Mario Osterland und Martin Straub bei „Blaubart & Ginster“

In der 14. Ausgabe von „Blaubart & Ginster“ auf Radio OKJ wurden die Rollen getauscht. Moderator Mario Osterland nahm auf der Gästebank Platz, während der Ehrenvorsitzende des Jenaer LeseZeichen e.V. Martin Straub als Co-Moderator an Ralf Schönfelders Seite rückte. Zu hören gibt es in dieser Konstellation ein Gespräch über Osterlands neuen Gedichtband heimische Arten.

Die Sendung kann in einer Podcastversion auf soundcloud nachgehört werden.

Vorgestellt: Wassily Kandinsky als Dichter

Am 8.12. findet in Weimar eine besondere Ausgabe unserer Lesereihe statt. Wir widmen uns einen Abend lang einer eher unbekannte Seite des Künstlers Wassily Kandinsky. In Lesung und Konzert stellen Alexander Filyuta, Alexander Graeff und der Jazzposaunist Conny Bauer das dichterische Werk Kandinskys vor. [Alle Infos hier.]

Mario Osterland sprach vorab mit Alexander Graeff über seine Arbeiten zu Kandinsky.

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Alexander Graeff (Foto: Ute J. Krienke)

Mario Osterland: Lieber Alexander, du beschäftigst dich schon ziemlich lange mit dem Werk und der Person Wassily Kandinskys. Was fasziniert dich an ihm?

Alexander Graeff: Mich fasziniert seine Biografie vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Auf der einen Seite zählt er zu den bekanntesten VIPs der Klassischen Moderne, seine Kunst und er selbst sind bis heute beliebte Projektionsflächen für bürgerliche Mythenproduktion, die oft den sozialgeschichtlichen Umständen der Zeit diametral entgegenlaufen; die ‚klassische‘ Kunstgeschichte hat diese sehr einseitige und oft verzerrende Rezeption seines Lebens und Werks zum Teil mit hervorgebracht. Auf der anderen Seite – und das treibt mich zu dem Thema – ist Kandinsky ein gutes Beispiel für ein bestimmtes deviantes Verhalten eben in Bezug auf seine Biografie: Dass er sich erst im Alter von dreißig Jahren für eine Kunstausbildung in München entschied und auf seine bisherige akademische Laufbahn in Russland verzichtete, dass er ein Kenner des Okkultismus war, oder dass er eine gewisse Zeit polyamor lebte, sind nur einige Aspekte seiner Biografie, die ich spannend finde und nach und nach herausarbeite – nicht zuletzt auch, um das oben erwähnte Bild von Kandinsky zu ergänzen und ggf. zu korrigieren.

M. Osterland: Du hast über den Pädagogen Kandinsky promoviert und im letzten Jahr als Herausgeber den Dichter Kandinsky präsentiert. Sind das zwei verkannte Seiten eines Mannes, der heute immer noch in erste Linie als Maler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Ganz genau. Nur wenigen war Kandinsky als Pädagoge oder Poet bekannt, dabei sah er sich selbst in diesen Rollen. Die Kunstgeschichte zeigte ihn immer nur als Maler oder Grafiker, publiziert wurden vorrangig Bildinterpretationen in zigfacher, sich wiederholender Ausführung, die seinen Weg zur abstrakten Kunst illustrieren. Sein soziales Umfeld aber wurde nur wenig beachtet, genauso wenig wie seine Bildungsvorstellungen, seine Gesellschaftskritik, seine poetischen Ambitionen oder sein esoterisches Weltbild. Gerade letzteres passte eben nicht ins Bild, das sich die bildungsbürgerliche ‚Elite‘ nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm machte.

M. Osterland: Ist das der Grund warum Kandinsky heute vor allem als Maler ‚schöner bunter Bilder‘ bekannt ist?

A. Graeff: Kann sein, dass diese Deutung sowas auch befördert. Eine wichtige Denkfigur Kandinskys war die Synthese der Künste, es verwundert daher nicht, dass er sich in allen Sparten der Kunst ausprobierte. Um so mehr aber verwundert es, dass ihn die Kunstgeschichte ebenso wie der ‚bürgerliche Mythos‘ jahrelang nur als Maler betrachtete und bewarb.

M. Osterland: Welchen Stellenwert innerhalb seines Werkes hatte sein poetisches Schreiben und die Dichtung allgemein für Kandinsky?

