Neue Lyrik: „heimische Arten“ von Mario Osterland

Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland hat sein zweites Buch veröffentlicht. Der Gedichtband heimische Arten erscheint, wie schon sein Debut In Paris (2014), im Kölner Independent-Verlag parasitenpresse. Weitere Informationen und die Möglichkeit das Buch zu bestellen, findet ihr im Link ganz unten.

Die Doppel-Buchpremiere mit André Schinkel, der seinen neuen Gedichtband Bodenkunde vorstellt, findet in Jena statt am:

14. Oktober 2017 – 20 Uhr 

Galerie im Stadtspeicher (Markt 16, Jena)

Eintritt: 5,-€

Musikalisch begleitet wird der Abend von einem guten Bekannten unserer Lesereihe: littlemanlost! [Alle Infos zur Veranstaltung hier.]

Außerdem liest Mario Osterland bei der diesjährigen Ausgabe der Erfurter Spätlese im Rahmen der Erfurter Herbstlese.

20. Oktober 2017 – 20 Uhr

Haus Dacheröden (Anger 37, Erfurt)

[Alle Infos dazu auf der Website der Erfurter Herbstlese.]

Der LeseZeichen e.V. hat außerdem ein Video produziert in dem ihr das Gedicht fossile Gewässer aus dem Band heimische Arten hören könnt:

Private wie urbane Räume, die hier bedichtet werden, sind trostlos, das Rurale beiläufig, aber zunehmend rituell. Die Zeichen vergletschern! Was der Mensch nicht wahrnimmt: die Ränder zur ungewissen Zukunft als auch zur dunklen Vorvergangenheit zerfasern, es entstehen Fraßbilder, irgendwo im Düsteren schließt sich der Kreis … Mario Osterland gelingt es, uns wie nebenbei Beklemmung und […]

über Mario Osterland: heimische Arten — parasitenpresse

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Feature über das literarische Jena im Deutschlandfunk Kultur

Deutschlandfunk Kultur hat ein Feature über das literarische Leben in Jena produziert und gesendet. Darin kommt u.a. auch Peter Neumann, Mitorganisator von In guter Nachbarschaft, zu Wort.

Besonders freut uns auch das Statement der Erfurter Dichterin Nancy Hünger, das unsere Idee von der guten Nachbarschaft schön zusammenfasst.

„Jena ist quasi nicht isoliert zu denken. Man nennt die Autobahn auch liebevoll A4 Kulturschiene, die Erfurt, Jena und Weimar verbindet, weil all diese Städte mehr oder minder zusammenhängen. Erst recht, was die Kultur anbelangt.“

Das Feature ist hier nachzuhören.

Nach der Sommerpause fahren wir wieder die Kulturschiene und sind nach der letzten Nachbarschaft in Jena mal wieder zu Gast in Erfurt.

Rückschau: In guter Nachbarschaft #13

2017 ist für unsere Lesereihe ein Jahr der Experimente. Wir gehen verschiedene Kooperationen mit Kulturschaffenden verschiedener Sparten ein und kombinieren bei unseren Veranstaltungen Literatur gleichberechtigt mit anderen Künsten. Die klassische „Wasserglaslesung“ gilt als out. Die Performance nimmt immer mehr Raum bei Literaturveranstaltungen ein. Dennoch wollten wir auch in diesem Jahr nicht auf die traditionelle Lesung mit den Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen verzichten. Also stand am 30. Juni mal wieder ganz der Text im Mittelpunkt von In guter Nachbarschaft, die diesmal in Schillers Gartenhaus in Jena stattfand.

Eröffnet wurde der Abend von Joshua Schößler, der die Erzählungen In den Pyrenäen und Betrug las. Damit sorgte er an diesem Leseabend nicht nur für etwas Swag, wie Peter Neumann in seiner Moderation ankündigte, sondern ließ darüber hinaus keinen Zweifel an seinem erzählerischen Talent, das ihm neben der Auszeichnung vom Jungen Literaturforum jüngst auch den hr2-Literaturpreis einbrachte.

