Vorgestellt: Wassily Kandinsky als Dichter

Am 8.12. findet in Weimar eine besondere Ausgabe unserer Lesereihe statt. Wir widmen uns einen Abend lang einer eher unbekannte Seite des Künstlers Wassily Kandinsky. In Lesung und Konzert stellen Alexander Filyuta, Alexander Graeff und der Jazzposaunist Conny Bauer das dichterische Werk Kandinskys vor. [Alle Infos hier.]

Mario Osterland sprach vorab mit Alexander Graeff über seine Arbeiten zu Kandinsky.

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Alexander Graeff (Foto: Ute J. Krienke)

Mario Osterland: Lieber Alexander, du beschäftigst dich schon ziemlich lange mit dem Werk und der Person Wassily Kandinskys. Was fasziniert dich an ihm?

Alexander Graeff: Mich fasziniert seine Biografie vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Auf der einen Seite zählt er zu den bekanntesten VIPs der Klassischen Moderne, seine Kunst und er selbst sind bis heute beliebte Projektionsflächen für bürgerliche Mythenproduktion, die oft den sozialgeschichtlichen Umständen der Zeit diametral entgegenlaufen; die ‚klassische‘ Kunstgeschichte hat diese sehr einseitige und oft verzerrende Rezeption seines Lebens und Werks zum Teil mit hervorgebracht. Auf der anderen Seite – und das treibt mich zu dem Thema – ist Kandinsky ein gutes Beispiel für ein bestimmtes deviantes Verhalten eben in Bezug auf seine Biografie: Dass er sich erst im Alter von dreißig Jahren für eine Kunstausbildung in München entschied und auf seine bisherige akademische Laufbahn in Russland verzichtete, dass er ein Kenner des Okkultismus war, oder dass er eine gewisse Zeit polyamor lebte, sind nur einige Aspekte seiner Biografie, die ich spannend finde und nach und nach herausarbeite – nicht zuletzt auch, um das oben erwähnte Bild von Kandinsky zu ergänzen und ggf. zu korrigieren.

M. Osterland: Du hast über den Pädagogen Kandinsky promoviert und im letzten Jahr als Herausgeber den Dichter Kandinsky präsentiert. Sind das zwei verkannte Seiten eines Mannes, der heute immer noch in erste Linie als Maler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Ganz genau. Nur wenigen war Kandinsky als Pädagoge oder Poet bekannt, dabei sah er sich selbst in diesen Rollen. Die Kunstgeschichte zeigte ihn immer nur als Maler oder Grafiker, publiziert wurden vorrangig Bildinterpretationen in zigfacher, sich wiederholender Ausführung, die seinen Weg zur abstrakten Kunst illustrieren. Sein soziales Umfeld aber wurde nur wenig beachtet, genauso wenig wie seine Bildungsvorstellungen, seine Gesellschaftskritik, seine poetischen Ambitionen oder sein esoterisches Weltbild. Gerade letzteres passte eben nicht ins Bild, das sich die bildungsbürgerliche ‚Elite‘ nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm machte.

M. Osterland: Ist das der Grund warum Kandinsky heute vor allem als Maler ‚schöner bunter Bilder‘ bekannt ist?

A. Graeff: Kann sein, dass diese Deutung sowas auch befördert. Eine wichtige Denkfigur Kandinskys war die Synthese der Künste, es verwundert daher nicht, dass er sich in allen Sparten der Kunst ausprobierte. Um so mehr aber verwundert es, dass ihn die Kunstgeschichte ebenso wie der ‚bürgerliche Mythos‘ jahrelang nur als Maler betrachtete und bewarb.

M. Osterland: Welchen Stellenwert innerhalb seines Werkes hatte sein poetisches Schreiben und die Dichtung allgemein für Kandinsky?

A. Graeff: Vor dem Ersten Weltkrieg scheint es so gewesen zu sein, dass er sich so gar nicht entscheiden konnte, ob er sich eher als Maler oder als Schriftsteller sehen sollte. Mit dem Münchner Piper Verlag hatte er ab etwa 1910 einen Verlag gefunden, der sowohl seine kunst- und gesellschaftstheoretischen Texte als auch seine poetischen Arbeiten veröffentlichte. 1912 erschienen sein berühmtes Buch Über das Geistige in der Kunst und seine Prosagedichtsammlung Klänge.

