ioha im Interview über Solidarität, Krisen und Aliasse

Am 17. November erscheint IN GUTER NACHBARSCHAFT #24 als Podcast. Mit dabei ist ioha aus Weimar und stellt einen Audio-Beitrag mit dem Titel „Daseinsfürsorge“ vor. Wir sprachen mit ioha.

Johanna Ledermann (c) Larissa Barth
ioha, Foto: Larissa Barth

Dein Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, der auch Teil der nächsten Sendung von “In guter Nachbarschaft” ist, ist ein Spaziergang durch verschiedene Szenerien und Schauplätze einer utopischen Post-Corona-Gesellschaft. Wie kam es dazu? Wie geht es dir angesichts der 2. Welle, was machst du zur Zeit?

In der Anfangszeit der Pandemie war ich doch einigermaßen schockiert davon, wie sozialdarwinistisch, körper- und leistungsorientiert ein großer Teil der Gesellschaft denkt, und wie sehr Freiheit mittlerweile als neoliberale Freiheit des Individuums verstanden wird. Aussagen wie „wieso sollte ich mich einschränken, betrifft mich eh nicht, ich bin jung, ich bin gesund, ich habe auch keine Person im Umfeld die ich schützen müsste“ hätte ich vor der Pandemie z.B. eher nicht von Menschen aus meinem Umfeld erwartet. Die Verbreitung dieser Werte und Normen waren mir vorher in dem Ausmaß nicht so klar. Sehr viele Menschen haben tatsächlich wenig Bewusstsein dafür, wie abhängig unsere Leben voneinander sind, wie wichtig gute öffentliche Daseinsvorsorge, bestimmte Versorgungsarbeiten, und menschliche Fürsorge sind.

Mich beunruhigt auch, dass es weniger solidarisches Denken und Handeln in unseren Communities ist, von dem wir uns leiten lassen, als Maßnahmen, die Regierungen erlassen. Die Lockerungen im Sommer und die rasche Normalisierung, das Ignorieren oder Abwehren der Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen im Alltag fand ich sehr ernüchternd. Dementsprechend habe ich in dieser Zeit vor allem pessimistische Texte verfasst.

Über einen Unikurs kam dann der Impuls, etwas positiver zu denken, mich in die Zukunft zu versetzen. Und da habe ich dann beschlossen, aus dem ganzen negativen Knäuel etwas Positives zu spinnen. Mit den oben genannten Einstellungen können wir als Gesellschaften langfristig nicht resilient sein, egal in welcher Krise. In meinem Szenario passiert dann eigentlich etwas relativ unwahrscheinliches, nämlich dass auf einer großen Zahl Toter und einem von der Gesellschaft selbst zerquetschten Gesundheitssystem eine starke solidarische Gesellschaft entsteht. Wie die Verantwortung für gesellschaftliches Versagen, für massenhafte Tode psychologisch verarbeitet werden kann, kommt im Audiowalk nicht vor. Vermutlich durch kollektive Verdrängung.

Damit zur zweiten Welle: wenn es jetzt über den Winter zu Triagen kommt, können wir die Schuld nicht komplett „der Politik“ in die Schuhe schieben. Natürlich haben Regierungen auch versagt, z.B. wenn es ums Contact Tracing geht. Aber wir können seit einigen Monaten wissen, dass es an uns liegt, und auch dank Wissenschaftler*innen, wie wir die Übertragung des Virus besser verhindern können. Und wir können wissen, dass die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems endlich sind, sowie unter welchen Bedingungen Menschen dort für uns alle arbeiten. Es ist nicht so, als liefen wir nicht sehenden Auges in eine Kreissäge. Wer gerade mit dem Finger auf Coronaleugner*innen und Verharmloser*innen zeigt, könnte auch darüber nachdenken, ob das eigene Verhalten gerade der Schwere der Situation angemessen ist, oder der eigene Umgang nicht auch Verantwortung verdrängt, ein Virus verharmlost, das in einigen Fällen tödlich ist oder die Gesundheit bisweilen schwer schädigt.

Persönlich bin ich gerade in Graz in Österreich und mache ein „Urlaubssemester“ beim freien Radio Helsinki. Die pandemische Lage überrascht mich nicht besonders, auch wenn ich uns leider gerade nicht auf „Daseinsfürsorge“ zusteuern sehe. Ich lebe aber ein für diese Zeit sehr privilegiertes Leben: ich habe viele Projekte, gute Bücher, Filme, Online-Konferenzen und Menschen die ich anrufen kann. Und ich verbringe viel mehr freie Zeit vor allem total unlocked an der frischen Luft.

Du hast einen Bachelor in Kulturwissenschaften, studierst nun im Master an der Bauhaus Uni Weimar Medienkunst- und Gestaltung. War das ein schrittweiser Prozess, oder wolltest du schon immer Kunst machen?

Ich war schon als Kind immer kreativ und habe das recht unterschiedlich ausgelebt. Mein Lebensweg ist nicht besonders gerade verlaufen, ich bin ständig umgezogen, habe viel im Ausland gelebt und gearbeitet. Die Geisteswissenschaften kamen zwischendurch dazu und haben mich auf jeden Fall sehr geprägt. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Privileg hatte viel zu lesen, zu denken, zu schreiben. Ich habe danach zwei Jahre gearbeitet und empfand das erste Semester in Weimar dann auch wieder als Riesenerleichterung – meinen eigenen Themen und Ideen nachgehen zu können, von den Dozierenden an der Uni und Mitstreiter*innen unterstützt zu werden fühlt sich wirklich gut an. Ob meine Arbeiten „Kunst“ sind, entscheiden letztlich andere. Der schrittweise Prozess war eher der Umgang mit meinen eigenen Ideen – es hat bei mir schon recht lange gedauert nicht mehr für die Schublade zu produzieren und zu beschließen, dass ich die Sachen auch zeigen möchte und mehr Lebenszeit in kreative Arbeit investieren will.

Wir haben dich über Sound kennen gelernt, aber du arbeitest sehr interdisziplinär mit Text, Bild und Installation. Was reizt dich am Audio-Format?

Mit Audio und Installation habe ich erst durch das Studium angefangen. Besonders der Input vom Experimentellen Radio an der Uni hat mir wirklich ganz neue Türen geöffnet, vorher hatte ich mich nie so intensiv damit beschäftigt. Ich mag an Audio die Immersion, die Möglichkeit sehr rhythmisch zu arbeiten und einen ganz anderen Zugang zu anderen Menschen zu haben. Es ist gerade jetzt im Studienkontext auch eine sehr kostengünstige Alternative zu Video, Film und anderen Medien, Projekte lassen sich ziemlich rasch umsetzen. Außerdem arbeite ich wirklich sehr gern mit Stimmen und Sprecher*innen. Soundtechnisch bin ich offener in der Umsetzung, aber bei der Interpretation von Texten habe ich immer sehr genaue Vorstellungen. Bei Installationen finde ich die Kombination spannend. Zwischen Räumen, Objekten, Ton kann ganz viel entstehen, ich kann aber auch besser beeinflussen, wie das Sichtbare überhaupt wahrgenommen und interpretiert werden könnte.

Besteht die Möglichkeit, dass wir dich irgendwann auch als Autorin einladen?

Momentan bin ich ja Autorin meiner Hörspiele und Drehbücher. Die Möglichkeit, dass ich irgendwann mal längere Texte schreibe, würde ich nicht ausschließen. Ob ihr die dann Literatur oder mich Autorin nennt, liegt aber wieder eher bei euch als bei mir.

Du arbeitest mit verschiedenen Aliassen, “Daseinsfürsorge” etwa erscheint unter den Pseudonymen Ulla Unlust und Annegret Altersarmut. Wieso?

