8.12. – Weimar – IN GUTER NACHBARSCHAFT #15

Wassily Kandinsky als Dichter – Musikalische Lesung mit Conny Bauer, Alexander Filyuta und Alexander Graeff

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8. Dezember 2017 – 20:00 Uhr

mon ami (Goetheplatz 11, 99423 Weimar)

Eintritt: 7,-/ ermäßigt 5,- € (nur Abendkasse)

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Das bisher experimentellste Jahr der Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ geht am 8.12. in Weimar mit einem echten Höhepunkt zu Ende. Wir wagen einen ersten Ausblick auf das Bauhausjahr 2019 und widmen uns einen Abend lang Wassily Kandinsky, dem Maler, Kunsttheoretiker und – Dichter!

Mit dem Buch „Vergessenes Oval“ machen der Übersetzer Alexander Filyuta und der Herausgeber Alexander Graeff die poetische Seite Kandinskys einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Prosagedichte des russischen Künstlers zeigen bereits seinen Weg zur Abstraktion auf literarischer Ebene und dokumentieren die Vielfalt und Geschwindigkeit der Klassischen Moderne. Positionen und Bewegungen, wie der Dadaismus und die Konkrete Poesie werden hier bereits vorweggenommen. In Kandinskys Gedichten kann man der Avantgarde bei ihrer Entstehung zusehen. „In guter Nachbarschaft“ lässt Sie an diesem einzigartigen Abend daran teilhaben.

Filyuta und Graeff präsentieren das bisher wenig bekannte dichterische Werk Kandinskys in einer eindrucksvollen deutsch- und russischsprachigen Lesung. Unterstützt werden sie dabei von der Jazzlegende Conny Bauer! Mit Auszügen aus „Der gelbe Klang“ – Improvisationen für Posaune, nach dem gleichnamigen Theaterstück Kandinskys – ist Bauer nicht nur Begleiter, sondern programmatischer Bestandteil eines außergewöhnlichen Lesekonzerts.

„Bauers Konzerte sind nicht wie andere Konzerte. […] Dieser Mann ist sein eigener Posaunenchor.“ (Ulrich Steinmetzger, neue musikzeitung)

CONNY BAUER (*1943 in Halle/Saale) begann als Jugendlicher zu musizieren. Nach autodidaktischen Anfängen als Sänger und Gitarrist, studierte er in Dresden Posaune. Dort entdeckte er den Jazz für sich. Nach dem Studium zog er nach Berlin und spielte in verschiedenen Bands, wie der „Modern Soul Band“, „Synopsis“ oder „FEZ“. 1974 gab er sein erstes Solo-Konzert und fasziniert seitdem seine Zuhörer mit immer neuen Klängen, die er durch meisterhafte Blastechniken erzeugt. Der US-amerikanische Musikjournalist John Corbett prägte den Begriff der „Conradismen“ und bezeichnete Bauers Musik als „eine der radikalsten originalen Stimmen in der improvisierten Musik.“
Für seine Musik wurde er bereits vielfach ausgezeichnet, 1986 mit dem Kunstpreis der DDR und 1994 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin. 2004 erhielt Bauer insbesondere für sein Solo-Album „Hummelsummen“, das in der Kirche von Boswill / Schweiz aufgenommen wurde, den SWR-Jazzpreis. 2008 erlangte er einen Platz auf der Bestenliste des Preises der Deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie „Grenzgänge“ für seine Solo-CD „Der gelbe Klang“.

ALEXANDER FILYUTA, geboren in Leningrad (UdSSR), studierte Deutsche und Russische Philologie in St. Petersburg und in Berlin. Er ist vor allem als Übersetzer und Kurator tätig. Als Lyriker schreibt er auf Russisch und auf Deutsch. In seiner übersetzerischen bzw. kuratorischen Tätigkeit widmet er sich überwiegend Werken von Autorinnen aus denehemaligen Staaten des Warschauer Paktes. Alexander Filyuta ist Mitbegründer des Poesie-Projektes Lyrik im ausland (2010), in dessen Mittelpunkt Lesungen Berliner und internationalen Autorinnen und Autoren im Veranstaltungsraum »ausland« in Prenzlauer Berg stehen.

