Rückschau: „vom wuchern“ mit Tim Holland und Moritz Schneidewendt

Am 19. Januar startete unsere Lesereihe mit einer Kooperation mit der ACC Galerie Weimar ins neue Jahr. Und was für ein Auftakt das war!

Im Rahmen der Ausstellung „Alle Achtung! – Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit“ haben wir den Berliner Dichter Tim Holland eingeladen, der vor allem aus seinem Werk vom wuchern/theorie des waldes  las.  Es handelt sich dabei um einen  Hybrid aus faltbarer Landkarte und experimenteller Lyrik. Ein Textgeflecht, das vom Leser Aufmerksamkeit fordert, aber auch ein ganz neues Leseerlebnis mit neuen Aufmerksamkeiten für Details generiert.

Inhaltlich beschreibt Holland das Ganze so: „Es geht um Fukushima, Berichterstattung und (mediale) Katastrophen, um Liebe, da geht es dann auch um asymptotische Annäherung, wo man crashen wollen würde, es geht um Territorialverhalten und um Imitation, um Bespitzelung, Singen, es geht um den Wald, um Wiese, das Meer, nicht um den Strand, aber das Ufer und das Wasser“.

Das Publikum in der gut besuchten ACC Galerie wurde mit dieser experimentellen Art der Lyrik jedoch nicht allein gelassen. Auf sehr sympathische Weise trug Holland seinen Text vor, gab Einblicke in den Entstehungsprozess und vermittelte so den Text an die Zuhörer*innen. Dabei gab er jedoch zu bedenken, dass seine Lesereihenfolge nur eine Möglichkeit ist den Text zu erschließen.

Der Klarinettist Moritz Schneidewendt fand indessen einen ganz eigenen Zugang zu Hollands Texten, erweiterte und reagierte auf sie, indem er an diesem Abend gleichberechtigt zur Lesung Kompositionen Neuer Musik vortrug. Gespielt wurden unter anderem Stücke von Jörg Widmann und Olivier Messiaen. Seine intensive Auseinandersetzung mit den Texten Hollands beeindruckte dabei nicht nur das Publikum, sondern auch den Autor selbst. So kam es an diesem Abend zu einem hochklassigen Dialog zweier Künste, der durch die zusätzlichen Bezugnahmen beider Künstler zur Ausstellung in den Räumen der ACC Galerie eine Einheit bildete.

Im Hinblick auf das geplante Jahresprogramm von In guter Nachbarschaft im Jahr 2017, war der Abend ein mehr als gelungener Auftakt. Im letzten Jahr begannen wir unserem Namen wörtlich zu nehmen und weiteten die Lesereihe von Jena auch auf die Nachbarstädte Weimar und Erfurt aus. In diesem Jahr wird die „Nachbarschaft der Künste“ im Mittelpunkt stehen. Das heißt, dass es unter anderem Kooperationen mit Kunstvereinen und Galerien geben wird. Und natürlich, dass andere Kunstformen während unserer Veranstaltungen gleichberechtigt zur Literatur zur Geltung kommen werden. Wie das im Einzelnen aussehen wird, verraten wir jeweils zu gegebener Zeit.

 

Lyrik für alle!

Vom 7.12. bis 10.12. findet in Salzburg die 3. Babelsprech-Konferenz statt. Begleitet werden die internen Konferenzsitzungen von einem Rahmenprogramm aus Lesungen und Musik, zu dem alle Interessierten eingeladen sind.

Alle Infos zur Konferenz und den Lesungen sind hier zu finden.

In der Vergangenheit haben wir mehrfach mit dem Projekt Babelsprech, das die Lyrikszene aller deutschsprachigen Länder und Regionen verbindet, kooperiert und gemeinsame Lesungen in Jena und Weimar organisiert. In Salzburg ist Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland dabei, der als Blogger von der Konferenz berichtet. Außerdem kann man die Sitzungen per Livestream im Internet verfolgen.

