„Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und der Freistaat schätzt dieses Potential auch.“

Am 11. April kehrt „In guter Nachbarschaft“ einmal mehr ins Franz Mehlhose nach Erfurt zurück. Dann wird neben Isabelle Lehn und Antje Lampe auch Sandra Blume aus ihren Texten lesen. Wir stellen die Autorin aus Marksuhl im Kurzinterview vor. Ihre Website mit zahlreichen Gedichten und Fotos ist hier zu finden.

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Sandra Blume hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Im August 2018 erschien der Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien der Autorin beim Thüringer Landstreicher Verlag. (Foto: Yvonne Bartsch)

Liebe Sandra, auf deiner Website gibst du die Selbstauskunft „[Die] Dichterin lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem kleinen Haus auf einem kleinen Hof im Thüringer Wald.“ Das klingt nach einem recht idyllischen Leben.

In gewisser Weise ist das natürlich idyllisch. Ich brauche es ruhig und grün und mit eher weniger Menschen. Ich bin sehr nah an der Natur und registriere die kleinsten Veränderungen im Wechsel der Jahreszeiten, selbst im Licht des Tages. Das brauche ich sehr – wobei ich auch Momente der Ruhe finden muss, das aufzunehmen und vor allem schreibend umzusetzen. Leben im ländlichen Idyll bedeutet nämlich auch: viel Arbeit in Haus und Garten. Obwohl ich durchaus sehr gern in der Erde rumwühle, Blumen pflanze oder Steine schleppe.

Wie nimmst du das literarische Leben oder das Literaturland Thüringen von außerhalb der größeren Städte wahr?

Ich bin dankbar, dass es facebook gibt. Ich habe mich hierüber mit anderen, die schreiben und veröffentlichen vernetzt. Mit Autoren, Verlagen, Initiativen und Einrichtungen. Das ist ungemein bereichernd. Das literarische Leben in den größeren Städten kam mir immer ein wenig elitär vor und ich habe mich als die „Provinzdichterin“, als die ich mich lange empfunden habe, ein bisschen davor versteckt. Unterdessen verbinden mich doch eine Reihe von literarischen Freundschaften mit „Stadtkollegen“. Ich finde, Thüringen ist mit tollen Autoren gesegnet und in meiner Wahrnehmung schätzt der Freistaat dieses Potential auch.

Dein Schreiben folgt einem recht sensitiven, im Grunde romantischen Ansatz. Woher kommt das deiner Meinung nach?

Ich bin ein sehr sensitiver oder noch besser: sehr sinnlicher Mensch. Ich bin wie ein Schwamm, der die kleinsten Details aufsaugt. Und dann kommt das Gefühl dazu und irgendwann später (oder auch gar nicht ;-)) setzt der Verstand ein. Und ja, ich bin romantisch. Ich finde das Leben tatsächlich schön und ich halte mich vorzugsweise an das Schöne.

Sind dir als Dichterin die Klassiker*innen und Romantiker*innen etwas näher, als z.B. zeitgenössische Lyriker*innen?

Nein überhaupt nicht. Ich mag natürlich Rilke – das war meine erste Lyrikliebe und ich mag noch heute diese starken, singenden Gedichte. Meine literarischen Wurzeln liegen aber eher bei Hilde Domin und vor allem bei Eva Strittmatter, deren bodenständige, treffsichere Texte mir viel bedeuten. Ich lese viel zeitgenössische Lyrik und gehe auch gern zu Lesungen in die größeren Städte, wenn ich irgendwie dafür Zeit finde.

Du teilst deine Gedichte bisher vor allem online und häufig in Verbindung mit Naturfotografien. Welchen Stellenwert hat diese zweite Kunst für dich bzw. die Verbindung von Bild und Text?

Die Sache mit den Fotos ist eigentlich nur ein Mittel zum Zweck gewesen, weil ich meine Texte in den Sozialen Medien bebildern musste. Ich bin keine wirklich leidenschaftliche Fotografin und von der Technik habe ich fast gar keine Ahnung. Aber mir haben viele gestandene Fotografen gesagt, dass ich einen ungewöhnlichen Blick für den richtigen Moment hätte. Ich habe zum Fotografieren noch weniger Zeit als zum Schreiben. Auf dem Weg zur Arbeit kurz anhalten, in zwei Minuten festhalten, was mich zum Anhalten gebracht hat und dann weiter eilen, weil das Kind im Auto zur Schule muss und schon die Augen verdreht. Ich mag allerdings diese Verbindung, die ich dann schaffen kann – zwischen Fotos und Texten. Manchmal entsteht beides im gleichen Moment, oft illustriert sich so ein Text dann später wie von selbst mit dem richtigen Foto.

Vielen Dank für deine Antworten. Wir freuen uns auf deine Lesung in Erfurt!

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Lesung, Gespräch, Musik mit Isabelle Lehn, Sandra Blume, Antje Lampe und yanzzon

11. April 2019 – 19:30 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99089 Erfurt)

Eintritt: 5,- € / ermäßigt 3,- € (nur Abendkasse)

„Meine Freundin hat lange gedacht, ich hätte das Wort Lampenfieber erfunden.“

Am 11. April kehrt „In guter Nachbarschaft“ einmal mehr ins Franz Mehlhose nach Erfurt zurück. Diesmal ist auch die Erfurter Autorin Antje Lampe mit dabei. Und das nicht zum ersten Mal. Ein willkommener Anlass für ein kleines Interview.

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Antje Lampe, Jahrgang 1989, geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Brandenburg, inzwischen Erfurterin aus Gelegenheit. Eobanus-Hessus-Preisträgerin 2018. Als Gründungsmitglied der Aktionsgruppe Eskapismus liest sie regelmäßig Texte auf eigenen oder fremden Bühnen vor. (Foto: Krajamine)

Als „In guter Nachbarschaft“ zum ersten Mal in Erfurt gastierte, warst du mit dabei. Wie hast du den Abend in Erinnerung?

„In guter Nachbarschaft“ war nach dem KoCOLORes und der Spätlese erst die dritte öffentliche Lesung, bei der ich in Erfurt mitgemacht habe. Mit Franz Mehlhose waren wir in einer meiner Lieblingslokale, aber ich muss zugeben, dass ich riesiges Lampenfieber hatte. Meine spanischsprachige Freundin Silvia hat übrigens lange gedacht, ich hätte das Wort „Lampenfieber“ erfunden.

Zweieinhalb Jahre sind seither vergangen. Was ist in der Zwischenzeit bei dir passiert?

Es ist auf jeden Fall einiges an Leseerfahrung dazu gekommen. Ich war viel mit der Aktionsgruppe Eskapismus unterwegs und habe mit meinen Literatur-Kumpanen Freddy und Fuchstraum an ganz verschiedenen Orten in Thüringen und anderswo gelesen. Im Herbst 2017 haben wir dann auch unseren „Wortwald“ herausgebracht, eine Anthologie mit Texten von mitteldeutschen Autor*innen und wunderbaren Illustrationen von Krajamine. Außerdem arbeite ich inzwischen an einem Roman.