ALEXANDER GRAEFF, Dr. phil., lebt und arbeitet als Autor, Herausgeber und Dozent für Ästhetik, Ethik und Pädagogik in Berlin. Promotion und zahlreiche Veröffntlichungen über Wassily Kandinsky. Ergebnisse seiner Schöpfungsprozesse sind gleichermaßen wissenschaftliche sowie belletristische Texte. Grundlage seiner philosophischen Arbeiten ist eine konstruktivistische Weltauffassung, Themen sind meist existenzielle Lebenserfahrungen. Seine belletristischen Texte (Prosa, Lyrik) sind surreal. Alexander Graeff wissenschaftliche Studien suchen die theoretische wie methodische Verbindung von Kunst, Literatur, Bildung und Philosophie.

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Die Reihe „In guter Nachbarschaft“ ist ein Projekt der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. und wird unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei und die Kulturdirektion der Stadt Weimar.

Die künstlerische Projektleitung haben: Julia Hauck, Peter Neumann und Mario Osterland

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„In guter Nachbarschaft“ ist Teil der Initiative „Unabhängige Lesereihen“: http://lesereihen.org/

 

 

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Rückschau: IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Die 14. Ausgabe von In guter Nachbarschaft liegt hinter uns. Und was sollen wir sagen? Es war mit Sicherheit die anarchischste Ausgabe der Lesereihe seit ihrer Gründung. Daniel Ketteler und sein mit Ernst Wawra betriebenes French-House-Projekt Elektro Willi und Sohn bescherten dem Publikum im Franz Mehlhose in Erfurt einen Abend, den garantiert niemand so schnell vergessen wird.

Ketteler las zunächst einige Passagen aus seinem Roman Grauzone, der die Zuhörer*innen – ganz wörtlich gemeint – aus den Tiefen der Psychiatriegeschichte bis auf ein Kreuzfahrtschiff führt, auf dem Elektro Willi und Sohn als Showband auftreten. Nach kurzer Vorstellung und Einführung in die Figurenkonstellationen des Williversums tauschte Ketteler das Lese- mit dem Gesangsmikro und ließ die Übergänge von Literatur und Musik fließen. Eine Prise kontrollierten Wahnsinns inklusive.

Im Pausengespräch mit Moderator Mario Osterland erklärte der praktizierende Facharzt für Psychiatrie Ketteler, dass die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn nicht existieren oder zumindest stark ineinder fließen. Eine Erkenntnis, die sich in Kettelers künstlerischem Schaffen spiegelt, in dem sich Literatur und Musik, Zitat und Parodie, Techno und Dada nahtlos verbinden.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Im zweiten Teil des Abens las Ketteler aus einem noch unveröffentlichten Skript, in dem psychotische Menschen und der illegale Medikamentenhandel am Kottbusser Tor in Berlin im Zentrum stehen. Abgerundet wurde die Show mit den Elektro Willi-Hits Das Knacken in der Rille, Autoscooter und Quel Bordell, bei dem erstmals die legendäre Deborah aus Bielefeld mit auf der Bühne stand. Ein angenehmer Überraschungsgast für Veranstalter und Publikum – und Motivation für Vater und Sohn, die Bühnen der Republik nach langer Pause erneut zu erobern? Nach der Show ließen Ketteler und Wawra jedenfalls durchblicken, dass das „präfinale Konzert“ in Erfurt durchaus auch der Startschuss für ein Elektro Willi-Comeback sein könnte. Wir sind gespannt.

Es bleibt uns nur Danke! zu sagen bei Daniel Ketteler, Elektro Willi (aka Ernst Wawra), Deborah (Soetkin Elbers), Philip, Ralf und dem Team von Franz Mehlhose, sowie der Literarischen Gesellschaft Thüringen und allen Förderern unserer Lesereihe.