Mein „bürgerlicher“ Name steht in meiner Geburtsurkunde und mit ihm wird früher oder später wohl mein Totenschein ausgestellt. In der Zwischenzeit ist er verknüpft mit Identifikationszwängen, wie Steuernummern, Krankenkassen, Belegen, Rechnungen, Anträgen etc.

Dabei klingt auch immer die Idee der „Einheit“ einer Person und Identität an, die ein ganzes Leben lang gleich oder zumindest kongruent, nachvollziehbar, linear entwickelt sein soll. 1 Name verlangt nur 1 Narration. Damit fühle ich mich irgendwie nicht wohl, und die Aliasse kommen immer von selbst.

Vor kurzem habe ich eine mögliche Legitimation bei Paul B Preciado gefunden – „die Aufteilung des Autors in eine Vielzahl von Stimmen […] die den Übergang vollziehen – [ist] ein Phänomen, das in jeder Schreibarbeit steckt, für gewöhnlich aber von der Einheit des Autorennamens verdeckt wird“. [Preciado, Paul.B (2020) Ein Apartment auf dem Uranus. Berlin: Suhrkamp, S. 34] – Ich würde das auf alle Arbeiten beziehen. Die Verwendung verschiedener Namen ist auch eine kulturfeld-kritische Technik. Das ist aber wiederum ein ganz eigenes Thema…

Du verknüpfst deine Kunst ausdrücklich mit sozialen und politischen Fragen und bist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In dem Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, den du uns für die Sendung zur Verfügung gestellt hast, hast du die Folgen der Coronakrise weitergedacht und dir eine Zukunft ausgemalt, in der die Menschheit mit wiederkehrenden Infektionswellen zu leben gelernt hat, und in der Vieles besser und solidarischer läuft. “Ich habe gefühlt, was meine Würde ist”, sagt eine der Figuren, “weil ich gemerkt hab, ich kann sie verlieren.” Müssen die Menschen erkennen, dass sie sterblich sind, um eine solidarische Gesellschaft zu errichten?

Es ist interessant, dass du den Satz so deutest. Ich denke, dass die Menschenwürde meist über den Tod hinaus besteht, beobachtbar zum Beispiel in der Art und Weise, wie tote Menschen bestattet werden. Als ich den Satz geschrieben habe, dachte ich eher an die Menschen, deren Wert und somit Würde während der Pandemie immer wieder von anderen Menschen ins Wackeln und Wanken gebracht wird.

Damit meine ich diejenigen, die bis 2020 ein für sie normales Leben geführt haben. Bis andere Menschen begonnen haben, sich zu fragen, ob es sich überhaupt „lohnen“ würde, das öffentliche und wirtschaftliche Leben runterzufahren. Dadurch war auf einmal nicht mehr gesichert, dass jedes Leben erstmal gleich viel wert sein sollte.

Dieser Diskurs entwertet und entwürdigt auch alle, die am Virus versterben. Das können auch junge, fitte Menschen sein – im sozialdarwinistischen Sprech waren diese dann einfach doch „zu schwach“. Ich finde das echt problematisch. Menschen, die mit bestimmten Diagnosen leben, sollen sich jetzt nicht mehr nur um ihre eigene Gesundheit kümmern, sondern sich auch noch vor dem Virus in Acht nehmen, und gleichzeitig ist das in einigen öffentlichen und sehr vielen privaten Räumen nicht möglich, wenn Maßnahmen nicht eingehalten werden oder nicht im Sinne bestmöglichster Prävention gestaltet sind.

Wenn sich unser Verhalten nicht an der bestmöglichsten Prävention orientiert, schließen wir viele Menschen von Teilhabe aus unseren privaten und öffentlichen Räumen aus. Und ignorieren, dass das Virus sich manchmal recht wenig um diese vorher festgelegten „Risikofaktoren“ schert.

Zum anderen Punkt: ich schätze, dass die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit unterschiedliche Blüten treibt, und nicht immer auf Solidarität rausläuft. Der Begriff Solidarität wird ja auch momentan ständig recht munter umgedeutet, z.T. Auch entwertet, und in der aktuellen Situation durch viele Personen ganz unterschiedlich ausgelegt. Niemand möchte sich als unsolidarisch bezeichnen lassen. Eine Person meint, es sei gerade solidarisch zu Hause zu bleiben, eine andere Person meint, den eigenen engen Kontaktkreis von 30 auf 20 Personen zu reduzieren sei solidarisch, wiederum eine andere ändert gar nichts am eigenen Alltag aber installiert solidarisch die Corona-Warn-App.

In der Welt von Daseinsfürsorge ist die Solidarität auch nicht Garant. Es ist ja beispielsweise nicht so, dass sie alle Tode vermeiden können. Dafür gibt es auch zu viele Viren die auf den Menschen übergesprungen sind. Aber sie strengen sich echt an. Und sie haben Wege gefunden, trotz Prävention einen gewissen Hedonismus auszuleben und ihr Leben zu genießen. Statt dem Rückzug ins Private oder Digitale haben sie zum Beispiel die Chance genutzt mehr Freiflächen in der Öffentlichkeit zurückzuerobern und als Gesellschaft auszuhandeln, was eigentlich für ein gutes Leben für alle wichtig ist. Da schwingt viel Lust auf Veränderung mit.

Ich kann leider nicht beantworten, welche Erkenntnis zu mehr solidarischem Handeln bei Einzelpersonen führen würde. Allgemein bräuchte es aber für eine solidarische Gesellschaft sicher mehr Lust und Willen und Offenheit zur Veränderung.

Vielen Dank für das Interview!

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ioha gestaltet unter verschiedenen Aliassen künstlerische Texte, (Bewegt-)Bild, Ton und Installationen. Eigentlich als Master of Fine Arts Medienkunst- und Gestaltung Studierende an der Bauhaus Universität Weimar, gerade für ein halbes Jahr am freien Radio Helsinki in Graz. Besonderes Interesse widmete sie in ihren letzten Arbeiten der Verwebung psycho- und sozialpolitischer Fragen, Subkultur und (Land-)Arbeiter*innenkultur.

Mehr über ioha auf dieser Website.

Hörspielautorin Vivien Schütz im Interview

Mit IN GUTER NACHBARSCHAFT #23 haben wir nicht nur das digitale Format des Podcasts ausprobiert, sondern auch erstmals ein Hörspiel ins Programm unserer Lesereihe integriert. „Kammerspiel“ von Vivien Schütz kann man hier nachhören. Wir sprachen mit der Autorin über ihre Arbeit.

Vivien Schütz - Foto David Heaton
Vivien Schütz, Foto: David Heaton

Liebe Vivien, vielen Dank für dein Hörspiel „Kammerspiel“ in unserer Podcast-Premiere. Du hast in Weimar Medienkunst studiert und bist zurzeit als freie Autorin für Radio und Podcast tätig. Hat sich für dich schon während des Studiums herauskristallisiert, dass du im Bereich Radio und Podcast arbeiten möchtest?

Das hat sich nach und nach herauskristallisiert. Anfangs, direkt nach dem Abi, hat mich vor allem die Arbeit beim Fernsehen oder Film interessiert, aber während meines Journalistikstudiums in Dortmund und die Arbeit beim Campusradio habe ich dann gemerkt, dass ich weniger visuell und eher „auditiv“ denke und meine Ideen besser im Radio umsetzen kann. Ich habe dann ein einjähriges Volontariat beim Lokalradio absolviert, dort aber gemerkt, dass mir der kreative Spielraum fehlt und mich die kurze tagesaktuelle Berichterstattung nicht reizt. Der Masterstudiengang „Medienkunst“ mit dem Schwerpunkt Experimentelles Radio kam da gerade recht, weil ich dort Journalistisches und Künstlerisches vereinen konnte.

