Bücherschau im Frühjahr 2018 – Teil 3

Anlässlich unserer Summer Edition im Juli 2016 las Anja Kampmann aus ihrem Gedichtband Proben von Stein und Licht, erschienen im Hanser Verlag. Allerdings kündigte sich damals bereits ein Debut-Roman an, der nun unter dem Titel Wie hoch die Wasser steigen im gleichen Verlag erschienen und für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Wir freuen uns riesig für Anja Kampmann und drücken ihr für die Preisverleihung die Daumen!

Der Verlag über das Buch:

Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform mitten im Meer, verliert in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Und je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto offener scheint ihm, ob er noch zurückfinden kann. Anja Kampmanns überraschender Roman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer bodenlosen Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben.

Anja Kampmann liest mehrmals aus Wie hoch die Wasser steigen im Rahmen der Leipziger Buchmesse und ist anschließend auf Lesereise in Deutschland und der Schweiz. Alle Termine hier.

 

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SUMMER EDITION Nachlese: Björn Kuhligk

Die Sprache von Gibraltar (Auszug)

 

Die Geschichte meiner Abstammung

ist die Geschichte meiner Abstammung

die Geschichte meiner Hautfarbe

ist die Geschichte meiner Hautfarbe

 

es ist 2015, Oktober

es ist Bewegung auf den Kontinenten

die Stewardess mit den Apfelbrüsten

rammt ihre Absätze in den Flugzeugteppich

und fragt, ob ich süß oder salzig

ich bin bei den Satten, den Siegern

das ist mein Standpunkt

 

ich sehe das Meer, den Grenzübergang

hinter dem es eine Stunde früher ist

den Monte Gourougou, den Mischwald

eine spanische Fahne, groß wie ein Dach

 

ich gehe über das Rollfeld

ich setze meine Sonnenbrille auf

ich habe den Reisepass, ich kann mir

das Essen aussuchen, das Hotel, die Uhrzeit

mare nostrum, nicht eures

(c) Hanser Verlag, 2016

„mare nostrum, nicht eures“

Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage von Melilla, der spanischen Exklave in Nordafrika, ist Björn Kuhligks Langgedicht Die Sprache von Gibraltar. Eine eindringliche, intensive Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Grenzverläufen zwischen Europa und Afrika, Armen und Reichen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit, Beobachtung und Handlung.

Die Reise beginnt mit der Reise, dem selbstverständlich gewordenen Flug über das Meer, das in allen Facetten von Grün und Blau unter einem liegt. Lebensfeindlich aufgeraut oder friedhofsstill. Es macht einen Unterschied, ob man nach Süden darüberfliegt oder von Süden hindurchfahren will. Die Badewanne Europas, unser Urlaubsmeer, hat längst seine Unschuld verloren.

Das Ich in diesem Gedicht kann sein Essen wählen, Grenzen passieren, ist auf dem Weg in sein Hotel mit Meer- und Grenzzaunblick. Es weiß noch nicht, was es erwartet. Wie das Leben der Asylsuchenden hinter (oder vor?) dem Zaun aussieht. Wie es aussieht, wenn man es mit eingenen Augen sieht, nicht im Fernsehen oder auf Handyvideos.

„Die Enden Europas/Europas Ende“, wie es an anderer Stelle in Kuhligks Gedicht heißt, war über Jahrzehnte, Jahrhunderte der Orient. Der war exotisch, mystisch und weit weg. Heute ist er erreichbar, aber man findet dort keine fliegenden Teppiche mehr. Hochhackigen Absätze nageln sie auf dem Boden der Tatsachen fest.

mo

Björn Kuhligk – Die Sprache von Gibraltar. Gedichte. Hanser Berlin: München/Berlin, 2016. (88 Seiten, 16,- €, ISBN 978-3-446-25291-2)

SUMMER EDITION Nachlese: Anja Kampmann

bernstein

ein manöver an der ostsee
als hielte sich das licht unter den schallwellen von geschossen
die man zur probe an die kalte schläfe
dieses himmels legt

es ist nicht so gemeint
dass dieser luftraum seine dörfer ganz vergisst
störche kommen
du siehst die bilder dieser flinten in den läufen
murmelt zukunft vor sich hin

es sind nur pflaumen die
ausgetrocknet schwarz zwischen den blüten hängen
schwarze falter täuschungen des lichts

oder die gräben um die Felder
die nun ausgerichtet sind.

Hier ist die Landschaft, das Offene

BALTOPS: So heißt ein multinationales Manöver, das seit 1971 jährlich im Ostseeraum stattfindet. Die NATO übt hier, zuletzt 45 Schiffe, 60 Luftfahrzeuge und 4000 Soldaten aus 14 Nationen; man übt sich in Koordination, Organisation, amphibische Landung: Partnerschaft für den Frieden vor der polnischen Küste. Das Gedicht bernstein von Anja Kampmann steht inmitten eines solchen Manövers; es ist das Auftaktgedicht von Proben von Stein und Licht und damit selbst so etwas wie ein ›Manöver‹: eine Einübung in die Erkundung einer Landschaft, von Offenheit als Gravitationszentrum der Anschauung.

Die ›Landung‹ beginnt, aber »es ist nicht so gemeint«; natürlich ist es das nicht, was hier geschieht, geschieht »auf probe«. In der Zwischenzeit kommen »störche«, bevölkern den »luftraum«, aber die »zukunft«, die sie bringen, verheißt nichts gutes. Russische Kampfflugzeuge ziehen auf, fliegen riskante Manöver: »täuschungen des lichts«. Und dennoch ist es ein hartes Licht, das sich da in dem Gedicht von Anja Kampmann absetzt, sich ständig »unter den schallwellen von geschossen« hinwegducken muss, die Konturen der »gräben« aber nur umso deutlicher hervortreten lässt – »bernstein« wird aus vorgeschichtlicher Zeit.

pn

Anja Kampmann – Proben von Stein und Licht. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett/Hanser: München, 2016. (96 Seiten, 15,90 €, ISBN 978-3-446-25053-6)