27.6. – Bayreuth – In guter Nachbarschaft zu Gast bei Sübkültür

In guter Nachbarschaft goes Franken! Am 27.6. sind Peter Neumann und Mario Osterland zu Gast bei Sübkültür in Bayreuth. Sie lesen aus ihren aktuellen literarischen Arbeiten, stellen die Lesereihe vor und sprechen mit den Kulturschaffenden vor Ort über Organisation, Förderung und Entwicklung alternativer Kulturprojekte.

27. Juni 2017 – Forum Phoinix Bayreuth (Kämmereigasse 9 1/2, 95444 Bayreuth)

Beginn: 20 Uhr

Vorab sprach Mario Osterland mit Anja Zeilinger. Sie lebt als Kulturschaffende in Bayreuth und Berlin, führt eine Pop-Up-Galerie im fränkischen Raum und ist eine der Organisatorinnen von Sübkültür.

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Anja Zeilinger (Foto: privat)

Mario Osterland: Liebe Anja, was für ein Projekt ist Sübkültür?

Anja Zeilinger: Wir organisieren sehr unterschiedliche Veranstaltungen – eigentlich alles, was uns sonst in Bayreuth fehlt. Das sind Filmabende, Konzerte und Lesungen, aber auch Kunst-Performances oder Diskussionsrunden. Ein Schwerpunkt liegt auf selbst gestalteten Abenden mit Beteiligung des Publikums: Wir geben ein Thema vor, und die Leute bringen Objekte, Musik, Filmclips oder Anderes mit und präsentieren ihre Geschichten dazu. Da gab es schon Themen wie Absagen, Schimmel, 100 Jahre DADA und aktuell heute: Sex, Aufklärung und Rollenverständnisse in verschiedenen Kulturen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern eine immer spannende Aufnahme von kulturellen Phänomenen. Weitergehend machen wir mit dieser unabhängigen Reihe natürlich auch Kulturpolitik, wir fördern regionale Kulturschaffende aller Art.

M.O.: Welche kulturpolitische Arbeit leistet ihr in Bayreuth?

A.Z.: Zunächst übernehmen wir eine Nachwuchs-Förderung, die es hier sonst kaum gibt. Natürlich kommen bei uns auch Profis auf die Bühne, aber ebenfalls junge oder wenig erfahrene Künstler*innen oder Autor*innen, die außergewöhnliche Ideen verwirklichen möchten. Wir zahlen daher auch immer ein Honorar. Außerdem vergeben wir jedes Jahr in Kooperation mit dem Bayreuther Kurzfilm-Festival „Kontrast“ einen Sonderpreis, letztes Jahr haben wir zudem drei kleine Anschubstipendien vergeben. Letztlich haben wir hier eine feste Institution für das Außergewöhnliche und Abseitige etabliert. Unsere Räumlichkeiten stellen aktuell noch eine Zwischennutzung dar, wir arbeiten aber ganz offiziell mit dem Kulturamt und dem Bauamt daran, hier nach der nötigen Sanierung ein dauerhaftes Kunst- und Kulturhaus zu verwirklichen.

M.O.: Wie stark seid ihr als Förderer der Kulturszene selbst abhängig von Fördermitteln? Wie akquiriert ihr beispielsweise die Mittel für Stipendien und den Filmpreis?

A.Z.: Wir haben bisher keine öffentlichen Gelder aus Stadt- oder Landesmitteln erhalten, aber uns ehrlich gesagt auch nicht darum bemüht. Verschiedene Einzelveranstaltungen wurden durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert, aber unsere hauptsächliche Finanzierung läuft über den Getränkeverkauf und die Mitgliedschaften. Wir sind als Verein organisiert und haben etwa vierzig Jahresmitglieder, und die Gäste erwerben statt eines Eintrittspreises eine Monatsmitgliedschaft für 2€. Das reicht tatsächlich!

M.O.: Hört sich an, als ob die Reihe in Bayreuth ganz gut angenommen wird. Welches Feedback bekommt ihr?

A.Z.: Von unseren Gästen natürlich positives, sonst würden sie ja nicht kommen… Generell sind wir nach vier Jahren auch denjenigen ein Begriff, die noch nie bei uns waren. Sicher gibt es Menschen, die mit unserem Stil nichts anfangen können, aber da gibt es keine offenen Konfrontationen. Die konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung zur Etablierung des Kunst- und Kulturhauses spricht für sich. Nun müssen wir uns noch selbst daran gewöhnen, irgendwie etabliert zu sein. Es ist natürlich schön, dass uns das gelungen ist, ohne unsere Identität aufzugeben – das ist auch so eine Befürchtung von unabhängigen Kulturschaffenden, die in der Realität oft gar nicht virulent ist.

M.O.: Trotzdem will man ja etwas Nachhaltiges schaffen, sodass die Reihe dann auch einer gewissen Professionalisierung und Etablierung bedarf, oder?

A.Z.: Natürlich! Professionell im Sinne von gut organisiert und konzeptuell durchdacht waren wir ja auch von Anfang an. Dennoch begann es als ein Abenteuer, und die allgemeine Akzeptanz kam erst mit der Zeit. Viele beklagen, dass Bayreuth durch die Dominanz der Festspiele eine marginalisierte Kulturszene habe. Man kann dafür hier recht ungestört Formate und Initiativen entwickeln, die in anderen Städten vielleicht eher vereinnahmt werden. Ich sehe hier eher Chancen als Hürden.

M.O.: Damit hast du meine nächste Frage schon fast beantwortet, nämlich die nach dem allgemeinen kulturellen Klima in Bayreuth. Von außen bekommt man ja erstmal nur Wagner und die Festspiele mit.

A.Z.: Ja, das ist klar. Man kann sich natürlich daran reiben. Ich sehe es als Herausforderung, selbst Projekte zu verwirklichen. Da sollte man auch ehrlich sein: Es ist gerade durch diese Situation viel leichter als in übersättigten Städten, mit interessanten Ideen ein Publikum zu erreichen. Außerdem gibt es noch andere Gründe für so manchen Mangel. Beispielsweise haben wir keine Kunsthochschule. Das würde natürlich die Situation entscheidend ändern.

M.O.: Wir verfolgen mit In guter Nachbarschaft immer eine kulturelle Vernetzung der Städte Erfurt, Weimar und Jena, was auch recht gut funktioniert. Wie sieht das in den kleineren Städten in Franken aus? Seid ihr beispielsweise im Austausch mit Kulturschaffenden in Bamberg oder Erlangen?

A.Z.: Innerhalb Bayreuths sind wir sehr gut vernetzt und kooperieren häufig, auch mit Veranstaltungsreihen. In größerem Radius hat sich das für uns als Institution bisher nur punktuell ergeben. Durch die Gründung des Kunst- und Kulturhauses ändert sich das gerade.

M.O.: Und es geht über die Bundeslandgrenzen hinaus! Es freut uns sehr, dass wir demnächst eure Gäste sein dürfen. Wie seid ihr darauf gekommen?

A.Z.: Viele Anstöße für unser Programm ergeben sich natürlich durch persönliche Begegnungen und Bekanntschaften, wie unserer. Ich freue mich auf Euren Besuch – unabhängig von Eurer Lesung werden wir uns ja auch als Kulturschaffende wiedersehen. Wird das quasi ein interkultureller Austausch, oder sind sich die regionalen Rahmenbedingungen unserer Projekte ähnlicher, als man denken könnte?