Welche Themen oder Genres interessieren dich derzeit bzgl. deiner schriftstellerischen Arbeit hauptsächlich?

Zur Zeit beschäftige ich mich viel mit dem „Coming of Age“-Thema. Das Heranwachsen mit seinen kleinen, einschneidenden Moment, kaum sichtbar vielleicht, aber umso stärker für die Protagonisten spürbar – das sind Momente, von denen ich erzählen will. Das ist auch die Grundlage für den Roman, den ich zu schreiben versuche.

Du bist eines der drei Mitglieder der „Aktionsgruppe Eskapismus“. Was genau macht ihr da?

Ganz einfach: schreiben, lesen und über das Leben und die Welt sprechen. Letzteres aber nicht immer mit Publikum. Dem bringen wir dafür manchmal Schnaps mit. Das ist ja auch was.
In seriös bedeutet das: Wir sind eine Autorengruppe, die auf gemeinsamen Veranstaltungen eigene Texte vorliest und dazu gern auch andere Autor*innen einlädt. Ich wäre früher gern Teil einer Band geworden, aber mein musikalisches Talent ist nicht ganz so ausgeprägt. Im Grunde ist die Aktionsgruppe Eskapismus eine literarische Band.

Von jungen Autor*innen wird immer mal wieder mehr Beteiligung am politischen Diskurs gefordert. Ist es da als statement zu verstehen, dass ihr euch das Wort Eskapismus auf die Fahne schreibt?

Im Gegenteil, die Aktion ist das Statement. Autor*innen und Leser*innen wird gern vorgeworfen, dass sie eine Art Weltflucht begehen würden. Dem setzen wir die Aktion entgegen. Wir wollen nicht nur in unseren eigenen Zimmern hocken, auf Bildschirme schauen und uns in unseren selbst erschaffenen Welten verlieren – wir kommen auch sehr gern aus unseren Schreibhöhlen heraus und fordern zur Aktion auf. Es ist zwar ein Oxymoron, aber für uns passt Aktionsgruppe sehr gut mit Eskapismus zusammen.

Worauf können wir uns bei deiner Lesung am 11.4. freuen?

Auf eine Gruppe von Freunden, die sich als Ziel für eine private Abifahrt einen spießigen Ferienpark ausgesucht haben und dort zwischen Vorzeigefamilien und Frühstücksbuffet mit ihren persönlichen, kleinen Tragödien klar kommen müssen.

Darauf freuen wir uns, liebe Antje. Vielen Dank für deine Antworten.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #20

Lesung, Gespräch, Musik mit Isabelle Lehn, Sandra Blume, Antje Lampe und yanzzon

11. April 2019 – 19:30 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstr. 12, 99089 Erfurt)

Eintritt: 5,- € / ermäßigt 3,- € (nur Abendkasse)

 

„Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut.“

Der er aus Pößneck stammende Dichter und Musiker Robert Wenzl war mit und ohne Gitarre Gast unserer Lesereihe. Mit seiner neuen Band Innung für Rockmusik veröffentlichte er unlängst die EP Algorithmenwind. Grund genug für ein kleines Interview.

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Die Band Innung für Rockmusik um den Songwriter Robert Wenzl (2.v.l., Foto: Jakob Schmitt)

 

 

Mario Osterland: Lieber Robert, ich habe dich als Dichter und Singer/Songwriter kennengelernt, außerdem als Gitarrist der Band Lightcap. Jetzt bist du mit einer neuen Band am Start. Wie kam es dazu?

Robert Wenzl: Es gibt da verschiedene Gründe. Zum einen hatte ich nach der dritten CD als Singer/Songwriter das Bedürfnis, etwas Neues zu machen. Ich wollte textlich mehr Bewegungsfreiheit und dass die Lieder mehr Eigenständigkeit bekommen. Als Singer/Songwriter denken viele, dass die Lieder von einem selbst handeln. Aus dieser Falle wollte ich raus. Zum anderen begann vor Jahren mein Interesse zu Musik eigentlich mit Rock und Metal, von daher lag da schon immer eine Spur, die ausbaufähig war. Und in den letzten Jahren war der deutschsprachige Mainstream-Pop zwar immer größer, jedoch auch immer phrasenhafter geworden. Besonders die Musik klingt zur Zeit sehr gleich, selbst bei Indiebands. Wir, immer noch die gleichen Leute wie bei Lightcap, haben dann angefangen herumzuprobieren mit rockigeren Sachen, was sehr gut für uns funktioniert hat. Von den Texten her habe ich mich versucht von eigenen Erfahrungen zu lösen und habe sehr viel mit Zitaten gearbeitet. So entstanden dann sehr eigenständige, collagenartige Lieder, die ganz anders klangen als die Sachen, die ich und wir zuvor gemacht haben.

M. Osterland: Der Name Innung für Rockmusik klingt nach Interessenvertretung. Wie steht’s denn deiner Ansicht nach mit der Rockmusik 2019?

R. Wenzl: Puh, schwierige Frage. Natürlich schwingt im Bandnamen auch etwas Ironie mit, jedoch stimmt schon deine Vorahnung: Irgendwie dachte ich, dass besonders in der deutschsprachigen Musik der Rock ein Nischendasein fristet und eine eigentlich eine Vertretung bräuchte. In der DDR gabs ja eine große Szene, und in den 60ern und 70ern der BRD war Rock sogar im Mainstream. Aber das sind heute alles ältere Leute, die entweder schon lange keine Musik mehr machen oder nur noch eine ältere Hörerschaft ansprechen (Westernhagen, Wolfgang Niedecken). Jüngere Bands spielen so etwas nicht, frei nach Nietzsche könnte man also sagen: Rock ist tot. Aber das war eben auch der große Reiz: Musikalisch ist man bei Rock stark festgelegt, aber textlich empfand ich die Musik als großen Möglichkeitsraum, da man eigentlich wenig Konventionen hat, die man erfüllen muss.

M. Osterland: Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess der Platte? Bist du mit fertigen Songs ins Studio gekommen oder habt ihr die zusammen entwickelt?

R. Wenzl: Die meisten Songs sind über den Zeitraum eines Jahres entstanden. Ich hatte angefangen, ein paar Rocksongs von Bob Dylan zu übersetzen, um ein bisschen Sprachgefühl für die Musik zu entwickeln, dann habe ich Gedichte und andere Textbausteine gesammelt und einfach auf große Blätter geschrieben. Davor habe ich dann angefangen zu improvisieren und die Lieder geschrieben. Deshalb waren die meisten Lieder schon relativ fertig, bevor wir die ersten Proben gemacht haben. Jedoch hat sich in den Proben mit der Band erst so richtig gezeigt, was Potential hat und was nicht. Wir haben dann noch viel herumprobiert, verändert, besonders hier und da mal eine Strophe gestrichen oder etwas verkürzt, damit die Songs knackiger werden. Ins Studio gegangen sind wir dann mit fertigen Liedern. Das Studio in Frankfurt am Main ist in einem alten Bunker, man ist dort ein bisschen abgeschieden von der Welt und kann sich gut auf die Musik konzentrieren. Nach gerade einmal zwei Tagen war alles aufgenommen, es waren glaube ich die stressfreisten Aufnahmen, die ich bisher hatte.