Weiter ging es mit der Lyrikerin Lisa Goldschmidt, die zunächst einen Gedichtzyklus vorstellte, der sich auf die choreografische Arbeit Pina Bauschs bezieht. Goldschmidt unterstrich den Charakter des Textes und ihren beeindruckenden Vortragsstil mit zeichenhaften Gesten, die dem Tanztheater ähnlich sind. Auch sie beschloss ihre Lesung mit einem vom Jungen Literaturforum prämierten Text, dem Gedicht seht mich verschwinden, das mit dem Vers beginnt: „klara, du bist auf eine abergläubische weise/ poetisch“.

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Den Abschluss des Leseabends machte Annika Scheffel, die 2007 vom Jungen Literaturforum ausgezeichnet wurde. Die Autorin lebt mittlerweile in Berlin und veröffentlichte die Romane Ben (kookbooks, 2010) und Bevor alles verschwindet (Suhrkamp, 2013). In Jena las sie aus ihrem noch unveröffentlichten Manuskript mit dem Arbeitstitel Hier ist es schön vor. Eine Geschichte mit Science-Fiction-Anleihen, die sich um die Kolonialisierung eines neuen Planeten dreht.

Wir bedanken uns bei alles Autorinnen und Autoren für den Abend, beim Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V. für die finanzielle Unterstützung und Dr. Helmut Hühn (Leiter Schillers Gartenhaus/ Universität Jena) für die freundliche Zusammenarbeit. Habt einen schönen Sommer!

30.6. – Jena – In guter Nachbarschaft #13 – Junges Literaturforum Edition

IN GUTER NACHBARSCHAFT #13 – Lesung der PreisträgerInnen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2017

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Freitag, 30. Juni 2017 – Schillers Gartenhaus (Schillergäßchen 2, 07745 Jena)

Beginn: 19:30 Uhr

Eintritt: 3,-€ (nur Abendkasse)

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Das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen schreibt jedes Jahr einen Literaturwettbewerb aus, an dem sich 16- bis 25-Jährige mit Wohnsitz in Hessen und Thüringen beteiligen können. Bei der unabhängigen Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ gehört es ebenso zur guten Tradition, die aktuellen PreisträgerInnen aus ihren prämierten Texten lesen zu lassen: Texte, die unserer eigenen Gegenwart auf der Spur sind, Stimmen, die uns von jetzt an begleiten werden.

Eingeladen in diesem Jahr sind Lisa Goldschmidt (Frankfurt/Main), die für ihren Text seht mich verschwinden ausgezeichnet wurde, und Joshua Schößler (Jena), der mit seinem Text Betrug die Jury überzeugen konnte. Annika Scheffel (Berlin), ehemalige Preisträgerin des Jungen Literaturforums und mittlerweile eine feste Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, wird an diesem Abend aus ihrem aktuellen Romanprojekt „Hier ist es schön“ lesen, für das sie 2015 mit Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichent wurde.

Eine Veranstaltungen der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. in Kooperation mit Schillers Gartenhaus (Universität Jena), mit freundlicher Unterstützung vom Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

LISA GOLDSCHMIDT, 1993 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte von 2011 bis 2013 freie Kunst an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. Seit 2013 studiert sie Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 2015 und 2016 war sie Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, 2016 Finalistin des 24. open mike in Berlin.

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Lisa Goldschmidt (Foto: privat)

JOSHUA SCHÖßLER, 1992 in Düsseldorf geboren, studiert Philosophie und Germanistische Literaturwissenschaft in Jena. Er schreibt seit seiner Jugend hauptsächlich kürzere Prosa, nachzulesen auf: http://www.skklnt.wordpress.com

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Joshua Schößler (Foto: Julia Hauck)

ANNIKA SCHEFFEL, 1983 in Hannover geboren, ist Prosa- und Drehbuchautorin. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Stipendium der Drehbuchwerkstatt München und dem Förderpreis zum Grimmelshausen-Preis für ihren 2010 erschienen Debütroman BEN (kookbooks). Im Februar 2013 erschien ihr neuer Roman Bevor alles verschwindet (Suhrkamp). Für ihr aktuelles Romanprojekt Hier ist es schön wurde sie 2015 mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Annika Scheffel lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #13 ist eine Kooperation mit Schillers Gartenhaus (Friedrich-Schiller-Universität Jena) mit freundlicher Unterstützung des Hessischen Literaturforums im Mousonturm e.V.

hr2-Literaturpreis 2017 für Joshua Schößler

Joshua Schößler, der bereits mehrfach zu Gast am offenen Mikrofon unsere Lesereihe war, erhält für seine Kurzgeschichte Betrug den hr2-Literaturpreis 2017. Der Jenaer Autor gewann die Online-Abstimmung um den Preis, für den neun weitere Nachwuchsautor*innen aus Hessen und Thüringen nominiert waren.

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Joshua Schößler

In seinem Text erzählt Schößler die Geschichte eines orientierungslosen Kiffers, der zwischen Wahrheit und Lüge durch die in der Freistadt Christiania taumelt. Betrug kann auf der Website zum Wettbewerb nachgehört werden. Ebenso wie die Texte der anderen nominierten Autor*innen, darunter auch Russischer Tango von Lennardt Loß, Gastautor bei der In guter Nachbarschaft SUMMER EDITION im letzten Jahr.

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Lennardt Loß bei seiner Lesung zur Summer Edition im Juli 2016(Foto: Julia Hauck)

Der hr2-Literaturpreis ist ein Publikumspreis, der jährlich vergeben wird. Die Liste der Nominierten ergibt sich aus den Hauptpreisgewinner*innen des ebenfalls jährlich stattfindenden Literaturwettbewerbes des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Wir freuen uns mit Lennardt Loß und Joshua Schößler und gratulieren herzlich zu diesen Erfolgen!

Joshua Schößler bloggt auf skklnt.

Vorgestellt: Robert Sorg

Robert Sorg, geb. 1978 in Dresden, ist Kunsthistoriker und seit 2004 Mitarbeiter der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar. Von 2009 – 2015 war er Galerist und Vorsitzender des Kunsthof Jena e.V. Set 2016 ist er Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins.

Robert Sorg
Robert Sorg (Foto: René-T. Kusche)

 

Mario Osterland: Lieber Robert, deine Biografie sagt Kunsthistoriker, Bibliothekar, Kulturmanager und Dichter. Was bist du momentan am meisten bzw. wie sind diese Aufgaben in deinem Leben gewichtet?

Robert Sorg: Eigentlich sollte ganz demokratisch alles egalitär behandelt werden. Aber es gibt, den Umständen entsprechend, natürlich verschiedene Gewichtungen zu verschiedenen Zeiten. Priorität hat der Broterwerb, also mein bibliothekarisches Dasein. Bekanntlich lebt der Mensch jedoch nicht vom Brot allein. Die mangelnde Praxis und Selbstentfaltung die ein Angestelltendasein in der von Spezialisierung geprägten modernen und postmodernen Arbeitswelt darstellt, kann ich durch das Kulturmanagement und das Schreiben reduzieren. Wobei das Kulturmanagement derzeit ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Naja, und zum Schreiben lasse ich mich gerne vom freien Leben inspirieren, also muss ich auch noch leben. Und leben heißt ja nicht immer nur seinen Funktionen nachkommen.

M.O.: Wie lebt es sich denn als Kulturschaffender in Thüringen? Seit wann bist du eigentlich hier? Du bist ja dem Papier nach Dresdner.

R.S.: In Dresden habe ich nur die ersten vier Jahre meines Lebens verbracht und dann ging’s ab in den Bezirk Suhl, Kreis Ilmenau, danach kam die Einführung des Freistaats Thüringen, aus dessen Grenzen ich nicht mehr herausgekommen bin. Als Kulturschaffender hat man durchaus Möglichkeiten, allerdings ist es im Unter- und Mittelbau der Kulturschaffenden ein ziemlich nervenaufreibendes Treiben, das extrem vom wie auch immer begründeten Enthusiasmus der ehrenamtlich Engagierten getragen wird. Langfristiges Planen von Förderprojekten ist eine extreme Herausforderung, eine Gleichung mit ziemlichen Unbekannten, die Summe/das Produkt steht zumeist erst fest, wenn die Idee sich bereits in der Umsetzung befindet. Das übrigens ist mein persönlicher Lustgewinn im Kulturschaffen – die Materialisierung einer Idee zu begleiten.

M.O.: Das kommt mir ziemlich bekannt vor. Dank solcher Enthusiasten wie dir konnten wir zuletzt „In guter Nachbarschaft“ in der Galerie im Stadtspeicher veranstalten. Für solche Kooperationen sind wir nicht zuletzt deswegen sehr dankbar, weil unabhängige Kultur Räume – wie etwa Galerien – braucht. Diese zu betreiben ist jedoch auch nicht immer einfach. Wie steht es denn beispielsweise um „unsere alte Heimat“, den Kunsthof in Jena?

R.S.: Die Galerie im Kunsthof besteht nicht mehr, da der Verein Kunsthof Jena, dessen Vorsitzender ich bin, 2015 beschlossen hat, eine ortsgebundene Kulturarbeit in Verbindung mit der Verwaltung des gesamten Komplexes, dem noch Werkstätten und Ateliers angebunden waren, aufgrund des unbezahlten, enormen Arbeitsaufwandes einzustellen. Aber es haben sich neue Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel eben die Räumlichkeiten des Jenaer Kunstvereins. Alles hat seine Zeit, auch eine ziemlich coole Hinterhofgalerie in Jenas Zentrum, die Zeit war dort ziemlich schön, aber es muss weitergehen. Kulturräume in Jena gibt es, wie es in Jena auch das Klagen über den Mangel an solchen gibt. In den kapitalistischen Verhältnissen, in denen wir leben, braucht es zumeist ein halbwegs kapitalistisches Konzept, dass die Schaffung eines Kulturraums ermöglicht, auch wenn man die demokratisch-gesellschaftlichen Fördermöglichkeiten bei der Konzeptualisierung mit einbindet, so ist es schwer Kulturräume gegen wirtschaftlich getragene Raumkonzepte durchzusetzen. Ich sehe da durchaus große Gefahren für eine lebendige städtische Kultur, die wesentlich zum gesellschaftlichen Bewusstsein des Individuums beiträgt. Derzeit gibt es mit dem Schlachthof-Projekt eine größere Initiative, das durch Enthusiasten und mögl. Fantasten getragen wird. Zudem gibt es Bestrebungen ein Kunsthaus zu gründen. In unterschiedlichen Kreisen gibt es unterschiedliche Pläne, Wünsche, Vorstellungen und Engagement, die allesamt davon künden, dass es eben nicht genug Raum für die kulturelle Entfaltung gibt. Der wichtigste Faktor neben einem guten Konzept ist aber wohl die Ausdauer des Enthusiasmus, mir fällt da die Initiative der Feuerwache ein, die an verschiedenen Umständen gescheitert zu sein scheint. – Ach ja, und den Zufall habe ich auch noch vergessen, als Faktor für die Schaffung eines Kulturraums und der Zeitfaktor. Interimsnutzungen sind im Kulturbereich ja Praxis.

M.O.: Die unabhängige Kunstszene befindet sich also in der gleichen unendlichen Geschichte wie die Literatur. Wobei die Literatur ja vergleichsweise wenig Raum, Geld, Technik und Material benötigt. – Apropos Literatur. Sprechen wir über dein Buch Feldrandzeichen. Ein ungewöhnlich spätes Debüt für heutige Verhältnisse, oder? Wie kam es dazu?

R.S.: Eine Publikation meiner Texte hatte ich bisher gar nicht gezielt angestrebt. Auf die Empfehlung von Romina Nikolic hat sich dann die Literarische Gesellschaft bei mir gemeldet und mich gefragt, ob ich gewillt sei die Jahresgabe auszustatten. Das hat mich sehr gefreut, da die Literatur schon einen großen Stellenwert in meinem Tun hat, wobei das literarische Schreiben bei mir nicht einer tagtäglichen disziplinierten Schreibarbeit unterworfen ist. Dennoch bemerke ich bei mir eine Kontinuität im Schreiben, die sich über Jahrzehnte spannt mit einer längeren Unterbrechung, in der ich eher wissenschaftlich orientiert war. 2012 fertigte ich ein erstes Manuskript älterer und neuerer Gedichte. Die älteren stammten aus den ersten 2000er Jahren. Grund dafür war wohl der Versuch einer kritischen Selbstinventarisierung, Titel des Manuskripts war dann auch „Interieur“, aus dem ich dann auch ein paarmal öffentlich gelesen habe, und das so eine Art Empfehlungsschreiben war. Nach meiner letzten Lesung in Weimar kam der Verleger eines kleines Verlages auf mich zu und fragte, ob ich mehr davon hätte, er würde mich gerne publizieren – so entwickeln sich die Dinge.

M.O.: Das heißt Feldrandzeichen ist ein Kondensat bereits jahrzehntelanger Schreibarbeit?

R.S.: Das trifft es ganz gut, wobei ich die Texte, die ich vor 2012 verfasst habe, nicht in das kleine Konvolut der Feldrandzeichen aufgenommen habe.

M.O.: „Konvolut“ finde ich einen passenden Begriff, da mir angenehm aufgefallen ist, dass du deine Texte nicht auf eine Form festgelegt oder einen geschlossenen Zyklus publiziert hast. Es scheint eher so, als ob sich die Texte ihre Form zwischen Lyrik und Prosa selbst suchen.

R.S.: Polyphonie ist durchaus ein Thema für mich. Da ist neben der existenziellen Erfahrung, die mich zum Schreiben anregt auch ein freiheitlicher-befreiender Moment im Spielerisch-Relativierenden bei der Formfindung. Allerdings handelt es sich nicht um Wortspielereien, sondern die Form wird letztlich durch den Inhalt und die Umstände beim Schreibprozess bestimmt. Ein Text der in einem Zug an der Schreibmaschine entsteht ist allein schon anders beheimatet als ein Text, der sich aus einer handschriftlichen Notiz übertragen auf einen Computer generiert. Zu diesen äußeren, performativen Faktoren zähle ich auch die Gesetzmäßigkeiten der verwendeten Sprache, grammatikalisch, wie auch semantisch, da fällt dann die Form in den Inhalt. Das sind Momente für mich, die nicht sichtbare, oder selten sichtbare Gesetzmäßigkeiten von Sprache und Sinn und Sein offenlegen.

M.O.: Da du „Sinn und Sein“ ansprichst: Es geht in deinen Texten oft um sehr grundlegende Dinge. Beobachten, Verorten, Zeichen lesen und evtl. deuten. Das ganze spielt sich auf recht minimalistischer Ebene ab. Ist dir eine gewisse Klarheit, eine Schnörkellosigkeit besonders wichtig?

R.S.: Das Kürzen und Minimieren habe ich besonders liebgewonnen bei den Literaturkritiktreffen in der Galerie des Kunsthofs. Ich bin ziemlich skeptisch gegenüber den Möglichkeiten von Prosa, die für mein Anliegen zu aufwendig ist, Dinge, Zustände, Sinneinheiten auf den Punkt zu bringen.Ich bin sicherlich kein Sprachökonom oder Aufmerksamkeitsökonom, aber ich versuche konzentriert ein Grundthema innerhalb des Textes zu verfolgen, meinetwegen auch zu deklinieren um die von dir besagte Klarheit herauszuarbeiten, Da gibt es durchaus auch Bezüge zum Begriff der Karthasis, indem die Literatur selbst die Läuterung ist und das Leben die Erschütterung.

M.O.: Wie geht’s mit deinem Schreiben weiter? Ist eine zweite Publikation schon denkbar und welche Kulturprojekte werden dich in naher Zukunft beschäftigen?

R.S.: Derzeit laufen drei größere Projekte an bzw. werden gerade umgesetzt, an denen sowohl der Kunsthof Jena, als auch der Jenaer Kunstverein beteiligt sind. Zum einen ist da der Frommannsche Skulpturengarten in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte und dem Botanischen Garten Jena, der Holzskulpturen der Künstlerin Ingrid Hartlieb an drei unterschiedlichen Orten Jenas präsentieren wird. In Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus Jena startet das Projekt UweUwe von Sebastian Jung, das eine Publikation, eine fünfteilige Webserie und eine szenische Lesung um die Jenaer NSU-Terorristen beinhaltet. Ein ziemlich umfangreiches Projekt. Mein Steckenpferd ist die kleine, aber feine Veranstaltungsreihe note.word.act – eine experimentelle Bühne für Literatur, Musik und Performance, die an verschiedenen Orten Station macht, ich verstehe diese Reihe als Fortführung der Veranstaltungen, die in der Galerie Kunsthof ihren Anfang nahmen. – Mein Schreiben schreitet fort, manchmal landet davon etwas auf Papier oder virtuell in einer Datei, im besten Fall mündet das dann in einer weiteren Publikation, die mir, wie gesagt erst jüngst in Aussicht gestellt wurde, aber das wird realistisch gesehen wohl frühestens erst nächstes Jahr werden.

M.O.: Lieber Robert, hab vielen Dank!

Robert Sorg – „Feldrandzeichen“

Dieb

 

Als ich nach Hause kam,

war nicht verändert.

Nur fand ich einen Zettel

in der Diele,

am Rand des Spiegels

eingeklemmt,

unbeschrieben,

der war von dir,

Dieb.

 

Minimalistisch, beobachtend, zeichenhaft sind die Texte des Jenaer Kunsthistorikers, Kulturmanagers und Bibliothekars Robert Sorg, der in diesem Jahr mit Feldrandzeichen sein literarisches Debut veröffentlichte. Als Teil der Publikationsreihe „Jahresgabe“ der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. erscheint es im schmalen Heftformat von 20 Seiten. Ein Format, dass Sorgs verdichteten Texten zwischen Lyrik und kurzer Prosa sehr gut steht. Feldrandzeichen ist kein Zyklus, sondern ein Kondensat mehrjähriger Schreibarbeit. Darin lotet Sorg vor allem zwischenmenschliche Krisensituationen und Sehnsüchte aus, versucht bisweilen die Welt als Bild zu lesen und das Subjekt darin zu verorten. Mit Franz Kafka klingt in diesen Texten ein berühmtes Vorbild literarischer Suchbewegungen an. Sorg nimmt nicht nur dessen Stimmung auf, sondern vertraut auch auf eine klar gehaltene Sprache, die nur selten ausbricht, sich nicht verschnörkelt, allenfalls mäandert, wo es die sinnliche Anschauung verlangt.

Fenster

Zum Beispiel: Am Ende der Nacht aufwachen. Fensterblick: Eine Winterlandschaft. Über die Schneedecke zieht sich das Liniengeäst nackter Bäume. Dazwischen Passanten, in Mäntel gehüllt, mit eilendem Schritt, zufällige Pfade ins Weiß tretend. Innen der Wunsch, Indianer zu werden. Die Prärie sehen, oder vorerst: Krokusblüten.

Sie liegt im Bett. Wie war das alles nochmal? Gedankennotiz: Eisblumen als Ornament am Fensterkreuz. Ich folge ihren Ursprüngen. Der Blick gleitet kursorisch über den Körper. Atem zeichnet sich ab. Der Bauchnabel hebt und senkt sich, wölbt sich, reißt auf. Pfauenaugen, Admirale, Bläulinge – Lepidoptera; ihre Flügel entfalten sich zwischen dem Blut, retten sich an das kalte Fensterglas, vereisen, verhaften. Statements: Das Herz: ein einsamer Jäger, ein geräumiger Friedhof, am Ende des Herzens rudert die Bombe. Die Flügel der Falter schlagen ans Fenster. Mein Blick streift das Geäst der Bäume, sucht nach Konturen im Schnee. Im Mund der Geschmack ihrer Lippen. Der Duft ihres Schweißes. Das Dröhnen der Flügelschläge –

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Robert Sorg: Feldrandzeichen. Literarische Gesellschaft Thüringen e.V.: Weimar, 2017. 20 Seiten. 4,50€ – ISBN 978-3-936305-40-1 (Hier bestellen.)