M.O.: Das werden wir an diesem Abend herausfinden. Natürlich bei fränkischem Bier. Kulturreise ist Kulturreise. Danke für das Gespräch, liebe Anja!

 

Vorgestellt: Robert Sorg

Robert Sorg, geb. 1978 in Dresden, ist Kunsthistoriker und seit 2004 Mitarbeiter der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar. Von 2009 – 2015 war er Galerist und Vorsitzender des Kunsthof Jena e.V. Set 2016 ist er Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins.

Robert Sorg
Robert Sorg (Foto: René-T. Kusche)

 

Mario Osterland: Lieber Robert, deine Biografie sagt Kunsthistoriker, Bibliothekar, Kulturmanager und Dichter. Was bist du momentan am meisten bzw. wie sind diese Aufgaben in deinem Leben gewichtet?

Robert Sorg: Eigentlich sollte ganz demokratisch alles egalitär behandelt werden. Aber es gibt, den Umständen entsprechend, natürlich verschiedene Gewichtungen zu verschiedenen Zeiten. Priorität hat der Broterwerb, also mein bibliothekarisches Dasein. Bekanntlich lebt der Mensch jedoch nicht vom Brot allein. Die mangelnde Praxis und Selbstentfaltung die ein Angestelltendasein in der von Spezialisierung geprägten modernen und postmodernen Arbeitswelt darstellt, kann ich durch das Kulturmanagement und das Schreiben reduzieren. Wobei das Kulturmanagement derzeit ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Naja, und zum Schreiben lasse ich mich gerne vom freien Leben inspirieren, also muss ich auch noch leben. Und leben heißt ja nicht immer nur seinen Funktionen nachkommen.

M.O.: Wie lebt es sich denn als Kulturschaffender in Thüringen? Seit wann bist du eigentlich hier? Du bist ja dem Papier nach Dresdner.

R.S.: In Dresden habe ich nur die ersten vier Jahre meines Lebens verbracht und dann ging’s ab in den Bezirk Suhl, Kreis Ilmenau, danach kam die Einführung des Freistaats Thüringen, aus dessen Grenzen ich nicht mehr herausgekommen bin. Als Kulturschaffender hat man durchaus Möglichkeiten, allerdings ist es im Unter- und Mittelbau der Kulturschaffenden ein ziemlich nervenaufreibendes Treiben, das extrem vom wie auch immer begründeten Enthusiasmus der ehrenamtlich Engagierten getragen wird. Langfristiges Planen von Förderprojekten ist eine extreme Herausforderung, eine Gleichung mit ziemlichen Unbekannten, die Summe/das Produkt steht zumeist erst fest, wenn die Idee sich bereits in der Umsetzung befindet. Das übrigens ist mein persönlicher Lustgewinn im Kulturschaffen – die Materialisierung einer Idee zu begleiten.

M.O.: Das kommt mir ziemlich bekannt vor. Dank solcher Enthusiasten wie dir konnten wir zuletzt „In guter Nachbarschaft“ in der Galerie im Stadtspeicher veranstalten. Für solche Kooperationen sind wir nicht zuletzt deswegen sehr dankbar, weil unabhängige Kultur Räume – wie etwa Galerien – braucht. Diese zu betreiben ist jedoch auch nicht immer einfach. Wie steht es denn beispielsweise um „unsere alte Heimat“, den Kunsthof in Jena?

R.S.: Die Galerie im Kunsthof besteht nicht mehr, da der Verein Kunsthof Jena, dessen Vorsitzender ich bin, 2015 beschlossen hat, eine ortsgebundene Kulturarbeit in Verbindung mit der Verwaltung des gesamten Komplexes, dem noch Werkstätten und Ateliers angebunden waren, aufgrund des unbezahlten, enormen Arbeitsaufwandes einzustellen. Aber es haben sich neue Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel eben die Räumlichkeiten des Jenaer Kunstvereins. Alles hat seine Zeit, auch eine ziemlich coole Hinterhofgalerie in Jenas Zentrum, die Zeit war dort ziemlich schön, aber es muss weitergehen. Kulturräume in Jena gibt es, wie es in Jena auch das Klagen über den Mangel an solchen gibt. In den kapitalistischen Verhältnissen, in denen wir leben, braucht es zumeist ein halbwegs kapitalistisches Konzept, dass die Schaffung eines Kulturraums ermöglicht, auch wenn man die demokratisch-gesellschaftlichen Fördermöglichkeiten bei der Konzeptualisierung mit einbindet, so ist es schwer Kulturräume gegen wirtschaftlich getragene Raumkonzepte durchzusetzen. Ich sehe da durchaus große Gefahren für eine lebendige städtische Kultur, die wesentlich zum gesellschaftlichen Bewusstsein des Individuums beiträgt. Derzeit gibt es mit dem Schlachthof-Projekt eine größere Initiative, das durch Enthusiasten und mögl. Fantasten getragen wird. Zudem gibt es Bestrebungen ein Kunsthaus zu gründen. In unterschiedlichen Kreisen gibt es unterschiedliche Pläne, Wünsche, Vorstellungen und Engagement, die allesamt davon künden, dass es eben nicht genug Raum für die kulturelle Entfaltung gibt. Der wichtigste Faktor neben einem guten Konzept ist aber wohl die Ausdauer des Enthusiasmus, mir fällt da die Initiative der Feuerwache ein, die an verschiedenen Umständen gescheitert zu sein scheint. – Ach ja, und den Zufall habe ich auch noch vergessen, als Faktor für die Schaffung eines Kulturraums und der Zeitfaktor. Interimsnutzungen sind im Kulturbereich ja Praxis.

M.O.: Die unabhängige Kunstszene befindet sich also in der gleichen unendlichen Geschichte wie die Literatur. Wobei die Literatur ja vergleichsweise wenig Raum, Geld, Technik und Material benötigt. – Apropos Literatur. Sprechen wir über dein Buch Feldrandzeichen. Ein ungewöhnlich spätes Debüt für heutige Verhältnisse, oder? Wie kam es dazu?

R.S.: Eine Publikation meiner Texte hatte ich bisher gar nicht gezielt angestrebt. Auf die Empfehlung von Romina Nikolic hat sich dann die Literarische Gesellschaft bei mir gemeldet und mich gefragt, ob ich gewillt sei die Jahresgabe auszustatten. Das hat mich sehr gefreut, da die Literatur schon einen großen Stellenwert in meinem Tun hat, wobei das literarische Schreiben bei mir nicht einer tagtäglichen disziplinierten Schreibarbeit unterworfen ist. Dennoch bemerke ich bei mir eine Kontinuität im Schreiben, die sich über Jahrzehnte spannt mit einer längeren Unterbrechung, in der ich eher wissenschaftlich orientiert war. 2012 fertigte ich ein erstes Manuskript älterer und neuerer Gedichte. Die älteren stammten aus den ersten 2000er Jahren. Grund dafür war wohl der Versuch einer kritischen Selbstinventarisierung, Titel des Manuskripts war dann auch „Interieur“, aus dem ich dann auch ein paarmal öffentlich gelesen habe, und das so eine Art Empfehlungsschreiben war. Nach meiner letzten Lesung in Weimar kam der Verleger eines kleines Verlages auf mich zu und fragte, ob ich mehr davon hätte, er würde mich gerne publizieren – so entwickeln sich die Dinge.

M.O.: Das heißt Feldrandzeichen ist ein Kondensat bereits jahrzehntelanger Schreibarbeit?