M. Osterland: Das heißt also, dass Kunst und Literatur in Kandinskys Denken und Schaffen zu jeder Zeit gleichberechtigt vom ihm behandelt oder betrachtet wurden?

A. Graeff: Nein, es trifft, auf eine bestimmte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu. Als er 1921 wieder nach Deutschland kam und dann ein Jahr später ans Bauhaus berufen wurde, hatte sich sein Schaffen im Vergleich zur Münchner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weiter professionalisiert, er setzte dann Schwerpunkte bei den bildenden Künsten, nicht zuletzt auch, weil er ja von Gropius als Zeichenlehrer ans Bauhaus berufen wurde. Kunstpädagogik, Malerei und Grafik waren dann seine Hauptbeschäftigungsfelder.

M. Osterland: Wie gestaltete sich die Übersetzungs- und Herausgeberarbeit für die Neuausgabe seiner Gedichte in Vergessenes Oval?

A. Graeff: An die Originalmanuskripte kamen wir nicht heran, die liegen verschlossen im Kandinsky-Archiv im Centre Pompidou in Paris. Die Kandinsky-Forschungssituation ist zum Teil eine sehr esoterische Sache, nicht jede*r Forscher*in kommt in die Archive, ein Zustand, der oft schon bemängelt, aber bisher nicht verändert worden ist. Große Museen und Archive, die Kandinsky-Material besitzen, wittern Konkurrenz und wollen nach und nach selbst Ausstellungen und Bücher zum Thema auf den Markt werfen. Wir haben für Vergessenes Oval auf eine edierte Forschungsversion des Manuskriptes zugegriffen. Nur die Übersetzungen daraus haben wir nicht übernommen, die hat Alexander Filyuta neu übersetzt.

M. Osterland: Welche Rolle spielen die Illustrationen für ein Buch, dessen Autor ja vordergründig als Künstler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Das war für Christoph Vieweg wirklich eine Herausforderung und anfangs war ich auch skeptisch, wie das Konzept der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin auf Kandinsky übertragen werden würde. Christoph hat das in meinen Augen aber hervorragend gelöst. Er hat eine neue Bildsprache gefunden, die Motive aus Kandinskys Grafiken zwar aufgreift, aber eine eigenständige Gesamtkomposition darstellt, die den Text gut ergänzt.

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aus: Wassily Kandinsky – Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass. (Verlagshaus Berlin, 2016)

M. Osterland: Was macht deiner Ansicht nach das Lesen von Kandinskys literarischen Texten reizvoll?

A. Graeff: Sie zeigen die Entwicklung der Kunst der Moderne auf literarischer Ebene. Seine Texte sind konkret wie seine Grafiken, ironisch und stark inspiriert vom Dadaismus. Seine Texte sind Wegbereiter der Konkreten Poesie, gerade dieser Sachverhalt ist wenigen bekannt. Kandinsky kann als Vorläufer der Konkreten Poesie bezeichnet werden. Der spätere ‚Gründer‘ der Konkreten Poesie Eugen Gomringer hat sehr genau Kandinskys Texte studiert, die poetischen ebenso wie die kunsttheoretischen. Die Manifeste Gomringers aus den 1950er Jahren lesen sich zum Teil eins zu eins wie Kandinskys Überlegungen zur Synthese der Künste, zur abstrakten bzw. konkreten Kunst von vor dem Zweiten Weltkrieg.

