Vorgestellt: Mirandolina Babunashvili

Mirandolina Babunashvili, geb. 1996 in Kaiserslautern. Sie wuchs in Darmstadt auf und studiert seit 2015 Internationale Beziehungen und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt. Sie ist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground in Frankfurt/Main.

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Mario Osterland: Liebe Mira, du hast im Dezember 2015 bei uns am offenen Mikrofon gelesen. Wie bist du damals auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Mirandolina Babunashvili: Ich habe im Dezember 2015 auch bei einer Lesung an der Universität Erfurt teilgenommen (Poetry & Prosa), da hat mich der Autor Stefan Petermann angesprochen und mich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam gemacht. Daraufhin habe ich Peter kontaktiert.

M.O.: Die Mundpropaganda zwischen den Thüringer Städten funktioniert also. Du bist ja erst seit 2015 in Erfurt. Hast du dich sozusagen gleich auf die Suche nach einer „jungen“ Literaturszene gemacht?

M.B.: Genau. Zunächst hatte ich ein wenig Bedenken, als ich für mein Studium nach Thüringen gezogen bin, ob es hier genügend Möglichkeiten gibt literarisch aktiv zu sein, wie im Rhein-Main-Gebiet zum Beispiel. Aber ich habe zum Glück sehr bald junge Menschen kennengelernt, die in der Thüringer Literaturszene aktiv sind.

M.O.: Da gibt es sicher einige Unterschiede.

M.B.: Sicher ist im Rhein-Main-Gebiet „mehr los“, um das einfach zu formulieren. Aber das liegt natürlich daran, dass die Kultur- und Literaturszene der Stadt Frankfurt am Main eine lange Tradition hat, dementsprechend finden nicht nur mehr Events statt, sondern auch die Förderangebote für junge Schreibende sind zahlreicher. Da gibt es im Osten Aufholbedarf. Aber trotzdem gibt es auch hier viele junge Kreative die sich in ihrer Freizeit engagieren und sich darum bemühen die Thüringer Literaturszene aufleben zu lassen.

M.O.: Förderangebote für junge Schreibende ist ein Stichwort. Du bist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground aus Frankfurt/Main. Was hat es damit auf sich?

M.B.: Das ist die junge Abteilung des Frankfurter Literaturhauses. Mitglieder des Autorenkollektivs sind die ehemaligen Teilnehmer des Workshops namens Schreibzimmer, der auch am Literaturhaus stattfindet. Die Idee war einen Raum herzustellen, in dem die jungen Schreibenden miteinander in Kontakt bleiben und gemeinsam an ihren Texten arbeiten können. Einmal im Jahr stellen wir unsere Ergebnisse dann bei einer Lesung im Literaturhaus vor. Hauptsächlich geht es bei unseren Treffen, die einmal im Monat stattfinden, um Textbesprechung bzw. Textkritik, aber ab und zu erhalten wir auch Besuch von Menschen aus dem Literaturbetrieb (Autoren, Lektoren etc.) die ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns teilen.

M.O.: Da kommt es dir sicher gelegen, dass die Textwerkstatt Poesie & Praxis in Jena gerade wiederbelebt wurde, an der du ja auch teilnimmst.

M.B.: Auf jeden Fall. Ich schätze Schreibwerkstätten sehr. Mit 17 Jahren habe ich zum ersten Mal an einer Werkstatt teilgenommen und das hat mein Schreiben komplett verändert. Wenn ich meine Texte vor und nach der Schreibwerkstatt vergleiche, staune ich selbst wie sehr ich mich verändert habe. Ich denke das wird auch den Teilnehmern von Poesie & Praxis so ergehen, vor allem denjenigen die zum erstenmal an einer Textwerkstatt teilnehmen. Aber ich freue mich auch darauf Neues zu lernen und meinen „literarischen Blick“ zu schärfen. Denn bei Textwerkstätten geht es ja meistens vordergründig um das „Handwerkliche“, also quasi „Do’s & Don’ts“ beim Schreiben, die es trotz aller Freiheit, die die Kunst einem bietet, gibt. Da ist es auch interessant zu sehen, welche Tipps die Leiter der Textwerkstätten den Teilnehmern an die Hand geben, da es auch in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen geben kann. Aber ich möchte sagen, dass ich auch an Poesie & Praxis teilnehme, weil es mir großen Spaß macht über Literatur zu sprechen und ich neugierig bin, was denn die anderen jungen Autoren schreiben. Auch das ist eine Möglichkeit sich inspirieren zu lassen.