Du hast also sowohl einen journalistischen als auch einen künstlerischen Hintergrund zur Radioproduktion. Überwiegt in deiner Arbeit eine der beiden Herangehensweisen für dich?

Das hängt von dem jeweiligen Projekt ab. Wenn ich an einem Hörspiel arbeite, und eine fiktive Welt erschaffe, dann arbeite ich vor allem mit dramaturgischen Mitteln. Die Vorarbeit dazu kann sogar „journalistisch“ sein, weil ich vielleicht Menschen vorab interviewe und recherchiere, um besser in diese Welt, die ich baue, einzudringen. Wenn ich an einer Doku arbeite, greife ich auf journalistisches Werkzeug zurück, arbeite aber auch hier mit dramaturgischen Mitteln wie Musik und Plot-Entwicklung.

Dein Hörspiel „Kammerspiel“ zeigt sehr anschaulich den Kontrast einer Fülle an auditiven Eindrücken im Digitalen bei sehr begrenztem Raum im Analogen – eine Erfahrung, die zurzeit sehr viele Menschen machen. Ist das Hörspiel aus der aktuellen Situation heraus entstanden? Wie würdest du die Entstehung dieses Hörspiels beschreiben?

Das Hörspiel habe ich noch vor der Pandemie produziert. Mein Freund und ich wohnen in einer sehr kleinen Einzimmerwohnung und ich habe leider kein eigenes Büro, dafür aber eine kleine Kammer. In die begebe ich mich, wenn ich Sprachaufnahmen machen möchte. Die ist vielleicht einen Quadratmeter groß. Ich habe so eine Art Hassliebe zu der Kammer. Sie ist super praktisch, aber gleichzeitig sehr unbequem. Es wird darin sehr schnell sehr warm. Als ich dann den Aufruf für den Kurzhörspielwettbewerb der ARD gesehen habe, kam ich auf die Idee diese „Schwäche“, diese Herausforderung einer freien Autorin (kein professionelles Aufnahmestudio in der Regel, Zeitdruck) zu thematisieren, mit humoristischem Blick.

Sehr gelungen, wie wir finden.

Danke.

Hast du literarische Vorbilder oder Inspirationsquellen beim Schreiben und Entwickeln deiner Hörspiele?

Eine Hörspielserie, das mir sehr im Kopf geblieben ist und mich nachhaltig beeindruckt hat, ist „The Shadows“ von Kaitlin Prest (https://www.cbc.ca/listen/live-radio/1-201-the-shadows). Der Plot ist fiktiv, aber die Serie fühlt sich extrem realistisch und intim an. Da wird geflüstert, geatmet, geraschelt und man hat das Gefühl, das sind keine SchauspielerInnen, das sind echte Menschen, die einen gerade in ihr Leben lassen. Solche Formate, solche hybriden Formen, finde ich spannend, Fiktion, die auf echten Lebenswelten, echten Menschen fußt, aber mit dokumentarischem Gewand.

Seit einigen Jahren gibt es eine ganze Reihe von neuen Podcast-Formaten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Wie würdest du die derzeitige Situation Kreativer in der nationalen und internationalen Radio- und Podcast-Szene einschätzen?

Wir sind auf jeden Fall gerade in einer spannenden Zeit. Es entstehen ständig neue Podcasts und neue Formate beim Radio, die entweder als Podcast ausgespielt werden oder exklusiv als Podcast veröffentlicht werden. Das bedeutet, es gibt viel Arbeit für freie AutorInnen und die Festivals, die Hörspiele und Dokumentationen präsentieren, werden auch immer größer und vielfältiger. Die Schwierigkeit ist, als freie AutorIn mitzubekommen, wo gerade etwas passiert und inwiefern man Teil davon werden kann. Ich bin auch immer noch dabei herauszufinden, was der beste Weg für mich ist, kreativ und ökonomisch. Am liebsten produziere ich meine Stücke komplett frei, gerne mit einem Mentor/einer Mentorin, aber ohne Vorgaben (Länge, Stil, Voice-Over etc.), aber das ist ökonomisch nicht immer vernünftig. Es ist besser direkt mit einer Redaktion zusammen zu arbeiten, aber dann gibt es natürlich gewisse Einschränkungen.

Woran arbeitest du zurzeit?

Ich habe gerade mehrere Projekte fertig gestellt, die in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. z.B. ein Radiofeature über orthodoxe JüdInnen in Brooklyn und ein Kurzhörspiel. Und gerade arbeite ich an einer Podcast-Serie, die sich thematisch mit der Medizin in der NS-Zeit beschäftigt und mit BetrügerInnen, die sich mit einer jüdische Opferidenität schmücken.

Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview.

Gerne!

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Vivien Schütz, *1990, hat Journalistik an der TU Dortmund und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie produziert Reportagen, Features, Kurzhörspiele und Podcast-Geschichten und war Åke Blomström Awardee der EBU 2019. Aktuell arbeitet sie an einem Radio-Feature über jüdisch-orthodoxe Frauen in Brooklyn, die das Gebot der Kopfbedeckung hinterfragen und neu denken.

Mehr von Vivien Schütz gibt es hier zu hören.

„Mittlerweile bin ich zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich bis mittags nicht ins Internet zu gehen.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im Mai 2019 war Deniz Ohde zu Gast bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #21 in Weimar und las aus dem Manuskript ihres Romans Streulicht, der diesen Sommer bei Suhrkamp erscheint.

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Deniz Ohde (Foto: Martin Dost)

Liebe Deniz, wie geht’s dir derzeit?

Mir geht es gut! Ich habe den Vorteil, dass ich vor manchen der Probleme, vor denen viele Menschen angesichts der Situation gerade stehen, schon vorher stand. Also z.B., wie arbeitet es sich am besten im Home-Office, wie strukturiere ich dort meinen Tag, wie sehe ich zu, dass ich mich genug bewege – in vielerlei Hinsicht ist mir aufgegangen, dass mein Lebensstil an sich schon Quarantäne ist (lol), da entspreche ich vielleicht dem Klischee vom einsamen Schriftsteller. Und das sind natürlich totale Luxusprobleme, denn es ist ein großes Privileg seinen Lebensunterhalt durch Schreiben zu finanzieren und nirgendwo hin zu müssen; außerdem trage ich keine Verantwortung für Kinder oder Angehörige, für die ich jetzt zusätzlich zeitlich oder finanziell aufkommen müsste. Also ja, mir geht‘s gut und ich schätze mich glücklich!

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Am Anfang hat mich die Situation etwas ausgebremst, weil ich mich zu sehr mit den Nachrichten und Live-Tickern beschäftigt habe und mir dabei Sorgen um die Gesundheit meiner Familie und mir gemacht habe. Aber mittlerweile bin ich fast zum Normalzustand zurückgekehrt, und der bedeutet für mich morgens bis mittags nicht ins Internet zu gehen.

Du warst im Mai vergangenen Jahres bei uns in Weimar zu Gast. Woran hast du in der Zwischenzeit gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

Kurz nachdem ich bei euch war, habe ich den Vertrag für meinen Debütroman unterschrieben. Dann begann für mich die Arbeit am Text, vor allem in den letzten Monaten war ich mit dem Lektorat beschäftigt. Parallel habe ich etwas an meiner zweiten Romanidee geschrieben, mir darüber Gedanken gemacht und recherchiert.

Herzlichen Glückwunsch! Wann wird der Roman erscheinen und worum geht’s darin?

Danke!! Der Roman heißt Streulicht, erscheint am 17.08. bei Suhrkamp, und es geht darin thematisch vor allem um das Bildungsversprechen von Chancengleichheit und real erlebte Ungleichheit. In den Worten meines Verlags:
„Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.“

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Welche Projekte sind bei dir derzeit zum erliegen gekommen?