M. Osterland: Am 8. Dezember 2017 liest du Kandinskys Prosagedichte zusammen mit dem Übersetzer Alexander Filyuta in Weimar. Außerdem spielt Conny Bauer auf der Posaune Improvisationen, die zu einem Bühnenstück Kandinskys entstanden sind. In dieser Dreierkonstellation konnte man euch in der Vergangenheit schon mal erleben. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

A. Graeff: Das war eher Zufall. In Berlin richtete uns die Berliner Literarische Aktion rund um Martin Jankowski eine Lesung aus und bot an, Conny Bauer, der ja vor etwa 10 Jahren zu Kandinskys Bühnenstück Der gelbe Klang gearbeitet und eine CD produziert hatte, für die Veranstaltung hinzuzunehmen. Das war natürlich eine große Ehre für Alexander Filyuta und mich! Und so kam es, dass wir drei uns sehr gut verstanden. Conny Bauers Improvisationen auf der Posaune passten perfekt zu Kandinskys zeitlebens unveröffentlicht gebliebenen Dada-Prosagedichten, die Alexander Filyuta und ich ja letztes Jahr mit Vergessenes Oval herausgegeben haben. Und jetzt wiederholen wir das Format in Weimar, einer Stadt, in der Kandinsky selbst drei Jahre lang lebte und wirkte.

M. Osterland: Waren die Weimarer Jahre eine besondere Zeit in Kandinskys Biografie?

A. Graeff: Sie waren eine sehr fruchtbare Zeit im Hinblick auf seine Freundschaft zu Paul Klee, den er ja aus München kannte und nun in Weimar wieder traf, und auch zu Lyonel Feininger. Das inspirierte ihn. Künstlerisch war er im Vergleich zu seiner Zeit in Russland davor viel produktiver. Überschattet wurde seine Zeit in Weimar allerdings vom provinziellen und xenophoben Milieu der Weimarer Bürgerschaft, in das eine damals so unkonventionelle Schule wie das Bauhaus mit ‚fremdländischen Zeichenlehrern‘ nicht so recht passen wollte. Von Beginn an hatten es Gropius und die anderen Bauhäusler*innen schwer mit ihrem lebensreformerischen Projekt. So schwer, dass der Druck von Rechts irgendwann so stark wurde, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

M. Osterland: Freuen wir uns also auf die Rückkehr Kandinskys nach Weimar am 8.12. Danke für das Gespräch!

Alexander Graeff, Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Promotion bei Heinz-Elmar Tenorth und Michael Parmentier über Wassily Kandinsky als Pädagoge. Lebt in Berlin und Greifswald. Er veröffentlichte zahlreiche philosophische sowie belletristische Texte.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #15 – Wassily Kandinsky als Dichter

Freitag, 8.12.2017 – 20 Uhr

Kulturzentrum mon ami (Goetheplatz 11, Weimar)

Eintritt: 7,-/ erm. 5,-€ (Abendkasse)

Ticketreservierungen unter: inguternachbarschaft [at] gmx.de

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23.11. – Weimar – Robert Prosser liest aus „Phantome“

Lieber Nachbarschafts-Freund*innen, wir möchten euch unbedingt auf die Lesung von Robert Prosser am Donnerstag, den 23.11. in der Stadtbücherei Weimar hinweisen! Prosser liest/performt aus seinem Roman Phantome, der in diesem Jahr völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand.

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23.11.2017 – 19:30 Uhr

Stadtbücherei Weimar (Steubenstr. 1)

Eintritt: 7,-/ ermäßigt 5,- €

Gewinnt hier einen Einblick in Robert Prossers einzigarte Vortragsweise. Das solltet ihr nicht verpassen!

„Raniser Debut“ für Lisa Goldschmidt

Lisa Goldschmidt, die im Juli diesen Jahres bei der „Junges Literaturforum Edition“ von In guter Nachbarschaft in Jena las, ist neue Stipendiatin des „Raniser Debuts“! Wir gratulieren herzlich und wünschen ihr und Lektor Helge Pfannenschmidt eine produktive Arbeitszeit.

Robert Sorg bei „Blaubart & Ginster“

Robert Sorg, Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins, verhalf unserer Lesereihe im April 2017 einer wunderbaren Veranstaltung, indem er die Räume im Stadtspeicher am Markt für uns öffnete. Jetzt war er zu Gast bei der Jenaer Literatursendung Blaubart & Ginster im Radio OKJ und sprach mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland u.a. über die Schwierigkeiten bei der Findung von Veranstaltungsorten in Jena.