Die 3. Babelsprech-Konferenz ist eine Kooperation von
Babelsprech | Bureau du Grand Mot | mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur

Kinga Tóth: Wir bauen eine Stadt — parasitenpresse

Das neue Buch von Kinga Tóth ist da! Wir freuen uns mit ihr und der parasitenpresse. 🙂

Die Gedichte von Kinga Tóth sind Texte, in denen Sprache die wahre Bauherrin ist. Sprache, die ihre Bausteine überall aufsammelt und zu einem geschlechtslosen Mensch-Maschine-Artefakt zusammenbaut. Menschen werden darin roh zu Maschinen verformt. Werkzeuge, Instrumente werden körperlich, menschlich, ändern ihr grammatikalisches Geschlecht. Maschinensprache, Sprache aus technischen Übersetzungen und Bedienungsanleitungen oder Forschungsliteratur fließt ein, dominiert. Die […]

über Kinga Tóth: Wir bauen eine Stadt — parasitenpresse

SUMMER EDITION Nachlese: Björn Kuhligk

Die Sprache von Gibraltar (Auszug)

 

Die Geschichte meiner Abstammung

ist die Geschichte meiner Abstammung

die Geschichte meiner Hautfarbe

ist die Geschichte meiner Hautfarbe

 

es ist 2015, Oktober

es ist Bewegung auf den Kontinenten

die Stewardess mit den Apfelbrüsten

rammt ihre Absätze in den Flugzeugteppich

und fragt, ob ich süß oder salzig

ich bin bei den Satten, den Siegern

das ist mein Standpunkt

 

ich sehe das Meer, den Grenzübergang

hinter dem es eine Stunde früher ist

den Monte Gourougou, den Mischwald

eine spanische Fahne, groß wie ein Dach

 

ich gehe über das Rollfeld

ich setze meine Sonnenbrille auf

ich habe den Reisepass, ich kann mir

das Essen aussuchen, das Hotel, die Uhrzeit

mare nostrum, nicht eures

(c) Hanser Verlag, 2016

„mare nostrum, nicht eures“

Das Ergebnis seiner Recherchereise an die Grenzzaunanlage von Melilla, der spanischen Exklave in Nordafrika, ist Björn Kuhligks Langgedicht Die Sprache von Gibraltar. Eine eindringliche, intensive Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Grenzverläufen zwischen Europa und Afrika, Armen und Reichen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit, Beobachtung und Handlung.

Die Reise beginnt mit der Reise, dem selbstverständlich gewordenen Flug über das Meer, das in allen Facetten von Grün und Blau unter einem liegt. Lebensfeindlich aufgeraut oder friedhofsstill. Es macht einen Unterschied, ob man nach Süden darüberfliegt oder von Süden hindurchfahren will. Die Badewanne Europas, unser Urlaubsmeer, hat längst seine Unschuld verloren.

Das Ich in diesem Gedicht kann sein Essen wählen, Grenzen passieren, ist auf dem Weg in sein Hotel mit Meer- und Grenzzaunblick. Es weiß noch nicht, was es erwartet. Wie das Leben der Asylsuchenden hinter (oder vor?) dem Zaun aussieht. Wie es aussieht, wenn man es mit eingenen Augen sieht, nicht im Fernsehen oder auf Handyvideos.

„Die Enden Europas/Europas Ende“, wie es an anderer Stelle in Kuhligks Gedicht heißt, war über Jahrzehnte, Jahrhunderte der Orient. Der war exotisch, mystisch und weit weg. Heute ist er erreichbar, aber man findet dort keine fliegenden Teppiche mehr. Hochhackigen Absätze nageln sie auf dem Boden der Tatsachen fest.

mo

Björn Kuhligk – Die Sprache von Gibraltar. Gedichte. Hanser Berlin: München/Berlin, 2016. (88 Seiten, 16,- €, ISBN 978-3-446-25291-2)

