Vorgestellt: Wassily Kandinsky als Dichter

Am 8.12. findet in Weimar eine besondere Ausgabe unserer Lesereihe statt. Wir widmen uns einen Abend lang einer eher unbekannte Seite des Künstlers Wassily Kandinsky. In Lesung und Konzert stellen Alexander Filyuta, Alexander Graeff und der Jazzposaunist Conny Bauer das dichterische Werk Kandinskys vor. [Alle Infos hier.]

Mario Osterland sprach vorab mit Alexander Graeff über seine Arbeiten zu Kandinsky.

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Alexander Graeff (Foto: Ute J. Krienke)

Mario Osterland: Lieber Alexander, du beschäftigst dich schon ziemlich lange mit dem Werk und der Person Wassily Kandinskys. Was fasziniert dich an ihm?

Alexander Graeff: Mich fasziniert seine Biografie vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Auf der einen Seite zählt er zu den bekanntesten VIPs der Klassischen Moderne, seine Kunst und er selbst sind bis heute beliebte Projektionsflächen für bürgerliche Mythenproduktion, die oft den sozialgeschichtlichen Umständen der Zeit diametral entgegenlaufen; die ‚klassische‘ Kunstgeschichte hat diese sehr einseitige und oft verzerrende Rezeption seines Lebens und Werks zum Teil mit hervorgebracht. Auf der anderen Seite – und das treibt mich zu dem Thema – ist Kandinsky ein gutes Beispiel für ein bestimmtes deviantes Verhalten eben in Bezug auf seine Biografie: Dass er sich erst im Alter von dreißig Jahren für eine Kunstausbildung in München entschied und auf seine bisherige akademische Laufbahn in Russland verzichtete, dass er ein Kenner des Okkultismus war, oder dass er eine gewisse Zeit polyamor lebte, sind nur einige Aspekte seiner Biografie, die ich spannend finde und nach und nach herausarbeite – nicht zuletzt auch, um das oben erwähnte Bild von Kandinsky zu ergänzen und ggf. zu korrigieren.

M. Osterland: Du hast über den Pädagogen Kandinsky promoviert und im letzten Jahr als Herausgeber den Dichter Kandinsky präsentiert. Sind das zwei verkannte Seiten eines Mannes, der heute immer noch in erste Linie als Maler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Ganz genau. Nur wenigen war Kandinsky als Pädagoge oder Poet bekannt, dabei sah er sich selbst in diesen Rollen. Die Kunstgeschichte zeigte ihn immer nur als Maler oder Grafiker, publiziert wurden vorrangig Bildinterpretationen in zigfacher, sich wiederholender Ausführung, die seinen Weg zur abstrakten Kunst illustrieren. Sein soziales Umfeld aber wurde nur wenig beachtet, genauso wenig wie seine Bildungsvorstellungen, seine Gesellschaftskritik, seine poetischen Ambitionen oder sein esoterisches Weltbild. Gerade letzteres passte eben nicht ins Bild, das sich die bildungsbürgerliche ‚Elite‘ nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm machte.

M. Osterland: Ist das der Grund warum Kandinsky heute vor allem als Maler ‚schöner bunter Bilder‘ bekannt ist?

A. Graeff: Kann sein, dass diese Deutung sowas auch befördert. Eine wichtige Denkfigur Kandinskys war die Synthese der Künste, es verwundert daher nicht, dass er sich in allen Sparten der Kunst ausprobierte. Um so mehr aber verwundert es, dass ihn die Kunstgeschichte ebenso wie der ‚bürgerliche Mythos‘ jahrelang nur als Maler betrachtete und bewarb.

M. Osterland: Welchen Stellenwert innerhalb seines Werkes hatte sein poetisches Schreiben und die Dichtung allgemein für Kandinsky?

A. Graeff: Vor dem Ersten Weltkrieg scheint es so gewesen zu sein, dass er sich so gar nicht entscheiden konnte, ob er sich eher als Maler oder als Schriftsteller sehen sollte. Mit dem Münchner Piper Verlag hatte er ab etwa 1910 einen Verlag gefunden, der sowohl seine kunst- und gesellschaftstheoretischen Texte als auch seine poetischen Arbeiten veröffentlichte. 1912 erschienen sein berühmtes Buch Über das Geistige in der Kunst und seine Prosagedichtsammlung Klänge.

M. Osterland: Das heißt also, dass Kunst und Literatur in Kandinskys Denken und Schaffen zu jeder Zeit gleichberechtigt vom ihm behandelt oder betrachtet wurden?

A. Graeff: Nein, es trifft, auf eine bestimmte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu. Als er 1921 wieder nach Deutschland kam und dann ein Jahr später ans Bauhaus berufen wurde, hatte sich sein Schaffen im Vergleich zur Münchner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weiter professionalisiert, er setzte dann Schwerpunkte bei den bildenden Künsten, nicht zuletzt auch, weil er ja von Gropius als Zeichenlehrer ans Bauhaus berufen wurde. Kunstpädagogik, Malerei und Grafik waren dann seine Hauptbeschäftigungsfelder.

M. Osterland: Wie gestaltete sich die Übersetzungs- und Herausgeberarbeit für die Neuausgabe seiner Gedichte in Vergessenes Oval?

A. Graeff: An die Originalmanuskripte kamen wir nicht heran, die liegen verschlossen im Kandinsky-Archiv im Centre Pompidou in Paris. Die Kandinsky-Forschungssituation ist zum Teil eine sehr esoterische Sache, nicht jede*r Forscher*in kommt in die Archive, ein Zustand, der oft schon bemängelt, aber bisher nicht verändert worden ist. Große Museen und Archive, die Kandinsky-Material besitzen, wittern Konkurrenz und wollen nach und nach selbst Ausstellungen und Bücher zum Thema auf den Markt werfen. Wir haben für Vergessenes Oval auf eine edierte Forschungsversion des Manuskriptes zugegriffen. Nur die Übersetzungen daraus haben wir nicht übernommen, die hat Alexander Filyuta neu übersetzt.

M. Osterland: Welche Rolle spielen die Illustrationen für ein Buch, dessen Autor ja vordergründig als Künstler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Das war für Christoph Vieweg wirklich eine Herausforderung und anfangs war ich auch skeptisch, wie das Konzept der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin auf Kandinsky übertragen werden würde. Christoph hat das in meinen Augen aber hervorragend gelöst. Er hat eine neue Bildsprache gefunden, die Motive aus Kandinskys Grafiken zwar aufgreift, aber eine eigenständige Gesamtkomposition darstellt, die den Text gut ergänzt.

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aus: Wassily Kandinsky – Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass. (Verlagshaus Berlin, 2016)

M. Osterland: Was macht deiner Ansicht nach das Lesen von Kandinskys literarischen Texten reizvoll?

A. Graeff: Sie zeigen die Entwicklung der Kunst der Moderne auf literarischer Ebene. Seine Texte sind konkret wie seine Grafiken, ironisch und stark inspiriert vom Dadaismus. Seine Texte sind Wegbereiter der Konkreten Poesie, gerade dieser Sachverhalt ist wenigen bekannt. Kandinsky kann als Vorläufer der Konkreten Poesie bezeichnet werden. Der spätere ‚Gründer‘ der Konkreten Poesie Eugen Gomringer hat sehr genau Kandinskys Texte studiert, die poetischen ebenso wie die kunsttheoretischen. Die Manifeste Gomringers aus den 1950er Jahren lesen sich zum Teil eins zu eins wie Kandinskys Überlegungen zur Synthese der Künste, zur abstrakten bzw. konkreten Kunst von vor dem Zweiten Weltkrieg.