M.O.: Ich habe dich jetzt als Prosaautorin kennengelernt. Was reizt dich am Erzählen?

M.B.: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nie lange darüber nachgedacht habe, welche Form des Ausdrucks ich wählen soll. Es ist mehr eine intuitive Entscheidung. Ich schreibe, wenn ich etwas bestimmtes zu sagen habe und die Form die in der Vergangenheit am Besten dazu gepasst hat war Prosa. Wenn ich einmal das Gefühl haben sollte, dass ich mich in einem Gedicht besser ausdrücken kann, dann werde ich das tun. Dazu kommt auch, dass ich am liebsten Prosa lese.

M.O.: Welche Prosa hat dich zuletzt beeindruckt?

M.B.: Eine sehr schwierige Frage, weil mich vieles auf seine Art und Weise beeindruckt. Aber um ein paar Beispiele zu nennen: Ich habe Eugénie Grandet von Honoré de Balzac gelesen, da hat mich natürlich Balzacs Art zu erzählen beeindruckt, er hat einen unverwechselbaren eigenen Ton, wie auch die unglaublich plastische Ausgestaltung der Figuren. Zudem beeindruckt mich Dostojewski immer wieder. Zuletzt habe ich die Brüder Karamasow von ihm gelesen. Was mich an ihm beeindruckt sind nicht nur seine psychoanalytischen Fähigkeiten, sondern auch die ausschweifende, ich würde fast sagen „russische“ Art zu erzählen. Er schafft es passagenweise nur zu beschreiben, ohne das man sich langweilt. Mein deutscher Lieblingsautor ist Erich Maria Remarque. Was mich an ihm beeindruckt ist, dass er es schafft gefühlvoll zu sein, zu berühren, aber gleichzeitig sehr kühl und schlicht zu sein.

M.O.: Mit der „russischen Art“ des Erzählens geht der Blick nach Osten. Ein Teil deiner Familie stammt aus Georgien. Verfolgst du die georgische Literatur? Kannst du vielleicht sogar jemanden empfehlen, den es in Deutschland noch zu entdecken gilt?

M.B.: Richtig, ich bin halb Georgierin und lese auch sehr gerne auf georgisch. Ich kann die georgische Literatur sehr empfehlen, da sie sich unterscheidet von der westlich-europäischen, russischen aber auch orientalischen Literatur, aufgrund der Eigenheiten der Kultur und Sprache die sich keiner dieser Regionen zuordnen lassen. Da gibt es also etwas Neues zu entdecken. Georgisch sprechen leider nicht sehr viele Menschen, sodass ein Großteil der Literatur noch nicht übersetzt wurde, aber daran wird gerade gearbeitet. Vor allem die Übersetzungen ins Deutsche haben zugenommen und 2018 ist Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, sodass spätestens da deutsche Leser die Möglichkeit haben werden mit der georgischen Literatur in Berührung zukommen.
Was die Empfehlung angeht, da muss ich zunächst Schota Rustaweli erwähnen, er ist sozusagen der Nationaldichter Georgiens und hat Der Recke im Tigerfell verfasst, ein Epos das jeder Georgier zumindest passagenweise auswendig kennt und dessen Stellung in der georgischen Literatur in etwa mit der von Goethes Faust in der deutschen zu vergleichen wäre. Von den Schriftstellern der Gegenwart kann ich Lascha Bugadze empfehlen, sein Buch Der Literaturexpress ist kürzlich auf Deutsch erschienen, aber auch Esma Oniani oder Anastasia Kordsaia-Samadashvili.