SUMMER EDITION Nachlese: Kinga Tóth

die Elbe

 

die frau ein seepferd der schenkel über ihrer schulter

ein fisch eine welle über eine meerjungfrau ist die Elbe

klänge aus dem orgelpfeifengrund

durch ihren mund gleichzeitig hinaus

atmend die luft

 

ihr körper durchbohrt für den gesang

orgelpfeifen herausgezogen atmet sie

luft durch den mund aus und

an neuen stellen auf ihrer oberfläche

angebrachte pfeifen durch enge spalten

singen aus ihrer brust

=Mensch=Erwartung=Funktion=Maschine=

Funktionsweisen, Erwartungshaltungen und Erwartungshaltungen an das Funktionieren von Körpern und Maschinen spielen eine zentrale Rolle in Kinga Tóths Gedichtband ALLMASCHINE. Mit kühlem, distanzierten Blick und einer reduzierten, fast mechanischen Sprache beschreibt sie das Spannungsfeld zwischen Mensch und Technik, das seit der klassischen Moderne zum thematischen Kanon der Avantgarde gehört. Diese Traditionslinie ist den Texten nicht fest eingeschrieben, lässt sich jedoch mit ein paar Gedanken an Paul Klee oder Marcel Duchamp assoziativ herstellen, ohne dass Tóths Gedichte an Eigenwert verlieren. Die auf den ersten Blick stark deskriptiv wirkenden Texte offenbaren beim Wieder- und Wiederlesen die kritische Haltung, die mit der mechanischen Abfolge der Worte verbunden ist.

Tóths Personifizierung der Elbe etwa ist einerseits die eines skulpturalen, mythisch aufgeladenen Fabelwesens mit Dekofunktion. Andererseits ist sie ein cyborgähnliches Unterhaltungsinstrument, dass unter völliger Missachtung des Körpers zur qualvollen Attraktion „umgestaltet“ wird. Ähnlich ergeht es der Braut im archaisch-patriarchalen Korsett der Riten. Der weiße Schleier verhüllt den Körper, an den spätestens nach der prächtigen Hochzeitsfeier Erwartungen aus Pflicht und Funktion herangetragen werden. Als gejagtes Objekt kommt sie schließlich verwundet auf einem Eisbärenfell zum erliegen.

mo

braut

 

weiß war gar ihr schleier

als sie hereingeführt wurde

in das zimmer alles war weiß

ihre schleppe blieb hängen

an den holzdielen den aufgemalten

nägeln riss ab die puppenhaare nicht die haut

im feierlichen zimmer quartiert

sich ein die unberührte hier wartet sie

dass es klopft solange

in den schleier gewickelt die scham

mit puder betäubt mit honig

zusammengeklebt

 

dass es bricht dass es eine ehre werde

wartet auch das krachen im becken

samen muss in den körper gestopft werden

reiner samen sonst sterben wir aus

auf einem eisbärenfell

wartet sie auf das bluten

weiß besiegelt mit der scham

mit puder bestäubt mit honig

zusammengeklebt

 

Kinga Tóth – ALLMASCHINE. Gedichte. Ungarisch und deutsch. Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck. Edition Solitude: Stuttgart, 2014. (128 Seiten, 15,-€, ISBN: 978-3-937158-80-8)

Auch interessant: Eva Heissler über ALLMASCHINE im Asymptote Journal [english]

SUMMER EDITION Nachlese: Anja Kampmann

bernstein

ein manöver an der ostsee
als hielte sich das licht unter den schallwellen von geschossen
die man zur probe an die kalte schläfe
dieses himmels legt

es ist nicht so gemeint
dass dieser luftraum seine dörfer ganz vergisst
störche kommen
du siehst die bilder dieser flinten in den läufen
murmelt zukunft vor sich hin

es sind nur pflaumen die
ausgetrocknet schwarz zwischen den blüten hängen
schwarze falter täuschungen des lichts

oder die gräben um die Felder
die nun ausgerichtet sind.

Hier ist die Landschaft, das Offene

BALTOPS: So heißt ein multinationales Manöver, das seit 1971 jährlich im Ostseeraum stattfindet. Die NATO übt hier, zuletzt 45 Schiffe, 60 Luftfahrzeuge und 4000 Soldaten aus 14 Nationen; man übt sich in Koordination, Organisation, amphibische Landung: Partnerschaft für den Frieden vor der polnischen Küste. Das Gedicht bernstein von Anja Kampmann steht inmitten eines solchen Manövers; es ist das Auftaktgedicht von Proben von Stein und Licht und damit selbst so etwas wie ein ›Manöver‹: eine Einübung in die Erkundung einer Landschaft, von Offenheit als Gravitationszentrum der Anschauung.