R.S.: Das trifft es ganz gut, wobei ich die Texte, die ich vor 2012 verfasst habe, nicht in das kleine Konvolut der Feldrandzeichen aufgenommen habe.

M.O.: „Konvolut“ finde ich einen passenden Begriff, da mir angenehm aufgefallen ist, dass du deine Texte nicht auf eine Form festgelegt oder einen geschlossenen Zyklus publiziert hast. Es scheint eher so, als ob sich die Texte ihre Form zwischen Lyrik und Prosa selbst suchen.

R.S.: Polyphonie ist durchaus ein Thema für mich. Da ist neben der existenziellen Erfahrung, die mich zum Schreiben anregt auch ein freiheitlicher-befreiender Moment im Spielerisch-Relativierenden bei der Formfindung. Allerdings handelt es sich nicht um Wortspielereien, sondern die Form wird letztlich durch den Inhalt und die Umstände beim Schreibprozess bestimmt. Ein Text der in einem Zug an der Schreibmaschine entsteht ist allein schon anders beheimatet als ein Text, der sich aus einer handschriftlichen Notiz übertragen auf einen Computer generiert. Zu diesen äußeren, performativen Faktoren zähle ich auch die Gesetzmäßigkeiten der verwendeten Sprache, grammatikalisch, wie auch semantisch, da fällt dann die Form in den Inhalt. Das sind Momente für mich, die nicht sichtbare, oder selten sichtbare Gesetzmäßigkeiten von Sprache und Sinn und Sein offenlegen.

M.O.: Da du „Sinn und Sein“ ansprichst: Es geht in deinen Texten oft um sehr grundlegende Dinge. Beobachten, Verorten, Zeichen lesen und evtl. deuten. Das ganze spielt sich auf recht minimalistischer Ebene ab. Ist dir eine gewisse Klarheit, eine Schnörkellosigkeit besonders wichtig?

R.S.: Das Kürzen und Minimieren habe ich besonders liebgewonnen bei den Literaturkritiktreffen in der Galerie des Kunsthofs. Ich bin ziemlich skeptisch gegenüber den Möglichkeiten von Prosa, die für mein Anliegen zu aufwendig ist, Dinge, Zustände, Sinneinheiten auf den Punkt zu bringen.Ich bin sicherlich kein Sprachökonom oder Aufmerksamkeitsökonom, aber ich versuche konzentriert ein Grundthema innerhalb des Textes zu verfolgen, meinetwegen auch zu deklinieren um die von dir besagte Klarheit herauszuarbeiten, Da gibt es durchaus auch Bezüge zum Begriff der Karthasis, indem die Literatur selbst die Läuterung ist und das Leben die Erschütterung.

M.O.: Wie geht’s mit deinem Schreiben weiter? Ist eine zweite Publikation schon denkbar und welche Kulturprojekte werden dich in naher Zukunft beschäftigen?

R.S.: Derzeit laufen drei größere Projekte an bzw. werden gerade umgesetzt, an denen sowohl der Kunsthof Jena, als auch der Jenaer Kunstverein beteiligt sind. Zum einen ist da der Frommannsche Skulpturengarten in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte und dem Botanischen Garten Jena, der Holzskulpturen der Künstlerin Ingrid Hartlieb an drei unterschiedlichen Orten Jenas präsentieren wird. In Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus Jena startet das Projekt UweUwe von Sebastian Jung, das eine Publikation, eine fünfteilige Webserie und eine szenische Lesung um die Jenaer NSU-Terorristen beinhaltet. Ein ziemlich umfangreiches Projekt. Mein Steckenpferd ist die kleine, aber feine Veranstaltungsreihe note.word.act – eine experimentelle Bühne für Literatur, Musik und Performance, die an verschiedenen Orten Station macht, ich verstehe diese Reihe als Fortführung der Veranstaltungen, die in der Galerie Kunsthof ihren Anfang nahmen. – Mein Schreiben schreitet fort, manchmal landet davon etwas auf Papier oder virtuell in einer Datei, im besten Fall mündet das dann in einer weiteren Publikation, die mir, wie gesagt erst jüngst in Aussicht gestellt wurde, aber das wird realistisch gesehen wohl frühestens erst nächstes Jahr werden.

M.O.: Lieber Robert, hab vielen Dank!

Kultur machen. Gemeinsam. – Ein Gespräch zwischen den Macher*innen von hEFt Erfurt, Literaturfestival Erfurt und In guter Nachbarschaft

Am 18.2. findet im Erfurter Club Frau Korte die Veranstaltung „watch us grow.“ statt. Dafür haben sich u.a. vier Kulturinitiativen aus Erfurt bzw. Thüringen zusammengeschlossen. In einem gemeinsamen Chat haben sich die Organisator*innen von In guter Nachbarschaft mit Alexander Platz und Thomas Putz vom hEFt Erfurt, sowie Max Walther vom Literaturfestival Erfurt über die Förderung der freien Kulturszene in Thüringen unterhalten.

Peter Neumann: 2016 war ja miserables Jahr für die Kulturförderung in Erfurt: verspäteter Haushaltbeschluss, umfangreiche Kürzungen, gerade im Bereich der Freien Szene. Der „kulturelle Notstand“ wurde verkündet. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Freie Szene immer lebendiger wird, vielfältiger, vernetzter, und auch zunehmend überregional wahrgenommen wird. Letztes Jahr haben sehr viel schöne Dinge stattgefunden: Ich erinnere mich an das Festival der Unlesbarkeit, eine Kooperation von Textil-Festival und Literaturfestival Erfurt, in Jena die „Summer Edition“ von In guter Nachbarschaft. Und jetzt der Zusammenschluss zu „watch us grow“. Mal so in die Runde gefragt: Wie nehmt ihr die aktuelle Situation wahr?

Thomas Putz: Ja, man kann sagen, dass die Öffentlichkeit durch die ganzen Kürzungsversuche seitens der Stadt Erfurt nun vielleicht etwas mehr sensibilisiert ist. Andererseits gab es früher auch schon gute Sachen. Eben nicht mit soviel Tammtamm, eher undergroundig.

P. Neumann: Mit überregional meine ich: über Thüringen hinausgehend. Zumindest In guter Nachbarschaft wird gerade auch von anderen Projekten, Lesereihen und Zeitschriften angesprochen. Babelsprech, mosaik, solche Dinge.

A. Platz: Das ist aus meiner Sicht aber eher die Ausnahme. Die Vernetzung innerhalb Thüringens ist aber deutlich besser geworden. Oder man könnte auch sagen, dass wir uns kennengelernt haben. Weimar und Jena waren ja früher auch gut vernetzt.

P. Neumann: Thomas, was meintest Du eigentlich mit undergroundig? Früher eher so parzelliert, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle?

Th. Putz: Naja, ohne Facebook etc. lief das eben anders, man traf sich in der Kneipe und hat gesponnen. Was heute über Facebook möglich ist, auch an Öffentlichkeitsarbeit, war ja noch vor Jahren nicht möglich.

hEFt für literatur, stadt und alltag

Mario Osterland: Mich würde interessieren, wie Max das sieht. Ihr hab ja sozusagen als „Erfurt-Neulinge“ gleich ein Festival an den Start gebracht.

Max Walther: Nun ja, Neulinge würde ich zwar nicht sagen, da wir knapp zwei Jahre vorher begonnen haben Veranstaltungen zu machen. Aber die Bereitschaft uns zu fördern, nachdem wir die Kooperation mit dem Textil-Festival starteten, war schon recht erfreulich.