Die Sendung kann in einer Podcastversion auf Soundcloudnachgehört werden.

8.12. – Weimar – IN GUTER NACHBARSCHAFT #15

Wassily Kandinsky als Dichter – Musikalische Lesung mit Conny Bauer, Alexander Filyuta und Alexander Graeff

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8. Dezember 2017 – 20:00 Uhr

mon ami (Goetheplatz 11, 99423 Weimar)

Eintritt: 7,-/ ermäßigt 5,- € (nur Abendkasse)

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Das bisher experimentellste Jahr der Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ geht am 8.12. in Weimar mit einem echten Höhepunkt zu Ende. Wir wagen einen ersten Ausblick auf das Bauhausjahr 2019 und widmen uns einen Abend lang Wassily Kandinsky, dem Maler, Kunsttheoretiker und – Dichter!

Mit dem Buch „Vergessenes Oval“ machen der Übersetzer Alexander Filyuta und der Herausgeber Alexander Graeff die poetische Seite Kandinskys einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Prosagedichte des russischen Künstlers zeigen bereits seinen Weg zur Abstraktion auf literarischer Ebene und dokumentieren die Vielfalt und Geschwindigkeit der Klassischen Moderne. Positionen und Bewegungen, wie der Dadaismus und die Konkrete Poesie werden hier bereits vorweggenommen. In Kandinskys Gedichten kann man der Avantgarde bei ihrer Entstehung zusehen. „In guter Nachbarschaft“ lässt Sie an diesem einzigartigen Abend daran teilhaben.

Filyuta und Graeff präsentieren das bisher wenig bekannte dichterische Werk Kandinskys in einer eindrucksvollen deutsch- und russischsprachigen Lesung. Unterstützt werden sie dabei von der Jazzlegende Conny Bauer! Mit Auszügen aus „Der gelbe Klang“ – Improvisationen für Posaune, nach dem gleichnamigen Theaterstück Kandinskys – ist Bauer nicht nur Begleiter, sondern programmatischer Bestandteil eines außergewöhnlichen Lesekonzerts.

„Bauers Konzerte sind nicht wie andere Konzerte. […] Dieser Mann ist sein eigener Posaunenchor.“ (Ulrich Steinmetzger, neue musikzeitung)

CONNY BAUER (*1943 in Halle/Saale) begann als Jugendlicher zu musizieren. Nach autodidaktischen Anfängen als Sänger und Gitarrist, studierte er in Dresden Posaune. Dort entdeckte er den Jazz für sich. Nach dem Studium zog er nach Berlin und spielte in verschiedenen Bands, wie der „Modern Soul Band“, „Synopsis“ oder „FEZ“. 1974 gab er sein erstes Solo-Konzert und fasziniert seitdem seine Zuhörer mit immer neuen Klängen, die er durch meisterhafte Blastechniken erzeugt. Der US-amerikanische Musikjournalist John Corbett prägte den Begriff der „Conradismen“ und bezeichnete Bauers Musik als „eine der radikalsten originalen Stimmen in der improvisierten Musik.“
Für seine Musik wurde er bereits vielfach ausgezeichnet, 1986 mit dem Kunstpreis der DDR und 1994 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin. 2004 erhielt Bauer insbesondere für sein Solo-Album „Hummelsummen“, das in der Kirche von Boswill / Schweiz aufgenommen wurde, den SWR-Jazzpreis. 2008 erlangte er einen Platz auf der Bestenliste des Preises der Deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie „Grenzgänge“ für seine Solo-CD „Der gelbe Klang“.

ALEXANDER FILYUTA, geboren in Leningrad (UdSSR), studierte Deutsche und Russische Philologie in St. Petersburg und in Berlin. Er ist vor allem als Übersetzer und Kurator tätig. Als Lyriker schreibt er auf Russisch und auf Deutsch. In seiner übersetzerischen bzw. kuratorischen Tätigkeit widmet er sich überwiegend Werken von Autorinnen aus denehemaligen Staaten des Warschauer Paktes. Alexander Filyuta ist Mitbegründer des Poesie-Projektes Lyrik im ausland (2010), in dessen Mittelpunkt Lesungen Berliner und internationalen Autorinnen und Autoren im Veranstaltungsraum »ausland« in Prenzlauer Berg stehen.