M.O.: Klingt so, als könne man sich auf die Buchmesse 2018 freuen. Bist du selbst daran interessiert georgische Literatur ins Deutsche zu übersetzen?

M.B.: Um ehrlich zu sein, kann ich mir selbst nicht vorstellen als Literaturübersetzerin tätig zu sein, da ich mich dieser höchst anspruchsvollen Aufgabe zumindest im Moment noch nicht gewachsen fühle. Was ich mir aber sehr wohl vorstellen kann ist Themen und Eigenheiten der georgischen und deutschen Literatur beim Schreiben miteinander zu vereinen, um sie so Lesern in Deutschland etwas näher zu bringen.

M.O.: Das passt ja auch gut mit deiner Studienwahl zusammen.

M.B.: Ja, in der Tat. Auch wenn Literatur da weniger eine Rolle spielt.

M.O.: Dann lass uns vorerst hier enden. Vielen Dank!

Vorgestellt: Joshua Schößler

In der Reihe „Vorgestellt“ machen wir euch ab sofort mit (Nachwuchs-)Autoren bekannt, die aus Thüringen stammen, hier leben oder auf besondere Weise mit der Literaturszene des Freistaates und der Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ verbunden sind. Los geht es mit dem Jenaer Joschua Schößler, der bereits mehrfach bei uns zu Gast am offenen Mikrofon war.

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Joshua Schößler, geb. 1992 in Düsseldorf, studiert seit 2012 Philosophie und germanistische Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Blog: sukkulent.

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Mario Osterland: Lieber Joshua, du warst schon mehrfach zu Gast am offenen Mikro bei In guter Nachbarschaft. Wie bist du eigentlich auf uns aufmerksam geworden?

Joshua Schößler: Das kam durch eine Germanistikvorlesung 2013. Moritz Gause saß zwei Plätze neben mir und las in so einen schicken Gedichtband von Frank O’Hara. Da habe ich den angesprochen und so ist man ins Gespräch gekommen. Kurz dannach war die Germanistik Weihnachtslesung, da haben wir beide was am offenen Mikrophon vorgetragen und dann hat Moritz mich gefragt, ob ich Lust hätte mal bei der guten Nachbarschaft auch was am offenen Mikrophon zu lesen.

M.O.: Also bist du von Anfang an sozusagen über das Format „offenes Mikrofon“ zur Nachbarschaft gekommen. Wie empfindest du diese Lesesituation bei uns?

J.S.: Schon ganz cool. Man hat es da ja mit einem recht interessierten Publikum zu tun, wobei ich bei der ersten Lesung bei euch schon das Flattern hatte. Man hat schon ein bisschen das Gefühl, dass das eine eingeschweißte Famile da ist, am Anfang habe ich mich noch gar nicht getraut, mit den anderen zu quatschen. Insgesamt aber ziemlich entspannt, ist auch immer interssant mitzubekommen, was die anderen dort vortragen. Auch die Gespräche mit den eingeladenen Vortragenden haben mir gut gefallen.

M.O.: So eine gewisse Vertrautheit strahlen solche Veranstaltungen ja immer aus. Ich hoffe nur wir schaffen es den neuen Autoren immer so offen wie möglich zu begegnen. Wir hatten zuletzt auch ziemlich viele Lyriker im Programm, auch am offenen Mikro. Hast du dich bisher als Prosaautor trotzdem gut aufgehoben gefühlt?