3.11. – Weimar – Lyrik & Jazz // XVI. Weimarer Lyriknacht

Auch in diesem Jahr gibt es wieder Lyrik & Jazz zur nunmehr 16. Weimarer Lyriknacht. Moderatorin Nancy Hünger hat erneut ein hochkarätiges und repräsentatives Leseprogramm für Freund*innen deutschsprachiger Gegenwartsdichtung – und solcher die es werden wollen – zusammengestellt.

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Freitag, 3.11.2017 – 20 Uhr

Stadtbücherei Weimar (Steubenstraße 1)

Eintritt: 10,-/ ermäßigt 6,- €

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Mit dabei sind in diesem Jahr: die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2012 Ursula Krechel, außerdem Tom Schulz, Ulrike Feibig und Christian Filips!

Das Trio NyponSyskon ergänzt, erweitert und rundet den Abend mit folkigem Jazz ab.

Weitere Infos gibt es auf den Seiten der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. // Die Weimarer Lyriknacht ist Teil der JAZZMEILE Thüringen.

 

Vorgestellt: Daniel Ketteler

Am 4.11. gibt es endlich eine neue Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wir kehren zurück in die Thüringer Landeshauptstadt mit einem Leseabend der besonderen Art. Zu Gast ist diesmal der Berliner Arzt und Schriftsteller Dr. Dr. Daniel Ketteler, der u.a. aus seinem Roman „Grauzone“ lesen wird.

Moderiert wird der Abend von Mario Osterland, der in der Vergangenheit ein Interview mit Ketteler zum Thema „Literatur und Rausch“ führte. Noch immer lesenwert und ein interessanter Vorgeschmack auf den Abend im FRANZ MEHLHOSE.

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„E.T.A. Hoffmanns Werke sind großartig, seine Leberwerte waren es nicht“

Mario Osterland: Als schreibender Mediziner stehst du in einer ziemlich illustren Reihe mit u.a. Schiller, Tschechow, Benn und Döblin. Worin liegt für dich der Reiz dieser Verbindung aus Literatur und Medizin?

Daniel Ketteler: Ja, das ist ein Riesenfeld und natürlich eine Riesen­hypothek für jeden schreibenden Mediziner. Ich denke die Quelle dieser fruchtbaren Allianz ist die Begeg­nung mit Menschen und Schick­salen. Ich bekomme ja jeden Tag mindes­tens einen Roman­plot geschenkt. Naja, sagen wir jede zweite Woche einen guten. Dazu muss man sich hinein­versetzen in alle diese Menschen. Vor allem die Ärzte früherer Gene­ratio­nen hatten noch die Muße und konnten sich Zeit nehmen. Sie hatten auch Zeit für ein gutes Buch, eine Zeitung. Das waren noch richtige Bürger. Im heutigen klinischen Alltag ist wenig Raum für Romantik. Lies mal Irre von Goetz! Aber der Mensch in seiner vergänglichen Pracht prangt immer noch über allem.

Ich schätze vor allem Büchner sehr, der war ja auch Arzt. Aber da eine Linie zu ziehen wäre blasphemisch und vermessen. Döblin mag ich auch sehr, diesen frühen Cut-off. Bei beiden schimmert das Menschen­liebende durch, da gibt es ein echtes Interesse am Schicksal des anderen. Natürlich sind gute Autoren auch immer böse, das hat George Steiner mal gesagt, aber Benn und Celine sind mir da sowohl als Ärzte, wie als Schrift­steller und Wissen­schaft­ler etwas suspekt, da schimmert so etwas ekelhaft elitär-rechts­raunendes hindurch. Durch alle Poren. Das sind die zynischen Ärzte, die, die voller Mitleid und Ekel auf die Aus­schei­dungen blicken. Natürlich auch das unglaub­lich berei­chernd in einem produktiven Sinn, aber ein Bierchen trinken würde ich dann doch lieber mit Georg B. als mit Gottfried B. Wir sind sterblich und das ist doch super so! Stell dir vor, du müsstest zig Millionen Jahre leben. Wie langweilig! Das wäre ein schlim­mes Gefäng­nis. Nur unter Zeitdruck und mit Blick auf die Ver­gäng­lich­keit kann man doch den Ansporn haben, etwas zu schreiben, und die Ärzte sehen ja, je nach Disziplin, jeden Tag, wie schnell es wieder vorbei sein kann.