ALEXANDER GRAEFF, Dr. phil., lebt und arbeitet als Autor, Herausgeber und Dozent für Ästhetik, Ethik und Pädagogik in Berlin. Promotion und zahlreiche Veröffntlichungen über Wassily Kandinsky. Ergebnisse seiner Schöpfungsprozesse sind gleichermaßen wissenschaftliche sowie belletristische Texte. Grundlage seiner philosophischen Arbeiten ist eine konstruktivistische Weltauffassung, Themen sind meist existenzielle Lebenserfahrungen. Seine belletristischen Texte (Prosa, Lyrik) sind surreal. Alexander Graeff wissenschaftliche Studien suchen die theoretische wie methodische Verbindung von Kunst, Literatur, Bildung und Philosophie.

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Die Reihe „In guter Nachbarschaft“ ist ein Projekt der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. und wird unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei und die Kulturdirektion der Stadt Weimar.

Die künstlerische Projektleitung haben: Julia Hauck, Peter Neumann und Mario Osterland

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„In guter Nachbarschaft“ ist Teil der Initiative „Unabhängige Lesereihen“: http://lesereihen.org/

 

 

Rückschau: IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Die 14. Ausgabe von In guter Nachbarschaft liegt hinter uns. Und was sollen wir sagen? Es war mit Sicherheit die anarchischste Ausgabe der Lesereihe seit ihrer Gründung. Daniel Ketteler und sein mit Ernst Wawra betriebenes French-House-Projekt Elektro Willi und Sohn bescherten dem Publikum im Franz Mehlhose in Erfurt einen Abend, den garantiert niemand so schnell vergessen wird.

Ketteler las zunächst einige Passagen aus seinem Roman Grauzone, der die Zuhörer*innen – ganz wörtlich gemeint – aus den Tiefen der Psychiatriegeschichte bis auf ein Kreuzfahrtschiff führt, auf dem Elektro Willi und Sohn als Showband auftreten. Nach kurzer Vorstellung und Einführung in die Figurenkonstellationen des Williversums tauschte Ketteler das Lese- mit dem Gesangsmikro und ließ die Übergänge von Literatur und Musik fließen. Eine Prise kontrollierten Wahnsinns inklusive.

Im Pausengespräch mit Moderator Mario Osterland erklärte der praktizierende Facharzt für Psychiatrie Ketteler, dass die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn nicht existieren oder zumindest stark ineinder fließen. Eine Erkenntnis, die sich in Kettelers künstlerischem Schaffen spiegelt, in dem sich Literatur und Musik, Zitat und Parodie, Techno und Dada nahtlos verbinden.

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Im zweiten Teil des Abens las Ketteler aus einem noch unveröffentlichten Skript, in dem psychotische Menschen und der illegale Medikamentenhandel am Kottbusser Tor in Berlin im Zentrum stehen. Abgerundet wurde die Show mit den Elektro Willi-Hits Das Knacken in der Rille, Autoscooter und Quel Bordell, bei dem erstmals die legendäre Deborah aus Bielefeld mit auf der Bühne stand. Ein angenehmer Überraschungsgast für Veranstalter und Publikum – und Motivation für Vater und Sohn, die Bühnen der Republik nach langer Pause erneut zu erobern? Nach der Show ließen Ketteler und Wawra jedenfalls durchblicken, dass das „präfinale Konzert“ in Erfurt durchaus auch der Startschuss für ein Elektro Willi-Comeback sein könnte. Wir sind gespannt.

Es bleibt uns nur Danke! zu sagen bei Daniel Ketteler, Elektro Willi (aka Ernst Wawra), Deborah (Soetkin Elbers), Philip, Ralf und dem Team von Franz Mehlhose, sowie der Literarischen Gesellschaft Thüringen und allen Förderern unserer Lesereihe.