J.S.: Total, man fühlt sich auf jeden Fall ernst genommen. Insgesamt ist das eh ziemlich cool, dass die Texte recht durchmischt sind, auch mit der Mucke von Klinke auf Cinch, so alles in allem funktioniert das schon echt gut. Schade nur, dass die Hütte oft nicht zum bersten voll ist. Bei den Gedichten fände ich es vielleicht ganz cool, wenn man die irgendwie mitlesen könnte, so auf nem Handzettel oder an die Wand projiziert. Ich kann da sonst manchmal nicht so ganz folgen.

M.O.: Wir sind ja ständig dabei In guter Nachbarschaft weiter zu entwickeln. Da kommen solche Hinweise und Vorschläge gerade recht! – Kommen wir mal zu dir und deinem Schreiben. Du schreibst, wie gesagt, in erster Linie Prosa. Was reizt dich, vielleicht auch im Vergleich zum Dichten, am Erzählen?

J.S.: Ich habe mich auch schonmal am Dichten versucht, später dann auch im Rahmen eines Gedichte-schreiben-Seminars an der Uni. Aber mir fällt es bei Gedichten schwer, eine Idee an dieser Ausdrucksform zu entwickeln und dann später zu sagen, dass Geschriebene haut so hin. Ich könnte zu einer Idee mehrere völlig verschiedene Gedichte schreiben und am Ende nicht sagen, welches ich aus welchen Gründen jetzt gut finde. Bei der Prosa ist das anders, in dieser sprachlichen Form kann ich meine Ideen ganz anders entwickeln. Da sage ich mir jetzt nicht, dass ich das jetzt nochmal ganz anders schreiben könnte, ich kann da meinen Regeln und Ideen besser nachgehen. Und vielleicht ist das auch viel Gefühl, die Erzählform liegt mir einfach besser, ich kann konkreter werden und die Einzelbestandteile leichter sich auseinander entwickeln lassen und dann wieder zu einem größeren Ganzen zusammenführen. Ich lese auch recht wenig Lyrik, wobei ich aus der intensiven Beschäftigung mit Lyrik viel dichte Spracharbeit mitnehmen kann.

M.O.: Deine Erzählsprache ist jedenfalls nicht ganz unpoetisch. Ich zitiere nur mal eine Stelle, die mir zuletzt aufgefallen ist: „Mit flinken, aber liebevollen Handgriffen bediente sie die Kaffeemaschine. Virtuose Handgriffe, mit denen seine Mutter damals die Saiten der Küche in Harmonie zum klingen bringen konnte.“

J.S.: Man hat mir ja schon öfters gesagt, dass ich ein Händchen für sprachliche Bilder habe, das zieht sich schon durch. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich etwas geschrieben habe mit der Absicht, dass das Prosa wird und dann habe ich das so gedichtmäßig mit Absetzen versehen und das dann als Gedicht so stehen lassen.

M.O.: Klingt so, als gehst du ziemlich „open minded“ beim Schreiben vor. Wie wichtig ist es dir dem Text Freiheiten und sich selbst beim Schreiben überraschen zu lassen?

J.S.: Das ist mir schon ziemlich wichtig, was sich bei mir im ersten Schritt vor allem darin niederschlägt, dass ich alles Mögliche als Inspirationsquellen einbeziehe. In einem Text war das ein Rapsong, ein Frauenroman und ein Buch von Dostojewski. Seit kurzem experimentiere ich mit automatischen Textgeneratoren im Internet. Aber mir ist auch wichtig, dass die Texte nicht beliebig werden. Im zweiten Schritt mache ich mir schon Gedanken dazu, wie ich was warum zur Schriftform bringe. Ich stelle mir dann schon konkrete Regeln, an denen ich dann hinterher festmachen kann, ob mir das Resultat gelungen ist. Wenn ich irgendwelche Sprachexperimente mache, muss dabei auch was Handfestes für mich rumkommen, woran ich weiterarbeiten kann. Oft drifte ich beim Schreiben von der ursprünglichen Idee ab, dann werden die Regeln angepasst. Ich versuch da immer so ein Zwischending von selbst auferlegten Regeln und einem lebendigen Schreibprozess zu finden.