M. Osterland: Worum geht es deiner Meinung nach in den Songs?

R. Wenzl: Grundsätzlich ist das natürlich den Hörer*Innen überlassen. Aber gerade weil es keine persönlichen Stoffe waren, habe ich natürlich auch angefangen mich zu fragen, worum es denn so geht. Am Ende sind es immer noch Songs, es geht also oft um große Themen wie Liebe, Leben, Einsamkeit, Tod. ‚Rippenbruch‘ etwa finde auch ich noch interessant, in dem Text deuten sich für mich Identitätsverlust und Prostitution an, dazu Verwahrlosung und Lust – eine ganz hübsche Mischung, finde ich. ‚Tote Filmstars‘ bringt in mir so ein Roadtrip-Gefühl hoch, das finde ich auch nicht schlecht. Aber wie gesagt, irgendwie treiben die Texte, dadurch dass sie nicht von mir sind, ein Eigenleben. Ein schöner Spuk.

M. Osterland: Das erste Stück der EP heißt „Albany“. Ich muss zugeben, dass ich da erstmal an Roger Whittaker denke musste. Der Song hat aber einen anderen, doch recht besonderen Hintergrund, oder?

R. Wenzl: Wir mussten natürlich auch an Whittaker denken und hatten unsere Freude daran. Wieso kennen wir den eigentlich? Schlager scheint man nicht aus dem Weg gehen zu können! ‚Albany‘ als Titel ist Ergebnis einer gewissen Verfremdung. Für das Lied hatte ich mir ein paar Zeilen von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau geliehen, der im Barock der Begründer des Galanten Stils war – was schon für sich genommen witzig klingt. Er hat ein, wenn du mich fragst, recht anzügliches Liebesgedicht an eine Gewisse Albanie geschrieben. Die Betonung liegt auf dem E am Ende, was sich aber nicht gut singen lässt, deswegen ‚Albany‘. Die ersten zwei Zeilen sagen schon alles: „Albanie, gebrauche deiner Zeit / Und laß den Liebeslüsten freien Zügel“. Die vielen Zeilen danach sind ein Versuch, sie ins Bett zu bekommen, mit allerlei bildlicher Sprache. Und anscheinend liegt es bei ihr zu bestimmen, ob sie ihn lässt oder nicht. Man muss dieses Gedicht einfach mal lesen, auch weil es so offen sexuell ist. Dass man vor über 300 Jahren schon so verdorben war, hat mich gefreut. Anscheinend war Sexualität vor dem Aufkommen des Bürgertums noch weniger tabuisiert. Ich habe dann auch weiter zurückgeschaut und festgestellt, dass selbst Walther von der Vogelweide offener über Verlangen und Sex schreiben konnte als Goethe und Schiller zusammen. Deswegen waren besonders ältere Texte für mich eine Bereicherung für meine Bildsprache. ‚Albany‘ kann da als gutes Beispiel dienen.

M. Osterland: Das heißt dein Songwriting ist nach wie vor recht stark mit deinen Erfahrungen als Dichter und Lyrikleser verbunden.

R. Wenzl: Ich würde sogar sagen, dass nun mein Songwriting deutlich stärker von meinen Erfahrungen als Dichter geprägt ist als zuvor. Ich sehe da eindeutig einen Methodentransfer von der Dichtung hin zur Musik. Ich hoffe nur, dass man den Liedern nicht (im negativen Sinne) anhört, dass sie etwas verkopfter sind. Schließlich sind es immer noch Songs und keine Gedichte, auch wenn das sich nicht prinzipiell ausschließt, ist es für mich nicht das Gleiche.

M. Osterland: Du warst im letzten Jahr Teilnehmer des Literaturwettbewerbs „open mike“. Das ist ja eine recht gute Bühne, um von dort aus weitere Schritte zu gehen. Wie sieht es derzeit mit deiner schriftstellerischen Tätigkeit aus?

R. Wenzl: Der „open mike“ war für mich gleichzeitig eine Motivation als auch Ruhepunkt, wenn nicht ein Stocken. Vor dem Wettbewerb war ich sehr motiviert und hatte neue Sachen, hauptsächlich Lyrik, geschrieben. Aber nach dem Wettbewerb war irgendwie die Luft raus. Ein paar Monate machte ich erst einmal eine Pause und kam zu nichts, nutzte die Zeit zum Lesen, Nachdenken, Entspannen. Aber seit Februar habe ich wieder Wind in den Segeln, schreibe nun deutlich mehr Prosastücke und versuche, dort mehr eine eigene Sprache zu finden. Ein paar Texte werde ich nun bei Wettbewerben und Zeitschriften einreichen. Man könnte also sagen, es läuft wie zuvor: viel Schreiben, viel Freude daran, aber wenig Resonanz. Jedoch nicht im Schlechten, es macht mir riesigen Spaß, ohne Druck einfach draufloszuschreiben. Und mal schauen, was das Jahr mit sich bringt. Es muss ja nicht die letzte Teilnahme am „open mike“ gewesen sein, oder?

M. Osterland: Na hoffentlich nicht! Ich wünsche dir in jedem Fall viel Erfolg mit der neuen Band und dem natürlich auch mit der Literatur. Vielen Dank für deine Antworten.

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Robert Wenzl, geboren 1990 in Pößneck. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studiert er seit 2014 Geografie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe 33 und HANT – Magazin für Fotografie. 2018 war er Finalist beim Literaturwettbewerb open mike. Er lebt in Berlin.

Mirandolina Babunashvili bei hr2-Kultur

Bereits im Juni hatten wir voller Freunde darauf hingewiesen, dass Mirandolina Babunashvili den diesjährigen hr2-Literaturpreis gewonnen hat. Im Nachgang der Frankfurter Buchmesse war sie bei hr2-Kultur zu Gast. Das 25-minütige Gespräch über ihren Werdegang, ihr Schreiben und die literarischen Szenen Hessens und Thüringens kann man unter diesem Link nachhören.

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Mirandolina Babunashvili (Foto: Dirk Skiba)

Robert Wenzl beim 26. open mike

Wir freuen uns sehr darüber, dass unser Nachbar Robert Wenzl zum diesjährigen open mike eingeladen wurde. Auf dem Wettbewerbsblog gibt er Auskunft über sich und sein Schreiben – und erinnert sich auch an uns zurück.