Die ›Landung‹ beginnt, aber »es ist nicht so gemeint«; natürlich ist es das nicht, was hier geschieht, geschieht »auf probe«. In der Zwischenzeit kommen »störche«, bevölkern den »luftraum«, aber die »zukunft«, die sie bringen, verheißt nichts gutes. Russische Kampfflugzeuge ziehen auf, fliegen riskante Manöver: »täuschungen des lichts«. Und dennoch ist es ein hartes Licht, das sich da in dem Gedicht von Anja Kampmann absetzt, sich ständig »unter den schallwellen von geschossen« hinwegducken muss, die Konturen der »gräben« aber nur umso deutlicher hervortreten lässt – »bernstein« wird aus vorgeschichtlicher Zeit.

pn

Anja Kampmann – Proben von Stein und Licht. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett/Hanser: München, 2016. (96 Seiten, 15,90 €, ISBN 978-3-446-25053-6)

SUMMER EDITION Nachlese: Christoph Wenzel

der boden unter den füßen

den verschwundenen dörfern im rheinischen braunkohlerevier

I

weißkohl-, wirsing-, möhrenfelder, letzte ernten und

ein stoppelbild, mit igelschnitt, so geisterten die jungs hier

rum, kickten bälle in die fremden gärten, knickten flieder,

brombeer, buchsbaum, diese feldspieler im abseits, und das tor

bleibt wie vernagelt, vor der tür steht ein vertreter, unter-

händler, breitet angebote auf der wachstischdecke aus: lukrativ

sei der vereinswechsel ins nachbardorf und ohnehin

geht hier bald alles vor die hunde, eh man sich versieht,

fällt man in ein großes loch: und wenn wir hier schon nichts

gewinnen, treten wir euch wenigstens den platz kaputt

Vielschichtig ist das Land, vielschichtig die Zeit und das Erinnern.

Mit seinem Buch lidschluss widmet sich Christoph Wenzel dem Strukturwandel seiner rheinisch-westfälischen Heimat. Er legt Querschnitte an von der Braunkohle in der Tiefe bis zur vermeintlichen Oberfläche, Längsschnitte vom Vorgarten des Eigenheims bis zum Fußballplatz und darüber hinaus. Als allgemeingültige Denkmäler für die, dem Tagebau gewichenen Dörfer lassen sich Wenzels Gedichte lesen. Aber auch als ganz individuelle Szenen, die abknickende Sträucher, zerbrochene Fenster und das Rufen der Pöhler vor dem inneren Auge bzw. Ohr entstehen lassen.

Das sind schöne und zugleich tragische Erinnerungen an eine Zeit, deren Orte unauffindbar geworden sind. Für die ein simuliertes Dorf zur Umsiedlung niemals wird Ersatz schaffen können. Wie lukrativ der Wechsel nach nebenan wirklich ist, bleibt also offen. All dem begegnet Wenzel mit viel Empathie, die jedoch nicht in Rührseeligkeit abkippt. Dafür sorgt etwa die Fußballmetapher, die das hier wiedergegebene Gedicht zusammenhält. Vielleicht lohnt das Aufreißen der Erde unter dem Dorf gar nicht und alles wurde umsonst aufgegeben. „Dann treten wir euch wenigstens den Platz kaputt.“ Für alles im Leben, gibt es die richtige Fußballweisheit. Manchmal hilft eben nur noch Lakonie und Galgenhumor.

mo

Christoph Wenzel – lidschluss. Gedichte. Edition Korrespondenzen: Wien, 2015. (96 Seiten, 17,50 €, ISBN 978-3-902951-15-1)

1.8. – Blaubart & Ginster #2 – Zu Gast: Peter Neumann

Heute um 15 Uhr läuft die zweite Ausgabe von Blaubart & Ginster – Eine Stunde Literatur im Radio OKJ mit den Moderatoren Ralf Schönfelder und Nachbarschafts-Mitorganisator Mario Osterland. Zu Gast ist Peter Neumann, der ebenfalls Mitorganisator von In guter Nachbarschaft ist. Eine Überschneidung, die in der Thüringer Literaturszene (wie in den meisten Szenen) nicht ausbleibt.

