Vorgestellt: Mirandolina Babunashvili

Mirandolina Babunashvili, geb. 1996 in Kaiserslautern. Sie wuchs in Darmstadt auf und studiert seit 2015 Internationale Beziehungen und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt. Sie ist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground in Frankfurt/Main.

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Mario Osterland: Liebe Mira, du hast im Dezember 2015 bei uns am offenen Mikrofon gelesen. Wie bist du damals auf In guter Nachbarschaft aufmerksam geworden?

Mirandolina Babunashvili: Ich habe im Dezember 2015 auch bei einer Lesung an der Universität Erfurt teilgenommen (Poetry & Prosa), da hat mich der Autor Stefan Petermann angesprochen und mich auf In guter Nachbarschaft aufmerksam gemacht. Daraufhin habe ich Peter kontaktiert.

M.O.: Die Mundpropaganda zwischen den Thüringer Städten funktioniert also. Du bist ja erst seit 2015 in Erfurt. Hast du dich sozusagen gleich auf die Suche nach einer „jungen“ Literaturszene gemacht?

M.B.: Genau. Zunächst hatte ich ein wenig Bedenken, als ich für mein Studium nach Thüringen gezogen bin, ob es hier genügend Möglichkeiten gibt literarisch aktiv zu sein, wie im Rhein-Main-Gebiet zum Beispiel. Aber ich habe zum Glück sehr bald junge Menschen kennengelernt, die in der Thüringer Literaturszene aktiv sind.

M.O.: Da gibt es sicher einige Unterschiede.

M.B.: Sicher ist im Rhein-Main-Gebiet „mehr los“, um das einfach zu formulieren. Aber das liegt natürlich daran, dass die Kultur- und Literaturszene der Stadt Frankfurt am Main eine lange Tradition hat, dementsprechend finden nicht nur mehr Events statt, sondern auch die Förderangebote für junge Schreibende sind zahlreicher. Da gibt es im Osten Aufholbedarf. Aber trotzdem gibt es auch hier viele junge Kreative die sich in ihrer Freizeit engagieren und sich darum bemühen die Thüringer Literaturszene aufleben zu lassen.

M.O.: Förderangebote für junge Schreibende ist ein Stichwort. Du bist Teil des jungen Autorenkollektivs sexyunderground aus Frankfurt/Main. Was hat es damit auf sich?

M.B.: Das ist die junge Abteilung des Frankfurter Literaturhauses. Mitglieder des Autorenkollektivs sind die ehemaligen Teilnehmer des Workshops namens Schreibzimmer, der auch am Literaturhaus stattfindet. Die Idee war einen Raum herzustellen, in dem die jungen Schreibenden miteinander in Kontakt bleiben und gemeinsam an ihren Texten arbeiten können. Einmal im Jahr stellen wir unsere Ergebnisse dann bei einer Lesung im Literaturhaus vor. Hauptsächlich geht es bei unseren Treffen, die einmal im Monat stattfinden, um Textbesprechung bzw. Textkritik, aber ab und zu erhalten wir auch Besuch von Menschen aus dem Literaturbetrieb (Autoren, Lektoren etc.) die ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns teilen.

M.O.: Da kommt es dir sicher gelegen, dass die Textwerkstatt Poesie & Praxis in Jena gerade wiederbelebt wurde, an der du ja auch teilnimmst.

M.B.: Auf jeden Fall. Ich schätze Schreibwerkstätten sehr. Mit 17 Jahren habe ich zum ersten Mal an einer Werkstatt teilgenommen und das hat mein Schreiben komplett verändert. Wenn ich meine Texte vor und nach der Schreibwerkstatt vergleiche, staune ich selbst wie sehr ich mich verändert habe. Ich denke das wird auch den Teilnehmern von Poesie & Praxis so ergehen, vor allem denjenigen die zum erstenmal an einer Textwerkstatt teilnehmen. Aber ich freue mich auch darauf Neues zu lernen und meinen „literarischen Blick“ zu schärfen. Denn bei Textwerkstätten geht es ja meistens vordergründig um das „Handwerkliche“, also quasi „Do’s & Don’ts“ beim Schreiben, die es trotz aller Freiheit, die die Kunst einem bietet, gibt. Da ist es auch interessant zu sehen, welche Tipps die Leiter der Textwerkstätten den Teilnehmern an die Hand geben, da es auch in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen geben kann. Aber ich möchte sagen, dass ich auch an Poesie & Praxis teilnehme, weil es mir großen Spaß macht über Literatur zu sprechen und ich neugierig bin, was denn die anderen jungen Autoren schreiben. Auch das ist eine Möglichkeit sich inspirieren zu lassen.