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Robert Wenzl (Foto: Julia Hauck)

Wer liest Deine Texte zuerst?
Ein paar enge Freunde lesen meine Texte meist zuerst. Man muss sich ja ein wenig kennen, um ernsthafte Kritik üben zu können. Manchmal stelle ich meine Texte auch anderen jungen Autoren vor, die ich aus meiner Jenaer Zeit kenne und die sich um die Lesereihe In guter Nachbarschaft um Mario Osterland und Peter Neumann zusammengefunden haben.

Nach einem aktuellen Literaturtipp gefragt antwortet Robert:

Gorch Maltzens »Sträuben«. Nicht nur ist dieses Buch verdammt schlau, sondern auch verdammt gut und unterhaltsam erzählt. Die Dialoge und Erzählungen darin haben in mir einen starken Eindruck einer absurden bis komischen Verlorenheit hinterlassen. Wer also gern über den postmodernen Abgrund schaut, darf sich eingeladen fühlen, dieses Buch zu kaufen.

Da schließen wir uns natürlich an, drücken Robert die Daumen und senden liebe Grüße nach Berlin!

Der open mike ist ein jährlich stattfindender Wettbewerb für junge deutschsprachige Lyrik und Prosa. Er findet in diesem Jahr vom 16. bis 18. November im „Heimathafen Neukölln“ statt. Alle Infos dazu gibt es hier.

Das ganze Interview mit Robert Wenzl kann man hier nachlesen.

Fünf Fragen an Lennardt Loß

Am Freitag, den 29. Juni findet die 17. Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT statt. Diesmal gibt es, wie in jedem Sommer, wieder eine Lesung mit Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Mit dabei ist u.a. Lennardt Loß, der für seinen Text Das Ascheroda Rindermassaker ausgezeichnet wurde. In diesem kleinen Interview erzählt er von seinem literarischen Weg zwischen Jena und Frankfurt/Main.

 

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Lennardt Loß (Foto: Viet Duc Le)

 

Wenn du an deine, wenn auch kurze Zeit in Jena zurückdenkst, was fällt dir dann spontan ein?

Meine erste Lesung, natürlich. Premiere, sozusagen. Bei Euer Summer Edition im August 2016, glaube ich. In so einem Pavillon im Paradies Park, so ein Glas- und Stahlgebäude. Draußen: kaum Wind, bestimmt 32 Grad Celsius. Drinnen: gar kein Wind, gefühlt 42 Grad Celsius. Und ich war abwechselnd brutal nervös und dann wahnsinnig euphorisiert. Nach der Lesung ging’s für einen Sprung in die Saale, schwimmen. Ich freu‘ mich deshalb nach zwei Jahren endlich wieder bei Euch zu lesen. Und aufs Mitternachtbaden in der Saale.

Welche Rolle hat das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen auf deinem bisherigen Weg als Autor gespielt?

Eine große! Für eine meiner ersten Short Stories, die ich geschrieben habe, gab’s 2016 den Anthologiepreis des Jungen Literaturforums-Hessen-Thüringen. Ich dachte damals: Hey, irgendwer scheint das gar nicht so mies zu finden, was du da schreibst. Und hab‘ weitergemacht. Mit dem Literaturforum hat also alles begonnen. Auf einem Workshop, den mir das Literaturforum vor fast zwei Jahren vermittelt hat, habe ich dann meinen Lektor Rainer Weiss kennengelernt. Er hat mich dann auch zu weissbooks.w in Frankfurt am Main vermittelt, wo im Januar 2019 mein Debüt erscheinen wird. Ich habe dem Literaturforum also sehr viel zu verdanken. Und bin auch ein bisschen traurig, dass ich nächstes Jahr nicht mehr teilnehmen kann, weil ich jetzt älter als 25 bin. Das ist Altersgrenze für die Teilnahme beim Wettbewerb.

Wie hat sich dein literarischer Weg verändert, seitdem du in Frankfurt/Main lebst?

In Frankfurt ist alles so richtig in Fahrt gekommen. Dort habe ich meine Verlegerin Anya Schutzbach und eben meinen Lektor Rainer Weiss kennengelernt. Dort habe ich meinen ersten Buchvertrag unterschrieben, mich für Klagenfurt beworben und die Zusage gefeiert. Der Grundstein aber, der wurde in Jena gelegt.

Wie kam es zu deiner Teilnahme beim diesjährigen Bachmannpreis und was hast du gedacht, als du eingeladen wurdest?

Klagenfurt, das war eine Idee meiner Verlegerin. Als sie gefragt hat, ob ich mich da bewerben möchte, dachte ich nur: Ne, das mache ich nicht, mir diesen Stress antun. Dann dachte ich: Lennardt, du eitle Dreckssau, du wirst doch eh nicht eingeladen, mach halt. Jetzt ist es nicht mal mehr ein Monat bis zum Wettlesen. Und ich bin immer noch erstaunt, dass es geklappt hat.

Kannst du schon etwas über deinem kommenden Roman verraten?

Das Buch wird eine Robinsonade ohne Robinson. Eine junge Frau überlebt einen Flugzeugabsturz über dem Pazifik und lebt 25 Jahre auf einer einsamen Insel, bis sie dort gefunden wird. Der Clou ist: Wir erfahren fast nichts über sie. Und das brauchen wir auch nicht, denn das Motiv der Robinsonade ist so tief in unserem kollektiven Bewusstsein verankert, dass wir diese Leerstelle problemlos füllen können. Sie wird vermutlich Nahrung suchen, eine Hütte bauen, ein Stück Land kultivieren. Was man auf einer einsamen Insel halt so macht. Stattdessen lesen wir Short Stories über Figuren, deren Lebenswege mit dem der jungen Frau verknüpft sind. Das kann enger gefasst sein, wie eine Story, die von ihren Eltern erzählt. Das kann aber auch weiter gefasst sein, wie eine Story über den Kapitän, der sie schließlich von ihrer Insel rettet. Wie gesagt: Eine Robinsonade ohne Robinson.

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LENNARDT LOSS, geb. 1992 in Braunschweig, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Jena und Frankfurt am Main. Seit 2017 arbeitet er als freier Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er wurde beim diesjährigen Jungen Literaturforum für Das Aschenroda Rindermassaker ausgezeichnet und ist in diesem Jahr Teilnehmer beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sein Debüt erscheint im Frühjahr 2019 bei weissbooks.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #17 – Junges Literaturforum Edition

mit Stefan Petermann, Lennardt Loß und Mirandolina Babunashvili

am 29. Juni 2018 – um 20 Uhr

im Paradise Birds (Vor dem Neutor 4, 07743 Jena)

Eintritt 5,-€ / ermäßigt 3,-€

3. Juni – Weimar – juLi im Juni – Ein Gespräch mit Patrick Walter

Auch in diesem Jahr findet wieder das bereits in Weimar etablierte Festival juLi im Juni statt. Am Sonntag, den 3. Juni dreht sich im Lichthauskino (Am Kirschberg 4) alles um das geschriebene Wort des literarischen Nachwuchses. Mario Osterland sprach mit Patrick Walter, einem der Organisator*innen, über die diesjährige Auflage des Festivals.

 

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Das diesjährige Team von „juLi im Juni“. Mario Osterland sprach mit Patrick Walter (3.v.l.).

 

Lieber Patrick, was genau ist „JuLi im Juni“ und warum gibt es das?

„juLi im juni“ steht für junge Literatur im Juni. Seit 16 Jahren werden junge, aufstrebende Autoren nach Weimar eingeladen, um sich einem Publikum vorzustellen. Die Idee dabei ist, dass die Autoren die Möglichkeiten haben, aus einem Ihrer kürzlich veröffentlichen Werke vorzulesen und im Anschluss mit dem Publikum darüber zu diskutieren.

Wer organisiert das Festival?

Organisiert wird die literarische Plattform von Studierenden der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar mit dem gemeinnützigen Verein weim|art e.V. als Träger des Projekts.

Wie kommen ausgerechnet Studierende einer Musikhochschule dazu ein Literaturfestival zu organisieren?

Der Studiengang Kulturmanagement ist zwar an die HfM Weimar angegliedert, jedoch ist der Studiengang nicht alleine auf die Musikszene ausgerichtet. Die Studierenden des Studienganges haben viele unterschiedliche Hintergründe, daher ist die Zusammenarbeit auch so ein fruchtbares Ergebnis.

Inwiefern werden die Erfahrungen aus den vorherigen Jahren weitergegeben und darauf aufgebaut?

Im Vorfeld des Festivals gab es einen Austausch mit dem Team aus dem letzten Jahr. Jedes Jahr bildet sich ein neues Team aus Studierenden, die einen Tag voller Poesie gestalten. Dabei findet das Festival immer unter wechselnden Mottos statt, dieses Jahr unter dem Motto Sprachspiel.

Was ist in diesem Jahr anders bzw. was macht die diesjährige Ausgabe besonders?

Die 16. Ausgabe des Literaturfestivals lockt mit Außergewöhnlichem. Unter dem Thema „Sprachspiel“ wird am 3. Juni 2018 im Lichthauskino Weimar, dem ehemaligen Straßenbahndepot, einen ganzen Tag lang mit Sprache experimentiert. Ob beim Schreiben, Sprechen, Lesen oder Hören – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt! Denn neben fesselnden Lesungen der jungen Autor*innen Oliver Mörchel, Paula Fürstenberg, Gorch Maltzen, und Elias Vorpahl, bietet das diesjährige „Sprachlokal“ regionalen Sprachkünstler*innen jeder erdenklichen Richtung eine Bühne. Ob Poetry Slam oder Rap, veröffentlichtes Werk oder persönliche Premiere, jeder ist willkommen!
Doch nicht nur in spielerischen Wortkünsten findet sich das Motto wieder – im vielseitigen Rahmenprogramm bespielen auch einige Musiker die Bühne. Neben abwechslungsreichen musikalischen Einlagen, bieten mehrere Hörspiele einen ungewöhnlichen Ohrenschmaus. Und wer sein literarisches Bedürfnis dann noch auf eigene Faust stillen möchte, hat zum Beispiel bei unserem Literaturautomaten die Chance dazu.
Und wer noch nicht genug hat gönnt sich ein Bier in gemütlicher Atmosphäre und hat die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, zu diskutieren oder einfach nur fantasievoll den Geräuschen der Künstler zu begegnen.

Brauchen Literaturfestivals eigentlich ein Motto?

Generell nicht. Jedoch bieten Mottos einen gemeinsamen Rahmen zur künstlerischen Gestaltung eines solchen Festivaltages.

Warum habt ihr euch für „Sprachspiel“ entschieden?

Literatur ist eine Gattung, in der Sprache ein spielerischen Element ist. Das Experimentieren mit Sprache ist der Ausgangspunkt des diesjährigen Festivals. Sprache wird hier nicht nur als Teil der Literatur gesehen, nein das Spiel mit der Sprache wird auch durch das vielseitige Rahmenprogramm sichtbar. Das Publikum hat die Möglichkeit, das Spiel mit der Sprache nicht nur in den Lesungen selbst zu erfahren, sondern auch durch Musik, der Hörspielecke und vielem mehr.

Im vergangenen Jahr schien das Festival durch mehrere Veranstaltungsorte enger mit der Stadt verwoben zu sein. In diesem Jahr findet alles an einem Ort statt, warum?

Wir möchten eine Oase für Literatur sein, in der das Publikum und die Autoren die Möglichkeit haben, sich untereinander austauschen, und daher entschieden wir uns, das Festival an einem Ort stattfinden zu lassen. Das Lichthauskino in Weimar ist fest in die Kulturszene in Weimar integriert und bietet eine entspannte Atmosphäre mit Garten und Café.

Worauf freust du dich am meisten an diesem Tag?

Ich freue mich am meisten darüber, unsere fruchtbare Arbeit einem Publikum zu präsentieren. Ich bin mega gespannt auf die Lesungen und auch auf die Konzerte, da ich selbst auch gerne Musik mache. Für mich ist auch ganz wichtig, dass sich das Publikum geborgen fühlt und dass es ein Tag voller Entspannung wird.

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juLi im Juni – Das Festival für junge Literatur

am Sonntag, 3. Juni 2018

ab 11 Uhr im Lichthauskino Weimar (Am Kirschberg 4)

Eintritt: 10,-/ ermäßigt 8,-€ im VVK (Abendkasse: 12,-/10,-€)

Das Programm, Tickets, Informationen zu den Autor*innen und alles weitere gibt es unter: http://juli-im-juni.de/

Vorgestellt: Wassily Kandinsky als Dichter

Am 8.12. findet in Weimar eine besondere Ausgabe unserer Lesereihe statt. Wir widmen uns einen Abend lang einer eher unbekannte Seite des Künstlers Wassily Kandinsky. In Lesung und Konzert stellen Alexander Filyuta, Alexander Graeff und der Jazzposaunist Conny Bauer das dichterische Werk Kandinskys vor. [Alle Infos hier.]

Mario Osterland sprach vorab mit Alexander Graeff über seine Arbeiten zu Kandinsky.

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Alexander Graeff (Foto: Ute J. Krienke)

Mario Osterland: Lieber Alexander, du beschäftigst dich schon ziemlich lange mit dem Werk und der Person Wassily Kandinskys. Was fasziniert dich an ihm?