A. Graeff: Vor dem Ersten Weltkrieg scheint es so gewesen zu sein, dass er sich so gar nicht entscheiden konnte, ob er sich eher als Maler oder als Schriftsteller sehen sollte. Mit dem Münchner Piper Verlag hatte er ab etwa 1910 einen Verlag gefunden, der sowohl seine kunst- und gesellschaftstheoretischen Texte als auch seine poetischen Arbeiten veröffentlichte. 1912 erschienen sein berühmtes Buch Über das Geistige in der Kunst und seine Prosagedichtsammlung Klänge.

M. Osterland: Das heißt also, dass Kunst und Literatur in Kandinskys Denken und Schaffen zu jeder Zeit gleichberechtigt vom ihm behandelt oder betrachtet wurden?

A. Graeff: Nein, es trifft, auf eine bestimmte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu. Als er 1921 wieder nach Deutschland kam und dann ein Jahr später ans Bauhaus berufen wurde, hatte sich sein Schaffen im Vergleich zur Münchner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weiter professionalisiert, er setzte dann Schwerpunkte bei den bildenden Künsten, nicht zuletzt auch, weil er ja von Gropius als Zeichenlehrer ans Bauhaus berufen wurde. Kunstpädagogik, Malerei und Grafik waren dann seine Hauptbeschäftigungsfelder.

M. Osterland: Wie gestaltete sich die Übersetzungs- und Herausgeberarbeit für die Neuausgabe seiner Gedichte in Vergessenes Oval?

A. Graeff: An die Originalmanuskripte kamen wir nicht heran, die liegen verschlossen im Kandinsky-Archiv im Centre Pompidou in Paris. Die Kandinsky-Forschungssituation ist zum Teil eine sehr esoterische Sache, nicht jede*r Forscher*in kommt in die Archive, ein Zustand, der oft schon bemängelt, aber bisher nicht verändert worden ist. Große Museen und Archive, die Kandinsky-Material besitzen, wittern Konkurrenz und wollen nach und nach selbst Ausstellungen und Bücher zum Thema auf den Markt werfen. Wir haben für Vergessenes Oval auf eine edierte Forschungsversion des Manuskriptes zugegriffen. Nur die Übersetzungen daraus haben wir nicht übernommen, die hat Alexander Filyuta neu übersetzt.

M. Osterland: Welche Rolle spielen die Illustrationen für ein Buch, dessen Autor ja vordergründig als Künstler wahrgenommen wird?

A. Graeff: Das war für Christoph Vieweg wirklich eine Herausforderung und anfangs war ich auch skeptisch, wie das Konzept der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin auf Kandinsky übertragen werden würde. Christoph hat das in meinen Augen aber hervorragend gelöst. Er hat eine neue Bildsprache gefunden, die Motive aus Kandinskys Grafiken zwar aufgreift, aber eine eigenständige Gesamtkomposition darstellt, die den Text gut ergänzt.

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aus: Wassily Kandinsky – Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass. (Verlagshaus Berlin, 2016)

M. Osterland: Was macht deiner Ansicht nach das Lesen von Kandinskys literarischen Texten reizvoll?

A. Graeff: Sie zeigen die Entwicklung der Kunst der Moderne auf literarischer Ebene. Seine Texte sind konkret wie seine Grafiken, ironisch und stark inspiriert vom Dadaismus. Seine Texte sind Wegbereiter der Konkreten Poesie, gerade dieser Sachverhalt ist wenigen bekannt. Kandinsky kann als Vorläufer der Konkreten Poesie bezeichnet werden. Der spätere ‚Gründer‘ der Konkreten Poesie Eugen Gomringer hat sehr genau Kandinskys Texte studiert, die poetischen ebenso wie die kunsttheoretischen. Die Manifeste Gomringers aus den 1950er Jahren lesen sich zum Teil eins zu eins wie Kandinskys Überlegungen zur Synthese der Künste, zur abstrakten bzw. konkreten Kunst von vor dem Zweiten Weltkrieg.