M.O.: Du hast einige Texte auf deinem Blog sukkulent veröffentlicht, in den denen vor allem die Figuren und weniger der plot im Vordergrund stehen. Eigentlich eine recht klassiche Herangehensweise ans Erzählen, oder? Eine Figur erfinden, sie einer oder mehrerer Situationen aussetzen und schauen, was passiert.

J.S.: Ja genau. Das kommt häufig von einem spontanen Einfall, ein Satz oder Gedanke, der mich nicht mehr loslässt und der sich weiterentwickeln lässt. Ich bin da nur irgendwann an dem Punkt angekommen, wo sich die Stories meinem Empfinden nach insgesamt eher im Kreis gedreht haben, das hat sich so eingeschlichen. Insgesamt haben mich die letzten Stories, die so entstanden sind, dann doch ziemlich gelangweilt. Gerade beschäftige ich mich auch mehr mit dem komplexeren Strukturieren meiner Geschichten, muss aber auch noch schauen, wo das hinführt.

M.O.: „Schauen, wo das hinführt“ ist ein gutes Schlusswort. Es würde mich freuen auch in Zukunft noch Einiges von dir zu hören und zu lesen. Vielleicht auch am offenen Mikrofon der Nachbarschaft?

J.S.: Wird wohl oder übel passieren.

M.O.: Lieber Joshua, vielen Dank für das Gespräch.

Rückschau: In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION (2/2)

Hier geht’s weiter mit dem zweiten Teil der SUMMER EDITION-Rückschau.

Es gehört zu den Traditionen der Nachbarschaft, dass bei unseren Veranstaltungen ein offenes Mikrofon bereit steht, an dem noch unbekannte Nachwuchstalente, regionale Autoren und Freunde unserer Lesereihe gern gesehen sind. Auch bei der SUMMER EDITION gab es für sie wieder Gelegenheit ihre neusten Texte in entspannter, ungezwungener Atmosphäre vorzutragen.

Den Anfang machte Moritz Gause, der seine Lesung mit einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet eröffnete und danach neue, in Kirgisistan entstandene Gedichte vortrug. Ihm folgte der Erfurter Patrick Siebert. Mit lakonischem, bisweilen selbstironischem Ton las er Gedichte, die individuelle Eindrücke aus verschiedenen Thüringer Landschaften reflektieren und zu poetischen Momentaufnahmen verdichten. Mit seinem spontanen Auftritt am offenen Mikrofon beeindruckte danach der Poetryslammer Friedrich Hermann, der seinen Text Das erste Mal freisprechend und äußerst pointiert vortrug.

Den Abschluss am offenen Mikrofon machte Demien Bartók, der aus dem Vorwort seines Buches Die Abschaffung von Erfurt-Nord las. Zwischen Essay und Erzählung entwirft er darin ein gesellschaftliches Panorama aus Kritik und Selbstreflexion, zwischen großen Utopien, Europapolitik, Maulwürfen und dem Bundespräsidenten. Eine echte Entdeckung!

Höhepunkt und literarischer Abschluss der SUMMER EDITION war schließlich die Lesung mit Christoph Wenzel, Anja Kampmann und Björn Kuhligk am Abend. Drei etablierte und vielfach ausgezeichnete Dichter also, die aus ihren jeweils aktuellen Büchern lasen.

Den Anfang machte der Aachener Christoph Wenzel, der aus seinem viel gelobten Band lidschluss las. Mit scharfem Blick und zugleich voller Empathie kartiert er darin u.a. seine rheinisch-westfälische Heimat und deren Strukturwandel nach der Schließung zahlreichen Zechen. Vom Verschwinden ganzer Dörfer für den Tagebau, bis hin zu den kleinen Dramen auf dem Fußballplatz – Wenzel bewies, dass er ein Auge für die großen und die kleinen Szenen hat. Für jedes seiner Gedichte findet er die richtige Sprache, bleibt insgesamt aber unverkennbar in seinem poetischen Ton zwischen Beschreibung und Erzählung.