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Daniel Ketteler (Foto: A. triepa)

M. Osterland: Du hattest 2005 einen Aufsatz in der Kritischen Ausgabe publiziert, in dem es um den Zusammenhang von Drogenkonsum und Kreativität geht. Ist es dir generell ein Anliegen, den meist romantisierten Zusammen­hang von Kunst und Rausch auf wissen­schaft­lichem Niveau zu begegnen?

D. Ketteler: Ja, das war eine Annäherung an das Thema mit wissen­schaft­lichem Anstrich. Aber der strenge Natur­wissen­schaftler würde das sicher anders machen. Ich selbst suche einen Weg zwischen Natur- und Geistes­wissen­schaften. Das geht am besten in einem leicht essayis­tischen Stil. Den klassischen »Journals« behagt das nicht, die wollen die standardisierte Form der Publikation (Abstract, Introduction, Methods, Discussion). Das finde ich teils sehr schade, denn so ist wenig Raum für assoziative, also künstlerisch-kreative Ideen. Kürzlich habe ich noch ein paar Gedanken zum Thema Genie und Wahn. Was ist dran? publiziert. Der Titel ist etwas albern, aber ich wollte den etwas ver­staubten Mythos vom wahnsinnigen Künstler­genie mal auf eine neuronale Substanz und Trag­fähigkeit hin prüfen.

M. Osterland: Mit welchem Ergebnis?

D. Ketteler: Die Neurobiologie und Empirie liefern hier wie so oft nur indirekte Nachweise. Zum einen ist es so, dass sich bei verschiedenen Erkran­kungen des schizo­phrenen Formen­kreises Sprachpathologien finden, die in Kreativ­prozessen, also zum Beispiel bei Gedichten, gezielt genutzt werden; etwa Neolo­gismen, Wort­konta­minationen und ein mani­sches Zungen­reden, Reim­zwänge kommen vor und vieles mehr. Die mensch­liche Sprach­fähig­keit, und hier gehe ich mit dem Psychologen Tim Crow, ist womöglich überhaupt die Grund­lage für die mensch­liche Dispo­sition zur Psychose. In der Psychose wiederum, und dies ist die etwas in Vergessenheit geratene Haupt­erkennt­nis des Begründers des Schizo­phrenie­begrif­fes Eugen Bleuler, fällt vor allem eine asso­ziative Lockerung ins Gewicht; dies vor allem sprachlich, aber auch inhaltsbezogen im Wahn. Das sind alles quasi auto­poe­tische Kon­struk­tionen der mensch­lichen Phantasie, einem Traum nicht unähn­lich. Die Realität wird außer Kraft gesetzt, und nichts anderes machen schließ­lich die Künst­ler. Zu fragen ist deshalb ein­deutig: hängen nicht hier Psychose (Wahn) und Krea­tivität (altmodisch: Genie) eng zusammen?

Reaktiviert man diese etwas vertaubten Thesen, eröffnen sich also womöglich neue alte Ansatz­punkte und etwas wie Psychose wird nicht rein diagnos­tisch ausge­sondert, sondern zählt als mensch­liche Grund­dispo­sition einfach zum Mensch­sein dazu. Die Psychose und Manie als Preis für die Kreativi­täts­funktion und als Quelle der­selben. Ich will diese leid­vollen Krank­heiten nicht verherr­lichen, aber sie aus der unfallhaften Schmuddel­ecke holen. Leo Navratil be­schrieb auch empi­risch den Wandel von psycho­tischen Haus­frauen zu Kreativgeistern. Und auch die familiäre Häufung von Künst­ler­familien mit bi­polaren Erkran­kungen spricht für sich. Naiv ist aktuell die Idee, man schaut mittels bildgebenden Verfahren ins Künstlerhirn. Aber auch so etwas wird unter­nommen und führt vielleicht auch zu Er­kennt­nis­sen. Deduktiv kann man aber auch einfach eins und eins zusammen­zählen.