M. Osterland: Da sind wir ja gleich bei der Frage nach den Kooperationen. Sie scheinen schon relativ unabdingbar zu sein, um in Strukturen von Förderung und Wahrnehmung hinein zu kommen.

M. Walther: Kooperationen sind meines Erachtens wichtig für die interne Förderstruktur, für das Regionale. Und freundschaftliche Beziehungen und ein Austausch vor allem für überregionale Projekte, wie bereits angesprochen Babelsprech, mosaik etc.

M. Osterland: Im Vergleich zum undergroundigen „Früher“ hat man ja heute schon mal mit dem hEFt sozusagen eine Institution als Anlaufstelle. Die kann man aufsuchen und fragen: Wie läuft das so mit der Kultur in Erfurt? So hätte ich es zumindest gemacht, wenn ich ein Literaturfestival Erfurt hätte organisieren wollen. Daher meine Frage nach den ersten Schritten in der Stadt.

M. Walther: Ich würde sagen: klar orientiert man sich, wenn man eine Idee hat. Man schaut sich an, was und wen es gibt und positioniert sich dementsprechend mit den eigenen Entwürfen etc. Dann ist die Menge an Leuten, die Ähnliches machen doch recht überschaubar und man läuft sich automatisch über den Weg, bzw. kommt zusammen.

A. Platz: So war es zumindest zwischen Textil und dem Literaturfestival Erfurt.

Th. Putz: Andererseits ist es auch wichtig, dass die Jüngeren (und die finden sich schon) ihr eigenes Ding machen. Da ist das hEFt mit seinen alten Säcken vielleicht Orientierungspunkt, aber ob man da zwangsläufig eng kooperieren muss. Ich bin gegen ein Kooperierungsgebot!

M. Walther: Ganz richtig!

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.Julia Hauck: Das sehe ich auch so. Man sollte sich jedenfalls nicht in Konkurrenz sehen, sondern sein/ihr Ding machen und nur wenn es passt, gern auch mal zusammen.

A. Platz: Bei uns war es Liebesheirat, nicht wahr, Max?

M. Walther: Mmmhhh.

P. Neumann: Das wäre auch so eine Frage, die ich habe: Wo seht ihr eigentlich die Potenziale einer jungen, unabhängigen Literaturszene im Freistaat? Denn so schlecht ist Thüringen nun wirklich nicht aufgestellt. Oder anders gefragt: Was machen wir anders? In welche Lücke springen wir, wenn wir springen?

M. Osterland: Die Lücke, die es zu füllen gilt, ist immer das Vorhandene, das noch nicht wahrgenommen wird, aber Wahrnehmung verdient, sichtbar zu machen.

M. Walther: Quotable phrases – chapeau, Mario. Meines Erachtens gibt es mehr als genug Lücken. Vielleicht aber nicht genügend Möglichkeiten (auch finanziell) diese zu füllen. Und das ist vielleicht auch tatsächlich ein Verteilungsproblem – Zur Unabhängigkeit: Da sehe ich tatsächlich das Problem in Initiativen die Zusammenarbeit versuchen zu institutionalisieren und mehr oder minder tatsächlich zu „erZWINGEN“. Und der Zwang zur Institutionalisierung hängt ja wiedrum eng mit den Finanzierungsproblemen zusammen.

M. Osterland: Was heißt schon Unabhängigkeit, wenn man an Fördertöpfen hängt? Das ist ein nicht aufzulösender Widerspruch.

J. Hauck: Ohne die Literarische Gesellschaft im background hätten wir es als Lesereihe auch schwer, zugegebenermaßen.

Th. Putz: Zu den Potentialen, die Peter angesprochen hat: Raum schaffen für Literatur, den Schreibenden Möglichkeiten geben, besser zu werden, sich auszutauschen, auf die Bühne zu gehen. Und das ohne „kommerziellen Druck“.

J. Hauck: Ja, Räume sind ein Thema. Das ist nicht immer einfach in den Städten, für viele Projekte jeglicher Künste. Da geht es schon los mit der Kreativität. Aber ist es nicht schon so, dass wir den Spagat Finanzen und Ideen durch Leidenschaft überbrücken?

M. Osterland: Julia, ich würde sagen Selbstausbeutung ist der Kitt, der die Kulturarbeit zusammenhält.

J. Hauck: Ich weiß. Machen muss man es ja trotzdem, auch bis zu einem kleinen Grad an Selbstausbeutung. Weil es cool und wunderbar ist. Dieser ganze Literaturkram.

A. Platz: Den Begriff der Selbstausbeutung finde ich aber problematisch. Wir erbringen im Grunde genommen ja eine Dienstleistung für die Gesellschaft. Für sehr wenig Geld.

M. Osterland: Aber es sollte doch idealerweise ein Geben und Nehmen sein. Wir erbringen der Gesellschaft eine Dienstleistung, die uns die Gesellschaft qua Steuergeld ermöglicht.

A. Platz: Ja, kulturelle Grundversorgung und Kulturförderung sind gesellschaftliche Aufgaben.

P. Neumann: Zu all dem vielleicht mal ein konkretes Beispiel: Wir als In guter Nachbarschaft planen eine Veranstaltung im Rahmen der Langen Nacht der Museen in Jena. Auch so eine Institutionalisierung. Hier ist allerdings das große Problem, dass wir zwar Aufmerksamkeit bekommen werden, aber keinen Cent von der Stadt. Die Einnahmen verbleiben bei ihnen. Sowas darf tatsächlich nicht sein.

M. Walther: Da wird man tatsächlich auf den einsamen Hügel des Idealismus getrieben …

A. Platz: Das wäre eben etwas, das zwischen den Beteiligten auszuhandeln wäre.

Th. Putz: Naja, für die Museumsnacht werden in Weimar sicher auch Honorare gezahlt – nur eben für die, dies ohne nicht machen.

P. Neumann: In diesem Falle, in Jena, tragen wir, also In guter Nachbarschaft die Honorare.

A. Platz: Muss man eigentlich ablehnen sowas.

P. Neumann: „Eigentlich“. Genau um dieses Wort geht’s.

J. Hauck: Zur Info: Da machen auch fast nur städtische oder universitäre Einrichtungen mit, wenige kleine Vereine. Ist auch das erste Jahr ohne Entschädigung.

A. Platz: Schon frech. Haben sie euch angefragt?

P. Neumann: Wir wollten eine Kooperation mit dem Jenaer Kunstverein machen. Die Gelegenheit schien uns gut.

A. Platz: Läuft dann wahrscheinlich unter bürgerschaftlichem Engagement …

P. Neumann: Ehrenamt, Du sagst es.

A. Platz: Das gibt’s ja auch noch. Habt ihr versucht, zu verhandeln oder war das von Anfang an die Ansage?

J. Hauck: Ich will ja nicht h8ten, aber die Honorare bezahlt da halt das Land. Die Stadt fördert halt ein Klitzkleinwenig. Normalerweise über den Fonds Soziokultur in Jena. Die Lange Nacht der Mussen ist da selbst Opfer der städtischen Finanzierung und zahlt mit den Einnahmen die Werbekosten. Was jetzt INSGESAMT die städtische Kulturförderung jetzt nicht sooo toll aussehen lässt.

A. Platz: Das wäre auch noch so ein Komplex. Die finanzielle Lage der Kommunen.

Th. Putz: Die jungen Städte wollen auch ihre junge freie Szene haben. Inzwischen haben es nämlich auch die Verwaltungen begriffen. Nur bezahlen will das keiner.

J. Hauck: Die Nacht der Museen geht weniger über Ehrenamt, denn über die Hauptamtlichen in den Museen. Der Jenaer Kunstverein ist da schon Ausnahme und wir Ausnahme obendrauf. Aber sie hätten uns schon „einkaufen“ können als Event, klar. Aber da fehlt dann der Wille. In Weimar ist der Kulturetat auch nicht Bombe, oder?

Th. Putz: Aber für’s Kunstfest ist immer noch ein Säckchen da …

P. Neumann: Umso gerührter waren, dass uns das die ACC Galerie im Januar eingeladen hat.

Th. Putz: Gute Leute dort in der ACC.

A. Platz: Tolle Ausstellungen!

J. Hauck: Weimar ist aber auch krass, was Etabliertes/Klassisches vs. Unabhängiges/Freies angeht, oder?

P. Neumann: Ich glaube, es geht nicht darum Etabliert gegen Unabhängig auszuspielen.

J. Hauck: Nein, aber für die Kleinen ist es doch schon erstmal schwieriger oder? Von den Geldern her, meine ich.

Th. Putz: Nein, aber es geht darum, dass es immer einen Weg gibt – wenn man es will. Siehe Theaterverhandlungen letztes Jahr.

P. Neumann: Jep. Und was oft übersehen wird: So viel Geld braucht die Freie Szene gar nicht. Also: ich meine, man kann schon mit relativ wenig Geld ziemlich geile Veranstaltung machen. Der Schaden, den man anrichtet, wenn man die Freie Szene nicht fördert, ist dagegen umso größer.

M. Osterland: Guter Punkt von Thomas und Peter. Man braucht im Grunde nur Willen und wenig Geld. Merkwürdig, dass das oft so schwer kommunizierbar ist.

J. Hauck: Darf man auch echt nicht vergessen, dass es im kleinen Thüringen ja mit euch und anderen wirklich einiges an „geilem Scheiß“ gibt.

Th. Putz: Aber das geht ja alles nur, solange man studiert oder einen Job hat, der einen nicht umbringt. Irgendwann braucht man Kohle zum Leben.

M. Osterland: Aber auch Zeit Kultur zu organisieren. Und das ist ein Konflikt. Soviel könnte einem die Kultur schon Wert sein, dass jede Initiative einen Hauptamtlichen beschäftigen kann. Das ist natürlich Wunschdenken.

P. Neumann: Story of In guter Nachbarschaft.

A. Platz: Unser aller Geschichte …

J. Hauck: Ach das wäre schön. Ein/e Hauptamtliche/r. Für alle einen.

M. Walther: Aber dann sind wir eben nicht bei „wenig Geld“ und viel Wollen. Ich glaube das ist schon auch eine falsche Parole – im Ansatz richtig, aber nicht durchgehend.

M. Osterland: Vielleicht nicht zwingend. Es muss ja nur für die Miete und den Kühlschrank reichen.

A. Platz: Na ja, da muss man auch schauen, ob das wirklich nötig ist. Das Ehrenamt ist ja nicht per se Teufelszeug, sondern nur dort, wo es eigentlich notwendige hauptamtliche Strukturen ersetzen muss.

M. Walther: Ja, klar. Sehe ich alles genauso. Keine Frage – und auch richtig, Alexander. Nur finde ich dann diese Parole etwas verfrüht. Und auch irreführend. So legt man nämlich der Struktur die passenden Worte in den Mund.

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P. Neumann: Ich glaube, die Frage ist: Welche Strukturen, welche Formen von Kultur/Literatur ermöglichen. Und ob da ein vorschnelles Einlenken sinnvoll ist. Sicherlich (wie vieles) situativ zu entscheiden.

A. Platz: Das muss man von Fall zu Fall entscheiden, deswegen finde ich es auch wichtig, nicht pauschal nach mehr Geld und Hauptamtlichkeit zu schreien.

J. Hauck: Na ja, ich sehe schon, dass Zeit Geld ist und Kultur braucht viel Zeit zum gedeihen und wachsen. Diese ganze Organisation. Wenn man da wenigstens ein paar Stunden die Woche nicht an seine Miete denken muss, finde ich die Forderung nicht von der Hand zu weisen. Klar kommt das auf die Initiative an. Aber sechs Veranstaltungen im Jahr könnte ich jetzt neben meinem Job nicht mehr stemmen.

Th. Putz: Man muss versuchen, trotzdem unabhängig zu bleiben (wenn man es will). Das hEFt hat sich vom Konzept her in den zwölf Jahren kaum verändert. Marktwirtschaftlich gesehen würden das nicht funktionieren. Aber wir haben bewusst keine Anzeigen geschaltet. Sonst hätten wir auf der Rückseite jetzt Bundeswehr-Werbung. Aber auch eine Auflage von 20.000 Stück (die braucht man nämlich dann, wenn man Geld verdienen will – und Werbung auch!).

P. Neumann: Wir. Dienen. Erfurt.

M. Walther: Ich dachte auch nicht an Kommerzialisierung. Keineswegs. Nur eben auch nicht daran, immer zu behaupten und besser: den Eindruck zu vermitteln, das Wichtigste seien unser Elan, unser Idealismus und unsere tollen Ideen.

A. Platz: Ja, das ist das neoliberale Dogma.

Th. Putz: Ja, Max, ich weiß – aber das ist manchmal der einzige Weg, wenn keine öffentliche Förderung geht und man es weitermachen will, vielleicht auch „beruflich“.

J. Hauck: Ich glaube, wir meinen alle den Mittelweg. ich fordere mehr Freiheit und mehr Geld gleichzeitig. Irgendwie.

M. Osterland: Ist vielleicht der Status quo am Ende der einzige Weg durch diese Gemengelage? Der Mittelweg, den wir im Grunde wollen?

M. Walther: Nun. Vielleicht nicht der Status quo. Wir brauchen einen Ausdruck, müssen genau das ausdrücken – finde ich. der Statuts quo ist schon auch irgendwie schweigen.

A. Platz: Man muss einerseits die Realitäten zu Kenntnis nehmen, also den Status quo, und damit umgehen. Anderseits ist es schon wichtig, immer wieder die Frage in den Raum zu stellen: Könnte es nicht auch anders sein? Noch besser wäre es, Handlungsoptionen zu entwickeln und zu handeln. Gemeinsam.

J. Hauck: Gibt es da schon Handlungsoptionen?

M. Osterland: Wo seht ihr JETZT konkreten Handlungsbedarf? Vielleicht auch erstmal in kleinen Schritten.

P. Neumann: Nicht schweigen. Leute anquatschen. Für die gute Sache eintreten. Werbung machen. Tammtamm. Kooperieren. Vereinzeln. Födern. Gefördert werden. Rausgehen. Wiederkommen. Feiern.

M. Osterland: Ok. Das machen wir im Grunde täglich.

P. Neumann: Ja, und ich glaube das „täglich“ ist wichtig.

M. Walther: Ich denke vor allem daran, auch Größeres – mit mehr Vorlauf – gemeinsam zu machen. Mit mehr Wucht schlicht und ergreifend. Wie Projekte ähnlich dem Haus am Busbahnhof (angedacht). Um eine Plattform zu haben, nach Außen zu kommunizieren.

J. Hauck: Ich bin für: Wucht!!!!!!1111!!

M. Osterland: Das heißt: Wir legen hier gerade einen Grundstein?

Th. Putz: Ich bin für Pflasterstein!

P. Neumann: Ein GROßER Pflasterstein.

M. Walther: Auch einfach um personelle Ressourcen so zu bündeln um dem neoliberalen Dogma entgegen wirken zu können… trotzdem zu lachen und vielleicht einen Kühlschrank zu füllen und eine Wohnung zu haben. Mehr oder minder (im Traumtanz).

P. Neumann: Das klingt nach einem Schlusswort. Schön war’s.

Vorgestellt: Robert Wenzl

Robert Wenzl, geboren 1990 in Pößneck. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studiert er seit 2014 Geografie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe 33 und HANT – Magazin für Fotografie. Er ist zudem als Singer/Songwriter und in der Band Lightcap aktiv.

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Robert Wenzel (Foto: privat)

Mario Osterland: Lieber Robert, wir hatten uns im Zuge deiner Teilnahme am Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen kennengelernt. Hattest du zuvor schon einmal von unserer Lesereihe gehört?

Robert Wenzl: Hallo Mario. Zuvor hatte ich leider nichts von der Lesereihe gehört – überhaupt hört man von der Thüringer Literatur wenig, wenn man sich nicht in ihrem direkten Dunstkreis bewegt, würde ich sagen. Aber ich habe auch nie aktiv danach geschaut, man hätte euch sicherlich finden können.

M.O.: Das heißt, es gab deinerseits gar keine wirkliche Wahrnehmung einer „Szene“. Wie bist du auf das Literaturforum aufmerksam geworden bzw. wie kam es, dass du dich dort beworben hast?

R.W.: Es gab keinen direkten Weg. Ich hatte seit zwei Jahren angefangen längere Texte und Gedichte zu schreiben, zuvor hatte ich nur für Songs getextet. Doch dann habe ich in der Uni ein Seminar für Kreatives Schreiben bei Dirk von Petersdorff besucht. So ging es dann los, dass ich regelmäßig und ausführlicher geschrieben habe. Auf das Literaturforum bin ich dann durch Internetrecherche aufmerksam geworden, weil ich Plattformen gesucht habe Leuten das Geschriebene zu zeigen.

M.O.: Der Weg führte also über die Uni. Das ist interessant, da du ja bisher einen eher „bodenständigen“ Weg gegangen bist. Ausbildung zum Industriemechaniker und jetzt ein Studium der Geographie. Das ist heutzutage schon was Bemerkenswertes, wenn man als Autor nicht den rein künstlerisch-geisteswissenschaftlichen Weg geht.

R.W.: Nun, ich denke, dass es mir – obwohl es ein bisschen pathetisch klingt – immer um Ausdruck ging. Andere Formen haben für mich immer neue Ausdrucksmöglichkeiten mitgebracht, daher dann auch die Motivation, es mit dem Schreiben zu probieren. Dass das nicht über eine künstlerisch-geisteswissenschaftliche Schiene geschah, kommt auch daher, dass mich andere Themen immer interessiert haben und ich sie als Einfluss genommen habe. Das heißt außerdem auch nicht, dass ich mich dann nicht mit Literaturwissenschaft beschäftigt habe. Habe ich natürlich auch, nur eben nicht professionell. Vielleicht kommt man da in der heutigen Literatur nicht daran vorbei.

M.O.: Aber das ist ja nun eigentlich das Bemerkenswerte, dass neben der kreativen Arbeit ein echtes – mit deinen Worten professionelles – Interesse an anderen Bereichen vorhanden ist. Dass sich da verschiedene Aufmerksamkeiten die Waage halten. So ja auch innerhalb der Künste, in denen du dich bewegst, oder? Es ist ja schon angeklungen, dass du neben der Literatur auch als Musiker tätig bist. Oder vor allem? Gibt es da eine Gewichtung?

R.W.: So eine richtige Gewichtung gibt es nicht, phasenweise schreibe ich mehr Texte, dann wieder viele Lieder. Im Moment steht die Musik im Vordergrund, da ich wieder eine EP aufnehmen will. Doch ein paar Schreibideen warten auch schon. Für mich macht es einfach sehr viel Sinn, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen, mich gleichzeitig für mehrere Dinge zu interessieren. Ich bin dabei sehr flatterhaft, es gibt einfach zu viele spannende Themen! Aber oft kann man Ideen aus anderen Bereichen importieren, das ist dann das eigentlich Spannende

M.O.: Diese Offenheit finde ich klasse. Zuletzt wurde ja vor allem im Zuge der Nobelpreisvergabe über die Trennlinien und Zusammenhänge von Songwriting und Literatur viel diskutiert und gestritten. Als Songwriter und Autor hat dich die Auszeichnung für Bob Dylan sicher sehr gefreut.

R.W.: Ja, unbedingt. Ein Literaturbegriff, der nur das als Literatur ansieht, was zwischen dicken Einbänden gedruckt wird, ist doch überholt. Ich hatte kurz zuvor viel über Dylans Werk gelesen (Dank Heinrich Detering) und mir seine Autobiographie besorgt. Seine Lieder haben nun einmal auch einen hohen literarischen Wert. Vielleicht wurde viel diskutiert, da man Dylan seit 50 Jahren als Protest-Singer wahrnimmt. Aber damit wird man ihm sicherlich nicht gerecht.

M.O.: Dennoch würde mich interessieren, ob du sagen kannst diese oder jene Themen funktionieren besser in der Literatur als in der Musik oder umgekehrt. Mir erscheint es zum Beispiel oft so, dass im Song mehr Gefühl möglich ist als in der Literatur.

R.W.: Da stimme ich dir zu. In Songs lassen sich durch Melodie, Rhythmus (den es natürlich auch in Literatur gibt) und die Performance andere Qualitäten herstellen. Musik ist auch für mich emotionaler geladen als Literatur, vielleicht auch, weil der Zugang meistens über einen anderen Sinn geschieht. Einen Essay in einen guten Song zu packen, ist andererseits kaum möglich. Vielleicht sollte man als Künstler deswegen auch mit verschiedenen Formen experimentieren, da sie jeweils anderes besser ausdrücken können. Allein in der Literatur kann man sich ja an etlichen Formen austoben.

M.O.: Darum freut es mich auch, dass wir dich nach deiner Lesung bei der Summer Edition im Juli noch als Musiker bei der kleinen XMAS-Edition im Dezember werden hören können.

R.W.: Ich freu mich auch schon drauf. Ich werde auch die neuen Lieder mitbringen!

M.O.: Cool. Dann bis dann und vielen Dank für das Gespräch.

Vorgestellt: Mirandolina Babunashvili

Mirandolina Babunashvili, geb. 1996 in Kaiserslautern. Sie wuchs in Darmstadt auf und studiert seit 2015 Internationale Beziehungen und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt. Sie ist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground in Frankfurt/Main.

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Mario Osterland: Liebe Mira, du hast im Dezember 2015 bei uns am offenen Mikrofon gelesen. Wie bist du damals auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Mirandolina Babunashvili: Ich habe im Dezember 2015 auch bei einer Lesung an der Universität Erfurt teilgenommen (Poetry & Prosa), da hat mich der Autor Stefan Petermann angesprochen und mich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam gemacht. Daraufhin habe ich Peter kontaktiert.

M.O.: Die Mundpropaganda zwischen den Thüringer Städten funktioniert also. Du bist ja erst seit 2015 in Erfurt. Hast du dich sozusagen gleich auf die Suche nach einer „jungen“ Literaturszene gemacht?

M.B.: Genau. Zunächst hatte ich ein wenig Bedenken, als ich für mein Studium nach Thüringen gezogen bin, ob es hier genügend Möglichkeiten gibt literarisch aktiv zu sein, wie im Rhein-Main-Gebiet zum Beispiel. Aber ich habe zum Glück sehr bald junge Menschen kennengelernt, die in der Thüringer Literaturszene aktiv sind.

M.O.: Da gibt es sicher einige Unterschiede.

M.B.: Sicher ist im Rhein-Main-Gebiet „mehr los“, um das einfach zu formulieren. Aber das liegt natürlich daran, dass die Kultur- und Literaturszene der Stadt Frankfurt am Main eine lange Tradition hat, dementsprechend finden nicht nur mehr Events statt, sondern auch die Förderangebote für junge Schreibende sind zahlreicher. Da gibt es im Osten Aufholbedarf. Aber trotzdem gibt es auch hier viele junge Kreative die sich in ihrer Freizeit engagieren und sich darum bemühen die Thüringer Literaturszene aufleben zu lassen.

M.O.: Förderangebote für junge Schreibende ist ein Stichwort. Du bist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground aus Frankfurt/Main. Was hat es damit auf sich?

M.B.: Das ist die junge Abteilung des Frankfurter Literaturhauses. Mitglieder des Autorenkollektivs sind die ehemaligen Teilnehmer des Workshops namens Schreibzimmer, der auch am Literaturhaus stattfindet. Die Idee war einen Raum herzustellen, in dem die jungen Schreibenden miteinander in Kontakt bleiben und gemeinsam an ihren Texten arbeiten können. Einmal im Jahr stellen wir unsere Ergebnisse dann bei einer Lesung im Literaturhaus vor. Hauptsächlich geht es bei unseren Treffen, die einmal im Monat stattfinden, um Textbesprechung bzw. Textkritik, aber ab und zu erhalten wir auch Besuch von Menschen aus dem Literaturbetrieb (Autoren, Lektoren etc.) die ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns teilen.

M.O.: Da kommt es dir sicher gelegen, dass die Textwerkstatt Poesie & Praxis in Jena gerade wiederbelebt wurde, an der du ja auch teilnimmst.

M.B.: Auf jeden Fall. Ich schätze Schreibwerkstätten sehr. Mit 17 Jahren habe ich zum ersten Mal an einer Werkstatt teilgenommen und das hat mein Schreiben komplett verändert. Wenn ich meine Texte vor und nach der Schreibwerkstatt vergleiche, staune ich selbst wie sehr ich mich verändert habe. Ich denke das wird auch den Teilnehmern von Poesie & Praxis so ergehen, vor allem denjenigen die zum erstenmal an einer Textwerkstatt teilnehmen. Aber ich freue mich auch darauf Neues zu lernen und meinen „literarischen Blick“ zu schärfen. Denn bei Textwerkstätten geht es ja meistens vordergründig um das „Handwerkliche“, also quasi „Do’s & Don’ts“ beim Schreiben, die es trotz aller Freiheit, die die Kunst einem bietet, gibt. Da ist es auch interessant zu sehen, welche Tipps die Leiter der Textwerkstätten den Teilnehmern an die Hand geben, da es auch in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen geben kann. Aber ich möchte sagen, dass ich auch an Poesie & Praxis teilnehme, weil es mir großen Spaß macht über Literatur zu sprechen und ich neugierig bin, was denn die anderen jungen Autoren schreiben. Auch das ist eine Möglichkeit sich inspirieren zu lassen.

M.O.: Ich habe dich jetzt als Prosaautorin kennengelernt. Was reizt dich am Erzählen?

M.B.: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nie lange darüber nachgedacht habe, welche Form des Ausdrucks ich wählen soll. Es ist mehr eine intuitive Entscheidung. Ich schreibe, wenn ich etwas bestimmtes zu sagen habe und die Form die in der Vergangenheit am Besten dazu gepasst hat war Prosa. Wenn ich einmal das Gefühl haben sollte, dass ich mich in einem Gedicht besser ausdrücken kann, dann werde ich das tun. Dazu kommt auch, dass ich am liebsten Prosa lese.

M.O.: Welche Prosa hat dich zuletzt beeindruckt?

M.B.: Eine sehr schwierige Frage, weil mich vieles auf seine Art und Weise beeindruckt. Aber um ein paar Beispiele zu nennen: Ich habe Eugénie Grandet von Honoré de Balzac gelesen, da hat mich natürlich Balzacs Art zu erzählen beeindruckt, er hat einen unverwechselbaren eigenen Ton, wie auch die unglaublich plastische Ausgestaltung der Figuren. Zudem beeindruckt mich Dostojewski immer wieder. Zuletzt habe ich die Brüder Karamasow von ihm gelesen. Was mich an ihm beeindruckt sind nicht nur seine psychoanalytischen Fähigkeiten, sondern auch die ausschweifende, ich würde fast sagen „russische“ Art zu erzählen. Er schafft es passagenweise nur zu beschreiben, ohne das man sich langweilt. Mein deutscher Lieblingsautor ist Erich Maria Remarque. Was mich an ihm beeindruckt ist, dass er es schafft gefühlvoll zu sein, zu berühren, aber gleichzeitig sehr kühl und schlicht zu sein.

M.O.: Mit der „russischen Art“ des Erzählens geht der Blick nach Osten. Ein Teil deiner Familie stammt aus Georgien. Verfolgst du die georgische Literatur? Kannst du vielleicht sogar jemanden empfehlen, den es in Deutschland noch zu entdecken gilt?

M.B.: Richtig, ich bin halb Georgierin und lese auch sehr gerne auf georgisch. Ich kann die georgische Literatur sehr empfehlen, da sie sich unterscheidet von der westlich-europäischen, russischen aber auch orientalischen Literatur, aufgrund der Eigenheiten der Kultur und Sprache die sich keiner dieser Regionen zuordnen lassen. Da gibt es also etwas Neues zu entdecken. Georgisch sprechen leider nicht sehr viele Menschen, sodass ein Großteil der Literatur noch nicht übersetzt wurde, aber daran wird gerade gearbeitet. Vor allem die Übersetzungen ins Deutsche haben zugenommen und 2018 ist Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, sodass spätestens da deutsche Leser die Möglichkeit haben werden mit der georgischen Literatur in Berührung zukommen.
Was die Empfehlung angeht, da muss ich zunächst Schota Rustaweli erwähnen, er ist sozusagen der Nationaldichter Georgiens und hat Der Recke im Tigerfell verfasst, ein Epos das jeder Georgier zumindest passagenweise auswendig kennt und dessen Stellung in der georgischen Literatur in etwa mit der von Goethes Faust in der deutschen zu vergleichen wäre. Von den Schriftstellern der Gegenwart kann ich Lascha Bugadze empfehlen, sein Buch Der Literaturexpress ist kürzlich auf Deutsch erschienen, aber auch Esma Oniani oder Anastasia Kordsaia-Samadashvili.

M.O.: Klingt so, als könne man sich auf die Buchmesse 2018 freuen. Bist du selbst daran interessiert georgische Literatur ins Deutsche zu übersetzen?

M.B.: Um ehrlich zu sein, kann ich mir selbst nicht vorstellen als Literaturübersetzerin tätig zu sein, da ich mich dieser höchst anspruchsvollen Aufgabe zumindest im Moment noch nicht gewachsen fühle. Was ich mir aber sehr wohl vorstellen kann ist Themen und Eigenheiten der georgischen und deutschen Literatur beim Schreiben miteinander zu vereinen, um sie so Lesern in Deutschland etwas näher zu bringen.

M.O.: Das passt ja auch gut mit deiner Studienwahl zusammen.

M.B.: Ja, in der Tat. Auch wenn Literatur da weniger eine Rolle spielt.

M.O.: Dann lass uns vorerst hier enden. Vielen Dank!

In guter Nachbarschaft zu Gast bei Radio F.R.E.I.

Peter Neumann und Mario Osterland waren am 27.10. zu Gast im „Stadtgespräch“ beim Erfurter Radio F.R.E.I., um mit Moderator Richard Schaefer über die Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ und die kommende Veranstaltung mit dem Siegener Autor Crauss zu reden.

Nachhören kann man die Sendung hier.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #11

5.11.2016 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12) in Erfurt

mit Crauss

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und Gästen am offenen Mikrofon

Eintritt: nur 3,- € (Abendkasse)

Vorgestellt: Gorch Maltzen

Gorch Maltzen, geb. 1987 in Heide (Holstein). Er studierte in Erfurt und Weimar und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bauforschung (IAB). Er lebt in Weimar. Blog: Gorch Maltzen.

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Gorch Maltzen (Foto: Nija-Maria Linke)

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Mario Osterland: Lieber Gorch, wie bist du eigentlich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Gorch Maltzen: Robert Wenzl (Autor bei der SUMMER EDITION – Anm. M.O.) und ich sind ja miteinader befreundet. Er hatte mir das Texttreffen mit Peter Neumann und dir empfohlen. So hab ich von der Lesereihe sozusagen aus erster Hand erfahren.

M.O.: Aber Robert und du, ihr kennt euch von der Musik her.

G.M.: Sagen wir es mal so: wir sind Freunde, die darüber geredet haben, Musik zusammen zu machen. Er ist ja schon ein richtiger Songwriter. Ich spiele E-Gitarre.

M.O.: Wie sieht das derzeit bei dir aus? Halten sich Literatur und Musik die Waage?

G.M.: Im Moment ist es mehr Literatur. Ich habe allerdings erst mit Musik angefangen. Ich spiele seit ich 11 bin Gitarre. Ich hätte das fast studiert. Ich hatte aber immer Schwierigkeiten mit dem vom Blatt spielen. Mich hat eher der Prozess interessiert eigene Lieder zu machen. Das selbst kreativ sein, das etwas eigenes machen, nach eigenen Regeln, sich nach eigenen Interessen ausrichten und gegebenenfalls autodidaktisch etwas anzueignen. Es ging dann in Richtung Komposition, aber ich habe nie Musik studiert. Ich habe auch Literatur nie studiert. Ich habe eine Abneigung dagegen, dass mir gesagt wird, was ich tun soll, was ich hören oder lesen soll, was relevant ist. Das Konzept des Kanons ist mir suspekt.

M.O.: Also hast du dich bewusst gegen ein künstlerisch/geisteswissenschaftliches Studium entschieden?

G.M.: Ich denke, da spielen viele Faktoren rein. Persönliche Reife, Jobaussichten, freie Studienplätze, Eignungsprüfungen. Ich weiß, dass ich mich gerne gegen Lehrer und Autoritätspersonen gestellt habe. Ich habe mich immer für Künstlerisches interessiert und vielleicht war es eher die Sorge, dass mir das jemand kaputt macht, zerredet oder stört. Mir ist die Eigenständigkeit als Autor sehr wichtig, die Freiheit, vielleicht auch die Macht. Ich habe Bauingenieurwesen studiert und es ist ein sinnvoller Job. Es gibt schon ein paar interessante Persönlichkeiten, die Bauingenieurwesen studiert haben: Dostojewski oder L. Ron Hubbard. Ich denke, dass beim Schreiben nicht das Studium entscheidet. Es zählt nur, was man zu Papier bringt.

M.O.: Du hast bisher ausschließlich Prosa veröffentlicht. Wie würdest du dein eigenes Schreiben beschreiben? Was interessiert dich an der Literatur?

G.M.: In Literatur kann etwas sehr Kluges neben etwas sehr Emotionalem stehen und beides hat seine Berechtigung darin. Wenn ich etwas lese, dass mich umhaut, dann ist es meistens entweder etwas, über das ich noch nie nachgedacht habe, das sich völlig meiner eigenen Wahrnehmung, meinem eigenen Leben entzieht oder etwas, dass ich immer schon geahnt habe über mein eigenes Leben, etwas für das mir jemand ein brandneues Vokabular gibt. Meine eigenen Sachen entstehen daraus, dass ich Interessen folge, mich ein bestimmtes Thema aufwühlt. Ich mag Dinge, über die es schwer ist zu reden. Die sind es meistens besonders Wert, dass versucht wird über sie zu reden. Ich denke in der Struktur weisen meine Kurzgeschichten bisher häufig ein Thema auf, dass reflektiert wird auf einer eher Intellektuellen Ebene und einen emotionalen Kern, zum Beispiel den Konflikt eines Charakters. Ich fühle mich wohler in der ersten Person zu schreiben

M.O.: Also würdest du sagen, deine Texte entstehen in erster Linie von den Figuren her?

G.M.: Ich brauche immer unglaublich lange für die erste Seite einer Geschichte. Manchmal ein paar Wochen. Auf der ersten Seite ist dann fast alles schon angelegt für die Geschichte und braucht dann nur noch erfüllt zu werden. Es fängt bei mir aber immer mit dem Kern an, also einem Konflikt oder emotionalen Problem eines Charakters.

In dem Konflikt ist das Thema schon enthalten. Und dann diskutier ich das Thema mit zig Leuten durch und versuche so viele Perspektiven wie möglich zu bekommen. Ich finde so meistens überhaupt erst heraus, wie mein eigener Standpunkt ist. Ein bisschen wie bei Susan Sontag: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“

M.O.: Du hast in den letzten Jahren einige Texte im hEFt veröffentlicht, mehrfach in Erfurt gelesen und auch den Jurypreis beim Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2015 gewonnen. Wie nimmst du die literarische Szene Thüringens wahr?

G.M.: Ich würde mich zur freien Kulturszene in Thüringen zählen. Die Erfahrungen, die ich als Kreativer in Erfurt gemacht habe waren vor allem vom Kampf ums Überleben geprägt. Ständig fehlt das Geld, ständig wird alles zusammen gekürzt. Das hEFt hat eine so starke und wichtige Funktion in Thüringen. Jeder junge Mensch, der sich berufen fühlt zu schreiben, kann etwas beim hEFt einreichen und mit ein bisschen Glück drucken die das dann und fremde Leute können das lesen. Als erste Erfahrung eine eigene Geschichte ganz selbstständig zur Veröffentlichung zu bringen ist das hEFt der perfekte Ort. Dazu kommt noch die politische Bedeutung als Medium der freien Kulturszene. Ich finde eine Zeitschrift, die sich über Jahre etabliert hat, sollte als Institution erkannt und entsprechend gefördert werden.

M.O.: Dem schließ ich mich natürlich an! Und es scheint ja wirklich passend zu sein, dass wir dich bei der nächsten Nachbarschaft ausgerechnet in Erfurt am offenen Mikrofon begrüßen können.

G.M.: Ja, ich freu mich sehr darauf!

M.O.: Wir freuen uns auf dich und In guter Nachbarschaft #11 in Erfurt. Vielen Dank für das Gespräch!