M.O.: Ich habe dich jetzt als Prosaautorin kennengelernt. Was reizt dich am Erzählen?

M.B.: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nie lange darüber nachgedacht habe, welche Form des Ausdrucks ich wählen soll. Es ist mehr eine intuitive Entscheidung. Ich schreibe, wenn ich etwas bestimmtes zu sagen habe und die Form die in der Vergangenheit am Besten dazu gepasst hat war Prosa. Wenn ich einmal das Gefühl haben sollte, dass ich mich in einem Gedicht besser ausdrücken kann, dann werde ich das tun. Dazu kommt auch, dass ich am liebsten Prosa lese.

M.O.: Welche Prosa hat dich zuletzt beeindruckt?

M.B.: Eine sehr schwierige Frage, weil mich vieles auf seine Art und Weise beeindruckt. Aber um ein paar Beispiele zu nennen: Ich habe Eugénie Grandet von Honoré de Balzac gelesen, da hat mich natürlich Balzacs Art zu erzählen beeindruckt, er hat einen unverwechselbaren eigenen Ton, wie auch die unglaublich plastische Ausgestaltung der Figuren. Zudem beeindruckt mich Dostojewski immer wieder. Zuletzt habe ich die Brüder Karamasow von ihm gelesen. Was mich an ihm beeindruckt sind nicht nur seine psychoanalytischen Fähigkeiten, sondern auch die ausschweifende, ich würde fast sagen „russische“ Art zu erzählen. Er schafft es passagenweise nur zu beschreiben, ohne das man sich langweilt. Mein deutscher Lieblingsautor ist Erich Maria Remarque. Was mich an ihm beeindruckt ist, dass er es schafft gefühlvoll zu sein, zu berühren, aber gleichzeitig sehr kühl und schlicht zu sein.

M.O.: Mit der „russischen Art“ des Erzählens geht der Blick nach Osten. Ein Teil deiner Familie stammt aus Georgien. Verfolgst du die georgische Literatur? Kannst du vielleicht sogar jemanden empfehlen, den es in Deutschland noch zu entdecken gilt?

M.B.: Richtig, ich bin halb Georgierin und lese auch sehr gerne auf georgisch. Ich kann die georgische Literatur sehr empfehlen, da sie sich unterscheidet von der westlich-europäischen, russischen aber auch orientalischen Literatur, aufgrund der Eigenheiten der Kultur und Sprache die sich keiner dieser Regionen zuordnen lassen. Da gibt es also etwas Neues zu entdecken. Georgisch sprechen leider nicht sehr viele Menschen, sodass ein Großteil der Literatur noch nicht übersetzt wurde, aber daran wird gerade gearbeitet. Vor allem die Übersetzungen ins Deutsche haben zugenommen und 2018 ist Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, sodass spätestens da deutsche Leser die Möglichkeit haben werden mit der georgischen Literatur in Berührung zukommen.
Was die Empfehlung angeht, da muss ich zunächst Schota Rustaweli erwähnen, er ist sozusagen der Nationaldichter Georgiens und hat Der Recke im Tigerfell verfasst, ein Epos das jeder Georgier zumindest passagenweise auswendig kennt und dessen Stellung in der georgischen Literatur in etwa mit der von Goethes Faust in der deutschen zu vergleichen wäre. Von den Schriftstellern der Gegenwart kann ich Lascha Bugadze empfehlen, sein Buch Der Literaturexpress ist kürzlich auf Deutsch erschienen, aber auch Esma Oniani oder Anastasia Kordsaia-Samadashvili.

M.O.: Klingt so, als könne man sich auf die Buchmesse 2018 freuen. Bist du selbst daran interessiert georgische Literatur ins Deutsche zu übersetzen?

M.B.: Um ehrlich zu sein, kann ich mir selbst nicht vorstellen als Literaturübersetzerin tätig zu sein, da ich mich dieser höchst anspruchsvollen Aufgabe zumindest im Moment noch nicht gewachsen fühle. Was ich mir aber sehr wohl vorstellen kann ist Themen und Eigenheiten der georgischen und deutschen Literatur beim Schreiben miteinander zu vereinen, um sie so Lesern in Deutschland etwas näher zu bringen.

M.O.: Das passt ja auch gut mit deiner Studienwahl zusammen.

M.B.: Ja, in der Tat. Auch wenn Literatur da weniger eine Rolle spielt.

M.O.: Dann lass uns vorerst hier enden. Vielen Dank!

In guter Nachbarschaft zu Gast bei Radio F.R.E.I.

Peter Neumann und Mario Osterland waren am 27.10. zu Gast im „Stadtgespräch“ beim Erfurter Radio F.R.E.I., um mit Moderator Richard Schaefer über die Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ und die kommende Veranstaltung mit dem Siegener Autor Crauss zu reden.

Nachhören kann man die Sendung hier.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #11

5.11.2016 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12) in Erfurt

mit Crauss

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und Gästen am offenen Mikrofon

Eintritt: nur 3,- € (Abendkasse)

Vorgestellt: Joshua Schößler

In der Reihe „Vorgestellt“ machen wir euch ab sofort mit (Nachwuchs-)Autoren bekannt, die aus Thüringen stammen, hier leben oder auf besondere Weise mit der Literaturszene des Freistaates und der Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ verbunden sind. Los geht es mit dem Jenaer Joschua Schößler, der bereits mehrfach bei uns zu Gast am offenen Mikrofon war.

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Joshua Schößler, geb. 1992 in Düsseldorf, studiert seit 2012 Philosophie und germanistische Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Blog: sukkulent.

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Mario Osterland: Lieber Joshua, du warst schon mehrfach zu Gast am offenen Mikro bei In guter Nachbarschaft. Wie bist du eigentlich auf uns aufmerksam geworden?

Joshua Schößler: Das kam durch eine Germanistikvorlesung 2013. Moritz Gause saß zwei Plätze neben mir und las in so einen schicken Gedichtband von Frank O’Hara. Da habe ich den angesprochen und so ist man ins Gespräch gekommen. Kurz dannach war die Germanistik Weihnachtslesung, da haben wir beide was am offenen Mikrophon vorgetragen und dann hat Moritz mich gefragt, ob ich Lust hätte mal bei der guten Nachbarschaft auch was am offenen Mikrophon zu lesen.

M.O.: Also bist du von Anfang an sozusagen über das Format „offenes Mikrofon“ zur Nachbarschaft gekommen. Wie empfindest du diese Lesesituation bei uns?

J.S.: Schon ganz cool. Man hat es da ja mit einem recht interessierten Publikum zu tun, wobei ich bei der ersten Lesung bei euch schon das Flattern hatte. Man hat schon ein bisschen das Gefühl, dass das eine eingeschweißte Famile da ist, am Anfang habe ich mich noch gar nicht getraut, mit den anderen zu quatschen. Insgesamt aber ziemlich entspannt, ist auch immer interssant mitzubekommen, was die anderen dort vortragen. Auch die Gespräche mit den eingeladenen Vortragenden haben mir gut gefallen.

M.O.: So eine gewisse Vertrautheit strahlen solche Veranstaltungen ja immer aus. Ich hoffe nur wir schaffen es den neuen Autoren immer so offen wie möglich zu begegnen. Wir hatten zuletzt auch ziemlich viele Lyriker im Programm, auch am offenen Mikro. Hast du dich bisher als Prosaautor trotzdem gut aufgehoben gefühlt?

J.S.: Total, man fühlt sich auf jeden Fall ernst genommen. Insgesamt ist das eh ziemlich cool, dass die Texte recht durchmischt sind, auch mit der Mucke von Klinke auf Cinch, so alles in allem funktioniert das schon echt gut. Schade nur, dass die Hütte oft nicht zum bersten voll ist. Bei den Gedichten fände ich es vielleicht ganz cool, wenn man die irgendwie mitlesen könnte, so auf nem Handzettel oder an die Wand projiziert. Ich kann da sonst manchmal nicht so ganz folgen.

M.O.: Wir sind ja ständig dabei In guter Nachbarschaft weiter zu entwickeln. Da kommen solche Hinweise und Vorschläge gerade recht! – Kommen wir mal zu dir und deinem Schreiben. Du schreibst, wie gesagt, in erster Linie Prosa. Was reizt dich, vielleicht auch im Vergleich zum Dichten, am Erzählen?

J.S.: Ich habe mich auch schonmal am Dichten versucht, später dann auch im Rahmen eines Gedichte-schreiben-Seminars an der Uni. Aber mir fällt es bei Gedichten schwer, eine Idee an dieser Ausdrucksform zu entwickeln und dann später zu sagen, dass Geschriebene haut so hin. Ich könnte zu einer Idee mehrere völlig verschiedene Gedichte schreiben und am Ende nicht sagen, welches ich aus welchen Gründen jetzt gut finde. Bei der Prosa ist das anders, in dieser sprachlichen Form kann ich meine Ideen ganz anders entwickeln. Da sage ich mir jetzt nicht, dass ich das jetzt nochmal ganz anders schreiben könnte, ich kann da meinen Regeln und Ideen besser nachgehen. Und vielleicht ist das auch viel Gefühl, die Erzählform liegt mir einfach besser, ich kann konkreter werden und die Einzelbestandteile leichter sich auseinander entwickeln lassen und dann wieder zu einem größeren Ganzen zusammenführen. Ich lese auch recht wenig Lyrik, wobei ich aus der intensiven Beschäftigung mit Lyrik viel dichte Spracharbeit mitnehmen kann.

M.O.: Deine Erzählsprache ist jedenfalls nicht ganz unpoetisch. Ich zitiere nur mal eine Stelle, die mir zuletzt aufgefallen ist: „Mit flinken, aber liebevollen Handgriffen bediente sie die Kaffeemaschine. Virtuose Handgriffe, mit denen seine Mutter damals die Saiten der Küche in Harmonie zum klingen bringen konnte.“

J.S.: Man hat mir ja schon öfters gesagt, dass ich ein Händchen für sprachliche Bilder habe, das zieht sich schon durch. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich etwas geschrieben habe mit der Absicht, dass das Prosa wird und dann habe ich das so gedichtmäßig mit Absetzen versehen und das dann als Gedicht so stehen lassen.

M.O.: Klingt so, als gehst du ziemlich „open minded“ beim Schreiben vor. Wie wichtig ist es dir dem Text Freiheiten und sich selbst beim Schreiben überraschen zu lassen?

J.S.: Das ist mir schon ziemlich wichtig, was sich bei mir im ersten Schritt vor allem darin niederschlägt, dass ich alles Mögliche als Inspirationsquellen einbeziehe. In einem Text war das ein Rapsong, ein Frauenroman und ein Buch von Dostojewski. Seit kurzem experimentiere ich mit automatischen Textgeneratoren im Internet. Aber mir ist auch wichtig, dass die Texte nicht beliebig werden. Im zweiten Schritt mache ich mir schon Gedanken dazu, wie ich was warum zur Schriftform bringe. Ich stelle mir dann schon konkrete Regeln, an denen ich dann hinterher festmachen kann, ob mir das Resultat gelungen ist. Wenn ich irgendwelche Sprachexperimente mache, muss dabei auch was Handfestes für mich rumkommen, woran ich weiterarbeiten kann. Oft drifte ich beim Schreiben von der ursprünglichen Idee ab, dann werden die Regeln angepasst. Ich versuch da immer so ein Zwischending von selbst auferlegten Regeln und einem lebendigen Schreibprozess zu finden.

M.O.: Du hast einige Texte auf deinem Blog sukkulent veröffentlicht, in den denen vor allem die Figuren und weniger der plot im Vordergrund stehen. Eigentlich eine recht klassiche Herangehensweise ans Erzählen, oder? Eine Figur erfinden, sie einer oder mehrerer Situationen aussetzen und schauen, was passiert.

J.S.: Ja genau. Das kommt häufig von einem spontanen Einfall, ein Satz oder Gedanke, der mich nicht mehr loslässt und der sich weiterentwickeln lässt. Ich bin da nur irgendwann an dem Punkt angekommen, wo sich die Stories meinem Empfinden nach insgesamt eher im Kreis gedreht haben, das hat sich so eingeschlichen. Insgesamt haben mich die letzten Stories, die so entstanden sind, dann doch ziemlich gelangweilt. Gerade beschäftige ich mich auch mehr mit dem komplexeren Strukturieren meiner Geschichten, muss aber auch noch schauen, wo das hinführt.

M.O.: „Schauen, wo das hinführt“ ist ein gutes Schlusswort. Es würde mich freuen auch in Zukunft noch Einiges von dir zu hören und zu lesen. Vielleicht auch am offenen Mikrofon der Nachbarschaft?

J.S.: Wird wohl oder übel passieren.

M.O.: Lieber Joshua, vielen Dank für das Gespräch.

1.8. – Blaubart & Ginster #2 – Zu Gast: Peter Neumann

Heute um 15 Uhr läuft die zweite Ausgabe von Blaubart & Ginster – Eine Stunde Literatur im Radio OKJ mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland. Zu Gast ist Peter Neumann, der ebenfalls Mitorganisator von In guter Nachbarschaft ist. Eine Überschneidung, die in der Thüringer Literaturszene (wie in den meisten Szenen) nicht ausbleibt.

Warum solche Schnittmengen jedoch von Vorteil sind, wie Peter Neumann Teil der Thüringer Literaturszene wurde und was er u.a. zum Landschaftsgedicht zu sagen hat, hört ihr ab 15 Uhr in Jena und Umgebung auf UKW 103,4 MHz und im Kabel auf 107,90 MHz. Außerdem weltweit im Internet als Live-Stream auf http://radio-okj.de/.

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Peter Neumann (Foto: Dirk Skiba)

 

Die Sendung gibt es außerdem als Podcast zum Nachhören bei Soundcloud.

Presseschau

Im Zuge der SUMMER EDITION war In guter Nachbarschaft mehrfach in der Thüringer Presse- und Medienlandschaft vertreten. Hier gibt es eine kleine Presseschau mit den Links zu allen Beiträgen.

Am 8.7. (Online) bzw. 9.7. (Print) kündigte die OTZ die SUMMER EDITION mit einem Artikel an.

Ebenfalls am 8.7. waren die Nachbarschafts-Mitorganisator*innen Julia Hauck und Peter Neumann zu Gast beim Campusradio Jena.

Am 11.7. berichtete die TLZ (Online und Print) von der SUMMER EDITION und die scheidende Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth.

Am 21.7. war Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland beim Erfurter Radio F.R.E.I. und sprach u.a. ausführlich über die Lesereihe.

4.7. – Blaubart & Ginster – Eine Stunde Literatur im Offenen Kanal Jena

Blaubart & Ginster? – Ist das ein Szenelokal für serienmordende Pazifisten? Ein exzentrischer Barbershop? Kann man das rauchen?
So ähnlich: Bei Blaubart & Ginster läuft eine Stunde lang Literatur und Musik auf Radio OKJ. Ralf Schönfelder und Mario Osterland, co-Organisator von „In guter Nachbarschaft“, laden Autoren ins Studio ein, um ihre Texte zu hören, über Bücher und die literarische Szene zu plaudern und die Lieblingsmusik der Gäste zu spielen.

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Mario Osterland und Ralf Schönfelder präsentieren monatlich die Literatursendung „Blaubart & Ginster“ im Radio OKJ.

Von Ungarischem Punkrock bis zu Lambada!
Zu Gast in der Ursendung von Blaubart & Ginster ist die Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth. Sie liest aus ihren Gedichten über Körper und Maschinen, erklärt, warum Häuserwände die Haut einer Stadt sind und berichtet vom schwierigen Stand der ungarischen Literatur und ihrer Arbeit bei der József Attila Kör in einem Land, das sich politisch radikalisiert.

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Die Sound-Poetin Kinga Tóth ist der erste Gast bei „Blaubart & Ginster“ (Foto: Richard Lutzbauer)

Die erste Sendung läuft am Montag, dem 4. Juli um 15:00 Uhr bei Radio OKJ. Radio OKJ hört Ihr in Jena und Umgebung auf UKW 103,4 MHz und im Kabel auf 107,90 MHz. Außerdem weltweit im Internet als Live-Stream auf http://radio-okj.de/.

Bericht aus Bishkek (1/2) – Ein Interview mit Moritz Gause

Der Autor Moritz Gause, Mitbegründer von „In guter Nachbarschaft“, war jahrelang Organisator und Moderator unzähliger Literaturveranstaltungen und Schreibworkshops in Thüringen. Seit August 2015 lebt er in Bishkek, der Hauptstadt Kirgisistans, und arbeitet dort als Sprachassistent am Goethe-Institut. Auf Instagram dokumentiert er regelmäßig das Leben vor Ort in Fotos und Videos. Höchste Zeit für ein Gespräch über sein Leben in Zentralasien.

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Moritz Gause (Foto: Thomas Holbach)

 

Mario Osterland: Moritz, was hat dich ausgerechnet nach Bishkek verschlagen?

Moritz Gause: Also, seit Jahren schon zieht es mich immer weiter und weiter nach Osten. Erst Russland, und dann kam Zentralasien dran. Mein Interesse begann 2013, als ich für eine Woche zum Schreiben ins Burgenland eingeladen war, direkt an der ungarischen Grenze. Und dafür hatte ich über die Geschichte der Landschaft recherchiert und mir war erstmals bewusst geworden, wie wichtig der zentralasiatische Raum ist, historisch gesehen. All die Völker, die dort durchgereist waren, oder sogar von dort gekommen waren; und auch der massive Kulturaustausch, der dort über Jahrtausende stattgefunden hat, also all das hat mich zutiefst beeindruckt. Und dann hatte ich plötzlich die Möglichkeit, als Sprachassistent nach Bishkek zu gehen. Da habe ich sofort und ohne weiteres Nachdenken Ja! gesagt.

M.O.: Trotzdem ist Zentralasien ja immer noch eine der exotischsten Regionen der Erde. Trotz Internet, Globalisierung etc. habe ich den Eindruck, dass man als Mitteleuropäer gemeinhin nicht wirklich viel über die Länder dort weiß.

M.G.: Die Länder sind alle sehr unterschiedlich; die historischen Gründe jetzt einzeln aufzuführen, würde leider zu weit führen. Bishkek jedenfalls ist, soweit ich das beurteilen kann, stark russisch geprägt, also nicht so mega-exotisch; jedenfalls nicht für mich, der mit der Region schon über zehn Jahre mehr oder minder vertraut ist. Mit den kleineren Städten und Dörfern sieht es schon anders aus, allerdings habe ich dort nicht den tiefen Einblick, weil ich berufsbedingt die meiste Zeit in Bishkek bin. Aber hier ist es schon wilder, chaotischer und pittoresker als in den meisten Kasachischen Städten; die waren dem russischen Einfluss noch bedeutend stärker ausgesetzt.

M.O.: Wenn du wilder, chaotischer, pittoresker sagst… Wie würdest du das Leben in Kirgisistan im Vergleich zu Deutschland beschreiben?

M.G.: Naja, ehrlich gesagt, ich glaube, ich passe ganz gut hierher. Ich bin ja eher der verpeilte, spontane Typ. Das ergänzt sich ganz gut. Und führt immer wieder zu Verwirrung bei den Leuten hier, die natürlich das Stereotyp eines durchgeplanten, überpünktlichen und peniblen Kartoffel-Deutschen erwarten. Aber das ließe sich hier eh nicht durchziehen. Mit einem Wort, wenn es auch etwas altmodisch klingt: Jeder Tag ist anders.

M.O.: Ich war überrascht zu lesen, dass 75% der Kirgisen sunnitische Muslime sind. In einem ehemaligen Land der Sowjetunion erwartet man das nicht unbedingt. Macht sich die muslimische Prägung im Alltag Bishkeks bemerkbar?

M.G.: Eher nicht. Es ist ein sehr moderater Islam. Kirgistan ist auch sehr spät islamisiert worden, jedenfalls der Norden. Im Süden, in der Nähe zu Usbekistan und Tadschikistan, ist es sicher anders, aber dort war ich bis jetzt nur sehr kurz. Das Bishkeker Stadtbild ist im Sommer eher durch kurze Röcke und hohe Absätze geprägt, um es bildlich zu machen. Vollverschleierte Frauen sind eher selten und, so sagte man mir, auch erst seit kürzerer Zeit überhaupt bemerkbar.

M.O.: Das heißt Religion ist im säkularen Kirgisistan vor allem Privatsache?

M.G.: Definitiv. Es werden ein paar größere Moscheen gebaut, aber es ist schon sehr säkulär. Und es gibt noch immer viele Bräuche, die dem Tengrismus, der alten Nomadenreligion, entstammen.

M.O.: Das ist interessant. Weil ich zugeben muss, dass ich bei zentralasiatischen Ländern immer zuerst an Steppe und Reitervölker denke. Was natürlich ein Klischee ist, oder?

M.G.: Überhaupt nicht. Natürlich ist das nicht aktuell, weil die Menschen durch die Sovjets zwangsweise sesshaft gemacht wurden. Aber es gibt in Kirgistan immer noch ein paar Nomaden. Allerdings ist Kirgistan eher ein Berg-, als ein Steppenland. Aber auch hier gibt es wahnsinnig beeindruckende Steppenlandschaften. Und Pferde. Und Schafe. Nicht mehr soviel, wie früher angeblich, aber für einen Mitteleuropäer ist das schon überwältigend. Aber die Landschaften insgesamt sind eh überwältigend.

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Im Suusamyr-Hochtal, Kirgisistan (Foto: Moritz Gause)

M.O.: Aha, findet der deutsche Dichter da etwa Erhabenheit?

M.G.: Ähm, ja! Wenn ich hier auf Dienstreise durch die Berge fahre, habe ich regelmäßig das Gefühl, dass meine Brust sich öffnet. Und mit der Steppe ist es das gleiche.

M.O.: Das merkt man natürlich auch beim Lesen deiner Gedichte, die in Bishkek entstehen. Wie ist dein Eindruck? Wie wirkt sich Kirgisistan auf dein Schreiben aus?

M.G.: Eine schwierige Frage. Ich weiß nicht. Vielleicht eine stärkere Durchmischung von Rauheit und Magie. Aber ich bin mir da unsicher. Das Kapitel ist ja noch lang nicht abgeschlossen. Ich habe angefangen, längere Gedichte zu schreiben. Das mag etwas mit der Weite der Landschaft zu tun haben. Und das Bild, also für mich, das Bild des Dichters als Sänger ist auch irgendwie wieder präsenter geworden. Aber das trifft selbstverständlich nicht auf alle Gedichte zu. Lass uns in zwei Jahren nochmal drüber reden. Dann weiß ich vielleicht mehr.

M.O.: Dann lass uns über deine Arbeit als Sprachassistent reden. Da drängt sich natürlich die Frage auf, wie gut dein Kirgisisch inzwischen ist.

M.G.: Haha, es ist quasi inexistent. Alltagssprachen hier sind sowohl Russisch, als auch Kirgisisch. Und mein Russisch ist zwar schlecht, aber ausreichend. Und der Unterricht findet ausnahmslos auf Deutsch statt. Aber ich hoffe, dass ich in der nächsten Zeit mehr Kirgisisch lernen kann. Bis jetzt war einfach zu viel zu tun.

M.O.: Kann ich mir vorstellen. Du hast über den Deutschunterricht hinaus u.a. einen Lyrikworkshop in Bishkek veranstaltet. Wie kam es dazu?

M.G.: Teil des Sprachassistenten-Programms des Goethe-Instituts ist, das mehrere Sprachassistent*innen gemeinsam ein größeres Projekt organisieren. Und wir haben uns dafür entschieden, Robert Prosser einzuladen. Robert hat dann in drei Kasachischen Städten und in Bishkek Werkstätten geleitet, und wir haben pro Werkstatt eine Präsentation veranstaltet. Das war sehr schön. In zwei Wochen dann kommen die besten Teilnehmer aus allen Städten in Astana (der Haupstadt Kasachstans) zusammen und erarbeiten ein längeres Programm. Die entstandenen Gedichte können auf unserer Website nachgelesen werden.

M.O.: In gewisser Weise führst du mit dem Workshop auch die Arbeit aus deiner Zeit in Thüringen fort, oder?

M.G.: Aber klar. Es ist mir immer ein Anliegen gewesen, Lyrik zu vermitteln, zu zeigen, das Gedichte sehr gut in unsere Zeit passen, dass sie uns etwas sagen können, und vor allem, dass wir etwas mit Gedichten sagen können. Dass die Lyrik nicht einfach nur eine tote literaturhistorische Kategorie ist oder irgendwas Abgehobenes.

M.O.: Du warst im Januar kurz zu Besuch in Deutschland um u.a. in Erfurt aus deinem letzten Gedichtband Blue Monday zu lesen. Wann gibt es das nächste Wiedersehen mit dir in Thüringen?

M.G.: Am 22. Juni habe ich eine Lesung im Schillerhaus in Rudolstadt. Und natürlich werde ich am 9. Juli beim Nachbarschaftsfest in Jena sein, das ist ja klar. Aber dort bin ich nur zum Stühletragen und Biertrinken.

M.O.: Wir freuen uns auf dich und stellen dir natürlich gern eins kalt! Oder zwei.

Im zweiten Teil des Berichts aus Bishkek stellen wir drei Gedichte Gauses aus Kirgisistan mit kurzem Kommentar vor.