M. Osterland: Am 8. Dezember 2017 liest du Kandinskys Prosagedichte zusammen mit dem Übersetzer Alexander Filyuta in Weimar. Außerdem spielt Conny Bauer auf der Posaune Improvisationen, die zu einem Bühnenstück Kandinskys entstanden sind. In dieser Dreierkonstellation konnte man euch in der Vergangenheit schon mal erleben. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

A. Graeff: Das war eher Zufall. In Berlin richtete uns die Berliner Literarische Aktion rund um Martin Jankowski eine Lesung aus und bot an, Conny Bauer, der ja vor etwa 10 Jahren zu Kandinskys Bühnenstück Der gelbe Klang gearbeitet und eine CD produziert hatte, für die Veranstaltung hinzuzunehmen. Das war natürlich eine große Ehre für Alexander Filyuta und mich! Und so kam es, dass wir drei uns sehr gut verstanden. Conny Bauers Improvisationen auf der Posaune passten perfekt zu Kandinskys zeitlebens unveröffentlicht gebliebenen Dada-Prosagedichten, die Alexander Filyuta und ich ja letztes Jahr mit Vergessenes Oval herausgegeben haben. Und jetzt wiederholen wir das Format in Weimar, einer Stadt, in der Kandinsky selbst drei Jahre lang lebte und wirkte.

M. Osterland: Waren die Weimarer Jahre eine besondere Zeit in Kandinskys Biografie?

A. Graeff: Sie waren eine sehr fruchtbare Zeit im Hinblick auf seine Freundschaft zu Paul Klee, den er ja aus München kannte und nun in Weimar wieder traf, und auch zu Lyonel Feininger. Das inspirierte ihn. Künstlerisch war er im Vergleich zu seiner Zeit in Russland davor viel produktiver. Überschattet wurde seine Zeit in Weimar allerdings vom provinziellen und xenophoben Milieu der Weimarer Bürgerschaft, in das eine damals so unkonventionelle Schule wie das Bauhaus mit ‚fremdländischen Zeichenlehrern‘ nicht so recht passen wollte. Von Beginn an hatten es Gropius und die anderen Bauhäusler*innen schwer mit ihrem lebensreformerischen Projekt. So schwer, dass der Druck von Rechts irgendwann so stark wurde, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

M. Osterland: Freuen wir uns also auf die Rückkehr Kandinskys nach Weimar am 8.12. Danke für das Gespräch!

Alexander Graeff, Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Promotion bei Heinz-Elmar Tenorth und Michael Parmentier über Wassily Kandinsky als Pädagoge. Lebt in Berlin und Greifswald. Er veröffentlichte zahlreiche philosophische sowie belletristische Texte.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #15 – Wassily Kandinsky als Dichter

Freitag, 8.12.2017 – 20 Uhr

Kulturzentrum mon ami (Goetheplatz 11, Weimar)

Eintritt: 7,-/ erm. 5,-€ (Abendkasse)

Ticketreservierungen unter: inguternachbarschaft [at] gmx.de

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Robert Sorg bei „Blaubart & Ginster“

Robert Sorg, Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins, verhalf unserer Lesereihe im April 2017 einer wunderbaren Veranstaltung, indem er die Räume im Stadtspeicher am Markt für uns öffnete. Jetzt war er zu Gast bei der Jenaer Literatursendung Blaubart & Ginster im Radio OKJ und sprach mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland u.a. über die Schwierigkeiten bei der Findung von Veranstaltungsorten in Jena.

Die Sendung kann in einer Podcastversion auf Soundcloudnachgehört werden.

Vorgestellt: Daniel Ketteler

Am 4.11. gibt es endlich eine neue Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wir kehren zurück in die Thüringer Landeshauptstadt mit einem Leseabend der besonderen Art. Zu Gast ist diesmal der Berliner Arzt und Schriftsteller Dr. Dr. Daniel Ketteler, der u.a. aus seinem Roman „Grauzone“ lesen wird.

Moderiert wird der Abend von Mario Osterland, der in der Vergangenheit ein Interview mit Ketteler zum Thema „Literatur und Rausch“ führte. Noch immer lesenwert und ein interessanter Vorgeschmack auf den Abend im FRANZ MEHLHOSE.

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„E.T.A. Hoffmanns Werke sind großartig, seine Leberwerte waren es nicht“

Mario Osterland: Als schreibender Mediziner stehst du in einer ziemlich illustren Reihe mit u.a. Schiller, Tschechow, Benn und Döblin. Worin liegt für dich der Reiz dieser Verbindung aus Literatur und Medizin?

Daniel Ketteler: Ja, das ist ein Riesenfeld und natürlich eine Riesen­hypothek für jeden schreibenden Mediziner. Ich denke die Quelle dieser fruchtbaren Allianz ist die Begeg­nung mit Menschen und Schick­salen. Ich bekomme ja jeden Tag mindes­tens einen Roman­plot geschenkt. Naja, sagen wir jede zweite Woche einen guten. Dazu muss man sich hinein­versetzen in alle diese Menschen. Vor allem die Ärzte früherer Gene­ratio­nen hatten noch die Muße und konnten sich Zeit nehmen. Sie hatten auch Zeit für ein gutes Buch, eine Zeitung. Das waren noch richtige Bürger. Im heutigen klinischen Alltag ist wenig Raum für Romantik. Lies mal Irre von Goetz! Aber der Mensch in seiner vergänglichen Pracht prangt immer noch über allem.

Ich schätze vor allem Büchner sehr, der war ja auch Arzt. Aber da eine Linie zu ziehen wäre blasphemisch und vermessen. Döblin mag ich auch sehr, diesen frühen Cut-off. Bei beiden schimmert das Menschen­liebende durch, da gibt es ein echtes Interesse am Schicksal des anderen. Natürlich sind gute Autoren auch immer böse, das hat George Steiner mal gesagt, aber Benn und Celine sind mir da sowohl als Ärzte, wie als Schrift­steller und Wissen­schaft­ler etwas suspekt, da schimmert so etwas ekelhaft elitär-rechts­raunendes hindurch. Durch alle Poren. Das sind die zynischen Ärzte, die, die voller Mitleid und Ekel auf die Aus­schei­dungen blicken. Natürlich auch das unglaub­lich berei­chernd in einem produktiven Sinn, aber ein Bierchen trinken würde ich dann doch lieber mit Georg B. als mit Gottfried B. Wir sind sterblich und das ist doch super so! Stell dir vor, du müsstest zig Millionen Jahre leben. Wie langweilig! Das wäre ein schlim­mes Gefäng­nis. Nur unter Zeitdruck und mit Blick auf die Ver­gäng­lich­keit kann man doch den Ansporn haben, etwas zu schreiben, und die Ärzte sehen ja, je nach Disziplin, jeden Tag, wie schnell es wieder vorbei sein kann.

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Daniel Ketteler (Foto: A. triepa)

M. Osterland: Du hattest 2005 einen Aufsatz in der Kritischen Ausgabe publiziert, in dem es um den Zusammenhang von Drogenkonsum und Kreativität geht. Ist es dir generell ein Anliegen, den meist romantisierten Zusammen­hang von Kunst und Rausch auf wissen­schaft­lichem Niveau zu begegnen?

D. Ketteler: Ja, das war eine Annäherung an das Thema mit wissen­schaft­lichem Anstrich. Aber der strenge Natur­wissen­schaftler würde das sicher anders machen. Ich selbst suche einen Weg zwischen Natur- und Geistes­wissen­schaften. Das geht am besten in einem leicht essayis­tischen Stil. Den klassischen »Journals« behagt das nicht, die wollen die standardisierte Form der Publikation (Abstract, Introduction, Methods, Discussion). Das finde ich teils sehr schade, denn so ist wenig Raum für assoziative, also künstlerisch-kreative Ideen. Kürzlich habe ich noch ein paar Gedanken zum Thema Genie und Wahn. Was ist dran? publiziert. Der Titel ist etwas albern, aber ich wollte den etwas ver­staubten Mythos vom wahnsinnigen Künstler­genie mal auf eine neuronale Substanz und Trag­fähigkeit hin prüfen.

M. Osterland: Mit welchem Ergebnis?

D. Ketteler: Die Neurobiologie und Empirie liefern hier wie so oft nur indirekte Nachweise. Zum einen ist es so, dass sich bei verschiedenen Erkran­kungen des schizo­phrenen Formen­kreises Sprachpathologien finden, die in Kreativ­prozessen, also zum Beispiel bei Gedichten, gezielt genutzt werden; etwa Neolo­gismen, Wort­konta­minationen und ein mani­sches Zungen­reden, Reim­zwänge kommen vor und vieles mehr. Die mensch­liche Sprach­fähig­keit, und hier gehe ich mit dem Psychologen Tim Crow, ist womöglich überhaupt die Grund­lage für die mensch­liche Dispo­sition zur Psychose. In der Psychose wiederum, und dies ist die etwas in Vergessenheit geratene Haupt­erkennt­nis des Begründers des Schizo­phrenie­begrif­fes Eugen Bleuler, fällt vor allem eine asso­ziative Lockerung ins Gewicht; dies vor allem sprachlich, aber auch inhaltsbezogen im Wahn. Das sind alles quasi auto­poe­tische Kon­struk­tionen der mensch­lichen Phantasie, einem Traum nicht unähn­lich. Die Realität wird außer Kraft gesetzt, und nichts anderes machen schließ­lich die Künst­ler. Zu fragen ist deshalb ein­deutig: hängen nicht hier Psychose (Wahn) und Krea­tivität (altmodisch: Genie) eng zusammen?

Reaktiviert man diese etwas vertaubten Thesen, eröffnen sich also womöglich neue alte Ansatz­punkte und etwas wie Psychose wird nicht rein diagnos­tisch ausge­sondert, sondern zählt als mensch­liche Grund­dispo­sition einfach zum Mensch­sein dazu. Die Psychose und Manie als Preis für die Kreativi­täts­funktion und als Quelle der­selben. Ich will diese leid­vollen Krank­heiten nicht verherr­lichen, aber sie aus der unfallhaften Schmuddel­ecke holen. Leo Navratil be­schrieb auch empi­risch den Wandel von psycho­tischen Haus­frauen zu Kreativgeistern. Und auch die familiäre Häufung von Künst­ler­familien mit bi­polaren Erkran­kungen spricht für sich. Naiv ist aktuell die Idee, man schaut mittels bildgebenden Verfahren ins Künstlerhirn. Aber auch so etwas wird unter­nommen und führt vielleicht auch zu Er­kennt­nis­sen. Deduktiv kann man aber auch einfach eins und eins zusammen­zählen.

M. Osterland: Das weicht dann natürlich die Grenzen von »normal« und »verrückt« endgültig auf.

D. Ketteler: Ja genau, diese Grenze ist ohnehin nur eine Schutz­behaup­tung, eine Illusion damit wir alle friedlich schlafen können. Genau wie wir uns fast alle jeden Tag vormachen, ewig zu leben. Jules Angst, ein Ver­treter der Zürcher Schule, hat in Studien ein Konti­nuum von Depression, Manie und Psycho­se an einer riesigen und immer noch laufenden Kohorten­studie eindrucks­voll nach­gewiesen. Die Grenzen selbst der einzelnen Diagnosen sind fließend. Wie sollte es dann zum Gesunden anders sein?

M. Osterland: Ist der Rausch der Schlüssel zur oder gar das Wesen der Kreativität?

D. Ketteler: Das ist eine spannende Frage. Ich würde mich dem aber eher von einer anderen Seite nähern. Ich denke, dass vor allem Zustände der manischen Extase und assoziativen Lockerung, wie man sie bei der bipolaren Disposition (Manie) oder Psychose antrifft, ein Schaufenster zu Kreativ­prozes­sen bieten. Hierzu habe ich auch etwas im psychia­trischen Bereich geforscht, speziell was die assoziative Lockerung anbelangt. Bleuler hatte ein besonderes Augenmerk auf Sprachbesonder­heiten in der Psychose gerichtet. Dies ging in der modernen Diagnostik zunehmend etwas unter. Aber vor allem die Lockerung von zuvor scheinbar fest­geschriebenen Sinn­zu­sammen­hängen ist ein wesent­licher Effekt dichte­rischer Produktion. Durs Grünbein weist auf die EEG-Experim­ente in Njimwegen hin. Dort hatte man Probanden Wortpaa­rungen wie »Katze« und »Hund« präsentiert und eher kleine neuronale Ausschläge fest­gestellt. Bei »Katze« und »Mond« hingegen spielte das Hirn verrückt. Ich denke, dass im Hirn des Ekstatikers genau solche brisanten Neu­schöpfungen und Rekombinationen stattfinden, die sich im Gesunden ein Dichter zunutze macht. Er kann, im Gegensatz zu einem aus den Fugen geratenen Maniker, kontrolliert auf Neuland zugreifen. Der Psycho­tiker und Manier wird hingegen quasi überrannt von seinen Wort­flashs.

Auch Drogen können derartige Kicks sicher gezielt evozieren. Kontrollverlust ist ein Punkt, der Neokortex verliert die Kontrolle und subkortikale, tiefliegende Hirn­strukturen wie die Basalganglien über­nehmen die Kontrolle. Benn hat dies intuitiv geahnt und spricht vom »Auf­rauschen« und auch oft und in Varianten vom Tiefenhirn. Neuronal lassen sich derlei Prozesse heute darstellen. Aller­dings funktioniert die Neuro­wissen­schaft, Benn hat dies ebenfalls beklagt, leider sehr induktiv, kleinschrittig. Dadurch fehlt oft die Drauf­sicht. Sie ist geradezu verpönt, da sie spekulatives Strandgut anspült. Ich selbst denke aber, nur so kann man sich dem Thema konstruktiv nähern.

[Das ganze Interview lesen Sie hier.]

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Samstag, 4.11.2017 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12, Erfurt)

Eintritt: 5,-/3,-€ (nur Abendkasse)

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Vorgestellt: Lisa Goldschmidt

Am 30.6. findet in Schillers Gartenhaus in Jena In guter Nachbarschaft #13 statt. Die Lesung wird sich diesmal den Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen widmen. Mit dabei ist auch Lisa Goldschmidt, die für ihr dreiteiliges Gedicht seht mich verschwinden ausgezeichnet wurde. Wir stellen sie im Kurzinterview vor.

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Lisa Goldschmidt (Foto: privat)

Mario Osterland: Liebe Lisa, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Erfolg beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Das war ja bereits deine dritte Teilnahme. Wie bist du damals auf das Forum aufmerksam geworden und was schätzt du daran besonders, dass dich zu weiteren Einsendungen ermutigt hat?

Lisa Goldschmidt: Erstmals aufmerksam geworden bin ich auf das Junge Literaturforum durch meinen Mitbewohner Nils Brunschede, der mit seinen Gedichten ebenfalls Preisträger des Jahres 2014 war. Über meinen anderen Mitbewohner, Robert Stripling, bin ich im letzten Jahr auf den open mike aufmerksam geworden. In diesem Sinne, so romantisch es auch klingen mag, wäre ich wohl, hätte ich mich für andere Mitbewohner entschieden, vielleicht nicht zum Schreiben gekommen, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Es war schon ein glücklicher Zufall, falls man es so nennen kann. Was ich am Jungen Literaturforum schätze, ist die Förderung junger Autoren/Autorinnen, vor allem im Rahmen der Seminare und Workshops. Was mich zu weiteren Einsendungen bewog und mich auch für kommendes Jahr (was mein letztes sein wird) noch reizt: einmal mit einem Haiku den Hauptpreis zu gewinnen und es so abzuschließen, wie alles begann. (Ein kurzer Dank soll hier auch an meine Mutter gehen, die, vor einem Werk von Barnett Newman stehend, mich zu meinem ersten Haiku inspirierte, was 2015 in der Nagelprobe veröffentlicht wurde)

M.O.: Du warst in diesem Jahr mit dem dreiteiligen Gedicht seht mich verschwinden erfolgreich. Was reizt dich an der Lyrik?

L.G.: Für mich zeichnet sich die Lyrik durch ein völlig anderes Denken aus, das jenseits der Narration und des Verstehens, auf fragmentarische und instabile Weise abstrakte Raum- und Bildwelten schafft, die ohne jeglichen Nutzen Sinnhaftigkeit besitzen.

M.O.: Schreibst du auch Prosa oder Dramatik?

L.G.: Sofern ich im Sommer Zeit haben werde, werde ich mich an Kurzprosa heranwagen. Was Dramatik angeht: ich weiß nicht, ob ich hierfür schon alt genug bin.

M.O.: Du hast an der Akademie für Bildende Kunst in Karlsruhe studiert. Siehst du dich mehr als Künstlerin oder mehr als Autorin?

L.G.: Weder noch. Über diese Begrifflichkeiten und Attributierungen sollten andere entscheiden. Ob und inwiefern diese Bezeichnungen valide sind, kann ich als Psychologin nicht entscheiden, da sie statistisch nicht auf Kausalität zurückgeführt werden können. Aber ja: ich denke, eine Korrelation zwischen beidem besteht durchaus.

M.O.: Gibt es konkrete Pläne die bildenden Künste und die Literatur miteinander zu verbinden? Oder hast du das bereits gemacht?

L.G.: Konkrete Pläne gibt es keine. Viel eher beeinflussen sich beide Sphären intuitiv und gehen fließend ineinander über. Dennoch zeichnen sich, so denke ich, die experimentelleren Gedichte auch durch meine malerisch-abstrakte Ästhetik aus, die sich einer Konkretisierung und Verdinglichung der Sprache (im Sinne einer Vermittlung konkreter Inhalte) entzieht und stärker in ein synästhetisches, mehr-ebenen-förmiges Ganzes integriert: in ein Zusammenspiel aus Form, Klang, Abstraktion und Unbewusstem.

M.O.: Vielen Dank für deine Antworten!

Lisa Goldschmidt, geb. 1993 in Freiburg im Breisgau, studierte von 2011 bis 2013 freie Kunst an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. Seit 2013 studiert sie Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 2015 und 2016 war sie Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, 2016 Finalistin des 24. open mike in Berlin.

27.6. – Bayreuth – In guter Nachbarschaft zu Gast bei Sübkültür

In guter Nachbarschaft goes Franken! Am 27.6. sind Peter Neumann und Mario Osterland zu Gast bei Sübkültür in Bayreuth. Sie lesen aus ihren aktuellen literarischen Arbeiten, stellen die Lesereihe vor und sprechen mit den Kulturschaffenden vor Ort über Organisation, Förderung und Entwicklung alternativer Kulturprojekte.

27. Juni 2017 – Forum Phoinix Bayreuth (Kämmereigasse 9 1/2, 95444 Bayreuth)

Beginn: 20 Uhr

Vorab sprach Mario Osterland mit Anja Zeilinger. Sie lebt als Kulturschaffende in Bayreuth und Berlin, führt eine Pop-Up-Galerie im fränkischen Raum und ist eine der Organisatorinnen von Sübkültür.

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Anja Zeilinger (Foto: privat)

Mario Osterland: Liebe Anja, was für ein Projekt ist Sübkültür?

Anja Zeilinger: Wir organisieren sehr unterschiedliche Veranstaltungen – eigentlich alles, was uns sonst in Bayreuth fehlt. Das sind Filmabende, Konzerte und Lesungen, aber auch Kunst-Performances oder Diskussionsrunden. Ein Schwerpunkt liegt auf selbst gestalteten Abenden mit Beteiligung des Publikums: Wir geben ein Thema vor, und die Leute bringen Objekte, Musik, Filmclips oder Anderes mit und präsentieren ihre Geschichten dazu. Da gab es schon Themen wie Absagen, Schimmel, 100 Jahre DADA und aktuell heute: Sex, Aufklärung und Rollenverständnisse in verschiedenen Kulturen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern eine immer spannende Aufnahme von kulturellen Phänomenen. Weitergehend machen wir mit dieser unabhängigen Reihe natürlich auch Kulturpolitik, wir fördern regionale Kulturschaffende aller Art.

M.O.: Welche kulturpolitische Arbeit leistet ihr in Bayreuth?

A.Z.: Zunächst übernehmen wir eine Nachwuchs-Förderung, die es hier sonst kaum gibt. Natürlich kommen bei uns auch Profis auf die Bühne, aber ebenfalls junge oder wenig erfahrene Künstler*innen oder Autor*innen, die außergewöhnliche Ideen verwirklichen möchten. Wir zahlen daher auch immer ein Honorar. Außerdem vergeben wir jedes Jahr in Kooperation mit dem Bayreuther Kurzfilm-Festival „Kontrast“ einen Sonderpreis, letztes Jahr haben wir zudem drei kleine Anschubstipendien vergeben. Letztlich haben wir hier eine feste Institution für das Außergewöhnliche und Abseitige etabliert. Unsere Räumlichkeiten stellen aktuell noch eine Zwischennutzung dar, wir arbeiten aber ganz offiziell mit dem Kulturamt und dem Bauamt daran, hier nach der nötigen Sanierung ein dauerhaftes Kunst- und Kulturhaus zu verwirklichen.

M.O.: Wie stark seid ihr als Förderer der Kulturszene selbst abhängig von Fördermitteln? Wie akquiriert ihr beispielsweise die Mittel für Stipendien und den Filmpreis?

A.Z.: Wir haben bisher keine öffentlichen Gelder aus Stadt- oder Landesmitteln erhalten, aber uns ehrlich gesagt auch nicht darum bemüht. Verschiedene Einzelveranstaltungen wurden durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert, aber unsere hauptsächliche Finanzierung läuft über den Getränkeverkauf und die Mitgliedschaften. Wir sind als Verein organisiert und haben etwa vierzig Jahresmitglieder, und die Gäste erwerben statt eines Eintrittspreises eine Monatsmitgliedschaft für 2€. Das reicht tatsächlich!

M.O.: Hört sich an, als ob die Reihe in Bayreuth ganz gut angenommen wird. Welches Feedback bekommt ihr?

A.Z.: Von unseren Gästen natürlich positives, sonst würden sie ja nicht kommen… Generell sind wir nach vier Jahren auch denjenigen ein Begriff, die noch nie bei uns waren. Sicher gibt es Menschen, die mit unserem Stil nichts anfangen können, aber da gibt es keine offenen Konfrontationen. Die konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung zur Etablierung des Kunst- und Kulturhauses spricht für sich. Nun müssen wir uns noch selbst daran gewöhnen, irgendwie etabliert zu sein. Es ist natürlich schön, dass uns das gelungen ist, ohne unsere Identität aufzugeben – das ist auch so eine Befürchtung von unabhängigen Kulturschaffenden, die in der Realität oft gar nicht virulent ist.

M.O.: Trotzdem will man ja etwas Nachhaltiges schaffen, sodass die Reihe dann auch einer gewissen Professionalisierung und Etablierung bedarf, oder?

A.Z.: Natürlich! Professionell im Sinne von gut organisiert und konzeptuell durchdacht waren wir ja auch von Anfang an. Dennoch begann es als ein Abenteuer, und die allgemeine Akzeptanz kam erst mit der Zeit. Viele beklagen, dass Bayreuth durch die Dominanz der Festspiele eine marginalisierte Kulturszene habe. Man kann dafür hier recht ungestört Formate und Initiativen entwickeln, die in anderen Städten vielleicht eher vereinnahmt werden. Ich sehe hier eher Chancen als Hürden.

M.O.: Damit hast du meine nächste Frage schon fast beantwortet, nämlich die nach dem allgemeinen kulturellen Klima in Bayreuth. Von außen bekommt man ja erstmal nur Wagner und die Festspiele mit.

