Bücherschau im Frühjahr – Teil 7

Bereits bei der Summer Edition der Nachbarschaft 2016 las Demien Bartók am offenen Mikrofon aus seinem Text Die fröhliche Abschaffung von Erfurt-Nord, der damals einige Besucher hellhörig werden lies. Nun ist endlich das Debut des Erfurter Autors erschienen. Neben einem weiteren Auszug aus der Abschaffung finden sich darin zwei weitere Prosatexte auf der Kante zwischen Essay, Erzählung und confessional poetry.

Bartók erzählt von einer langen Phase der Schlaflosigkeit, in der sich seine Wahrnehmung der Wirklichkeit veränderte, reflektiert das Leben in der Thüringer Landhauptstadt und versucht sich darin zu verorten – oder sich zu verweigern.

„Ostdeutschland ist ein grauer Schrottplatz, auf dem man glühende, buntqualmende Partys feiern muss, die die Erdkruste durchstoßen und neue Träume entfachen.“

Eine kompromisslosere und ehrlichere Prosa wird in Thüringen derzeit kaum zu finden sein.

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Blumen & Löcher von Demian Bartók ist als 16. Jahresgabe der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. erschienen. Das Buch kostet 4,50€ und ist direkt über den Verein oder den Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-936305-52-4.

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Rückschau: In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION (2/2)

Hier geht’s weiter mit dem zweiten Teil der SUMMER EDITION-Rückschau.

Es gehört zu den Traditionen der Nachbarschaft, dass bei unseren Veranstaltungen ein offenes Mikrofon bereit steht, an dem noch unbekannte Nachwuchstalente, regionale Autoren und Freunde unserer Lesereihe gern gesehen sind. Auch bei der SUMMER EDITION gab es für sie wieder Gelegenheit ihre neusten Texte in entspannter, ungezwungener Atmosphäre vorzutragen.

Den Anfang machte Moritz Gause, der seine Lesung mit einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet eröffnete und danach neue, in Kirgisistan entstandene Gedichte vortrug. Ihm folgte der Erfurter Patrick Siebert. Mit lakonischem, bisweilen selbstironischem Ton las er Gedichte, die individuelle Eindrücke aus verschiedenen Thüringer Landschaften reflektieren und zu poetischen Momentaufnahmen verdichten. Mit seinem spontanen Auftritt am offenen Mikrofon beeindruckte danach der Poetryslammer Friedrich Hermann, der seinen Text Das erste Mal freisprechend und äußerst pointiert vortrug.

Den Abschluss am offenen Mikrofon machte Demien Bartók, der aus dem Vorwort seines Buches Die Abschaffung von Erfurt-Nord las. Zwischen Essay und Erzählung entwirft er darin ein gesellschaftliches Panorama aus Kritik und Selbstreflexion, zwischen großen Utopien, Europapolitik, Maulwürfen und dem Bundespräsidenten. Eine echte Entdeckung!

Höhepunkt und literarischer Abschluss der SUMMER EDITION war schließlich die Lesung mit Christoph Wenzel, Anja Kampmann und Björn Kuhligk am Abend. Drei etablierte und vielfach ausgezeichnete Dichter also, die aus ihren jeweils aktuellen Büchern lasen.

Den Anfang machte der Aachener Christoph Wenzel, der aus seinem viel gelobten Band lidschluss las. Mit scharfem Blick und zugleich voller Empathie kartiert er darin u.a. seine rheinisch-westfälische Heimat und deren Strukturwandel nach der Schließung zahlreichen Zechen. Vom Verschwinden ganzer Dörfer für den Tagebau, bis hin zu den kleinen Dramen auf dem Fußballplatz – Wenzel bewies, dass er ein Auge für die großen und die kleinen Szenen hat. Für jedes seiner Gedichte findet er die richtige Sprache, bleibt insgesamt aber unverkennbar in seinem poetischen Ton zwischen Beschreibung und Erzählung.

Auch Anja Kampmanns Lesung war geprägt von kartografischen Suchbewegungen, die einen großen Bogen spannen von Brandenburg über die Ostsee und Polen, bis hin nach Weißrussland und Slowenien. Mit den Gedichten aus ihrem aktuellen Band Proben von Stein und Licht nahm sie das Publikum mit auf eine Reise ostwärts, auf eine Suche nach Vertrautem in der Fremde. Als eine Erkenntnis verdeutlichten Kampmanns Gedichte, dass diese Bewegungen keine Einbahnstraße darstellen, oftmals sogar erst einen Blick zurück ermöglichen und so das Fremde in scheinbar Vertrautem zu Tage fördern.

Mit der Lesung aus seinem Band Die Sprache von Gibraltar lieferte Björn Kuhligk einen Beweis dafür, dass die oftmals nachgeplapperte Behauptung von der angeblich unpolitischen Gegenwartslyrik null und nichtig ist. Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage der spanischen Exklave Melilla, ist ein beeindruckendes Langgedicht, aus dessen Mittelteil Kuhligk ohne zusätzliche Erklärungen oder Unterbrechungen vorlas. Vom Warten derjenigen, die auf ein besseres Leben auf der anderen Seite hoffen, vom Scheitern einer gesamteuropäischen Migrationspolitik, vom merkwürdigen Gefühl als privilegierter EU-Bürger vor Ort zu sein, schließlich von der Suche nach einer angemessenen Art darüber zu berichten – all das macht Die Sprache von Gibraltar zu einen Ereignis, zu einem kraftvollen Rütteln an den Mauern der Festung Europa. Dafür wurde Kuhligk in Jena mit einem langanhaltendem Applaus bedacht.

Nach über fünf Stunden Literatur im Paradies legte die SUMMER EDITION den Partymodus ein und feierte mit DJ Lutz Hartmann in den Morgen. Dabei gab es nicht nur etwas für die Ohren und Tanzbeine, sondern auch für die Augen. Der Licht- und Videokünstler Dimitri Engelhardt (Sehrinde17) entwarf für die Aftershowparty eine mehr als sehenswerte Lichtinstallation in Form von Buchseiten.

Das war die mehr als gelungene In guter Nachbarschaft – SUMMER EDITION. Alles in allem danken wir allen für alles! Chapeau!