Warum solche Schnittmengen jedoch von Vorteil sind, wie Peter Neumann Teil der Thüringer Literaturszene wurde und was er u.a. zum Landschaftsgedicht zu sagen hat, hört ihr ab 15 Uhr in Jena und Umgebung auf UKW 103,4 MHz und im Kabel auf 107,90 MHz. Außerdem weltweit im Internet als Live-Stream auf http://radio-okj.de/.

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Peter Neumann (Foto: Dirk Skiba)

 

Die Sendung gibt es außerdem als Podcast zum Nachhören bei Soundcloud.

4.7. – Blaubart & Ginster – Eine Stunde Literatur im Offenen Kanal Jena

Blaubart & Ginster? – Ist das ein Szenelokal für serienmordende Pazifisten? Ein exzentrischer Barbershop? Kann man das rauchen?
So ähnlich: Bei Blaubart & Ginster läuft eine Stunde lang Literatur und Musik auf Radio OKJ. Ralf Schönfelder und Mario Osterland, co-Organisator von „In guter Nachbarschaft“, laden Autoren ins Studio ein, um ihre Texte zu hören, über Bücher und die literarische Szene zu plaudern und die Lieblingsmusik der Gäste zu spielen.

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Mario Osterland und Ralf Schönfelder präsentieren monatlich die Literatursendung „Blaubart & Ginster“ im Radio OKJ.

Von Ungarischem Punkrock bis zu Lambada!
Zu Gast in der Ursendung von Blaubart & Ginster ist die Jenaer Stadtschreiberin Kinga Tóth. Sie liest aus ihren Gedichten über Körper und Maschinen, erklärt, warum Häuserwände die Haut einer Stadt sind und berichtet vom schwierigen Stand der ungarischen Literatur und ihrer Arbeit bei der József Attila Kör in einem Land, das sich politisch radikalisiert.

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Die Sound-Poetin Kinga Tóth ist der erste Gast bei „Blaubart & Ginster“ (Foto: Richard Lutzbauer)

Die erste Sendung läuft am Montag, dem 4. Juli um 15:00 Uhr bei Radio OKJ. Radio OKJ hört Ihr in Jena und Umgebung auf UKW 103,4 MHz und im Kabel auf 107,90 MHz. Außerdem weltweit im Internet als Live-Stream auf http://radio-okj.de/.

Bericht aus Bishkek (2/2) – Drei Gedichte aus Kirgisistan, kommentiert

Der Autor Moritz Gause, Mitbegründer von „In guter Nachbarschaft“, war jahrelang Organisator und Moderator unzähliger Literaturveranstaltungen und Schreibworkshops in Thüringen.

Babelsprech Bern April 2015
Moritz Gause (Foto: Patrick Savolainen)

Seit August 2015 lebt er in Bishkek, der Hauptstadt Kirgisistans, und arbeitet dort als Sprachassistent am Goethe-Institut. Auf Instagram dokumentiert er regelmäßig das Leben vor Ort mit Fotos und Videos.

Hier stellen wir drei seiner Gedichte vor, die in Kirgisistan entstanden sind.

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Ashina

Du fragst in einem Deiner Briefe
ob es hier Wölfe gibt.
Sicherlich, und manchmal denke ich
ich sei einer von Ihnen, freilich nur noch Hund
und vielleicht zog mich darum
alles nach Osten, so lang schon, und vielleicht fühle ich darum
ich sei angekommen
als fände ich hier meine zweite Familie
in der Ebene zwischen den Bergen
die aussehen, als habe jemand das vielfach geflickte
und doch so ruhige Tuch der Steppe
mit Zeltstangen angehoben, als sei ich
sei etwas in mir
von hier gekommen.
Aus diesen Bergen, von denen keiner weiß
wo geht die Erde, wo geht das Nichts zuende
wo fangen die Träume an.