M. Osterland: Das weicht dann natürlich die Grenzen von »normal« und »verrückt« endgültig auf.

D. Ketteler: Ja genau, diese Grenze ist ohnehin nur eine Schutz­behaup­tung, eine Illusion damit wir alle friedlich schlafen können. Genau wie wir uns fast alle jeden Tag vormachen, ewig zu leben. Jules Angst, ein Ver­treter der Zürcher Schule, hat in Studien ein Konti­nuum von Depression, Manie und Psycho­se an einer riesigen und immer noch laufenden Kohorten­studie eindrucks­voll nach­gewiesen. Die Grenzen selbst der einzelnen Diagnosen sind fließend. Wie sollte es dann zum Gesunden anders sein?

M. Osterland: Ist der Rausch der Schlüssel zur oder gar das Wesen der Kreativität?

D. Ketteler: Das ist eine spannende Frage. Ich würde mich dem aber eher von einer anderen Seite nähern. Ich denke, dass vor allem Zustände der manischen Extase und assoziativen Lockerung, wie man sie bei der bipolaren Disposition (Manie) oder Psychose antrifft, ein Schaufenster zu Kreativ­prozes­sen bieten. Hierzu habe ich auch etwas im psychia­trischen Bereich geforscht, speziell was die assoziative Lockerung anbelangt. Bleuler hatte ein besonderes Augenmerk auf Sprachbesonder­heiten in der Psychose gerichtet. Dies ging in der modernen Diagnostik zunehmend etwas unter. Aber vor allem die Lockerung von zuvor scheinbar fest­geschriebenen Sinn­zu­sammen­hängen ist ein wesent­licher Effekt dichte­rischer Produktion. Durs Grünbein weist auf die EEG-Experim­ente in Njimwegen hin. Dort hatte man Probanden Wortpaa­rungen wie »Katze« und »Hund« präsentiert und eher kleine neuronale Ausschläge fest­gestellt. Bei »Katze« und »Mond« hingegen spielte das Hirn verrückt. Ich denke, dass im Hirn des Ekstatikers genau solche brisanten Neu­schöpfungen und Rekombinationen stattfinden, die sich im Gesunden ein Dichter zunutze macht. Er kann, im Gegensatz zu einem aus den Fugen geratenen Maniker, kontrolliert auf Neuland zugreifen. Der Psycho­tiker und Manier wird hingegen quasi überrannt von seinen Wort­flashs.

Auch Drogen können derartige Kicks sicher gezielt evozieren. Kontrollverlust ist ein Punkt, der Neokortex verliert die Kontrolle und subkortikale, tiefliegende Hirn­strukturen wie die Basalganglien über­nehmen die Kontrolle. Benn hat dies intuitiv geahnt und spricht vom »Auf­rauschen« und auch oft und in Varianten vom Tiefenhirn. Neuronal lassen sich derlei Prozesse heute darstellen. Aller­dings funktioniert die Neuro­wissen­schaft, Benn hat dies ebenfalls beklagt, leider sehr induktiv, kleinschrittig. Dadurch fehlt oft die Drauf­sicht. Sie ist geradezu verpönt, da sie spekulatives Strandgut anspült. Ich selbst denke aber, nur so kann man sich dem Thema konstruktiv nähern.

[Das ganze Interview lesen Sie hier.]

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Samstag, 4.11.2017 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12, Erfurt)

Eintritt: 5,-/3,-€ (nur Abendkasse)

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4.11. – Erfurt – In guter Nachbarschaft #14

Die unabhängige Lesereihe In guter Nachbarschaft kehrt nach Erfurt zurück! Mit dabei ist diesmal der Berliner Arzt, Autor und Musiker Daniel Ketteler. Er liest, unterstützt durch Livebeats von DJ Ernst Wawra (Alphawezen), unter anderem aus seinem Roman Grauzone.