A.Z.: Ja, das ist klar. Man kann sich natürlich daran reiben. Ich sehe es als Herausforderung, selbst Projekte zu verwirklichen. Da sollte man auch ehrlich sein: Es ist gerade durch diese Situation viel leichter als in übersättigten Städten, mit interessanten Ideen ein Publikum zu erreichen. Außerdem gibt es noch andere Gründe für so manchen Mangel. Beispielsweise haben wir keine Kunsthochschule. Das würde natürlich die Situation entscheidend ändern.

M.O.: Wir verfolgen mit In guter Nachbarschaft immer eine kulturelle Vernetzung der Städte Erfurt, Weimar und Jena, was auch recht gut funktioniert. Wie sieht das in den kleineren Städten in Franken aus? Seid ihr beispielsweise im Austausch mit Kulturschaffenden in Bamberg oder Erlangen?

A.Z.: Innerhalb Bayreuths sind wir sehr gut vernetzt und kooperieren häufig, auch mit Veranstaltungsreihen. In größerem Radius hat sich das für uns als Institution bisher nur punktuell ergeben. Durch die Gründung des Kunst- und Kulturhauses ändert sich das gerade.

M.O.: Und es geht über die Bundeslandgrenzen hinaus! Es freut uns sehr, dass wir demnächst eure Gäste sein dürfen. Wie seid ihr darauf gekommen?

A.Z.: Viele Anstöße für unser Programm ergeben sich natürlich durch persönliche Begegnungen und Bekanntschaften, wie unserer. Ich freue mich auf Euren Besuch – unabhängig von Eurer Lesung werden wir uns ja auch als Kulturschaffende wiedersehen. Wird das quasi ein interkultureller Austausch, oder sind sich die regionalen Rahmenbedingungen unserer Projekte ähnlicher, als man denken könnte?

M.O.: Das werden wir an diesem Abend herausfinden. Natürlich bei fränkischem Bier. Kulturreise ist Kulturreise. Danke für das Gespräch, liebe Anja!

 

Vorgestellt: Robert Sorg

Robert Sorg, geb. 1978 in Dresden, ist Kunsthistoriker und seit 2004 Mitarbeiter der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar. Von 2009 – 2015 war er Galerist und Vorsitzender des Kunsthof Jena e.V. Set 2016 ist er Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins.

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Robert Sorg (Foto: René-T. Kusche)

 

Mario Osterland: Lieber Robert, deine Biografie sagt Kunsthistoriker, Bibliothekar, Kulturmanager und Dichter. Was bist du momentan am meisten bzw. wie sind diese Aufgaben in deinem Leben gewichtet?

Robert Sorg: Eigentlich sollte ganz demokratisch alles egalitär behandelt werden. Aber es gibt, den Umständen entsprechend, natürlich verschiedene Gewichtungen zu verschiedenen Zeiten. Priorität hat der Broterwerb, also mein bibliothekarisches Dasein. Bekanntlich lebt der Mensch jedoch nicht vom Brot allein. Die mangelnde Praxis und Selbstentfaltung die ein Angestelltendasein in der von Spezialisierung geprägten modernen und postmodernen Arbeitswelt darstellt, kann ich durch das Kulturmanagement und das Schreiben reduzieren. Wobei das Kulturmanagement derzeit ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Naja, und zum Schreiben lasse ich mich gerne vom freien Leben inspirieren, also muss ich auch noch leben. Und leben heißt ja nicht immer nur seinen Funktionen nachkommen.

M.O.: Wie lebt es sich denn als Kulturschaffender in Thüringen? Seit wann bist du eigentlich hier? Du bist ja dem Papier nach Dresdner.

R.S.: In Dresden habe ich nur die ersten vier Jahre meines Lebens verbracht und dann ging’s ab in den Bezirk Suhl, Kreis Ilmenau, danach kam die Einführung des Freistaats Thüringen, aus dessen Grenzen ich nicht mehr herausgekommen bin. Als Kulturschaffender hat man durchaus Möglichkeiten, allerdings ist es im Unter- und Mittelbau der Kulturschaffenden ein ziemlich nervenaufreibendes Treiben, das extrem vom wie auch immer begründeten Enthusiasmus der ehrenamtlich Engagierten getragen wird. Langfristiges Planen von Förderprojekten ist eine extreme Herausforderung, eine Gleichung mit ziemlichen Unbekannten, die Summe/das Produkt steht zumeist erst fest, wenn die Idee sich bereits in der Umsetzung befindet. Das übrigens ist mein persönlicher Lustgewinn im Kulturschaffen – die Materialisierung einer Idee zu begleiten.

M.O.: Das kommt mir ziemlich bekannt vor. Dank solcher Enthusiasten wie dir konnten wir zuletzt „In guter Nachbarschaft“ in der Galerie im Stadtspeicher veranstalten. Für solche Kooperationen sind wir nicht zuletzt deswegen sehr dankbar, weil unabhängige Kultur Räume – wie etwa Galerien – braucht. Diese zu betreiben ist jedoch auch nicht immer einfach. Wie steht es denn beispielsweise um „unsere alte Heimat“, den Kunsthof in Jena?

R.S.: Die Galerie im Kunsthof besteht nicht mehr, da der Verein Kunsthof Jena, dessen Vorsitzender ich bin, 2015 beschlossen hat, eine ortsgebundene Kulturarbeit in Verbindung mit der Verwaltung des gesamten Komplexes, dem noch Werkstätten und Ateliers angebunden waren, aufgrund des unbezahlten, enormen Arbeitsaufwandes einzustellen. Aber es haben sich neue Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel eben die Räumlichkeiten des Jenaer Kunstvereins. Alles hat seine Zeit, auch eine ziemlich coole Hinterhofgalerie in Jenas Zentrum, die Zeit war dort ziemlich schön, aber es muss weitergehen. Kulturräume in Jena gibt es, wie es in Jena auch das Klagen über den Mangel an solchen gibt. In den kapitalistischen Verhältnissen, in denen wir leben, braucht es zumeist ein halbwegs kapitalistisches Konzept, dass die Schaffung eines Kulturraums ermöglicht, auch wenn man die demokratisch-gesellschaftlichen Fördermöglichkeiten bei der Konzeptualisierung mit einbindet, so ist es schwer Kulturräume gegen wirtschaftlich getragene Raumkonzepte durchzusetzen. Ich sehe da durchaus große Gefahren für eine lebendige städtische Kultur, die wesentlich zum gesellschaftlichen Bewusstsein des Individuums beiträgt. Derzeit gibt es mit dem Schlachthof-Projekt eine größere Initiative, das durch Enthusiasten und mögl. Fantasten getragen wird. Zudem gibt es Bestrebungen ein Kunsthaus zu gründen. In unterschiedlichen Kreisen gibt es unterschiedliche Pläne, Wünsche, Vorstellungen und Engagement, die allesamt davon künden, dass es eben nicht genug Raum für die kulturelle Entfaltung gibt. Der wichtigste Faktor neben einem guten Konzept ist aber wohl die Ausdauer des Enthusiasmus, mir fällt da die Initiative der Feuerwache ein, die an verschiedenen Umständen gescheitert zu sein scheint. – Ach ja, und den Zufall habe ich auch noch vergessen, als Faktor für die Schaffung eines Kulturraums und der Zeitfaktor. Interimsnutzungen sind im Kulturbereich ja Praxis.

M.O.: Die unabhängige Kunstszene befindet sich also in der gleichen unendlichen Geschichte wie die Literatur. Wobei die Literatur ja vergleichsweise wenig Raum, Geld, Technik und Material benötigt. – Apropos Literatur. Sprechen wir über dein Buch Feldrandzeichen. Ein ungewöhnlich spätes Debüt für heutige Verhältnisse, oder? Wie kam es dazu?