Alexander Graeff: Mich fasziniert seine Biografie vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Auf der einen Seite zählt er zu den bekanntesten VIPs der Klassischen Moderne, seine Kunst und er selbst sind bis heute beliebte Projektionsflächen für bürgerliche Mythenproduktion, die oft den sozialgeschichtlichen Umständen der Zeit diametral entgegenlaufen; die ‚klassische‘ Kunstgeschichte hat diese sehr einseitige und oft verzerrende Rezeption seines Lebens und Werks zum Teil mit hervorgebracht. Auf der anderen Seite – und das treibt mich zu dem Thema – ist Kandinsky ein gutes Beispiel für ein bestimmtes deviantes Verhalten eben in Bezug auf seine Biografie: Dass er sich erst im Alter von dreißig Jahren für eine Kunstausbildung in München entschied und auf seine bisherige akademische Laufbahn in Russland verzichtete, dass er ein Kenner des Okkultismus war, oder dass er eine gewisse Zeit polyamor lebte, sind nur einige Aspekte seiner Biografie, die ich spannend finde und nach und nach herausarbeite – nicht zuletzt auch, um das oben erwähnte Bild von Kandinsky zu ergänzen und ggf. zu korrigieren.

M. Osterland: Du hast über den Pädagogen Kandinsky promoviert und im letzten Jahr als Herausgeber den Dichter Kandinsky präsentiert. Sind das zwei verkannte Seiten eines Mannes, der heute immer noch in erste Linie als Maler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Ganz genau. Nur wenigen war Kandinsky als Pädagoge oder Poet bekannt, dabei sah er sich selbst in diesen Rollen. Die Kunstgeschichte zeigte ihn immer nur als Maler oder Grafiker, publiziert wurden vorrangig Bildinterpretationen in zigfacher, sich wiederholender Ausführung, die seinen Weg zur abstrakten Kunst illustrieren. Sein soziales Umfeld aber wurde nur wenig beachtet, genauso wenig wie seine Bildungsvorstellungen, seine Gesellschaftskritik, seine poetischen Ambitionen oder sein esoterisches Weltbild. Gerade letzteres passte eben nicht ins Bild, das sich die bildungsbürgerliche ‚Elite‘ nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm machte.

M. Osterland: Ist das der Grund warum Kandinsky heute vor allem als Maler ‚schöner bunter Bilder‘ bekannt ist?

A. Graeff: Kann sein, dass diese Deutung sowas auch befördert. Eine wichtige Denkfigur Kandinskys war die Synthese der Künste, es verwundert daher nicht, dass er sich in allen Sparten der Kunst ausprobierte. Um so mehr aber verwundert es, dass ihn die Kunstgeschichte ebenso wie der ‚bürgerliche Mythos‘ jahrelang nur als Maler betrachtete und bewarb.

M. Osterland: Welchen Stellenwert innerhalb seines Werkes hatte sein poetisches Schreiben und die Dichtung allgemein für Kandinsky?

A. Graeff: Vor dem Ersten Weltkrieg scheint es so gewesen zu sein, dass er sich so gar nicht entscheiden konnte, ob er sich eher als Maler oder als Schriftsteller sehen sollte. Mit dem Münchner Piper Verlag hatte er ab etwa 1910 einen Verlag gefunden, der sowohl seine kunst- und gesellschaftstheoretischen Texte als auch seine poetischen Arbeiten veröffentlichte. 1912 erschienen sein berühmtes Buch Über das Geistige in der Kunst und seine Prosagedichtsammlung Klänge.

M. Osterland: Das heißt also, dass Kunst und Literatur in Kandinskys Denken und Schaffen zu jeder Zeit gleichberechtigt vom ihm behandelt oder betrachtet wurden?

A. Graeff: Nein, es trifft, auf eine bestimmte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu. Als er 1921 wieder nach Deutschland kam und dann ein Jahr später ans Bauhaus berufen wurde, hatte sich sein Schaffen im Vergleich zur Münchner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weiter professionalisiert, er setzte dann Schwerpunkte bei den bildenden Künsten, nicht zuletzt auch, weil er ja von Gropius als Zeichenlehrer ans Bauhaus berufen wurde. Kunstpädagogik, Malerei und Grafik waren dann seine Hauptbeschäftigungsfelder.

M. Osterland: Wie gestaltete sich die Übersetzungs- und Herausgeberarbeit für die Neuausgabe seiner Gedichte in Vergessenes Oval?

A. Graeff: An die Originalmanuskripte kamen wir nicht heran, die liegen verschlossen im Kandinsky-Archiv im Centre Pompidou in Paris. Die Kandinsky-Forschungssituation ist zum Teil eine sehr esoterische Sache, nicht jede*r Forscher*in kommt in die Archive, ein Zustand, der oft schon bemängelt, aber bisher nicht verändert worden ist. Große Museen und Archive, die Kandinsky-Material besitzen, wittern Konkurrenz und wollen nach und nach selbst Ausstellungen und Bücher zum Thema auf den Markt werfen. Wir haben für Vergessenes Oval auf eine edierte Forschungsversion des Manuskriptes zugegriffen. Nur die Übersetzungen daraus haben wir nicht übernommen, die hat Alexander Filyuta neu übersetzt.

M. Osterland: Welche Rolle spielen die Illustrationen für ein Buch, dessen Autor ja vordergründig als Künstler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Das war für Christoph Vieweg wirklich eine Herausforderung und anfangs war ich auch skeptisch, wie das Konzept der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin auf Kandinsky übertragen werden würde. Christoph hat das in meinen Augen aber hervorragend gelöst. Er hat eine neue Bildsprache gefunden, die Motive aus Kandinskys Grafiken zwar aufgreift, aber eine eigenständige Gesamtkomposition darstellt, die den Text gut ergänzt.

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aus: Wassily Kandinsky – Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass. (Verlagshaus Berlin, 2016)

M. Osterland: Was macht deiner Ansicht nach das Lesen von Kandinskys literarischen Texten reizvoll?

A. Graeff: Sie zeigen die Entwicklung der Kunst der Moderne auf literarischer Ebene. Seine Texte sind konkret wie seine Grafiken, ironisch und stark inspiriert vom Dadaismus. Seine Texte sind Wegbereiter der Konkreten Poesie, gerade dieser Sachverhalt ist wenigen bekannt. Kandinsky kann als Vorläufer der Konkreten Poesie bezeichnet werden. Der spätere ‚Gründer‘ der Konkreten Poesie Eugen Gomringer hat sehr genau Kandinskys Texte studiert, die poetischen ebenso wie die kunsttheoretischen. Die Manifeste Gomringers aus den 1950er Jahren lesen sich zum Teil eins zu eins wie Kandinskys Überlegungen zur Synthese der Künste, zur abstrakten bzw. konkreten Kunst von vor dem Zweiten Weltkrieg.