Das Schreiben am nächsten Text geht nur sehr schleppend voran, das hat aber nichts mit der aktuellen Situation zu tun, sondern vielmehr damit, dass das gerade einfach die Phase der Arbeit ist. Die besteht vor allem aus Lesen, Nachdenken und die Sache sich innerlich formen lassen. Außerdem stecke ich gedanklich noch mitten im ersten Text und das auch planmäßig, die jetzige Zeit wäre auch so eher zurückgezogen gewesen. Ich hatte keine Lesungen oder ähnliches geplant, die jetzt ausgefallen wären. Auch das ist wieder ein Glücksfall, es hätte aber genauso gut nicht so kommen können, und deshalb fühle ich mit allen Kolleg*innen (darunter vor allem die Debütant*innen), die im Frühlingsprogramm ein Buch veröffentlicht haben und jetzt nicht damit raus können. – Wie sich da die Lage bis August entwickelt, darauf bin ich gespannt.

Was denkst du kann schlimmsten- oder bestenfalls passieren?

Bestenfalls sind die Buchläden wieder offen und z.B. Lesungen mit begrenzter Publikumsanzahl erlaubt. Dass sich allerdings bis dahin alles wieder normalisiert hat, dass eine Großveranstaltung wie die Frankfurter Buchmesse stattfindet, das halte ich eigentlich nicht für realistisch, und das finde ich natürlich schade. Trotzdem hoffe ich aber noch; auch dass das Buch, egal welches Szenario wir bis dahin haben, bei den Leuten ankommen wird, die es lesen wollen.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

Ich wünsche mir, dass die Arbeitsausfälle, unter denen viele freischaffende Künstler*innen gerade zu leiden haben, getragen werden, und zwar ohne Kredit o.ä. Die letzte Zeit ist hat außerdem nochmal eindeutig gezeigt, dass ohne Kunst zu leben unmöglich ist; jede*r, der*die derzeit gezwungen ist zu Hause zu bleiben, ist darauf angewiesen, um nicht verrückt zu werden, deshalb wünsche ich mir vor allem längerfristig, dass die Erkenntnis hängen bleibt und nicht immer zu erst der Kulturbetrieb von Kürzungen betroffen ist – aber keine Ahnung, ob das eine realistische Hoffnung ist.
Ansonsten wünsche ich mir sowieso und immer Wohlstand für alle, vor allem für die Personen, auf deren Schultern auch schon vorher das ganze System gelastet hat und die trotzdem zu wenig Geld, Anerkennung und Freizeit bekommen: Pflegepersonal, Arbeitende im Supermarkt, Kraftfahrende, Bauarbeiter*innen, Fabrikarbeiter*innen, Putzkräfte, die Leute, die jetzt die vielen Online-Bestellungen abwickeln und ausfahren, etc. etc. smash capitalism now!

Liebe Deniz, vielen Dank für deine Antworten.

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Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. Im Sommer 2020 erscheint ihr Debutroman Streulicht im Suhrkamp Verlag.

„Die Männer reichen sich jetzt das Bier mit langen Stöcken über den Zaun.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im Sommer 2018 war Stefan Petermann zu Gast bei der 17. Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT in Jena.

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Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Lieber Stefan, wie geht’s dir derzeit?

Ich fühle mich erschöpft und hellwach, besorgt und sicher, neugierig und apathisch, überfordert und unterfordert, ein Nebeneinander verschiedener Zustände, die sich zum Teil widersprechen. Das Verwirrende an der Situation ist deren Unsichtbarkeit. Die eigentliche Gefahr bleibt fern und wird erst durch Berichte, Fotos, Texte nahe herangeholt. Dagegen sind die Veränderungen der Abläufe und Routinen ganz real jederzeit da. Auch deshalb gibt es verschiedene Sorgen; Sorge um Familie und Freunde zuallererst. Sorge um die Pläne, verbunden auch mit wirtschaftlichen Fragen. Und, abstrakter, eben weil es dafür die fernen Augenzeugenberichte und erschütternden Protokolle aus den Ländern braucht, die medizinischen und menschlichen Tragödien, auch eine Sorge um die Welt, die Gesellschaft. Was so aufgeschrieben erst einmal wahnsinnig pathetisch klingt, aber sehr konkret wird, wenn ein Polizeiauto abstandkontrollierend im Park an mir vorbeifährt und ich mir sage: Ich finde das notwendig, ich finde das furchtbar.

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Momentan lese ich mehr Peppa Wutz als Marcel Proust.

Woran hast du in den letzten Monaten gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

An etwas Längerem, das sich mit einer Ausnahmesituation beschäftigt. Ab Mitte März habe ich gemerkt, dass sich zwei Extreme zugleich nicht bewältigen lassen, weshalb ich vorerst nur noch sporadisch daran arbeite.

Welche Projekte sind bei dir derzeit zum Erliegen gekommen?

Das lange Schreiben, das apokalyptische, das hoffnungsferne Schreiben. Das ist momentan nicht möglich. Es gibt die Anfrage, sich für eine Anthologie eine Geschichte für Kinder über diese Zeit auszudenken. Das finde ich sehr hilfreich, weil es zwingt, Hoffnung in die Worte zu geben.
Für März & April waren mehrere Lesungen angesagt, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Die sind nun weggefallen. Dazu ein künstlerisches Projekt, von dem nicht klar ist, wie es weitergeht.
Neben dem Wegfall hat sich auch Neues aufgetan. Im Februar habe ich begonnen, täglich einige Worte zur Situation zu notieren. Zuerst still, auch, weil ich nicht ertappt werden wollte bei einer Überreaktion. Was, wenn es doch vorbeigegangen wäre wie die Waldbrände in Australien; ein kurzer Aufreger, bevor bald jeder von … gesprochen hätte?
So ab Mitte März habe ich das Geschriebene öffentlich ausgestellt. Mir ist bewusst, dass es viele solcher Auseinandersetzungen gibt; Tagebücher, Kolumnen, Podcasts, lustige TikToks. Jedes einzelne davon ist notwendig und sei es nur für diejenige, die es verfasst. So auch bei mir. Ich habe gemerkt, dass mir diese Stunde am Abend beim Ordnen der Eindrücke von innen und außen hilft. Das Schreiben schafft ein Gefühl von Kontrolle, lässt mich glauben, dass das, was geschieht, sich in ein Datum tippen ließe, fein säuberlich durch Tage getrennt. Es ist ein Sammeln von Gedanken, auch ein neugieriges Beiwohnen beim Verändern einer Realität, ein Auflisten von Fundstücken, ein Zuschauen dabei, wie sich die Ausnahme verfestigt.
Und, noch eine Sache: Für einen Fernsehsender sollten kurze Dokumentationen entstehen, die zeigen, wie die Pandemie das Leben hier verändert. Zusammen mit meinen Kollegen bin ich in ein sehr kleines Dorf gefahren, das wir vom letzten Buchprojekt kennen. Das Dorf liegt so ein bisschen jenseits der Welt, nur ein Weg führt ins Tal hinein. Die Fahrt dahin war schon leicht surreal, vor Jena liefen Rehe auf die leere Autobahn. Im Dorf ging es darum, festzuhalten, was dort jetzt anders ist. Eigentlich nicht viel, wie die Menschen fast ein wenig entschuldigend sagten. Die Männer reichen sich jetzt das Bier mit langen Stöcken über den Zaun. Und der Spielplatz ist abgesperrt. Ansonsten geht das meiste seinen Gang; Gartenarbeit, Hausbau, Holz aus dem Forst holen, die Osterlämmer auf die Wiese bringen. Das war fast schon idyllisch, die zwei Drehtage dort haben sehr gutgetan.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