M. Osterland: Am 8. Dezember 2017 liest du Kandinskys Prosagedichte zusammen mit dem Übersetzer Alexander Filyuta in Weimar. Außerdem spielt Conny Bauer auf der Posaune Improvisationen, die zu einem Bühnenstück Kandinskys entstanden sind. In dieser Dreierkonstellation konnte man euch in der Vergangenheit schon mal erleben. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

A. Graeff: Das war eher Zufall. In Berlin richtete uns die Berliner Literarische Aktion rund um Martin Jankowski eine Lesung aus und bot an, Conny Bauer, der ja vor etwa 10 Jahren zu Kandinskys Bühnenstück Der gelbe Klang gearbeitet und eine CD produziert hatte, für die Veranstaltung hinzuzunehmen. Das war natürlich eine große Ehre für Alexander Filyuta und mich! Und so kam es, dass wir drei uns sehr gut verstanden. Conny Bauers Improvisationen auf der Posaune passten perfekt zu Kandinskys zeitlebens unveröffentlicht gebliebenen Dada-Prosagedichten, die Alexander Filyuta und ich ja letztes Jahr mit Vergessenes Oval herausgegeben haben. Und jetzt wiederholen wir das Format in Weimar, einer Stadt, in der Kandinsky selbst drei Jahre lang lebte und wirkte.

M. Osterland: Waren die Weimarer Jahre eine besondere Zeit in Kandinskys Biografie?

A. Graeff: Sie waren eine sehr fruchtbare Zeit im Hinblick auf seine Freundschaft zu Paul Klee, den er ja aus München kannte und nun in Weimar wieder traf, und auch zu Lyonel Feininger. Das inspirierte ihn. Künstlerisch war er im Vergleich zu seiner Zeit in Russland davor viel produktiver. Überschattet wurde seine Zeit in Weimar allerdings vom provinziellen und xenophoben Milieu der Weimarer Bürgerschaft, in das eine damals so unkonventionelle Schule wie das Bauhaus mit ‚fremdländischen Zeichenlehrern‘ nicht so recht passen wollte. Von Beginn an hatten es Gropius und die anderen Bauhäusler*innen schwer mit ihrem lebensreformerischen Projekt. So schwer, dass der Druck von Rechts irgendwann so stark wurde, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

M. Osterland: Freuen wir uns also auf die Rückkehr Kandinskys nach Weimar am 8.12. Danke für das Gespräch!

Alexander Graeff, Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator sowie Dozent für Ethik, Ästhetik und Pädagogik. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Promotion bei Heinz-Elmar Tenorth und Michael Parmentier über Wassily Kandinsky als Pädagoge. Lebt in Berlin und Greifswald. Er veröffentlichte zahlreiche philosophische sowie belletristische Texte.

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #15 – Wassily Kandinsky als Dichter

Freitag, 8.12.2017 – 20 Uhr

Kulturzentrum mon ami (Goetheplatz 11, Weimar)

Eintritt: 7,-/ erm. 5,-€ (Abendkasse)

Ticketreservierungen unter: inguternachbarschaft [at] gmx.de

23.11. – Weimar – Robert Prosser liest aus „Phantome“

Lieber Nachbarschafts-Freund*innen, wir möchten euch unbedingt auf die Lesung von Robert Prosser am Donnerstag, den 23.11. in der Stadtbücherei Weimar hinweisen! Prosser liest/performt aus seinem Roman Phantome, der in diesem Jahr völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand.

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23.11.2017 – 19:30 Uhr

Stadtbücherei Weimar (Steubenstr. 1)

Eintritt: 7,-/ ermäßigt 5,- €

Gewinnt hier einen Einblick in Robert Prossers einzigarte Vortragsweise. Das solltet ihr nicht verpassen!

„Raniser Debut“ für Lisa Goldschmidt

Lisa Goldschmidt, die im Juli diesen Jahres bei der „Junges Literaturforum Edition“ von In guter Nachbarschaft in Jena las, ist neue Stipendiatin des „Raniser Debuts“! Wir gratulieren herzlich und wünschen ihr und Lektor Helge Pfannenschmidt eine produktive Arbeitszeit.

Vorgestellt: Daniel Ketteler

Am 4.11. gibt es endlich eine neue Ausgabe von IN GUTER NACHBARSCHAFT. Wir kehren zurück in die Thüringer Landeshauptstadt mit einem Leseabend der besonderen Art. Zu Gast ist diesmal der Berliner Arzt und Schriftsteller Dr. Dr. Daniel Ketteler, der u.a. aus seinem Roman „Grauzone“ lesen wird.

Moderiert wird der Abend von Mario Osterland, der in der Vergangenheit ein Interview mit Ketteler zum Thema „Literatur und Rausch“ führte. Noch immer lesenwert und ein interessanter Vorgeschmack auf den Abend im FRANZ MEHLHOSE.

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„E.T.A. Hoffmanns Werke sind großartig, seine Leberwerte waren es nicht“

Mario Osterland: Als schreibender Mediziner stehst du in einer ziemlich illustren Reihe mit u.a. Schiller, Tschechow, Benn und Döblin. Worin liegt für dich der Reiz dieser Verbindung aus Literatur und Medizin?

Daniel Ketteler: Ja, das ist ein Riesenfeld und natürlich eine Riesen­hypothek für jeden schreibenden Mediziner. Ich denke die Quelle dieser fruchtbaren Allianz ist die Begeg­nung mit Menschen und Schick­salen. Ich bekomme ja jeden Tag mindes­tens einen Roman­plot geschenkt. Naja, sagen wir jede zweite Woche einen guten. Dazu muss man sich hinein­versetzen in alle diese Menschen. Vor allem die Ärzte früherer Gene­ratio­nen hatten noch die Muße und konnten sich Zeit nehmen. Sie hatten auch Zeit für ein gutes Buch, eine Zeitung. Das waren noch richtige Bürger. Im heutigen klinischen Alltag ist wenig Raum für Romantik. Lies mal Irre von Goetz! Aber der Mensch in seiner vergänglichen Pracht prangt immer noch über allem.

Ich schätze vor allem Büchner sehr, der war ja auch Arzt. Aber da eine Linie zu ziehen wäre blasphemisch und vermessen. Döblin mag ich auch sehr, diesen frühen Cut-off. Bei beiden schimmert das Menschen­liebende durch, da gibt es ein echtes Interesse am Schicksal des anderen. Natürlich sind gute Autoren auch immer böse, das hat George Steiner mal gesagt, aber Benn und Celine sind mir da sowohl als Ärzte, wie als Schrift­steller und Wissen­schaft­ler etwas suspekt, da schimmert so etwas ekelhaft elitär-rechts­raunendes hindurch. Durch alle Poren. Das sind die zynischen Ärzte, die, die voller Mitleid und Ekel auf die Aus­schei­dungen blicken. Natürlich auch das unglaub­lich berei­chernd in einem produktiven Sinn, aber ein Bierchen trinken würde ich dann doch lieber mit Georg B. als mit Gottfried B. Wir sind sterblich und das ist doch super so! Stell dir vor, du müsstest zig Millionen Jahre leben. Wie langweilig! Das wäre ein schlim­mes Gefäng­nis. Nur unter Zeitdruck und mit Blick auf die Ver­gäng­lich­keit kann man doch den Ansporn haben, etwas zu schreiben, und die Ärzte sehen ja, je nach Disziplin, jeden Tag, wie schnell es wieder vorbei sein kann.

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Daniel Ketteler (Foto: A. triepa)

M. Osterland: Du hattest 2005 einen Aufsatz in der Kritischen Ausgabe publiziert, in dem es um den Zusammenhang von Drogenkonsum und Kreativität geht. Ist es dir generell ein Anliegen, den meist romantisierten Zusammen­hang von Kunst und Rausch auf wissen­schaft­lichem Niveau zu begegnen?

D. Ketteler: Ja, das war eine Annäherung an das Thema mit wissen­schaft­lichem Anstrich. Aber der strenge Natur­wissen­schaftler würde das sicher anders machen. Ich selbst suche einen Weg zwischen Natur- und Geistes­wissen­schaften. Das geht am besten in einem leicht essayis­tischen Stil. Den klassischen »Journals« behagt das nicht, die wollen die standardisierte Form der Publikation (Abstract, Introduction, Methods, Discussion). Das finde ich teils sehr schade, denn so ist wenig Raum für assoziative, also künstlerisch-kreative Ideen. Kürzlich habe ich noch ein paar Gedanken zum Thema Genie und Wahn. Was ist dran? publiziert. Der Titel ist etwas albern, aber ich wollte den etwas ver­staubten Mythos vom wahnsinnigen Künstler­genie mal auf eine neuronale Substanz und Trag­fähigkeit hin prüfen.

M. Osterland: Mit welchem Ergebnis?

D. Ketteler: Die Neurobiologie und Empirie liefern hier wie so oft nur indirekte Nachweise. Zum einen ist es so, dass sich bei verschiedenen Erkran­kungen des schizo­phrenen Formen­kreises Sprachpathologien finden, die in Kreativ­prozessen, also zum Beispiel bei Gedichten, gezielt genutzt werden; etwa Neolo­gismen, Wort­konta­minationen und ein mani­sches Zungen­reden, Reim­zwänge kommen vor und vieles mehr. Die mensch­liche Sprach­fähig­keit, und hier gehe ich mit dem Psychologen Tim Crow, ist womöglich überhaupt die Grund­lage für die mensch­liche Dispo­sition zur Psychose. In der Psychose wiederum, und dies ist die etwas in Vergessenheit geratene Haupt­erkennt­nis des Begründers des Schizo­phrenie­begrif­fes Eugen Bleuler, fällt vor allem eine asso­ziative Lockerung ins Gewicht; dies vor allem sprachlich, aber auch inhaltsbezogen im Wahn. Das sind alles quasi auto­poe­tische Kon­struk­tionen der mensch­lichen Phantasie, einem Traum nicht unähn­lich. Die Realität wird außer Kraft gesetzt, und nichts anderes machen schließ­lich die Künst­ler. Zu fragen ist deshalb ein­deutig: hängen nicht hier Psychose (Wahn) und Krea­tivität (altmodisch: Genie) eng zusammen?

Reaktiviert man diese etwas vertaubten Thesen, eröffnen sich also womöglich neue alte Ansatz­punkte und etwas wie Psychose wird nicht rein diagnos­tisch ausge­sondert, sondern zählt als mensch­liche Grund­dispo­sition einfach zum Mensch­sein dazu. Die Psychose und Manie als Preis für die Kreativi­täts­funktion und als Quelle der­selben. Ich will diese leid­vollen Krank­heiten nicht verherr­lichen, aber sie aus der unfallhaften Schmuddel­ecke holen. Leo Navratil be­schrieb auch empi­risch den Wandel von psycho­tischen Haus­frauen zu Kreativgeistern. Und auch die familiäre Häufung von Künst­ler­familien mit bi­polaren Erkran­kungen spricht für sich. Naiv ist aktuell die Idee, man schaut mittels bildgebenden Verfahren ins Künstlerhirn. Aber auch so etwas wird unter­nommen und führt vielleicht auch zu Er­kennt­nis­sen. Deduktiv kann man aber auch einfach eins und eins zusammen­zählen.

M. Osterland: Das weicht dann natürlich die Grenzen von »normal« und »verrückt« endgültig auf.

D. Ketteler: Ja genau, diese Grenze ist ohnehin nur eine Schutz­behaup­tung, eine Illusion damit wir alle friedlich schlafen können. Genau wie wir uns fast alle jeden Tag vormachen, ewig zu leben. Jules Angst, ein Ver­treter der Zürcher Schule, hat in Studien ein Konti­nuum von Depression, Manie und Psycho­se an einer riesigen und immer noch laufenden Kohorten­studie eindrucks­voll nach­gewiesen. Die Grenzen selbst der einzelnen Diagnosen sind fließend. Wie sollte es dann zum Gesunden anders sein?

M. Osterland: Ist der Rausch der Schlüssel zur oder gar das Wesen der Kreativität?

D. Ketteler: Das ist eine spannende Frage. Ich würde mich dem aber eher von einer anderen Seite nähern. Ich denke, dass vor allem Zustände der manischen Extase und assoziativen Lockerung, wie man sie bei der bipolaren Disposition (Manie) oder Psychose antrifft, ein Schaufenster zu Kreativ­prozes­sen bieten. Hierzu habe ich auch etwas im psychia­trischen Bereich geforscht, speziell was die assoziative Lockerung anbelangt. Bleuler hatte ein besonderes Augenmerk auf Sprachbesonder­heiten in der Psychose gerichtet. Dies ging in der modernen Diagnostik zunehmend etwas unter. Aber vor allem die Lockerung von zuvor scheinbar fest­geschriebenen Sinn­zu­sammen­hängen ist ein wesent­licher Effekt dichte­rischer Produktion. Durs Grünbein weist auf die EEG-Experim­ente in Njimwegen hin. Dort hatte man Probanden Wortpaa­rungen wie »Katze« und »Hund« präsentiert und eher kleine neuronale Ausschläge fest­gestellt. Bei »Katze« und »Mond« hingegen spielte das Hirn verrückt. Ich denke, dass im Hirn des Ekstatikers genau solche brisanten Neu­schöpfungen und Rekombinationen stattfinden, die sich im Gesunden ein Dichter zunutze macht. Er kann, im Gegensatz zu einem aus den Fugen geratenen Maniker, kontrolliert auf Neuland zugreifen. Der Psycho­tiker und Manier wird hingegen quasi überrannt von seinen Wort­flashs.

Auch Drogen können derartige Kicks sicher gezielt evozieren. Kontrollverlust ist ein Punkt, der Neokortex verliert die Kontrolle und subkortikale, tiefliegende Hirn­strukturen wie die Basalganglien über­nehmen die Kontrolle. Benn hat dies intuitiv geahnt und spricht vom »Auf­rauschen« und auch oft und in Varianten vom Tiefenhirn. Neuronal lassen sich derlei Prozesse heute darstellen. Aller­dings funktioniert die Neuro­wissen­schaft, Benn hat dies ebenfalls beklagt, leider sehr induktiv, kleinschrittig. Dadurch fehlt oft die Drauf­sicht. Sie ist geradezu verpönt, da sie spekulatives Strandgut anspült. Ich selbst denke aber, nur so kann man sich dem Thema konstruktiv nähern.

[Das ganze Interview lesen Sie hier.]

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IN GUTER NACHBARSCHAFT #14

Samstag, 4.11.2017 – 20 Uhr

Franz Mehlhose (Löberstraße 12, Erfurt)

Eintritt: 5,-/3,-€ (nur Abendkasse)

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Neue Lyrik: „heimische Arten“ von Mario Osterland

Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland hat sein zweites Buch veröffentlicht. Der Gedichtband heimische Arten erscheint, wie schon sein Debut In Paris (2014), im Kölner Independent-Verlag parasitenpresse. Weitere Informationen und die Möglichkeit das Buch zu bestellen, findet ihr im Link ganz unten.

Die Doppel-Buchpremiere mit André Schinkel, der seinen neuen Gedichtband Bodenkunde vorstellt, findet in Jena statt am:

14. Oktober 2017 – 20 Uhr 

Galerie im Stadtspeicher (Markt 16, Jena)

Eintritt: 5,-€

Musikalisch begleitet wird der Abend von einem guten Bekannten unserer Lesereihe: littlemanlost! [Alle Infos zur Veranstaltung hier.]

Außerdem liest Mario Osterland bei der diesjährigen Ausgabe der Erfurter Spätlese im Rahmen der Erfurter Herbstlese.

20. Oktober 2017 – 20 Uhr

Haus Dacheröden (Anger 37, Erfurt)

[Alle Infos dazu auf der Website der Erfurter Herbstlese.]

Der LeseZeichen e.V. hat außerdem ein Video produziert in dem ihr das Gedicht fossile Gewässer aus dem Band heimische Arten hören könnt:

Private wie urbane Räume, die hier bedichtet werden, sind trostlos, das Rurale beiläufig, aber zunehmend rituell. Die Zeichen vergletschern! Was der Mensch nicht wahrnimmt: die Ränder zur ungewissen Zukunft als auch zur dunklen Vorvergangenheit zerfasern, es entstehen Fraßbilder, irgendwo im Düsteren schließt sich der Kreis … Mario Osterland gelingt es, uns wie nebenbei Beklemmung und […]

über Mario Osterland: heimische Arten — parasitenpresse

Rezension: „Der weiße Globus“

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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stefan
Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle Länder außer der Schweiz sind überstrichen. Er verzichtet auf Radio, Zeitung, Fernsehen. Er verzichtet auf ein ausgeprägtes soziales Umfeld. Bücher liest er nur, wenn sie mindestens zweihundert Jahre alt sind. Der Erzähler präsentiert ihn im Moment eines großen Aufbruchs mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken. Bereit für die Entdeckung des bereits Entdeckten.

Das sind drei Beispiele für die 18 Erzählungen aus den Jahren 2005-2016, die Stefan Petermann (Jg. 1978) im Band Der weiße Globus versammelt. Stilistisch, formal, thematisch sind die Texte nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Vom surreal und dystopisch anmutenden Wo wir schlafen werden – meiner Lieblingserzählung des Bandes – bis zum Bericht über die Nichtentstehung des eigentlich gewünschten Berichtes in Die Sommerfrische am Ende der Straße nimmt Petermann ein solch breites Spektrum auf sich, dass die Frage aufkommt, wie der Band zusammenhält, ohne dass er als „Best Of“ aus zehn Jahren oder reine Sammelarbeit abgetan werden kann. Die Antwort finden wir in der Erzählhaltung Petermanns. Hier wird nicht auf Effekte gesetzt. Hier wird nicht mit einer neuen Poetik experimentiert. Petermann bewegt sich im kompletten Spektrum der Kurzprosa ohne radikale Neuerungen zu versuchen. Stilistisch fällt die kühle Stimme des Erzählers auf, der bei einigen Beschreibungen einen fabulierenden und etwas ausschweifenderen Ton annimmt. Insgesamt ist der Band sprachlich klar und geprägt von prägnanten, kurzen Sätzen.

Die im lakonischen Timbre vorgetragenen Episoden sind da am stärksten, wo sie die Welt auf surreale Art und Weise, wie in Quirins Sinn oder Die Leiter zu beschreiben versuchen. Aber nicht nur die Übertragung des Primärreizes von den Augen auf die Zunge oder die Übersteigerung des Alltagsgegenstandes Leiter, auf eine unvorstellbare Größe erscheinen unwirklich. Auch die sanfte Andeutung der langen Galgenfrist des Kletterers in Der Vorsprung oder die abgeklärte Schilderung der eigenen Situation eines durch das Eis Gebrochenen in Wune spielen mit der Übertreibung und einer bizarren Art der Wahrnehmung.

Eine weitere Stärke liegt in der Weise wir das Untergraben von Erwartungen und Gewohnheiten dargestellt wird. In der schon erwähnten Erzählung Die Sommerfrische am Ende der Straße erfüllt ein Schreiber die Ihm gestellte Aufgabe, ohne sie eigentlich tatsächlich zu erfüllen, indem er einfach den Erwartungen entspricht. Statt wie gefordert das Salzkammergut aufzusuchen, begibt er sich nur an das Ende seiner Straße in ein Zimmer im Hotel „Greif“ und formuliert von hier aus einen Reisebericht aus den gängigen Stereotypen. Wenn in Das Geschenk eine selbstgemachte Kerze den eingeschliffenen Brauch der liebgewonnenen Flasche Wein als Mitbringsel ersetzt und damit eine ungeahnte Entwicklung lostritt, bringt uns Petermann ein sinnfälliges Beispiel dafür, was ein kleiner Akzent in einem von Konventionen geprägten Alltag verursachen kann. Wie bereits an anderer Stelle zeigt sich Petermann hier als aufmerksamer Beobachter, der die Schnittstellen aus Konventionen und Erwartungen zu analysieren und zu zerlegen weiß.

Darüber hinaus finden politische Themen Eingang in den Band. Neben der schon angesprochenen Episode, in der ein Kunsthistoriker die Gegenstände seines Fachs über die humanitäre Katastrophe vor Ort stellt, ist es der Text Björn Höcke zertritt asiatische Käfer, welcher sich mit aktuellen politischen Fragen befasst. Nicht nur sind dies die beiden jüngsten Texte des Bandes, sie sind auch jene mit den konkretesten Titeln. Wenn hier also ein „Björn Höcke“ asiatische Marienkäfer zertritt, die sich nur äußerlich durch ihre Färbung von den europäischen unterscheiden, wird eine bewusst groteske Situation eingeführt – die auf beiden Seiten eine unglaubliche Ohnmacht demonstriert. Auf der einen Seite der trampelnde Höcke, der mit Leichtigkeit den einzelnen Käfer beseitigen kann, auf der anderen Seite die Menge der Käfer gegen die der einzelne „ängstliche Aktivist wider die Überfremdung“ auf verlorenem Posten steht. Vielleicht deuten diese beiden jüngsten Erzählungen eine Art neue Tendenz im Schreiben Stefan Petermanns an.

Der weiße Globus probiert vor allem thematisch Vieles aus, bleibt aber dennoch ein gut gefügter Band von „Geschichten“, der neben Erzählungen dem Leser ein „Märchen“ und den lyrischen Text Wir Ahnen präsentiert. Der lakonische Ton des Erzählers und die immer wieder entlarvende Auflösung der Texte gewähren gute Unterhaltung ohne die Aussage zu vergessen. So lässt sich Der weiße Globus wie ein Wahrnehmungsbuch lesen, hält der Welt der Gewohnheiten einen Spiegel entgegen und vergisst nicht auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen.

Patrick Siebert

Petermann, Stefan: Der weiße Globus, Wartburg-Verlag, Weimar 2017, 88 Seiten, 14,00 Euro.

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Stefan Petermann (Foto: J. Rom)

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern. Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen nebenan, Die Angst des Wolfs vor dem Wolf und Der Zitronenfalter soll sein Maul halten wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen Roman Das Gegenteil von Henry Sy erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar. 
http://www.stefanpetermann.de/

Patrick Siebert, geb. 1985 in Schmalkalden; Studium der Germanistik sowie der Neueren und Mittelalterlichen Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena; Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2009; lebt in Erfurt. Bloggt hier: Schaudort.

Vorgestellt: Lisa Goldschmidt

Am 30.6. findet in Schillers Gartenhaus in Jena In guter Nachbarschaft #13 statt. Die Lesung wird sich diesmal den Preisträger*innen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen widmen. Mit dabei ist auch Lisa Goldschmidt, die für ihr dreiteiliges Gedicht seht mich verschwinden ausgezeichnet wurde. Wir stellen sie im Kurzinterview vor.

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Lisa Goldschmidt (Foto: privat)

Mario Osterland: Liebe Lisa, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Erfolg beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Das war ja bereits deine dritte Teilnahme. Wie bist du damals auf das Forum aufmerksam geworden und was schätzt du daran besonders, dass dich zu weiteren Einsendungen ermutigt hat?

Lisa Goldschmidt: Erstmals aufmerksam geworden bin ich auf das Junge Literaturforum durch meinen Mitbewohner Nils Brunschede, der mit seinen Gedichten ebenfalls Preisträger des Jahres 2014 war. Über meinen anderen Mitbewohner, Robert Stripling, bin ich im letzten Jahr auf den open mike aufmerksam geworden. In diesem Sinne, so romantisch es auch klingen mag, wäre ich wohl, hätte ich mich für andere Mitbewohner entschieden, vielleicht nicht zum Schreiben gekommen, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Es war schon ein glücklicher Zufall, falls man es so nennen kann. Was ich am Jungen Literaturforum schätze, ist die Förderung junger Autoren/Autorinnen, vor allem im Rahmen der Seminare und Workshops. Was mich zu weiteren Einsendungen bewog und mich auch für kommendes Jahr (was mein letztes sein wird) noch reizt: einmal mit einem Haiku den Hauptpreis zu gewinnen und es so abzuschließen, wie alles begann. (Ein kurzer Dank soll hier auch an meine Mutter gehen, die, vor einem Werk von Barnett Newman stehend, mich zu meinem ersten Haiku inspirierte, was 2015 in der Nagelprobe veröffentlicht wurde)

M.O.: Du warst in diesem Jahr mit dem dreiteiligen Gedicht seht mich verschwinden erfolgreich. Was reizt dich an der Lyrik?

L.G.: Für mich zeichnet sich die Lyrik durch ein völlig anderes Denken aus, das jenseits der Narration und des Verstehens, auf fragmentarische und instabile Weise abstrakte Raum- und Bildwelten schafft, die ohne jeglichen Nutzen Sinnhaftigkeit besitzen.

M.O.: Schreibst du auch Prosa oder Dramatik?

L.G.: Sofern ich im Sommer Zeit haben werde, werde ich mich an Kurzprosa heranwagen. Was Dramatik angeht: ich weiß nicht, ob ich hierfür schon alt genug bin.

M.O.: Du hast an der Akademie für Bildende Kunst in Karlsruhe studiert. Siehst du dich mehr als Künstlerin oder mehr als Autorin?

L.G.: Weder noch. Über diese Begrifflichkeiten und Attributierungen sollten andere entscheiden. Ob und inwiefern diese Bezeichnungen valide sind, kann ich als Psychologin nicht entscheiden, da sie statistisch nicht auf Kausalität zurückgeführt werden können. Aber ja: ich denke, eine Korrelation zwischen beidem besteht durchaus.

M.O.: Gibt es konkrete Pläne die bildenden Künste und die Literatur miteinander zu verbinden? Oder hast du das bereits gemacht?

L.G.: Konkrete Pläne gibt es keine. Viel eher beeinflussen sich beide Sphären intuitiv und gehen fließend ineinander über. Dennoch zeichnen sich, so denke ich, die experimentelleren Gedichte auch durch meine malerisch-abstrakte Ästhetik aus, die sich einer Konkretisierung und Verdinglichung der Sprache (im Sinne einer Vermittlung konkreter Inhalte) entzieht und stärker in ein synästhetisches, mehr-ebenen-förmiges Ganzes integriert: in ein Zusammenspiel aus Form, Klang, Abstraktion und Unbewusstem.

M.O.: Vielen Dank für deine Antworten!

Lisa Goldschmidt, geb. 1993 in Freiburg im Breisgau, studierte von 2011 bis 2013 freie Kunst an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. Seit 2013 studiert sie Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 2015 und 2016 war sie Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, 2016 Finalistin des 24. open mike in Berlin.