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Samstag, 4.11.2017 – FRANZ MEHLHOSE (Löberstraße 12, Erfurt)

Beginn: 20 Uhr

Eintritt: 5,-/ erm. 3,- € (nur Abendkasse)

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„Es ist ein uralter Menschheitstraum: das Lesen von Gedanken. Es ist ein Glücksversprechen und Alptraum zugleich. Hier wird aus dem Traum Realität. Es ist die Grauzone – ein Elektroenzephalogramm. Hans Berger, Ordinarius für Psychiatrie in Jena, hat ihn geträumt, diesen ambivalenten Traum. Er wollte es lösen, das Menschheitsrätsel, und entwickelte ein Gerät zur elektrophysiologischen Aufzeichnung gedanklicher Aktivität: das noch heute bekannte Elektroenzephalogramm (EEG). …
Daniel Ketteler überträgt die Gedanken Bergers auf seine eigene Endlosrolle, im Beat hektischer Wortamplituden zuckt der Traum Bergers auf, surrt ihm eine schier unglaubliche Geschichte aus dem Schreiber. Hinter den cleanen Hörsälen der Schulpsychiatrie, da gären die alten Chimären weiter, da wurde über der Bergerschen Idee gebrütet. Unmerklich gelang ein Durchbruch: das Lesen von Gedanken, ein Hirnleseapparat.“

Im Anschluss spielen Ketteler und Wawra mit ihrem French-House-Projekt Elektro Willi und Sohn ein exklusives Minikonzert und kündigen damit ihren Abschied an. Sie haben ihren Aachener Waschmaschinenladen verkauft und genießen die Rente mit Hilfe einer Sammlung erlesener französischer Schaumweine. In Erfurt kommen sie nochmal zu einer kleinen präfinalen Show zusammen. So kurz vor dem 40ten, da summt die Drüse, da brummt der Bass. Und vielleicht kommen sogar die tanzenden Zwillinge mit aufs musikalische Trapez.
http://www.elektrowilli.com/

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In guter Nachbarschaft ist ein Projekt der Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. und wird durch die Thüringer Staatskanzlei gefördert. Organisiert von Julia Hauck, Peter Neumann und Mario Osterland.
Moderation: Mario Osterland

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In guter Nachbarschaft ist Teil der Initiative Unabhängige Lesereihen: http://lesereihen.org/

Neue Lyrik: „heimische Arten“ von Mario Osterland

Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland hat sein zweites Buch veröffentlicht. Der Gedichtband heimische Arten erscheint, wie schon sein Debut In Paris (2014), im Kölner Independent-Verlag parasitenpresse. Weitere Informationen und die Möglichkeit das Buch zu bestellen, findet ihr im Link ganz unten.

Die Doppel-Buchpremiere mit André Schinkel, der seinen neuen Gedichtband Bodenkunde vorstellt, findet in Jena statt am:

14. Oktober 2017 – 20 Uhr 

Galerie im Stadtspeicher (Markt 16, Jena)

Eintritt: 5,-€

Musikalisch begleitet wird der Abend von einem guten Bekannten unserer Lesereihe: littlemanlost! [Alle Infos zur Veranstaltung hier.]

Außerdem liest Mario Osterland bei der diesjährigen Ausgabe der Erfurter Spätlese im Rahmen der Erfurter Herbstlese.

20. Oktober 2017 – 20 Uhr

Haus Dacheröden (Anger 37, Erfurt)

[Alle Infos dazu auf der Website der Erfurter Herbstlese.]

Der LeseZeichen e.V. hat außerdem ein Video produziert in dem ihr das Gedicht fossile Gewässer aus dem Band heimische Arten hören könnt:

Private wie urbane Räume, die hier bedichtet werden, sind trostlos, das Rurale beiläufig, aber zunehmend rituell. Die Zeichen vergletschern! Was der Mensch nicht wahrnimmt: die Ränder zur ungewissen Zukunft als auch zur dunklen Vorvergangenheit zerfasern, es entstehen Fraßbilder, irgendwo im Düsteren schließt sich der Kreis … Mario Osterland gelingt es, uns wie nebenbei Beklemmung und […]

über Mario Osterland: heimische Arten — parasitenpresse

Rezension: „Der weiße Globus“

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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stefan
Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.