R.S.: Eine Publikation meiner Texte hatte ich bisher gar nicht gezielt angestrebt. Auf die Empfehlung von Romina Nikolic hat sich dann die Literarische Gesellschaft bei mir gemeldet und mich gefragt, ob ich gewillt sei die Jahresgabe auszustatten. Das hat mich sehr gefreut, da die Literatur schon einen großen Stellenwert in meinem Tun hat, wobei das literarische Schreiben bei mir nicht einer tagtäglichen disziplinierten Schreibarbeit unterworfen ist. Dennoch bemerke ich bei mir eine Kontinuität im Schreiben, die sich über Jahrzehnte spannt mit einer längeren Unterbrechung, in der ich eher wissenschaftlich orientiert war. 2012 fertigte ich ein erstes Manuskript älterer und neuerer Gedichte. Die älteren stammten aus den ersten 2000er Jahren. Grund dafür war wohl der Versuch einer kritischen Selbstinventarisierung, Titel des Manuskripts war dann auch „Interieur“, aus dem ich dann auch ein paarmal öffentlich gelesen habe, und das so eine Art Empfehlungsschreiben war. Nach meiner letzten Lesung in Weimar kam der Verleger eines kleines Verlages auf mich zu und fragte, ob ich mehr davon hätte, er würde mich gerne publizieren – so entwickeln sich die Dinge.

M.O.: Das heißt Feldrandzeichen ist ein Kondensat bereits jahrzehntelanger Schreibarbeit?

R.S.: Das trifft es ganz gut, wobei ich die Texte, die ich vor 2012 verfasst habe, nicht in das kleine Konvolut der Feldrandzeichen aufgenommen habe.

M.O.: „Konvolut“ finde ich einen passenden Begriff, da mir angenehm aufgefallen ist, dass du deine Texte nicht auf eine Form festgelegt oder einen geschlossenen Zyklus publiziert hast. Es scheint eher so, als ob sich die Texte ihre Form zwischen Lyrik und Prosa selbst suchen.

R.S.: Polyphonie ist durchaus ein Thema für mich. Da ist neben der existenziellen Erfahrung, die mich zum Schreiben anregt auch ein freiheitlicher-befreiender Moment im Spielerisch-Relativierenden bei der Formfindung. Allerdings handelt es sich nicht um Wortspielereien, sondern die Form wird letztlich durch den Inhalt und die Umstände beim Schreibprozess bestimmt. Ein Text der in einem Zug an der Schreibmaschine entsteht ist allein schon anders beheimatet als ein Text, der sich aus einer handschriftlichen Notiz übertragen auf einen Computer generiert. Zu diesen äußeren, performativen Faktoren zähle ich auch die Gesetzmäßigkeiten der verwendeten Sprache, grammatikalisch, wie auch semantisch, da fällt dann die Form in den Inhalt. Das sind Momente für mich, die nicht sichtbare, oder selten sichtbare Gesetzmäßigkeiten von Sprache und Sinn und Sein offenlegen.

M.O.: Da du „Sinn und Sein“ ansprichst: Es geht in deinen Texten oft um sehr grundlegende Dinge. Beobachten, Verorten, Zeichen lesen und evtl. deuten. Das ganze spielt sich auf recht minimalistischer Ebene ab. Ist dir eine gewisse Klarheit, eine Schnörkellosigkeit besonders wichtig?

R.S.: Das Kürzen und Minimieren habe ich besonders liebgewonnen bei den Literaturkritiktreffen in der Galerie des Kunsthofs. Ich bin ziemlich skeptisch gegenüber den Möglichkeiten von Prosa, die für mein Anliegen zu aufwendig ist, Dinge, Zustände, Sinneinheiten auf den Punkt zu bringen.Ich bin sicherlich kein Sprachökonom oder Aufmerksamkeitsökonom, aber ich versuche konzentriert ein Grundthema innerhalb des Textes zu verfolgen, meinetwegen auch zu deklinieren um die von dir besagte Klarheit herauszuarbeiten, Da gibt es durchaus auch Bezüge zum Begriff der Karthasis, indem die Literatur selbst die Läuterung ist und das Leben die Erschütterung.

M.O.: Wie geht’s mit deinem Schreiben weiter? Ist eine zweite Publikation schon denkbar und welche Kulturprojekte werden dich in naher Zukunft beschäftigen?

R.S.: Derzeit laufen drei größere Projekte an bzw. werden gerade umgesetzt, an denen sowohl der Kunsthof Jena, als auch der Jenaer Kunstverein beteiligt sind. Zum einen ist da der Frommannsche Skulpturengarten in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte und dem Botanischen Garten Jena, der Holzskulpturen der Künstlerin Ingrid Hartlieb an drei unterschiedlichen Orten Jenas präsentieren wird. In Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus Jena startet das Projekt UweUwe von Sebastian Jung, das eine Publikation, eine fünfteilige Webserie und eine szenische Lesung um die Jenaer NSU-Terorristen beinhaltet. Ein ziemlich umfangreiches Projekt. Mein Steckenpferd ist die kleine, aber feine Veranstaltungsreihe note.word.act – eine experimentelle Bühne für Literatur, Musik und Performance, die an verschiedenen Orten Station macht, ich verstehe diese Reihe als Fortführung der Veranstaltungen, die in der Galerie Kunsthof ihren Anfang nahmen. – Mein Schreiben schreitet fort, manchmal landet davon etwas auf Papier oder virtuell in einer Datei, im besten Fall mündet das dann in einer weiteren Publikation, die mir, wie gesagt erst jüngst in Aussicht gestellt wurde, aber das wird realistisch gesehen wohl frühestens erst nächstes Jahr werden.

M.O.: Lieber Robert, hab vielen Dank!

Kultur machen. Gemeinsam. – Ein Gespräch zwischen den Macher*innen von hEFt Erfurt, Literaturfestival Erfurt und In guter Nachbarschaft

Am 18.2. findet im Erfurter Club Frau Korte die Veranstaltung „watch us grow.“ statt. Dafür haben sich u.a. vier Kulturinitiativen aus Erfurt bzw. Thüringen zusammengeschlossen. In einem gemeinsamen Chat haben sich die Organisator*innen von In guter Nachbarschaft mit Alexander Platz und Thomas Putz vom hEFt Erfurt, sowie Max Walther vom Literaturfestival Erfurt über die Förderung der freien Kulturszene in Thüringen unterhalten.

Peter Neumann: 2016 war ja miserables Jahr für die Kulturförderung in Erfurt: verspäteter Haushaltbeschluss, umfangreiche Kürzungen, gerade im Bereich der Freien Szene. Der „kulturelle Notstand“ wurde verkündet. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Freie Szene immer lebendiger wird, vielfältiger, vernetzter, und auch zunehmend überregional wahrgenommen wird. Letztes Jahr haben sehr viel schöne Dinge stattgefunden: Ich erinnere mich an das Festival der Unlesbarkeit, eine Kooperation von Textil-Festival und Literaturfestival Erfurt, in Jena die „Summer Edition“ von In guter Nachbarschaft. Und jetzt der Zusammenschluss zu „watch us grow“. Mal so in die Runde gefragt: Wie nehmt ihr die aktuelle Situation wahr?

Thomas Putz: Ja, man kann sagen, dass die Öffentlichkeit durch die ganzen Kürzungsversuche seitens der Stadt Erfurt nun vielleicht etwas mehr sensibilisiert ist. Andererseits gab es früher auch schon gute Sachen. Eben nicht mit soviel Tammtamm, eher undergroundig.

P. Neumann: Mit überregional meine ich: über Thüringen hinausgehend. Zumindest In guter Nachbarschaft wird gerade auch von anderen Projekten, Lesereihen und Zeitschriften angesprochen. Babelsprech, mosaik, solche Dinge.

A. Platz: Das ist aus meiner Sicht aber eher die Ausnahme. Die Vernetzung innerhalb Thüringens ist aber deutlich besser geworden. Oder man könnte auch sagen, dass wir uns kennengelernt haben. Weimar und Jena waren ja früher auch gut vernetzt.

P. Neumann: Thomas, was meintest Du eigentlich mit undergroundig? Früher eher so parzelliert, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle?

Th. Putz: Naja, ohne Facebook etc. lief das eben anders, man traf sich in der Kneipe und hat gesponnen. Was heute über Facebook möglich ist, auch an Öffentlichkeitsarbeit, war ja noch vor Jahren nicht möglich.

hEFt für literatur, stadt und alltag

Mario Osterland: Mich würde interessieren, wie Max das sieht. Ihr hab ja sozusagen als „Erfurt-Neulinge“ gleich ein Festival an den Start gebracht.

Max Walther: Nun ja, Neulinge würde ich zwar nicht sagen, da wir knapp zwei Jahre vorher begonnen haben Veranstaltungen zu machen. Aber die Bereitschaft uns zu fördern, nachdem wir die Kooperation mit dem Textil-Festival starteten, war schon recht erfreulich.

M. Osterland: Da sind wir ja gleich bei der Frage nach den Kooperationen. Sie scheinen schon relativ unabdingbar zu sein, um in Strukturen von Förderung und Wahrnehmung hinein zu kommen.

M. Walther: Kooperationen sind meines Erachtens wichtig für die interne Förderstruktur, für das Regionale. Und freundschaftliche Beziehungen und ein Austausch vor allem für überregionale Projekte, wie bereits angesprochen Babelsprech, mosaik etc.

M. Osterland: Im Vergleich zum undergroundigen „Früher“ hat man ja heute schon mal mit dem hEFt sozusagen eine Institution als Anlaufstelle. Die kann man aufsuchen und fragen: Wie läuft das so mit der Kultur in Erfurt? So hätte ich es zumindest gemacht, wenn ich ein Literaturfestival Erfurt hätte organisieren wollen. Daher meine Frage nach den ersten Schritten in der Stadt.

M. Walther: Ich würde sagen: klar orientiert man sich, wenn man eine Idee hat. Man schaut sich an, was und wen es gibt und positioniert sich dementsprechend mit den eigenen Entwürfen etc. Dann ist die Menge an Leuten, die Ähnliches machen doch recht überschaubar und man läuft sich automatisch über den Weg, bzw. kommt zusammen.

A. Platz: So war es zumindest zwischen Textil und dem Literaturfestival Erfurt.

Th. Putz: Andererseits ist es auch wichtig, dass die Jüngeren (und die finden sich schon) ihr eigenes Ding machen. Da ist das hEFt mit seinen alten Säcken vielleicht Orientierungspunkt, aber ob man da zwangsläufig eng kooperieren muss. Ich bin gegen ein Kooperierungsgebot!

M. Walther: Ganz richtig!

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.Julia Hauck: Das sehe ich auch so. Man sollte sich jedenfalls nicht in Konkurrenz sehen, sondern sein/ihr Ding machen und nur wenn es passt, gern auch mal zusammen.

A. Platz: Bei uns war es Liebesheirat, nicht wahr, Max?

M. Walther: Mmmhhh.

P. Neumann: Das wäre auch so eine Frage, die ich habe: Wo seht ihr eigentlich die Potenziale einer jungen, unabhängigen Literaturszene im Freistaat? Denn so schlecht ist Thüringen nun wirklich nicht aufgestellt. Oder anders gefragt: Was machen wir anders? In welche Lücke springen wir, wenn wir springen?

M. Osterland: Die Lücke, die es zu füllen gilt, ist immer das Vorhandene, das noch nicht wahrgenommen wird, aber Wahrnehmung verdient, sichtbar zu machen.

M. Walther: Quotable phrases – chapeau, Mario. Meines Erachtens gibt es mehr als genug Lücken. Vielleicht aber nicht genügend Möglichkeiten (auch finanziell) diese zu füllen. Und das ist vielleicht auch tatsächlich ein Verteilungsproblem – Zur Unabhängigkeit: Da sehe ich tatsächlich das Problem in Initiativen die Zusammenarbeit versuchen zu institutionalisieren und mehr oder minder tatsächlich zu „erZWINGEN“. Und der Zwang zur Institutionalisierung hängt ja wiedrum eng mit den Finanzierungsproblemen zusammen.

M. Osterland: Was heißt schon Unabhängigkeit, wenn man an Fördertöpfen hängt? Das ist ein nicht aufzulösender Widerspruch.

J. Hauck: Ohne die Literarische Gesellschaft im background hätten wir es als Lesereihe auch schwer, zugegebenermaßen.

Th. Putz: Zu den Potentialen, die Peter angesprochen hat: Raum schaffen für Literatur, den Schreibenden Möglichkeiten geben, besser zu werden, sich auszutauschen, auf die Bühne zu gehen. Und das ohne „kommerziellen Druck“.

J. Hauck: Ja, Räume sind ein Thema. Das ist nicht immer einfach in den Städten, für viele Projekte jeglicher Künste. Da geht es schon los mit der Kreativität. Aber ist es nicht schon so, dass wir den Spagat Finanzen und Ideen durch Leidenschaft überbrücken?

M. Osterland: Julia, ich würde sagen Selbstausbeutung ist der Kitt, der die Kulturarbeit zusammenhält.

J. Hauck: Ich weiß. Machen muss man es ja trotzdem, auch bis zu einem kleinen Grad an Selbstausbeutung. Weil es cool und wunderbar ist. Dieser ganze Literaturkram.

A. Platz: Den Begriff der Selbstausbeutung finde ich aber problematisch. Wir erbringen im Grunde genommen ja eine Dienstleistung für die Gesellschaft. Für sehr wenig Geld.

M. Osterland: Aber es sollte doch idealerweise ein Geben und Nehmen sein. Wir erbringen der Gesellschaft eine Dienstleistung, die uns die Gesellschaft qua Steuergeld ermöglicht.

A. Platz: Ja, kulturelle Grundversorgung und Kulturförderung sind gesellschaftliche Aufgaben.

P. Neumann: Zu all dem vielleicht mal ein konkretes Beispiel: Wir als In guter Nachbarschaft planen eine Veranstaltung im Rahmen der Langen Nacht der Museen in Jena. Auch so eine Institutionalisierung. Hier ist allerdings das große Problem, dass wir zwar Aufmerksamkeit bekommen werden, aber keinen Cent von der Stadt. Die Einnahmen verbleiben bei ihnen. Sowas darf tatsächlich nicht sein.

M. Walther: Da wird man tatsächlich auf den einsamen Hügel des Idealismus getrieben …

A. Platz: Das wäre eben etwas, das zwischen den Beteiligten auszuhandeln wäre.

Th. Putz: Naja, für die Museumsnacht werden in Weimar sicher auch Honorare gezahlt – nur eben für die, dies ohne nicht machen.

P. Neumann: In diesem Falle, in Jena, tragen wir, also In guter Nachbarschaft die Honorare.

A. Platz: Muss man eigentlich ablehnen sowas.

P. Neumann: „Eigentlich“. Genau um dieses Wort geht’s.

J. Hauck: Zur Info: Da machen auch fast nur städtische oder universitäre Einrichtungen mit, wenige kleine Vereine. Ist auch das erste Jahr ohne Entschädigung.

A. Platz: Schon frech. Haben sie euch angefragt?

P. Neumann: Wir wollten eine Kooperation mit dem Jenaer Kunstverein machen. Die Gelegenheit schien uns gut.

A. Platz: Läuft dann wahrscheinlich unter bürgerschaftlichem Engagement …

P. Neumann: Ehrenamt, Du sagst es.

A. Platz: Das gibt’s ja auch noch. Habt ihr versucht, zu verhandeln oder war das von Anfang an die Ansage?

J. Hauck: Ich will ja nicht h8ten, aber die Honorare bezahlt da halt das Land. Die Stadt fördert halt ein Klitzkleinwenig. Normalerweise über den Fonds Soziokultur in Jena. Die Lange Nacht der Mussen ist da selbst Opfer der städtischen Finanzierung und zahlt mit den Einnahmen die Werbekosten. Was jetzt INSGESAMT die städtische Kulturförderung jetzt nicht sooo toll aussehen lässt.

A. Platz: Das wäre auch noch so ein Komplex. Die finanzielle Lage der Kommunen.

Th. Putz: Die jungen Städte wollen auch ihre junge freie Szene haben. Inzwischen haben es nämlich auch die Verwaltungen begriffen. Nur bezahlen will das keiner.

J. Hauck: Die Nacht der Museen geht weniger über Ehrenamt, denn über die Hauptamtlichen in den Museen. Der Jenaer Kunstverein ist da schon Ausnahme und wir Ausnahme obendrauf. Aber sie hätten uns schon „einkaufen“ können als Event, klar. Aber da fehlt dann der Wille. In Weimar ist der Kulturetat auch nicht Bombe, oder?

Th. Putz: Aber für’s Kunstfest ist immer noch ein Säckchen da …

P. Neumann: Umso gerührter waren, dass uns das die ACC Galerie im Januar eingeladen hat.

Th. Putz: Gute Leute dort in der ACC.

A. Platz: Tolle Ausstellungen!

J. Hauck: Weimar ist aber auch krass, was Etabliertes/Klassisches vs. Unabhängiges/Freies angeht, oder?

P. Neumann: Ich glaube, es geht nicht darum Etabliert gegen Unabhängig auszuspielen.

J. Hauck: Nein, aber für die Kleinen ist es doch schon erstmal schwieriger oder? Von den Geldern her, meine ich.

Th. Putz: Nein, aber es geht darum, dass es immer einen Weg gibt – wenn man es will. Siehe Theaterverhandlungen letztes Jahr.

P. Neumann: Jep. Und was oft übersehen wird: So viel Geld braucht die Freie Szene gar nicht. Also: ich meine, man kann schon mit relativ wenig Geld ziemlich geile Veranstaltung machen. Der Schaden, den man anrichtet, wenn man die Freie Szene nicht fördert, ist dagegen umso größer.

M. Osterland: Guter Punkt von Thomas und Peter. Man braucht im Grunde nur Willen und wenig Geld. Merkwürdig, dass das oft so schwer kommunizierbar ist.

J. Hauck: Darf man auch echt nicht vergessen, dass es im kleinen Thüringen ja mit euch und anderen wirklich einiges an „geilem Scheiß“ gibt.

Th. Putz: Aber das geht ja alles nur, solange man studiert oder einen Job hat, der einen nicht umbringt. Irgendwann braucht man Kohle zum Leben.

M. Osterland: Aber auch Zeit Kultur zu organisieren. Und das ist ein Konflikt. Soviel könnte einem die Kultur schon Wert sein, dass jede Initiative einen Hauptamtlichen beschäftigen kann. Das ist natürlich Wunschdenken.

P. Neumann: Story of In guter Nachbarschaft.

A. Platz: Unser aller Geschichte …

J. Hauck: Ach das wäre schön. Ein/e Hauptamtliche/r. Für alle einen.

M. Walther: Aber dann sind wir eben nicht bei „wenig Geld“ und viel Wollen. Ich glaube das ist schon auch eine falsche Parole – im Ansatz richtig, aber nicht durchgehend.

M. Osterland: Vielleicht nicht zwingend. Es muss ja nur für die Miete und den Kühlschrank reichen.

A. Platz: Na ja, da muss man auch schauen, ob das wirklich nötig ist. Das Ehrenamt ist ja nicht per se Teufelszeug, sondern nur dort, wo es eigentlich notwendige hauptamtliche Strukturen ersetzen muss.

M. Walther: Ja, klar. Sehe ich alles genauso. Keine Frage – und auch richtig, Alexander. Nur finde ich dann diese Parole etwas verfrüht. Und auch irreführend. So legt man nämlich der Struktur die passenden Worte in den Mund.

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P. Neumann: Ich glaube, die Frage ist: Welche Strukturen, welche Formen von Kultur/Literatur ermöglichen. Und ob da ein vorschnelles Einlenken sinnvoll ist. Sicherlich (wie vieles) situativ zu entscheiden.

A. Platz: Das muss man von Fall zu Fall entscheiden, deswegen finde ich es auch wichtig, nicht pauschal nach mehr Geld und Hauptamtlichkeit zu schreien.

J. Hauck: Na ja, ich sehe schon, dass Zeit Geld ist und Kultur braucht viel Zeit zum gedeihen und wachsen. Diese ganze Organisation. Wenn man da wenigstens ein paar Stunden die Woche nicht an seine Miete denken muss, finde ich die Forderung nicht von der Hand zu weisen. Klar kommt das auf die Initiative an. Aber sechs Veranstaltungen im Jahr könnte ich jetzt neben meinem Job nicht mehr stemmen.

Th. Putz: Man muss versuchen, trotzdem unabhängig zu bleiben (wenn man es will). Das hEFt hat sich vom Konzept her in den zwölf Jahren kaum verändert. Marktwirtschaftlich gesehen würden das nicht funktionieren. Aber wir haben bewusst keine Anzeigen geschaltet. Sonst hätten wir auf der Rückseite jetzt Bundeswehr-Werbung. Aber auch eine Auflage von 20.000 Stück (die braucht man nämlich dann, wenn man Geld verdienen will – und Werbung auch!).

P. Neumann: Wir. Dienen. Erfurt.

M. Walther: Ich dachte auch nicht an Kommerzialisierung. Keineswegs. Nur eben auch nicht daran, immer zu behaupten und besser: den Eindruck zu vermitteln, das Wichtigste seien unser Elan, unser Idealismus und unsere tollen Ideen.

A. Platz: Ja, das ist das neoliberale Dogma.

Th. Putz: Ja, Max, ich weiß – aber das ist manchmal der einzige Weg, wenn keine öffentliche Förderung geht und man es weitermachen will, vielleicht auch „beruflich“.

J. Hauck: Ich glaube, wir meinen alle den Mittelweg. ich fordere mehr Freiheit und mehr Geld gleichzeitig. Irgendwie.

M. Osterland: Ist vielleicht der Status quo am Ende der einzige Weg durch diese Gemengelage? Der Mittelweg, den wir im Grunde wollen?

M. Walther: Nun. Vielleicht nicht der Status quo. Wir brauchen einen Ausdruck, müssen genau das ausdrücken – finde ich. der Statuts quo ist schon auch irgendwie schweigen.

A. Platz: Man muss einerseits die Realitäten zu Kenntnis nehmen, also den Status quo, und damit umgehen. Anderseits ist es schon wichtig, immer wieder die Frage in den Raum zu stellen: Könnte es nicht auch anders sein? Noch besser wäre es, Handlungsoptionen zu entwickeln und zu handeln. Gemeinsam.

J. Hauck: Gibt es da schon Handlungsoptionen?

M. Osterland: Wo seht ihr JETZT konkreten Handlungsbedarf? Vielleicht auch erstmal in kleinen Schritten.

P. Neumann: Nicht schweigen. Leute anquatschen. Für die gute Sache eintreten. Werbung machen. Tammtamm. Kooperieren. Vereinzeln. Födern. Gefördert werden. Rausgehen. Wiederkommen. Feiern.

M. Osterland: Ok. Das machen wir im Grunde täglich.

P. Neumann: Ja, und ich glaube das „täglich“ ist wichtig.

M. Walther: Ich denke vor allem daran, auch Größeres – mit mehr Vorlauf – gemeinsam zu machen. Mit mehr Wucht schlicht und ergreifend. Wie Projekte ähnlich dem Haus am Busbahnhof (angedacht). Um eine Plattform zu haben, nach Außen zu kommunizieren.

J. Hauck: Ich bin für: Wucht!!!!!!1111!!

M. Osterland: Das heißt: Wir legen hier gerade einen Grundstein?

Th. Putz: Ich bin für Pflasterstein!

P. Neumann: Ein GROßER Pflasterstein.

M. Walther: Auch einfach um personelle Ressourcen so zu bündeln um dem neoliberalen Dogma entgegen wirken zu können… trotzdem zu lachen und vielleicht einen Kühlschrank zu füllen und eine Wohnung zu haben. Mehr oder minder (im Traumtanz).

P. Neumann: Das klingt nach einem Schlusswort. Schön war’s.