M. Osterland: Am 8. Dezember 2017 liest du Kandinskys Prosagedichte zusammen mit dem Übersetzer Alexander Filyuta in Weimar. Außerdem spielt Conny Bauer auf der Posaune Improvisationen, die zu einem Bühnenstück Kandinskys entstanden sind. In dieser Dreierkonstellation konnte man euch in der Vergangenheit schon mal erleben. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

A. Graeff: Das war eher Zufall. In Berlin richtete uns die Berliner Literarische Aktion rund um Martin Jankowski eine Lesung aus und bot an, Conny Bauer, der ja vor etwa 10 Jahren zu Kandinskys Bühnenstück Der gelbe Klang gearbeitet und eine CD produziert hatte, für die Veranstaltung hinzuzunehmen. Das war natürlich eine große Ehre für Alexander Filyuta und mich! Und so kam es, dass wir drei uns sehr gut verstanden. Conny Bauers Improvisationen auf der Posaune passten perfekt zu Kandinskys zeitlebens unveröffentlicht gebliebenen Dada-Prosagedichten, die Alexander Filyuta und ich ja letztes Jahr mit Vergessenes Oval herausgegeben haben. Und jetzt wiederholen wir das Format in Weimar, einer Stadt, in der Kandinsky selbst drei Jahre lang lebte und wirkte.

M. Osterland: Waren die Weimarer Jahre eine besondere Zeit in Kandinskys Biografie?

A. Graeff: Sie waren eine sehr fruchtbare Zeit im Hinblick auf seine Freundschaft zu Paul Klee, den er ja aus München kannte und nun in Weimar wieder traf, und auch zu Lyonel Feininger. Das inspirierte ihn. Künstlerisch war er im Vergleich zu seiner Zeit in Russland davor viel produktiver. Überschattet wurde seine Zeit in Weimar allerdings vom provinziellen und xenophoben Milieu der Weimarer Bürgerschaft, in das eine damals so unkonventionelle Schule wie das Bauhaus mit ‚fremdländischen Zeichenlehrern‘ nicht so recht passen wollte. Von Beginn an hatten es Gropius und die anderen Bauhäusler*innen schwer mit ihrem lebensreformerischen Projekt. So schwer, dass der Druck von Rechts irgendwann so stark wurde, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

M. Osterland: Freuen wir uns also auf die Rückkehr Kandinskys nach Weimar am 8.12. Danke für das Gespräch!

Alexander Graeff, Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Promotion bei Heinz-Elmar Tenorth und Michael Parmentier über Wassily Kandinsky als Pädagoge. Lebt in Berlin und Greifswald. Er veröffentlichte zahlreiche philosophische sowie belletristische Texte.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #15 – Wassily Kandinsky als Dichter

Freitag, 8.12.2017 – 20 Uhr

Kulturzentrum mon ami (Goetheplatz 11, Weimar)

Eintritt: 7,-/ erm. 5,-€ (Abendkasse)

Ticketreservierungen unter: inguternachbarschaft [at] gmx.de

Robert Sorg bei „Blaubart & Ginster“

Robert Sorg, Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins, verhalf unserer Lesereihe im April 2017 einer wunderbaren Veranstaltung, indem er die Räume im Stadtspeicher am Markt für uns öffnete. Jetzt war er zu Gast bei der Jenaer Literatursendung Blaubart & Ginster im Radio OKJ und sprach mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland u.a. über die Schwierigkeiten bei der Findung von Veranstaltungsorten in Jena.

Die Sendung kann in einer Podcastversion auf Soundcloudnachgehört werden.

Vorgestellt: Daniel Ketteler

Am 4.11. gibt es endlich eine neue Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wir kehren zurück in die Thüringer Landeshauptstadt mit einem Leseabend der besonderen Art. Zu Gast ist diesmal der Berliner Arzt und Schriftsteller Dr. Dr. Daniel Ketteler, der u.a. aus seinem Roman „Grauzone“ lesen wird.

Moderiert wird der Abend von Mario Osterland, der in der Vergangenheit ein Interview mit Ketteler zum Thema „Literatur und Rausch“ führte. Noch immer lesenwert und ein interessanter Vorgeschmack auf den Abend im FRANZ MEHLHOSE.

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„E.T.A. Hoffmanns Werke sind großartig, seine Leberwerte waren es nicht“

Mario Osterland: Als schreibender Mediziner stehst du in einer ziemlich illustren Reihe mit u.a. Schiller, Tschechow, Benn und Döblin. Worin liegt für dich der Reiz dieser Verbindung aus Literatur und Medizin?

Daniel Ketteler: Ja, das ist ein Riesenfeld und natürlich eine Riesen­hypothek für jeden schreibenden Mediziner. Ich denke die Quelle dieser fruchtbaren Allianz ist die Begeg­nung mit Menschen und Schick­salen. Ich bekomme ja jeden Tag mindes­tens einen Roman­plot geschenkt. Naja, sagen wir jede zweite Woche einen guten. Dazu muss man sich hinein­versetzen in alle diese Menschen. Vor allem die Ärzte früherer Gene­ratio­nen hatten noch die Muße und konnten sich Zeit nehmen. Sie hatten auch Zeit für ein gutes Buch, eine Zeitung. Das waren noch richtige Bürger. Im heutigen klinischen Alltag ist wenig Raum für Romantik. Lies mal Irre von Goetz! Aber der Mensch in seiner vergänglichen Pracht prangt immer noch über allem.

Ich schätze vor allem Büchner sehr, der war ja auch Arzt. Aber da eine Linie zu ziehen wäre blasphemisch und vermessen. Döblin mag ich auch sehr, diesen frühen Cut-off. Bei beiden schimmert das Menschen­liebende durch, da gibt es ein echtes Interesse am Schicksal des anderen. Natürlich sind gute Autoren auch immer böse, das hat George Steiner mal gesagt, aber Benn und Celine sind mir da sowohl als Ärzte, wie als Schrift­steller und Wissen­schaft­ler etwas suspekt, da schimmert so etwas ekelhaft elitär-rechts­raunendes hindurch. Durch alle Poren. Das sind die zynischen Ärzte, die, die voller Mitleid und Ekel auf die Aus­schei­dungen blicken. Natürlich auch das unglaub­lich berei­chernd in einem produktiven Sinn, aber ein Bierchen trinken würde ich dann doch lieber mit Georg B. als mit Gottfried B. Wir sind sterblich und das ist doch super so! Stell dir vor, du müsstest zig Millionen Jahre leben. Wie langweilig! Das wäre ein schlim­mes Gefäng­nis. Nur unter Zeitdruck und mit Blick auf die Ver­gäng­lich­keit kann man doch den Ansporn haben, etwas zu schreiben, und die Ärzte sehen ja, je nach Disziplin, jeden Tag, wie schnell es wieder vorbei sein kann.

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Daniel Ketteler (Foto: A. triepa)

M. Osterland: Du hattest 2005 einen Aufsatz in der Kritischen Ausgabe publiziert, in dem es um den Zusammenhang von Drogenkonsum und Kreativität geht. Ist es dir generell ein Anliegen, den meist romantisierten Zusammen­hang von Kunst und Rausch auf wissen­schaft­lichem Niveau zu begegnen?

D. Ketteler: Ja, das war eine Annäherung an das Thema mit wissen­schaft­lichem Anstrich. Aber der strenge Natur­wissen­schaftler würde das sicher anders machen. Ich selbst suche einen Weg zwischen Natur- und Geistes­wissen­schaften. Das geht am besten in einem leicht essayis­tischen Stil. Den klassischen »Journals« behagt das nicht, die wollen die standardisierte Form der Publikation (Abstract, Introduction, Methods, Discussion). Das finde ich teils sehr schade, denn so ist wenig Raum für assoziative, also künstlerisch-kreative Ideen. Kürzlich habe ich noch ein paar Gedanken zum Thema Genie und Wahn. Was ist dran? publiziert. Der Titel ist etwas albern, aber ich wollte den etwas ver­staubten Mythos vom wahnsinnigen Künstler­genie mal auf eine neuronale Substanz und Trag­fähigkeit hin prüfen.

M. Osterland: Mit welchem Ergebnis?

D. Ketteler: Die Neurobiologie und Empirie liefern hier wie so oft nur indirekte Nachweise. Zum einen ist es so, dass sich bei verschiedenen Erkran­kungen des schizo­phrenen Formen­kreises Sprachpathologien finden, die in Kreativ­prozessen, also zum Beispiel bei Gedichten, gezielt genutzt werden; etwa Neolo­gismen, Wort­konta­minationen und ein mani­sches Zungen­reden, Reim­zwänge kommen vor und vieles mehr. Die mensch­liche Sprach­fähig­keit, und hier gehe ich mit dem Psychologen Tim Crow, ist womöglich überhaupt die Grund­lage für die mensch­liche Dispo­sition zur Psychose. In der Psychose wiederum, und dies ist die etwas in Vergessenheit geratene Haupt­erkennt­nis des Begründers des Schizo­phrenie­begrif­fes Eugen Bleuler, fällt vor allem eine asso­ziative Lockerung ins Gewicht; dies vor allem sprachlich, aber auch inhaltsbezogen im Wahn. Das sind alles quasi auto­poe­tische Kon­struk­tionen der mensch­lichen Phantasie, einem Traum nicht unähn­lich. Die Realität wird außer Kraft gesetzt, und nichts anderes machen schließ­lich die Künst­ler. Zu fragen ist deshalb ein­deutig: hängen nicht hier Psychose (Wahn) und Krea­tivität (altmodisch: Genie) eng zusammen?

Reaktiviert man diese etwas vertaubten Thesen, eröffnen sich also womöglich neue alte Ansatz­punkte und etwas wie Psychose wird nicht rein diagnos­tisch ausge­sondert, sondern zählt als mensch­liche Grund­dispo­sition einfach zum Mensch­sein dazu. Die Psychose und Manie als Preis für die Kreativi­täts­funktion und als Quelle der­selben. Ich will diese leid­vollen Krank­heiten nicht verherr­lichen, aber sie aus der unfallhaften Schmuddel­ecke holen. Leo Navratil be­schrieb auch empi­risch den Wandel von psycho­tischen Haus­frauen zu Kreativgeistern. Und auch die familiäre Häufung von Künst­ler­familien mit bi­polaren Erkran­kungen spricht für sich. Naiv ist aktuell die Idee, man schaut mittels bildgebenden Verfahren ins Künstlerhirn. Aber auch so etwas wird unter­nommen und führt vielleicht auch zu Er­kennt­nis­sen. Deduktiv kann man aber auch einfach eins und eins zusammen­zählen.

M. Osterland: Das weicht dann natürlich die Grenzen von »normal« und »verrückt« endgültig auf.

D. Ketteler: Ja genau, diese Grenze ist ohnehin nur eine Schutz­behaup­tung, eine Illusion damit wir alle friedlich schlafen können. Genau wie wir uns fast alle jeden Tag vormachen, ewig zu leben. Jules Angst, ein Ver­treter der Zürcher Schule, hat in Studien ein Konti­nuum von Depression, Manie und Psycho­se an einer riesigen und immer noch laufenden Kohorten­studie eindrucks­voll nach­gewiesen. Die Grenzen selbst der einzelnen Diagnosen sind fließend. Wie sollte es dann zum Gesunden anders sein?

M. Osterland: Ist der Rausch der Schlüssel zur oder gar das Wesen der Kreativität?

D. Ketteler: Das ist eine spannende Frage. Ich würde mich dem aber eher von einer anderen Seite nähern. Ich denke, dass vor allem Zustände der manischen Extase und assoziativen Lockerung, wie man sie bei der bipolaren Disposition (Manie) oder Psychose antrifft, ein Schaufenster zu Kreativ­prozes­sen bieten. Hierzu habe ich auch etwas im psychia­trischen Bereich geforscht, speziell was die assoziative Lockerung anbelangt. Bleuler hatte ein besonderes Augenmerk auf Sprachbesonder­heiten in der Psychose gerichtet. Dies ging in der modernen Diagnostik zunehmend etwas unter. Aber vor allem die Lockerung von zuvor scheinbar fest­geschriebenen Sinn­zu­sammen­hängen ist ein wesent­licher Effekt dichte­rischer Produktion. Durs Grünbein weist auf die EEG-Experim­ente in Njimwegen hin. Dort hatte man Probanden Wortpaa­rungen wie »Katze« und »Hund« präsentiert und eher kleine neuronale Ausschläge fest­gestellt. Bei »Katze« und »Mond« hingegen spielte das Hirn verrückt. Ich denke, dass im Hirn des Ekstatikers genau solche brisanten Neu­schöpfungen und Rekombinationen stattfinden, die sich im Gesunden ein Dichter zunutze macht. Er kann, im Gegensatz zu einem aus den Fugen geratenen Maniker, kontrolliert auf Neuland zugreifen. Der Psycho­tiker und Manier wird hingegen quasi überrannt von seinen Wort­flashs.

Auch Drogen können derartige Kicks sicher gezielt evozieren. Kontrollverlust ist ein Punkt, der Neokortex verliert die Kontrolle und subkortikale, tiefliegende Hirn­strukturen wie die Basalganglien über­nehmen die Kontrolle. Benn hat dies intuitiv geahnt und spricht vom »Auf­rauschen« und auch oft und in Varianten vom Tiefenhirn. Neuronal lassen sich derlei Prozesse heute darstellen. Aller­dings funktioniert die Neuro­wissen­schaft, Benn hat dies ebenfalls beklagt, leider sehr induktiv, kleinschrittig. Dadurch fehlt oft die Drauf­sicht. Sie ist geradezu verpönt, da sie spekulatives Strandgut anspült. Ich selbst denke aber, nur so kann man sich dem Thema konstruktiv nähern.

[Das ganze Interview lesen Sie hier.]

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Samstag, 4.11.2017 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12, Erfurt)

Eintritt: 5,-/3,-€ (nur Abendkasse)

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