In Thüringen gibt es eine unbürokratische Hilfe; zwei Seiten, wenige Angaben genügen schon. Das ist eine gute Sache. Der Antrag befindet sich momentan – Zitat Infomail – »zur weiteren Prüfung« und ich hoffe, dass dieser und die Anträge anderer nicht auf halbem Weg verloren gehen, weil die Hilfe erst einmal einen kleinen Teil der allgemeinen Unsicherheit nehmen würde.
Wenn man Musik, Literatur, Kunst macht, versucht man sich momentan möglicherweise mehr oder minder verzweifelt eine Systemrelevanz einzureden. Und dann kommt man zur Supermarktverkäuferin, die sich zwanzig Mal am Tag anbrüllen lassen muss, weil sie nur eine Packung Toilettenpapier pro Kunde verkaufen darf oder hört von der Cousine, dass sie als Ärztin Ostern komplett durcharbeiten muss und im Übrigen die Desinfektionsmittel von der Station geklaut werden und muss dann das eigene Wort oder die eigene Melodie dagegensetzen. Das sind lapidare eigene Probleme und zugleich riesengroße, weil sie auch nach der Sinnhaftigkeit dessen, was man tut und kann, fragt.
Zudem ist das eine Situation, deren Schwierigkeit – neben vielem anderen – auch in ihrer unbekannten Länge besteht. Es ist nicht möglich, Veranstaltungen zu planen, sowohl als Autor wie auch als literarischer Verein. Sollen Lesungen für Mai, für Juni abgesagt werden? Alle Lesungen bis Spätsommer? Und wenn alles auf den Herbst verschoben wird, gibt es dann ein Überangebot an Veranstaltungen? Braucht es sogar dieses Überangebot, um den vermuteten Hunger auf Livesachen zu stillen? Oder soll man erst für 2021 planen, wie Virologen empfehlen, für Sommer 2021? Auch wenn sich Lesungen nachholen lassen, verschieben sich so die dann sonst möglichen Veranstaltungen. Man landet immer wieder dabei: Was jetzt verloren geht, geht für immer verloren.

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Stefan Petermann, geboren 1978 in Werdau, schreibt Romane und Erzählungen. Er studierte an der Bauhaus-Universität Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. Er war Stadtschreiber im oberösterreichischen Wels und lebt in Weimar. Zuletzt erschien von ihm der Reportagenband Jenseits der Perlenkette (gemeinsam mit Yvonne Andrä).

http://stefanpetermann.de/

ALTERNATIVEN ZUR KAPITULATION

„Ich kann aktuell schlecht in größeren zeitlichen Dimensionen denken.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht, wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen, die Wartezeit damit zu überbrücken, einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Im vergangenen Frühjahr war Isabelle Lehn mit ihrem Roman Frühlingserwachen zu Gast in Erfurt bei IN GUTER NACHBARSCHAFT #20.

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Isabelle Lehn (Foto: Amrei-Marie)

Liebe Isabelle, wie geht’s dir derzeit?

Ganz okay. Eigentlich fehlt es mir gerade an nichts, ich bin beschäftigt und es gelingt mir ganz gut, im Moment zu leben. Aber manchmal macht mir schon Angst, wie massiv die Einschnitte ins öffentliche Leben sind, die wir gerade erleben. Die Polizeipräsenz auf den Straßen, die kreisenden Hubschrauber über den Dächern, die weltweiten Konsequenzen, die wir noch gar nicht abschätzen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in ein paar Wochen einfach zur Tagesordnung zurückkehren werden. So eine Krise ist natürlich auch eine Chance: Aussortieren, was sich als überflüssig erwiesen hat, überdenken, was verbessert werden könnte, und sich darüber klar werden, was man keinesfalls aufgeben will. Aber ich mochte mein Leben, so wie es war, und ich frage mich, was nach Corona noch davon übrig sein wird: Wie werden sich unsere Gewohnheiten verändern, das Bild der Stadt, in der ich lebe, der Kulturbetrieb, in dem ich mein Geld verdiene, aber auch größere politische und volkswirtschaftliche Zusammenhänge? Was mich in solchen Momenten beruhigt, ist meistens das Lesen. Bei manchen Büchern spürt man einfach, dass Literatur ein unangreifbarer, übergeordneter Wert ist und von einer Gültigkeit, die nicht einfach verschwinden wird.

Welche Bücher sind das? Diese, die schon immer ein persönliches Trostpotential für dich hatten? Oder eher Bücher, die sich auf die aktuelle Situation bezogen neu entdecken lassen? Albert Camus‘ Die Pest ist ja z.B. das derzeit wohl meistgefragte Buch in Europa.

Stimmt, ja, die thematischen Bezüge: Ich habe auch ins Decamerone hereingelesen, wie sicherlich viele gerade. Aber hilfreich fand ich vor allem Bücher, die ohnehin auf meinem Lesestapel lagen. Sehr berührt und beeindruckt hat mich Aras Örens Berliner Trilogie, drei Langgedichte, die von der Situation der ersten türkischen Gastarbeitergeneration in Kreuzberg erzählen, und zwar mit so großer ästhetischer und poetischer Kraft, dass sie mich rund 40 Jahre nach ihrem Entstehen total erwischt haben. Ich fand tröstlich, wie stark und zeitlos Literatur sein kann. Außerdem habe ich Annie Ernaux‘ Die Jahre zu Ende gelesen. Das Buch, das über Jahrzehnte hinweg aus ihrem Leben erzählt, enthält so viel historischen Wandel und Weltgeschehen, dass es mir ein „da Draußen“ ersetzt und gegen den Eindruck von Stillstand geholfen hat. Und schließlich eines meiner Lieblingsbücher, das ich tatsächlich immer wieder lesen kann, um die Verhältnismäßigkeit der Dinge zurechtzurücken: Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur, das alle großen Themen verhandelt und sowieso das traurigste und tröstlichste Buch der Welt ist.

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder bremst dich dieser Zustand eher aus?

Beides. Einerseits bin ich dankbar, genug Aufgaben zu haben, die mich ausfüllen: Ich bereite ein Seminar zum Thema „Wut in literarischen Texten“ vor, das ich als Gastdozentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig halte – nun allerdings etwas anders als geplant, nämlich per Videokonferenz. Andere Lehraufträge oder Lesungstermine fallen weg, aber ich mache per Mail und Telefon Textarbeit mit Autorinnen, die sich ein Feedback zu ihren Romanmanuskripten wünschen, und beteilige mich an Online-Literaturfestivals. Es gibt also genug zu tun. Schreiben kann ich allerdings gerade nur kürzere Texte, die nicht weit über den Moment hinausweisen. Zum Beispiel eine wöchentliche Kolumne für die Sendung Unter Büchern bei MDR-Kultur unter dem Titel Weiter im Text – Notizen aus dem Elfenbeinturm. An meinem aktuellen Romanprojekt zu arbeiten, gelingt mir gerade nur mit Mühe. Ich kann aktuell schlecht in größeren zeitlichen Dimensionen denken, zumal sich alle Wertigkeiten zu verschieben und relativieren scheinen. Das empfinde ich tatsächlich als lähmend.

Diesbezüglich geistern mir seit Tagen folgende Gedanken durch den Kopf. Zum einen denkt man sich, dass diese Situation gerade ideal zum Schreiben ist, da sich ringsum alles entschleunigt hat. Aber dem steht so ein gewisser, wenn auch nur unterschwelliger Erwartungsdruck gegenüber, aus dieser Situation heraus, deren Besonderheit uns allen bewusst ist, etwas zu schaffen. Zum anderen wundere ich mich über die vielen Corona-Tagebücher von Schriftsteller:innen, da ich mich frage, was diese denn nun mitzuteilen haben, was wir anderen nicht auch auf die eine oder andere Weise erfahren und erleben. Dann wiederum weiß ich aber, dass ja jeder von uns diese Situation individuell durchlebt – in diesem paradoxen Zustand der kollektiven Vereinzelung. Ich bin da hin und her gerissen.

„Bitte schreibt jetzt nicht alle den großen Corona-Roman!“, habe ich kürzlich sinngemäß auf der Facebook-Seite eines Literaturkritikers gelesen. Ich bin da auch hin- und hergerissen. Einerseits will ich die ganzen Quarantäne-Tagebücher jetzt schon nicht lesen, da ich das Gefühl habe, sie würden mein eigenes Erleben (dem ich viel lieber entfliehen würde) nur potenzieren. Tatsächlich sind wir ja alle gerade in den Elfenbeinturm eingesperrt, von dem die Literaturkritik traditionell verlangt, wir sollten ihn verlassen, um welthaltige und erfahrungsgesättigte Literatur zu schreiben. Prinzipiell denke ich aber auch, dass das, was Literatur einzigartig macht, der Einfluss der individuellen Wahrnehmung, der Sprache und der Gedankenwelt ist – selbst wenn sich die Geschichten und unsere Erfahrungen ähneln mögen. Dass ich die Situation trotzdem als lähmend empfinde, liegt aber auch daran, dass ich gerade kaum weiter als bis zur nächsten Wand oder über den nächsten Tag hinaus denken kann. Zumal sich alle Wertigkeiten zu verschieben scheinen. Ein Roman braucht aber vermutlich doch ein gewisses Maß an Planungssicherheit und die Möglichkeit, in größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Du warst vor ziemlich genau einem Jahr bei uns in Erfurt zu Gast. Woran hast du in den letzten Monaten gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

Ich war nach meinem Besuch in Erfurt noch sehr viel unterwegs – sowohl zu weiteren Lesungen mit meinem aktuellen Roman Frühlingserwachen, als auch zu Presseterminen oder Stipendienaufenthalten. Gearbeitet habe ich hauptsächlich an Auftragstexten für Literaturhäuser oder -Festivals. Außerdem habe ich in Leipzig eine monatliche Literaturveranstaltung organisiert und moderiert. Das letzte Jahr hatte ich mir also ganz bewusst reserviert, um alle möglichen Termine wahrzunehmen. Zum Glück, kann ich heute sagen. Zum Jahreswechsel sollte dann eine ruhigere Zeit an meinem Leipziger Schreibtisch und die Arbeit am neuen Romanprojekt folgen. Darauf habe ich mich sehr gefreut. Nun ist alles etwas anders gekommen als erwartet. Zum Beispiel hatte ich ab März eine intensive Recherchephase geplant, die ich wegen des Kontaktverbots und der Schließung aller Bibliotheken erst einmal auf Eis gelegt habe.

Welche Projekte sind bei dir derzeit zum Erliegen gekommen?

Eigentlich habe ich noch Glück, da ich nicht zu den Autorinnen zähle, die in diesem Frühjahr einen neuen Titel veröffentlicht haben. Trotzdem sind natürlich einige Lesungen ausgefallen sowie Workshops, in denen ich unterrichtet hätte, und Moderationen im Rahmen der Buchmesse. Ein paar Festivals, die im Sommer stattfinden sollen, überlegen noch nach möglichen Alternativen, um den beteiligten Künstlern nicht absagen zu müssen. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Am meisten tut es mir leid um eine Reise nach Teheran auf Einladung des Goethe-Instituts: Ursprünglich sollte ich bereits im Januar im Iran aus Frühlingserwachen lesen, was wir wegen der politisch angespannten Lage und dem Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine verschieben mussten. Unser Ausweichtermin war Ostern – was nun ebenfalls hinfällig ist. Aber ich hoffe sehr, dass die Reise irgendwann wieder möglich sein wird.

Welche Hilfen erhoffst du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

Ich finde es toll, wie viel Energie manche Veranstalter aufwenden, um Ausfallhonorare zu bezahlen oder alternative Veranstaltungsformate zu entwickeln. Generell erlebe ich gerade einen großen Zusammenhalt und viel Verständnis für die Situation von freischaffenden Autorinnen – auch von Seiten meines Verlages und meiner Lektorin. Hilfreich wäre es sicherlich, wenn öffentliche Fördergelder auch bei Veranstaltungsausfall nicht zurückgezahlt werden müssten – das würde zumindest erste Verluste auf Veranstalter- und Autorenseite abfedern, zumal diese Gelder oft durch langwierige Antragstellung erworben wurden. Die Soforthilfe ist natürlich auch hilfreich, solange sie nicht als Darlehen zur Verfügung gestellt wird. Denn was jetzt an Verdienst ausfällt, kommt ja hinterher nicht automatisch obendrauf. Wie sich die Situation langfristig verändern wird und welche Hilfen dann erforderlich sind – das müssen wir sicherlich noch abwarten.

Liebe Isabelle, vielen Dank für deine Antworten.

Die Fragen stellte Mario Osterland.

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Isabelle Lehn, geb. 1979 in Bonn, lebt heute in Leipzig und führt auf den ersten Blick ein erfolgreiches Leben: promovierte Rhetorikerin, Autorin des mehrfach ausgezeichneten Debütromans Binde zwei Vögel zusammen, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zuletzt erschien von ihr der Roman Frühlingserwachen, in dem sie über eine Frau namens Isabelle Lehn schreibt. Alles andere ist Auslegungssache.

„seit monaten das erste gedicht, ein aufgeräumter computer, eigene lektüre statt durch jobs verordnete.“

Die COVID19-Pandemie stellt viele Menschen innerhalb der Kulturlandschaft und weit darüber hinaus vor ungewisse Wochen und Monate. Auch wir wissen noch nicht wann es mit In guter Nachbarschaft weitergehen wird. Wir haben uns dazu entschlossen die Wartezeit damit zu überbrücken einige Künstler:innen unserer vergangenen Veranstaltungen zu befragen, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Der Siegener Dichter Crauss war im November 2016 zu Gast bei In guter Nachbarschaft #11 in Erfurt.

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Crauss. (Foto: Crauss)

Lieber Crauss, wie geht’s dir derzeit?

bis auf einen etwas rebellischen weisheitszahn bin ich gesund und durchaus auch produktiv. seit monaten das erste gedicht, ein aufgeräumter computer, eigene lektüre statt durch jobs verordnete.

Kannst du die Zeit zu Hause kreativ nutzen oder lähmt dich dieser Zustand eher?

das – wenn auch notgedrungene – innehalten in der distanzzeit tut durchaus gut, zumindest zum verschnaufen. trotzdem fehlt mir das ausgehen. auch das fahrradfahren. ich bin kein ausflugs-radler, sondern nutze die gelegenheit, beruflich von x nach z zu kommen, um fit zu bleiben. zielorientiert also. das fällt jetzt weg und ist der grund für gelegentliches decke-auf-den-kopf.

Derzeit versorgst du deine Nachbarschaft mit Lyrikpäckchen. Wegen der drohenden Decke über’m Kopf oder wie bist du darauf gekommen?

einerseits mache ich das natürlich, um überhaupt einmal rauszukommen. eine kleine werbeaktion kann aber ausserdem nicht schaden. die leute sehen mich normalerweise auf dem rad und fragen sich vielleicht: wer ist das denn genau im letzten haus dort drüben? die lyrikkärtchen haben den vorteil einer kleinen unterhaltung für zwischendurch, gleichzeitig lernen die nachbarn mich besser kennen.

Woran hast du in den letzten Monaten gearbeitet, bevor sich die aktuelle Corona-Situation eingestellt hat?

meine brotjobs haben so viel zeit gefressen, dass ich kaum zu eigenen, literarischen dingen gekommen bin. jetzt habe ich gelegenheit, ein projekt wiederaufzunehmen, das sich mit texten zur kunst beschäftigt. konkreter: gedichte zu gemälden, holzschnitten und graphiken.

Welche Projekte sind bei dir derzeit zum erliegen gekommen?

das geldverdienen. ausgefallene autorenlesungen, die nun ersatzweise online gehen, bringen natürlich nicht das honorar ein, das sie „live“ gebracht hätten.

Ja, es gibt derzeit einige Streams von Lesungen. Vor allem natürlich von Autor:innen, die erst kürzlich ein neues Buch veröffentlicht haben. Man überlegt sogar die Absage des Bachmannpreises rückgängig zu machen und das Format ins Online-Zeitalter zu hieven. Ist das deiner Meinung nach eine Chance, die diese Krise bietet – also anspruchsvolle Literatur auf anderen Kanälen zu vermitteln?

das mit dem anspruch ist so eine sache und hängt womöglich nichtmal mit den gezeigten inhalten zusammen, sondern mit den verwendeten medien. einerseits bin ich sehr dafür, Bachmann online bzw. im TV zu übertragen – wie es ja all die jahre sowieso gemacht wurde – gerade eine solche veranstaltung sollte aber professionell abgefilmt werden und nicht autoren zeigen, denen nicht bewusst ist, dass man den spiegel-modus der selfie-kamera auch auf „normal“ stellen kann (so dass schriften sich richtig herum zeigen zb.). grisselbilder mit mittelmässiger auflösung mögen für einen teaser auf insta oder für eine kurzpräsentation auf facebook in ordnung sein, aber nicht für eine bezahlte lesung. und ich finde, online-lesungen dürfen durchaus einen kleinen „eintritt“ kosten. von veranstalterseite SOLLTEN sie es sogar, bzw: sollte es honorar geben für die autoren*. wenn mich bella triste, manuskripte etc einladen, muss sich das bitte bemerkbar machen.

Du selbst bespielst ja nun auch regelmäßig einen YouTube-Kanal mit Lyrikclips. Als direkte Reaktion auf die gegenwärtige Situation?

ja und nein. einerseits möchte ich natürlich auch beim derzeitigen online-rummel mitspielen (wenn schon die leipziger buchmesse ausgefallen ist). andererseits bestücke ich aber zb. instagram und meinen youtube-kanal ohnehin immer wieder mit kurzen poesiefilmchen. dass das derzeit mehrere pro woche sind, hat aber schlicht damit zu tun, dass ich wegen vieler ausgefallener lesungen dazu komme, endlich mal meinen computer aufzuräumen …

Welche Hilfen erwartest du von Seiten der Entscheidungsträger:innen für freischaffende Künstler:innen?

ich „erwarte“ eine ersatzzahlung des landes [Nordrhein-Westfalen – Anm. M.O.], die über den betrag hinausgeht, der im moment für jeden einzelnen künstler bereitsteht. meine ausfälle übersteigen die angebotene summe. ich „wünsche“ mir jedoch, dass die krise anlass gibt, intensiver und ernsthafter als bisher über ein allgemeines grundeinkommen – nicht nur für künstler – nachzudenken.

Vielen Dank für deine Antworten und bleib gesund!

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Crauss, geb. 1971, lebt in Siegen/D und ist Kulturpädagoge (u.a. Uni Siegen sowie verschiedene Schulen). Er wurde Mitte der 1990er Jahre durch neue, produktive Verfahren einer Videoclip-Ästhetik in der Lyrik einem breiteren Publikum bekannt.

Crauss wurde mit wichtigen Stipendien gefördert, mit Literaturpreisen ausgezeichnet, seine Dichtung in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Neben populärwissenschaftlichen Essays und »gesprochenen Liedern« sind die letzten Veröffentlichungen: DIE HARTE SEITE DES HIMMELS. Pilotengedichte. und SCHUNDFAKTOR: HYBRIDE & DESTILLATE. Essays.

http://crauss.de/

Marko Dinić zu Gast bei Blaubart & Ginster

Marko Dinić, der Gast unsere letzten Nachbarschaft in Jena, hat sich auch bei unseren Freunden von Blaubart & Ginster im Studio blicken lassen. In ihrer aktuellen Sendung sprechen die Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland mit dem Wiener Autor unter anderem über sein aktuelles Buch Die guten Tage, über Arno Schmidt und den Literaturnobelpreis für Peter Handke.

Critical Westdeutschness – Peter Neumann und Matthias Warkus im Gespräch

„Es gibt einen blinden Fleck in der westdeutschen Geschichtsbetrachtung.“ Peter Neumann und Matthias Warkus umkreisen ihn und andere Aspekte im Gespräch über Critical Westdeutschness. Äußerst Lesenswert!

Teil 1/3 gibt es hier

Teil 2/3 gibt es hier

Teil 3/3 erscheint erscheint voraussichtlich am 31. August

„Auch Zeitungsbeiträge können Spannungskurven haben, einen Handlungsrahmen und eine Pointe.“

Am 17. Mai findet die 21. Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT in Weimar statt. Neben Deniz Ohde und Sina Stolp wird dann auch Kathleen Kröger aus ihren Texten vorlesen. Wir stellen die Erfurter Autorin und Zeitungsredakteurin in einem Kurzinterview vor.

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Kathleen Kröger (Foto: Sippel)

Liebe Kathleen, du bist Redakteurin für das Magazin hEFt für literatur, stadt und alltag in Erfurt. Wie würdest du die Arbeit in eurem Magazin beschreiben?

Wir arbeiten als Redaktion immer im Team und treffen die Entscheidungen rund um die Inhalte des hEFts in der Gemeinschaft. Das Schöne daran ist, dass jeder seine Themengebiete einbringen kann, und wir darauf hin arbeiten, dass auch in der bunten Mischung von Kulturpolitik, Gesellschaft und auch Sport eine gewisse Linie fortgesetzt wird, in der es um Soziokultur geht. Dabei schneiden wir politisch-relevante Themen an, die vor allem Erfurt und die hiesige Kulturpolitik Thüringens betreffen. Aber auch satirische Elemente finden sich immer wieder. Die Mischung macht’s. Hinzu kommt die Arbeit am Literaturteil, der uns auch von anderen Magazinen unterscheidet. Hier redigieren wir die Texte, wählen aus, was oft nicht sehr leicht ist.

Neben deinen Texten für das hEFt, schreibst du für die Thüringer Allgemeine und die Mitteldeutsche Zeitung. Wie findest du deine Themen?

Die Themen für die Texte greife ich immer aus meinem Alltag, indem ich mich über mein eigenes Scheitern lustig mache. Sei es, dass bei mir keine Grünpflanze überlebt, ich Aggressionen habe, wenn mir die Jacke dauernd vom Garderobenhaken fällt oder dass mich Feiertage komplett aus meinem Wochenrhythmus werfen. Die Themen für die Artikel begegnen mir in letzter Zeit tatsächlich eher zufällig. Als freie Mitarbeiterin bin ich ja weniger im Tagesgeschäft der Zeitung involviert, sondern stoße eher spontan auf Menschen, die Außergewöhnliches tun oder Kunstausstellungen, die bisher (vielleicht zu wenig) Aufmerksamkeit bekommen haben. Da sind auch die Kontakte zu den Kommilitonen sehr wichtig, die in den jeweiligen Szenen sehr gut vernetzt sind.

Siehst du dein Schreiben eher als journalistisch oder literarisch an?

Das ist eine schwierige Frage. Im Nachrichtengeschehen muss der Stil natürlich zwingend neutral sein. In anderen Beiträgen ist da schon mehr Spielraum. Da würde ich den Begriff „journalistisch“ nicht losgelöst vom Literarischen sehen. Auch Zeitungsbeiträge, die ja im Grunde genommen, Gebrauchstexte sind, können Spannungskurven haben, einen Handlungsrahmen und eine Pointe. Nur wie stark diese Seite herausgekehrt wird, ist entscheidend. Nicht umsonst gibt es die Gattung „literarischer Journalismus“, auch wenn diese scheinbar seltener öffentlich präsentiert wird.

