranstaltung, indem er die Räume im Stadtspeicher am Markt für uns öffnete. Jetzt war er zu Gast bei der Jenaer Literatursendung Blaubart & Ginster im Radio OKJ und sprach mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland u.a. über die Schwierigkeiten bei der Findung von Veranstaltungsorten in Jena.

Die Sendung kann in einer Podcastversion auf Soundcloudnachgehört werden.