Auch Anja Kampmanns Lesung war geprägt von kartografischen Suchbewegungen, die einen großen Bogen spannen von Brandenburg über die Ostsee und Polen, bis hin nach Weißrussland und Slowenien. Mit den Gedichten aus ihrem aktuellen Band Proben von Stein und Licht nahm sie das Publikum mit auf eine Reise ostwärts, auf eine Suche nach Vertrautem in der Fremde. Als eine Erkenntnis verdeutlichten Kampmanns Gedichte, dass diese Bewegungen keine Einbahnstraße darstellen, oftmals sogar erst einen Blick zurück ermöglichen und so das Fremde in scheinbar Vertrautem zu Tage fördern.

Mit der Lesung aus seinem Band Die Sprache von Gibraltar lieferte Björn Kuhligk einen Beweis dafür, dass die oftmals nachgeplapperte Behauptung von der angeblich unpolitischen Gegenwartslyrik null und nichtig ist. Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage der spanischen Exklave Melilla, ist ein beeindruckendes Langgedicht, aus dessen Mittelteil Kuhligk ohne zusätzliche Erklärungen oder Unterbrechungen vorlas. Vom Warten derjenigen, die auf ein besseres Leben auf der anderen Seite hoffen, vom Scheitern einer gesamteuropäischen Migrationspolitik, vom merkwürdigen Gefühl als privilegierter EU-Bürger vor Ort zu sein, schließlich von der Suche nach einer angemessenen Art darüber zu berichten – all das macht Die Sprache von Gibraltar zu einen Ereignis, zu einem kraftvollen Rütteln an den Mauern der Festung Europa. Dafür wurde Kuhligk in Jena mit einem langanhaltendem Applaus bedacht.

Nach über fünf Stunden Literatur im Paradies legte die SUMMER EDITION den Partymodus ein und feierte mit DJ Lutz Hartmann in den Morgen. Dabei gab es nicht nur etwas für die Ohren und Tanzbeine, sondern auch für die Augen. Der Licht- und Videokünstler Dimitri Engelhardt (Sehrinde17) entwarf für die Aftershowparty eine mehr als sehenswerte Lichtinstallation in Form von Buchseiten.

Das war die mehr als gelungene In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION. Alles in allem danken wir allen für alles! Chapeau!

9.7. – In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION in Jena

Mit Björn Kuhligk, Anja Kampmann, Christoph Wenzel, der Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth, den Preisträgern des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, freiwilligen Talenten am offenen Mikrofon und DJ Lutz Hartmann.

Samstag, 9.7.2016 – Glashaus im Paradies (Vor dem Neutor 6), Jena

Beginn: 16:30 Uhr

Eintritt: 3,-/5,-€ (nur Abendkasse)

Das Glashaus im Paradies – ein zauberhafter Ort im Sommer. Besonders wenn man ihn „In guter Nachbarschaft“ genießen kann. Für einen Abend wird das Glashaus zum Mittelpunkt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und wir feiern sie mit einem Sommerfest!

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Die Lesereihe bringt aus diesem Anlass wieder hervorragende Autor*innen zusammen. Mit dabei zur diesjährigen „Summer Edition“ im Paradiespark sind die Dichter*innen Anja Kampmann, Björn Kuhligk und Christoph Wenzel mit neuer Lyrik und Prosa im Gepäck sowie Kinga Tóth, die aus ihrer Zeit als Jenaer Stadtschreiberin berichten wird, außerdem die Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Im Verlauf des Abends steht talentierten Autor*innen für jeweils acht Minuten das offene Mikrofon zur Verfügung – DIE Gelegenheit, um Texte aller Art in entspannter Atmosphäre vorzutragen. Anmeldungen nehmen wir gern entgegen unter: inguternachbarschaft [at] gmx [punkt] de

Das Paradies findet ihr hier: