SUMMER EDITION Nachlese: Christoph Wenzel

der boden unter den füßen

den verschwundenen dörfern im rheinischen braunkohlerevier

I

weißkohl-, wirsing-, möhrenfelder, letzte ernten und

ein stoppelbild, mit igelschnitt, so geisterten die jungs hier

rum, kickten bälle in die fremden gärten, knickten flieder,

brombeer, buchsbaum, diese feldspieler im abseits, und das tor

bleibt wie vernagelt, vor der tür steht ein vertreter, unter-

händler, breitet angebote auf der wachstischdecke aus: lukrativ

sei der vereinswechsel ins nachbardorf und ohnehin

geht hier bald alles vor die hunde, eh man sich versieht,

fällt man in ein großes loch: und wenn wir hier schon nichts

gewinnen, treten wir euch wenigstens den platz kaputt

Vielschichtig ist das Land, vielschichtig die Zeit und das Erinnern.

Mit seinem Buch lidschluss widmet sich Christoph Wenzel dem Strukturwandel seiner rheinisch-westfälischen Heimat. Er legt Querschnitte an von der Braunkohle in der Tiefe bis zur vermeintlichen Oberfläche, Längsschnitte vom Vorgarten des Eigenheims bis zum Fußballplatz und darüber hinaus. Als allgemeingültige Denkmäler für die, dem Tagebau gewichenen Dörfer lassen sich Wenzels Gedichte lesen. Aber auch als ganz individuelle Szenen, die abknickende Sträucher, zerbrochene Fenster und das Rufen der Pöhler vor dem inneren Auge bzw. Ohr entstehen lassen.

Das sind schöne und zugleich tragische Erinnerungen an eine Zeit, deren Orte unauffindbar geworden sind. Für die ein simuliertes Dorf zur Umsiedlung niemals wird Ersatz schaffen können. Wie lukrativ der Wechsel nach nebenan wirklich ist, bleibt also offen. All dem begegnet Wenzel mit viel Empathie, die jedoch nicht in Rührseeligkeit abkippt. Dafür sorgt etwa die Fußballmetapher, die das hier wiedergegebene Gedicht zusammenhält. Vielleicht lohnt das Aufreißen der Erde unter dem Dorf gar nicht und alles wurde umsonst aufgegeben. „Dann treten wir euch wenigstens den Platz kaputt.“ Für alles im Leben, gibt es die richtige Fußballweisheit. Manchmal hilft eben nur noch Lakonie und Galgenhumor.

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Christoph Wenzel – lidschluss. Gedichte. Edition Korrespondenzen: Wien, 2015. (96 Seiten, 17,50 €, ISBN 978-3-902951-15-1)

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Rückschau: In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION (2/2)

Hier geht’s weiter mit dem zweiten Teil der SUMMER EDITION-Rückschau.

Es gehört zu den Traditionen der Nachbarschaft, dass bei unseren Veranstaltungen ein offenes Mikrofon bereit steht, an dem noch unbekannte Nachwuchstalente, regionale Autoren und Freunde unserer Lesereihe gern gesehen sind. Auch bei der SUMMER EDITION gab es für sie wieder Gelegenheit ihre neusten Texte in entspannter, ungezwungener Atmosphäre vorzutragen.

Den Anfang machte Moritz Gause, der seine Lesung mit einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet eröffnete und danach neue, in Kirgisistan entstandene Gedichte vortrug. Ihm folgte der Erfurter Patrick Siebert. Mit lakonischem, bisweilen selbstironischem Ton las er Gedichte, die individuelle Eindrücke aus verschiedenen Thüringer Landschaften reflektieren und zu poetischen Momentaufnahmen verdichten. Mit seinem spontanen Auftritt am offenen Mikrofon beeindruckte danach der Poetryslammer Friedrich Hermann, der seinen Text Das erste Mal freisprechend und äußerst pointiert vortrug.

Den Abschluss am offenen Mikrofon machte Demien Bartók, der aus dem Vorwort seines Buches Die Abschaffung von Erfurt-Nord las. Zwischen Essay und Erzählung entwirft er darin ein gesellschaftliches Panorama aus Kritik und Selbstreflexion, zwischen großen Utopien, Europapolitik, Maulwürfen und dem Bundespräsidenten. Eine echte Entdeckung!

Höhepunkt und literarischer Abschluss der SUMMER EDITION war schließlich die Lesung mit Christoph Wenzel, Anja Kampmann und Björn Kuhligk am Abend. Drei etablierte und vielfach ausgezeichnete Dichter also, die aus ihren jeweils aktuellen Büchern lasen.

Den Anfang machte der Aachener Christoph Wenzel, der aus seinem viel gelobten Band lidschluss las. Mit scharfem Blick und zugleich voller Empathie kartiert er darin u.a. seine rheinisch-westfälische Heimat und deren Strukturwandel nach der Schließung zahlreichen Zechen. Vom Verschwinden ganzer Dörfer für den Tagebau, bis hin zu den kleinen Dramen auf dem Fußballplatz – Wenzel bewies, dass er ein Auge für die großen und die kleinen Szenen hat. Für jedes seiner Gedichte findet er die richtige Sprache, bleibt insgesamt aber unverkennbar in seinem poetischen Ton zwischen Beschreibung und Erzählung.

Auch Anja Kampmanns Lesung war geprägt von kartografischen Suchbewegungen, die einen großen Bogen spannen von Brandenburg über die Ostsee und Polen, bis hin nach Weißrussland und Slowenien. Mit den Gedichten aus ihrem aktuellen Band Proben von Stein und Licht nahm sie das Publikum mit auf eine Reise ostwärts, auf eine Suche nach Vertrautem in der Fremde. Als eine Erkenntnis verdeutlichten Kampmanns Gedichte, dass diese Bewegungen keine Einbahnstraße darstellen, oftmals sogar erst einen Blick zurück ermöglichen und so das Fremde in scheinbar Vertrautem zu Tage fördern.

Mit der Lesung aus seinem Band Die Sprache von Gibraltar lieferte Björn Kuhligk einen Beweis dafür, dass die oftmals nachgeplapperte Behauptung von der angeblich unpolitischen Gegenwartslyrik null und nichtig ist. Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage der spanischen Exklave Melilla, ist ein beeindruckendes Langgedicht, aus dessen Mittelteil Kuhligk ohne zusätzliche Erklärungen oder Unterbrechungen vorlas. Vom Warten derjenigen, die auf ein besseres Leben auf der anderen Seite hoffen, vom Scheitern einer gesamteuropäischen Migrationspolitik, vom merkwürdigen Gefühl als privilegierter EU-Bürger vor Ort zu sein, schließlich von der Suche nach einer angemessenen Art darüber zu berichten – all das macht Die Sprache von Gibraltar zu einen Ereignis, zu einem kraftvollen Rütteln an den Mauern der Festung Europa. Dafür wurde Kuhligk in Jena mit einem langanhaltendem Applaus bedacht.

Nach über fünf Stunden Literatur im Paradies legte die SUMMER EDITION den Partymodus ein und feierte mit DJ Lutz Hartmann in den Morgen. Dabei gab es nicht nur etwas für die Ohren und Tanzbeine, sondern auch für die Augen. Der Licht- und Videokünstler Dimitri Engelhardt (Sehrinde17) entwarf für die Aftershowparty eine mehr als sehenswerte Lichtinstallation in Form von Buchseiten.

Das war die mehr als gelungene In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION. Alles in allem danken wir allen für alles! Chapeau!

In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION – Die Autoren: Christoph Wenzel

Der SUMMER EDITION-Preis für die weiteste Anreise geht an: Christoph Wenzel aus Aachen!

Christoph Wenzel_(c) Sonja Wenzel
Christoph Wenzel (Foto: Sonja Wenzel)

Christoph Wenzel, geb. 1979 in Hamm, ist als Lyriker, Essayist, Herausgeber und Verleger des [SIC]-Literaturverlages Mitgestalter einer vielseitigen, unabhängigen Literaturszene auch über die Grenzen seiner Heimat Nordrhein-Westfalen hinaus. In seinem jüngsten Gedichtband lidschluss (Edition Korrespondenzen, 2015) erzählt er von den geografischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die die Schließung der Zechen im Ruhrgebiet mit sich brachten.

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Lieber Christoph, was magst du am Sommer besonders?

… dass er mehr ist, als das Summen seiner Teilchen.

Was ist für dich eine gute „Sommerlektüre“?

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen“ (Kafka) – vielleicht wie der Gang durch einen Mückenschwarm im schwülen Sommer, und wie es noch nachjuckt, tagelang.

Was darf auf der Sommerreise nach Jena nicht fehlen?

Pünktliche und klimatisierte Züge; dazu natürlich: Gedichte, Gespräche, Getränke.

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„In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION“

Samstag, 9.7.2016 – Glashaus im Paradies (Vor dem Neutor 6), Jena

Beginn: 16:30 Uhr – Eintritt: 3,-/5,-€ (nur Abendkasse)

In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION – Das Programm

Liebe Nachbarschaftsfreunde,

es dauert gar nicht mehr lang bis zur „In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION“. Die Spannung und Vorfreude steigen bei uns täglich. Damit ihr wisst, worauf ihr euch gemeinsam mit uns freuen könnt, präsentieren wir euch hier das detaillierte Programm.

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16:30 – 17:30 Uhr – Begrüßung zur „SUMMER EDITION“ und Lesung der Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2016.

Das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen schreibt Jahr für Jahr einen Literaturwettbewerb aus, an dem sich 16- bis 25-Jährige mit Wohnsitz in Hessen und Thüringen beteiligen können. Bei uns gehört es zur ebenso guten Tradition, die aktuellen Preisträger*innen aus ihren prämierten Texten lesen zu lassen: Stimmen, die uns von nun an begleiten werden. Mit dabei sind Manon Hopf, Lennardt Loß, Elisa Wächtershäuser und Robert Wenzl.

Moderation: Peter Neumann und Mario Osterland.

18:00 – 18:45 Uhr – Werkstattgespräch mit der Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth

In einem offenen Gespräch berichtet Kinga Tóth aus ihrer Zeit als Jenaer Stadtschreiberin und liest aus den Texten, die hier entstanden sind. Interessierte Besucher*innen und Autor*innen sind herzlich eingeladen, sich mit Fragen und eigenen Erfahrungen in das Gespräch einzubringen und über die Prozesse literarischer Arbeiten zu diskutieren.

Moderation: Mario Osterland

19:00 – 19:45 Uhr – Offenes Mikrofon

Auch zur „Summer Edition“ von „In guter Nachbarschaft“ steht talentierten Autor*innen für jeweils acht Minuten das offene Mikrofon zur Verfügung – DIE Gelegenheit, um Texte aller Art in entspannter Atmosphäre vorzutragen. Ob Prosa oder Lyrik, Abenteuergeschichten oder Liebesgedicht, das offene Mikrofon bietet die Plattform für mutige Freiwillige und ihre Texte. Anmeldungen nehmen wir gern entgegen unter: inguternachbarschaft[at]gmx.de

Moderation: Peter Neumann und Mario Osterland

20:00 – 22:00 Uhr – Lesung mit Anja Kampmann, Björn Kuhligk und Christoph Wenzel

Bevor im Herbst wieder unzählige, frisch gedruckte Neuerscheinungen den Buchmarkt entern, legen wir den Fokus dieser Lesung vor allem auf noch unveröffentlichte und teilweise sich noch in Arbeit befindende Texte. Unsere Autor*innen geben damit nicht nur einen spannenden Einblick in ihr Schaffen, sondern auch in die Entstehungsbedingungen und -prozesse von literarischen Texten.

Moderation: Peter Neumann

ab 22:00 Uhr – Aftershow-Party mit DJ Lutz Hartmann (Klinke auf Cinch)

Lutz Hartmann ist ein Alleskönner an den Turntables. Wenn er nicht gerade mit seiner Band Klinke auf Cinch durch die Gegend tourt oder wilde Dj-Sets mit Carina Posse als Kanapè spielt, weiß er wie kein Zweiter, wie man funky Beats mit derben Bässen vereint. Hartmann ist die Allzweckwaffe für glückliche Gesichter auf dem Dancefloor.

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„In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION“

Samstag, 9.7.2016 – Glashaus im Paradies (Vor dem Neutor 6), Jena

Beginn: 16:30 Uhr – Eintritt: 3,-/5,-€ (nur Abendkasse)

9.7. – In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION in Jena

Mit Björn Kuhligk, Anja Kampmann, Christoph Wenzel, der Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth, den Preisträgern des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, freiwilligen Talenten am offenen Mikrofon und DJ Lutz Hartmann.

Samstag, 9.7.2016 – Glashaus im Paradies (Vor dem Neutor 6), Jena

Beginn: 16:30 Uhr

Eintritt: 3,-/5,-€ (nur Abendkasse)

Das Glashaus im Paradies – ein zauberhafter Ort im Sommer. Besonders wenn man ihn „In guter Nachbarschaft“ genießen kann. Für einen Abend wird das Glashaus zum Mittelpunkt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und wir feiern sie mit einem Sommerfest!

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Die Lesereihe bringt aus diesem Anlass wieder hervorragende Autor*innen zusammen. Mit dabei zur diesjährigen „Summer Edition“ im Paradiespark sind die Dichter*innen Anja Kampmann, Björn Kuhligk und Christoph Wenzel mit neuer Lyrik und Prosa im Gepäck sowie Kinga Tóth, die aus ihrer Zeit als Jenaer Stadtschreiberin berichten wird, außerdem die Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Im Verlauf des Abends steht talentierten Autor*innen für jeweils acht Minuten das offene Mikrofon zur Verfügung – DIE Gelegenheit, um Texte aller Art in entspannter Atmosphäre vorzutragen. Anmeldungen nehmen wir gern entgegen unter: inguternachbarschaft [at] gmx [punkt] de

Das Paradies findet ihr hier: