ioha im Interview über Solidarität, Krisen und Aliasse

Am 17. November erscheint IN GUTER NACHBARSCHAFT #24 als Podcast. Mit dabei ist ioha aus Weimar und stellt einen Audio-Beitrag mit dem Titel „Daseinsfürsorge“ vor. Wir sprachen mit ioha.

Johanna Ledermann (c) Larissa Barth
ioha, Foto: Larissa Barth

Dein Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, der auch Teil der nächsten Sendung von “In guter Nachbarschaft” ist, ist ein Spaziergang durch verschiedene Szenerien und Schauplätze einer utopischen Post-Corona-Gesellschaft. Wie kam es dazu? Wie geht es dir angesichts der 2. Welle, was machst du zur Zeit?

In der Anfangszeit der Pandemie war ich doch einigermaßen schockiert davon, wie sozialdarwinistisch, körper- und leistungsorientiert ein großer Teil der Gesellschaft denkt, und wie sehr Freiheit mittlerweile als neoliberale Freiheit des Individuums verstanden wird. Aussagen wie „wieso sollte ich mich einschränken, betrifft mich eh nicht, ich bin jung, ich bin gesund, ich habe auch keine Person im Umfeld die ich schützen müsste“ hätte ich vor der Pandemie z.B. eher nicht von Menschen aus meinem Umfeld erwartet. Die Verbreitung dieser Werte und Normen waren mir vorher in dem Ausmaß nicht so klar. Sehr viele Menschen haben tatsächlich wenig Bewusstsein dafür, wie abhängig unsere Leben voneinander sind, wie wichtig gute öffentliche Daseinsvorsorge, bestimmte Versorgungsarbeiten, und menschliche Fürsorge sind.

Mich beunruhigt auch, dass es weniger solidarisches Denken und Handeln in unseren Communities ist, von dem wir uns leiten lassen, als Maßnahmen, die Regierungen erlassen. Die Lockerungen im Sommer und die rasche Normalisierung, das Ignorieren oder Abwehren der Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen im Alltag fand ich sehr ernüchternd. Dementsprechend habe ich in dieser Zeit vor allem pessimistische Texte verfasst.

Über einen Unikurs kam dann der Impuls, etwas positiver zu denken, mich in die Zukunft zu versetzen. Und da habe ich dann beschlossen, aus dem ganzen negativen Knäuel etwas Positives zu spinnen. Mit den oben genannten Einstellungen können wir als Gesellschaften langfristig nicht resilient sein, egal in welcher Krise. In meinem Szenario passiert dann eigentlich etwas relativ unwahrscheinliches, nämlich dass auf einer großen Zahl Toter und einem von der Gesellschaft selbst zerquetschten Gesundheitssystem eine starke solidarische Gesellschaft entsteht. Wie die Verantwortung für gesellschaftliches Versagen, für massenhafte Tode psychologisch verarbeitet werden kann, kommt im Audiowalk nicht vor. Vermutlich durch kollektive Verdrängung.

Damit zur zweiten Welle: wenn es jetzt über den Winter zu Triagen kommt, können wir die Schuld nicht komplett „der Politik“ in die Schuhe schieben. Natürlich haben Regierungen auch versagt, z.B. wenn es ums Contact Tracing geht. Aber wir können seit einigen Monaten wissen, dass es an uns liegt, und auch dank Wissenschaftler*innen, wie wir die Übertragung des Virus besser verhindern können. Und wir können wissen, dass die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems endlich sind, sowie unter welchen Bedingungen Menschen dort für uns alle arbeiten. Es ist nicht so, als liefen wir nicht sehenden Auges in eine Kreissäge. Wer gerade mit dem Finger auf Coronaleugner*innen und Verharmloser*innen zeigt, könnte auch darüber nachdenken, ob das eigene Verhalten gerade der Schwere der Situation angemessen ist, oder der eigene Umgang nicht auch Verantwortung verdrängt, ein Virus verharmlost, das in einigen Fällen tödlich ist oder die Gesundheit bisweilen schwer schädigt.

Persönlich bin ich gerade in Graz in Österreich und mache ein „Urlaubssemester“ beim freien Radio Helsinki. Die pandemische Lage überrascht mich nicht besonders, auch wenn ich uns leider gerade nicht auf „Daseinsfürsorge“ zusteuern sehe. Ich lebe aber ein für diese Zeit sehr privilegiertes Leben: ich habe viele Projekte, gute Bücher, Filme, Online-Konferenzen und Menschen die ich anrufen kann. Und ich verbringe viel mehr freie Zeit vor allem total unlocked an der frischen Luft.

Du hast einen Bachelor in Kulturwissenschaften, studierst nun im Master an der Bauhaus Uni Weimar Medienkunst- und Gestaltung. War das ein schrittweiser Prozess, oder wolltest du schon immer Kunst machen?

Ich war schon als Kind immer kreativ und habe das recht unterschiedlich ausgelebt. Mein Lebensweg ist nicht besonders gerade verlaufen, ich bin ständig umgezogen, habe viel im Ausland gelebt und gearbeitet. Die Geisteswissenschaften kamen zwischendurch dazu und haben mich auf jeden Fall sehr geprägt. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Privileg hatte viel zu lesen, zu denken, zu schreiben. Ich habe danach zwei Jahre gearbeitet und empfand das erste Semester in Weimar dann auch wieder als Riesenerleichterung – meinen eigenen Themen und Ideen nachgehen zu können, von den Dozierenden an der Uni und Mitstreiter*innen unterstützt zu werden fühlt sich wirklich gut an. Ob meine Arbeiten „Kunst“ sind, entscheiden letztlich andere. Der schrittweise Prozess war eher der Umgang mit meinen eigenen Ideen – es hat bei mir schon recht lange gedauert nicht mehr für die Schublade zu produzieren und zu beschließen, dass ich die Sachen auch zeigen möchte und mehr Lebenszeit in kreative Arbeit investieren will.

Wir haben dich über Sound kennen gelernt, aber du arbeitest sehr interdisziplinär mit Text, Bild und Installation. Was reizt dich am Audio-Format?

Mit Audio und Installation habe ich erst durch das Studium angefangen. Besonders der Input vom Experimentellen Radio an der Uni hat mir wirklich ganz neue Türen geöffnet, vorher hatte ich mich nie so intensiv damit beschäftigt. Ich mag an Audio die Immersion, die Möglichkeit sehr rhythmisch zu arbeiten und einen ganz anderen Zugang zu anderen Menschen zu haben. Es ist gerade jetzt im Studienkontext auch eine sehr kostengünstige Alternative zu Video, Film und anderen Medien, Projekte lassen sich ziemlich rasch umsetzen. Außerdem arbeite ich wirklich sehr gern mit Stimmen und Sprecher*innen. Soundtechnisch bin ich offener in der Umsetzung, aber bei der Interpretation von Texten habe ich immer sehr genaue Vorstellungen. Bei Installationen finde ich die Kombination spannend. Zwischen Räumen, Objekten, Ton kann ganz viel entstehen, ich kann aber auch besser beeinflussen, wie das Sichtbare überhaupt wahrgenommen und interpretiert werden könnte.

Besteht die Möglichkeit, dass wir dich irgendwann auch als Autorin einladen?

Momentan bin ich ja Autorin meiner Hörspiele und Drehbücher. Die Möglichkeit, dass ich irgendwann mal längere Texte schreibe, würde ich nicht ausschließen. Ob ihr die dann Literatur oder mich Autorin nennt, liegt aber wieder eher bei euch als bei mir.

Du arbeitest mit verschiedenen Aliassen, “Daseinsfürsorge” etwa erscheint unter den Pseudonymen Ulla Unlust und Annegret Altersarmut. Wieso?

Mein „bürgerlicher“ Name steht in meiner Geburtsurkunde und mit ihm wird früher oder später wohl mein Totenschein ausgestellt. In der Zwischenzeit ist er verknüpft mit Identifikationszwängen, wie Steuernummern, Krankenkassen, Belegen, Rechnungen, Anträgen etc.

Dabei klingt auch immer die Idee der „Einheit“ einer Person und Identität an, die ein ganzes Leben lang gleich oder zumindest kongruent, nachvollziehbar, linear entwickelt sein soll. 1 Name verlangt nur 1 Narration. Damit fühle ich mich irgendwie nicht wohl, und die Aliasse kommen immer von selbst.

Vor kurzem habe ich eine mögliche Legitimation bei Paul B Preciado gefunden – „die Aufteilung des Autors in eine Vielzahl von Stimmen […] die den Übergang vollziehen – [ist] ein Phänomen, das in jeder Schreibarbeit steckt, für gewöhnlich aber von der Einheit des Autorennamens verdeckt wird“. [Preciado, Paul.B (2020) Ein Apartment auf dem Uranus. Berlin: Suhrkamp, S. 34] – Ich würde das auf alle Arbeiten beziehen. Die Verwendung verschiedener Namen ist auch eine kulturfeld-kritische Technik. Das ist aber wiederum ein ganz eigenes Thema…

Du verknüpfst deine Kunst ausdrücklich mit sozialen und politischen Fragen und bist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In dem Agit-Audioseeds-Walk “Daseinsfürsorge”, den du uns für die Sendung zur Verfügung gestellt hast, hast du die Folgen der Coronakrise weitergedacht und dir eine Zukunft ausgemalt, in der die Menschheit mit wiederkehrenden Infektionswellen zu leben gelernt hat, und in der Vieles besser und solidarischer läuft. “Ich habe gefühlt, was meine Würde ist”, sagt eine der Figuren, “weil ich gemerkt hab, ich kann sie verlieren.” Müssen die Menschen erkennen, dass sie sterblich sind, um eine solidarische Gesellschaft zu errichten?

Es ist interessant, dass du den Satz so deutest. Ich denke, dass die Menschenwürde meist über den Tod hinaus besteht, beobachtbar zum Beispiel in der Art und Weise, wie tote Menschen bestattet werden. Als ich den Satz geschrieben habe, dachte ich eher an die Menschen, deren Wert und somit Würde während der Pandemie immer wieder von anderen Menschen ins Wackeln und Wanken gebracht wird.

Damit meine ich diejenigen, die bis 2020 ein für sie normales Leben geführt haben. Bis andere Menschen begonnen haben, sich zu fragen, ob es sich überhaupt „lohnen“ würde, das öffentliche und wirtschaftliche Leben runterzufahren. Dadurch war auf einmal nicht mehr gesichert, dass jedes Leben erstmal gleich viel wert sein sollte.

Dieser Diskurs entwertet und entwürdigt auch alle, die am Virus versterben. Das können auch junge, fitte Menschen sein – im sozialdarwinistischen Sprech waren diese dann einfach doch „zu schwach“. Ich finde das echt problematisch. Menschen, die mit bestimmten Diagnosen leben, sollen sich jetzt nicht mehr nur um ihre eigene Gesundheit kümmern, sondern sich auch noch vor dem Virus in Acht nehmen, und gleichzeitig ist das in einigen öffentlichen und sehr vielen privaten Räumen nicht möglich, wenn Maßnahmen nicht eingehalten werden oder nicht im Sinne bestmöglichster Prävention gestaltet sind.

Wenn sich unser Verhalten nicht an der bestmöglichsten Prävention orientiert, schließen wir viele Menschen von Teilhabe aus unseren privaten und öffentlichen Räumen aus. Und ignorieren, dass das Virus sich manchmal recht wenig um diese vorher festgelegten „Risikofaktoren“ schert.

Zum anderen Punkt: ich schätze, dass die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit unterschiedliche Blüten treibt, und nicht immer auf Solidarität rausläuft. Der Begriff Solidarität wird ja auch momentan ständig recht munter umgedeutet, z.T. Auch entwertet, und in der aktuellen Situation durch viele Personen ganz unterschiedlich ausgelegt. Niemand möchte sich als unsolidarisch bezeichnen lassen. Eine Person meint, es sei gerade solidarisch zu Hause zu bleiben, eine andere Person meint, den eigenen engen Kontaktkreis von 30 auf 20 Personen zu reduzieren sei solidarisch, wiederum eine andere ändert gar nichts am eigenen Alltag aber installiert solidarisch die Corona-Warn-App.

In der Welt von Daseinsfürsorge ist die Solidarität auch nicht Garant. Es ist ja beispielsweise nicht so, dass sie alle Tode vermeiden können. Dafür gibt es auch zu viele Viren die auf den Menschen übergesprungen sind. Aber sie strengen sich echt an. Und sie haben Wege gefunden, trotz Prävention einen gewissen Hedonismus auszuleben und ihr Leben zu genießen. Statt dem Rückzug ins Private oder Digitale haben sie zum Beispiel die Chance genutzt mehr Freiflächen in der Öffentlichkeit zurückzuerobern und als Gesellschaft auszuhandeln, was eigentlich für ein gutes Leben für alle wichtig ist. Da schwingt viel Lust auf Veränderung mit.

Ich kann leider nicht beantworten, welche Erkenntnis zu mehr solidarischem Handeln bei Einzelpersonen führen würde. Allgemein bräuchte es aber für eine solidarische Gesellschaft sicher mehr Lust und Willen und Offenheit zur Veränderung.

Vielen Dank für das Interview!

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ioha gestaltet unter verschiedenen Aliassen künstlerische Texte, (Bewegt-)Bild, Ton und Installationen. Eigentlich als Master of Fine Arts Medienkunst- und Gestaltung Studierende an der Bauhaus Universität Weimar, gerade für ein halbes Jahr am freien Radio Helsinki in Graz. Besonderes Interesse widmete sie in ihren letzten Arbeiten der Verwebung psycho- und sozialpolitischer Fragen, Subkultur und (Land-)Arbeiter*innenkultur.

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