Würdest du deine Texte als Essays bezeichnen?

Die Texte für das hEFt haben auf jeden Fall essayistische Züge. Hier kommt es für mich ganz individuell darauf an, ein Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten, etwas zur Diskussion zu stellen, ein oder verschiedene Meinungsbilder thesenartig abzugeben.

Hast du journalistische oder literarische Vorbilder oder solche die zwischen diesen Bereichen schreiben?

Das Wort Vorbild finde ich etwas hochgegriffen, aber ich schätze die Texte von Egon Erwin Kisch und Jan Neruda. Nicht nur wegen ihres Stils und ihrer Unterhaltsamkeit, sondern auch für den Spiegel der Zeit, den sie abgeben. In Literatur hänge ich dann eher an Horst Evers oder Wilhelm Genazino, die ihre Alltagsminiaturen so amüsant machen, dass ich beim Lesen zuerst laut loslache (auch mitten in der Straßenbahn) und mir danach sage, dass alles, was ich selbst schreiben würde, niemals diese Qualität erreichen wird. Also würde ich bei beiden letzteren schon eher von Vorbildern sprechen.

Alltagsminiaturen wäre ein sehr guter Begriff um deine Texte zu beschreiben. Könntest du einen kurzen Einblick gewähren in die zukünftigen Veranstaltungen des Kulturhauses Dacheröden für das du in der Pressearbeit tätig bist?

Da wird sich in den nächsten Wochen noch Einiges tun. Die Frühlingslese bringt verschiedene Lesungen mit sich. In dieser Woche startet die Veranstaltungsreihe „Film im Salon“, in der Literaturverfilmungen gezeigt werden, ganz aktuell hat Rudolf Escher eine Ausstellung seiner Druckgraphiken bei uns im Haus und Ende Mai freuen wir uns auf den Autoren Anselm Oelze. Veranstaltungen wie die Frechen Fragen an Chefärzte, in Zusammenarbeit mit der Zentralklinik Bad Berka und die Philosophischen und Politischen Salons warten mit interessanten Themen auf viele Besucher und Gäste.

In diesem Sinne: Hoffen wir, dass die nächste Ausgabe In guter Nachbarschaft am kommenden Freitag ebenso interessant wird. Vielen Dank für deine Antworten!

Ich bin schon gespannt und ein bisschen aufgeregt.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #21

Lesung, Gespräch, Musik mit Deniz Ohde, Sina Stolp, Kathleen Kröger und Tommy Neuwirth

17. Mai 2019 – 19:30 Uhr

ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1-2, 99423 Weimar)

Eintritt: 5,-€ / ermäßigt 3,-€ (nur Abendkasse)

„Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und der Freistaat schätzt dieses Potential auch.“

Am 11. April kehrt „In guter Nachbarschaft“ einmal mehr ins Franz Mehlhose nach Erfurt zurück. Dann wird neben Isabelle Lehn und Antje Lampe auch Sandra Blume aus ihren Texten lesen. Wir stellen die Autorin aus Marksuhl im Kurzinterview vor. Ihre Website mit zahlreichen Gedichten und Fotos ist hier zu finden.

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Sandra Blume hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Im August 2018 erschien der Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien der Autorin beim Thüringer Landstreicher Verlag. (Foto: Yvonne Bartsch)

Liebe Sandra, auf deiner Website gibst du die Selbstauskunft „[Die] Dichterin lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem kleinen Haus auf einem kleinen Hof im Thüringer Wald.“ Das klingt nach einem recht idyllischen Leben.

In gewisser Weise ist das natürlich idyllisch. Ich brauche es ruhig und grün und mit eher weniger Menschen. Ich bin sehr nah an der Natur und registriere die kleinsten Veränderungen im Wechsel der Jahreszeiten, selbst im Licht des Tages. Das brauche ich sehr – wobei ich auch Momente der Ruhe finden muss, das aufzunehmen und vor allem schreibend umzusetzen. Leben im ländlichen Idyll bedeutet nämlich auch: viel Arbeit in Haus und Garten. Obwohl ich durchaus sehr gern in der Erde rumwühle, Blumen pflanze oder Steine schleppe.

Wie nimmst du das literarische Leben oder das Literaturland Thüringen von außerhalb der größeren Städte wahr?

Ich bin dankbar, dass es facebook gibt. Ich habe mich hierüber mit anderen, die schreiben und veröffentlichen vernetzt. Mit Autoren, Verlagen, Initiativen und Einrichtungen. Das ist ungemein bereichernd. Das literarische Leben in den größeren Städten kam mir immer ein wenig elitär vor und ich habe mich als die „Provinzdichterin“, als die ich mich lange empfunden habe, ein bisschen davor versteckt. Unterdessen verbinden mich doch eine Reihe von literarischen Freundschaften mit „Stadtkollegen“. Ich finde, Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und in meiner Wahrnehmung schätzt der Freistaat dieses Potential auch.

Dein Schreiben folgt einem recht sensitiven, im Grunde romantischen Ansatz. Woher kommt das deiner Meinung nach?

Ich bin ein sehr sensitiver oder noch besser: sehr sinnlicher Mensch. Ich bin wie ein Schwamm, der die kleinsten Details aufsaugt. Und dann kommt das Gefühl dazu und irgendwann später (oder auch gar nicht ;-)) setzt der Verstand ein. Und ja, ich bin romantisch. Ich finde das Leben tatsächlich schön und ich halte mich vorzugsweise an das Schöne.

Sind dir als Dichterin die Klassiker*innen und Romantiker*innen etwas näher, als z.B. zeitgenössische Lyriker*innen?

Nein überhaupt nicht. Ich mag natürlich Rilke – das war meine erste Lyrikliebe und ich mag noch heute diese starken, singenden Gedichte. Meine literarischen Wurzeln liegen aber eher bei Hilde Domin und vor allem bei Eva Strittmatter, deren bodenständige, treffsichere Texte mir viel bedeuten. Ich lese viel zeitgenössische Lyrik und gehe auch gern zu Lesungen in die größeren Städte, wenn ich irgendwie dafür Zeit finde.

Du teilst deine Gedichte bisher vor allem online und häufig in Verbindung mit Naturfotografien. Welchen Stellenwert hat diese zweite Kunst für dich bzw. die Verbindung von Bild und Text?

Die Sache mit den Fotos ist eigentlich nur ein Mittel zum Zweck gewesen, weil ich meine Texte in den Sozialen Medien bebildern musste. Ich bin keine wirklich leidenschaftliche Fotografin und von der Technik habe ich fast gar keine Ahnung. Aber mir haben viele gestandene Fotografen gesagt, dass ich einen ungewöhnlichen Blick für den richtigen Moment hätte. Ich habe zum Fotografieren noch weniger Zeit als zum Schreiben. Auf dem Weg zur Arbeit kurz anhalten, in zwei Minuten festhalten, was mich zum Anhalten gebracht hat und dann weiter eilen, weil das Kind im Auto zur Schule muss und schon die Augen verdreht. Ich mag allerdings diese Verbindung, die ich dann schaffen kann – zwischen Fotos und Texten. Manchmal entsteht beides im gleichen Moment, oft illustriert sich so ein Text dann später wie von selbst mit dem richtigen Foto.

Vielen Dank für deine Antworten. Wir freuen uns auf deine Lesung in Erfurt!

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Lesung, Gespräch, Musik mit Isabelle Lehn, Sandra Blume, Antje Lampe und yanzzon

11. April 2019 – 19:30 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99089 Erfurt)

Eintritt: 5,- € / ermäßigt 3,- € (nur Abendkasse)