Rezension: „Der weiße Globus“

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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stefan
Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.

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Rückschau: In guter Nachbarschaft #11

Liebe Nachbarschaftsfreunde,

am 5.11. haben wir unser Etappenziel erreicht und In guter Nachbarschaft auch nach Erfurt gebracht. Damit ist die Lesereihe nach Jena und Weimar auch in der Landeshauptstadt angekommen. Und wir denken, dass wir tatsächlich vom „Ankommen“ sprechen können. Obwohl wir zum ersten Mal in Erfurt waren, war das Kulturcafé Franz Mehlhose voll. Zusätzliche Stühle mussten getragen werden.

Zu Gast bei der nunmehr elften Ausgabe war der Siegener Autor Crauss, der einen geschlossenen Lesevortrag aus Einzeltexten zusammenstellte. Lyrik und Prosa flossen dabei ebenso ineinander, wie eigene Texte und Übersetzungen und Bearbeitungen von Songtexten der Eurythmics oder Laurie Anderson. Inhaltlich drehte sich dabei alles um die Liebe, das Verlangen, um Sehnsüchte und Orientierungslosigkeit auf dem Weg von der Pubertät zum Erwachsensein. Crauss beendete seine Lesung stehend mit einem leidenschaftlichen Vortrag seines Gedichtes Ich will mehr!, der das Publikum beeindruckte und begeisterte.

(Videolesung von Crauss inkl. Ich will mehr!)

Im zweiten Teil gab es wie immer neue Thüringer Autor*innen zu entdecken, aber auch ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Los ging es allerdings mit dem Geraer Matthias Lachmann mit Gedichten u.a. über Freundschaft, Vertrauen und das Verliebtsein. Es folgte Gorch Maltzen aus Weimar (hier vorgestellt), der eine Geschichte über die Gefühlswelt des pubertierenden Simon, dessen geschiedenen Eltern, der Beziehung zu seinem besten Freund und dem Suizid durch das Herabstürzen in Vulkane vorlas. Als dritter im Bunde las Christoph Grosse aus Erfurt die Kurzgeschichte Hunger, welche durch ein Bild von Käthe Kollwitz inspiriert über den Tod und das Sterben einer Familie handelt. Antje Lampe, ebenfalls aus Erfurt, las anschließend die beiden Kurzprosatexte Marie. (Lina lügt.) und Igel Ida, die vom Lügen und der Langeweile sprachen, aber auch vom eigenen Verschwinden. Den Abschluss der Lesenden machte schließlich Patrick Siebert, der in seinen Gedichten humorvoll Ausflüge in die Provinz reflektierte, aber sich auch eindrucksvoll mit der Engstirnigkeit so mancher Stammtischler auseinandersetzte.

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Und was wäre eine Nachbarschaft ohne Musik? Wir haben uns riesig gefreut littlemanlost aus Erfurt bei uns zu haben, der mit seinem sehr persönlichen Americana-Folk das Publikum förmlich in seinen Bann zog. (Eine Phrase, ja – aber sie ist sehr passend.) Mit Banjo, Percussion und Loops kreirte er einen eigenen Sound, der im Ohr, im Kopf, im Herz bleibt. Sein zurückhaltender, intim-familiärer Auftritt erinnerte nicht wenige Beuscher an einen jungen Musiker, der Anfang der 1960er im New Yoker Gaslight Café auftauchte. „Schade, dass er nicht öfter spielt“, hörten wir einige sagen. „Ja, aber immerhin hat er den Nobelpreis bekommen.“ 😉

Bleibt uns nur „Danke!“ zu sagen bei allen Besuchern, den Künstlern und dem Team von Franz Mehlhose („It’s a match!“). Es war ein phänomenaler Einstand in Erfurt. 2017 geht unsere Lesereihe weiter. Wir haben eine Menge vor. Ihr dürft gespannt sein.

Rückschau: In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION (2/2)

Hier geht’s weiter mit dem zweiten Teil der SUMMER EDITION-Rückschau.

Es gehört zu den Traditionen der Nachbarschaft, dass bei unseren Veranstaltungen ein offenes Mikrofon bereit steht, an dem noch unbekannte Nachwuchstalente, regionale Autoren und Freunde unserer Lesereihe gern gesehen sind. Auch bei der SUMMER EDITION gab es für sie wieder Gelegenheit ihre neusten Texte in entspannter, ungezwungener Atmosphäre vorzutragen.

Den Anfang machte Moritz Gause, der seine Lesung mit einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet eröffnete und danach neue, in Kirgisistan entstandene Gedichte vortrug. Ihm folgte der Erfurter Patrick Siebert. Mit lakonischem, bisweilen selbstironischem Ton las er Gedichte, die individuelle Eindrücke aus verschiedenen Thüringer Landschaften reflektieren und zu poetischen Momentaufnahmen verdichten. Mit seinem spontanen Auftritt am offenen Mikrofon beeindruckte danach der Poetryslammer Friedrich Hermann, der seinen Text Das erste Mal freisprechend und äußerst pointiert vortrug.

Den Abschluss am offenen Mikrofon machte Demien Bartók, der aus dem Vorwort seines Buches Die Abschaffung von Erfurt-Nord las. Zwischen Essay und Erzählung entwirft er darin ein gesellschaftliches Panorama aus Kritik und Selbstreflexion, zwischen großen Utopien, Europapolitik, Maulwürfen und dem Bundespräsidenten. Eine echte Entdeckung!

Höhepunkt und literarischer Abschluss der SUMMER EDITION war schließlich die Lesung mit Christoph Wenzel, Anja Kampmann und Björn Kuhligk am Abend. Drei etablierte und vielfach ausgezeichnete Dichter also, die aus ihren jeweils aktuellen Büchern lasen.

Den Anfang machte der Aachener Christoph Wenzel, der aus seinem viel gelobten Band lidschluss las. Mit scharfem Blick und zugleich voller Empathie kartiert er darin u.a. seine rheinisch-westfälische Heimat und deren Strukturwandel nach der Schließung zahlreichen Zechen. Vom Verschwinden ganzer Dörfer für den Tagebau, bis hin zu den kleinen Dramen auf dem Fußballplatz – Wenzel bewies, dass er ein Auge für die großen und die kleinen Szenen hat. Für jedes seiner Gedichte findet er die richtige Sprache, bleibt insgesamt aber unverkennbar in seinem poetischen Ton zwischen Beschreibung und Erzählung.

Auch Anja Kampmanns Lesung war geprägt von kartografischen Suchbewegungen, die einen großen Bogen spannen von Brandenburg über die Ostsee und Polen, bis hin nach Weißrussland und Slowenien. Mit den Gedichten aus ihrem aktuellen Band Proben von Stein und Licht nahm sie das Publikum mit auf eine Reise ostwärts, auf eine Suche nach Vertrautem in der Fremde. Als eine Erkenntnis verdeutlichten Kampmanns Gedichte, dass diese Bewegungen keine Einbahnstraße darstellen, oftmals sogar erst einen Blick zurück ermöglichen und so das Fremde in scheinbar Vertrautem zu Tage fördern.

Mit der Lesung aus seinem Band Die Sprache von Gibraltar lieferte Björn Kuhligk einen Beweis dafür, dass die oftmals nachgeplapperte Behauptung von der angeblich unpolitischen Gegenwartslyrik null und nichtig ist. Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage der spanischen Exklave Melilla, ist ein beeindruckendes Langgedicht, aus dessen Mittelteil Kuhligk ohne zusätzliche Erklärungen oder Unterbrechungen vorlas. Vom Warten derjenigen, die auf ein besseres Leben auf der anderen Seite hoffen, vom Scheitern einer gesamteuropäischen Migrationspolitik, vom merkwürdigen Gefühl als privilegierter EU-Bürger vor Ort zu sein, schließlich von der Suche nach einer angemessenen Art darüber zu berichten – all das macht Die Sprache von Gibraltar zu einen Ereignis, zu einem kraftvollen Rütteln an den Mauern der Festung Europa. Dafür wurde Kuhligk in Jena mit einem langanhaltendem Applaus bedacht.

Nach über fünf Stunden Literatur im Paradies legte die SUMMER EDITION den Partymodus ein und feierte mit DJ Lutz Hartmann in den Morgen. Dabei gab es nicht nur etwas für die Ohren und Tanzbeine, sondern auch für die Augen. Der Licht- und Videokünstler Dimitri Engelhardt (Sehrinde17) entwarf für die Aftershowparty eine mehr als sehenswerte Lichtinstallation in Form von Buchseiten.

Das war die mehr als gelungene In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION. Alles in allem danken wir allen für alles! Chapeau!