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Unter dem Bildnis eines toten Hundes

dessen zerfressene Augen nirgendwohin mehr schauen
am Rand der Straße durch die Steppe, zwischen Kieseln und Staub
steht der Vorwurf: ein solches Bild entwürdige die Kreatur.

In der Gobi legten sie früher
ihre Toten auf Hügel und ließen
die Geier, Wölfe und Hunde sie fressen.

Wir fürchten das Unausweichliche.
Ich habe den Hund photographiert.
Er stank so sehr, dass ich mir die Nase zuhielt.

Der Brustkorb eingefallen, ein schwarzes Loch
der hintere Darm aufgebläht. Ich beugte mich hinunter
die zerfressenen Augen, die vertrocknete Nase zu photographieren.

Der kalte Wind blies mir den Gestank ins Gesicht
ich hielt den Atem an
um nicht zu erbrechen.

Auf einem seiner Beine, das Haar heruntergefressen
lag eine Zigarettenkippe. Der Hund lag dort
liegt er noch, was ist übrig.

Jemand hatte die Kippe im Vorbeifahren
aus dem Autofenster geschnippt
oder der Wind hatte sie dorthin geweht.

Ein toter Steppenhund.
Keine Fragen mehr. Kein Hunger. Keine Furcht.

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In der Marshrutka nach Kant

lesen sich die Nachbarn Bauch an Bauch
aus ihren dichtbedruckten feuchten Händen.

Dann wächst ein bisher ungekanntes Zeichen aus der Haut.
Im grünen Licht. An der elften Station.

Die Nachbarn flüstern. Sie raunen.
Es gibt zu viele Rosenkreuzer dort in Bishkek.

Ich dränge mich vorbei an starren grünen Mienen
und atme auf im abendlichen Kant.

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Das ruhige Tuch der Steppe

Welchen Einfluss eine Landschaft, ein fremdes Land, eine andere Kultur auf die Entstehungsbedingungen von Literatur und letztlich auf die entstandenen Texte selbst haben können, lässt sich an Moritz Gauses Gedichten aus Kirgisistan besonders gut ablesen.

Verglichen mit dem gros der jüngeren deutschsprachigen Lyrik klingt in Gauses Gedichten ein erkennbar pathetischer Ton an, den sich hierzulande kaum noch jemand traut. Dieses Pathos ist weder kitschig noch glorifizierend, sondern versucht der Erhabenheit der kirgisischen Landschaften, der Steppen und Berge gerecht zu werden. Es dominiert die Texte nicht von oben her, sondern schafft eine Atmosphäre, die die Texte trägt.

Gause macht kein Geheimnis daraus, dass Fernweh ihn nach Zentralasien zog. Er passe ganz gut dorthin, sagt er im Interview. Im Gedicht Ashina wird das besonders deutlich. Und dort heißt es auch „in der Ebene zwischen den Bergen/ die aussehen, als habe jemand das vielfach geflickte/ und doch so ruhige Tuch der Steppe/ mit Zeltstange angehoben“. Die sprachliche Reflexion der Sehnsuchtslandschaft öffnet hier einen neuen Raum, lässt eine zweite Landschaft mit eigenen Geheimnissen, einem eigenen Profil entstehen. Die Gegend um Bishkek, so scheint es, besitzt poetisch fruchtbaren Boden.

Doch es ist ebenso wenig eine ungebrochene Idylle, wie etwa der heute wieder öfter „besungene“ deutsche Wald. Es ist raues Land, magisches Land, Schamanenland. In der Steppe verenden Hunde, in der Marshrutka liest man nicht in der Zeitung, sondern aus Händen. Wildnis und Fremdheit bleiben immer präsent. Und vielleicht ist das der Grund, warum für Gause die Berge Kirgisistans auf Zeltstangen ruhen und nicht auf steinernen Massiven. Der Wind drückt spürbar auf das Land. Ankommen heißt nicht automatisch sesshaft werden. „Das Kapitel ist ja noch lang nicht abgeschlossen.“

Mario Osterland

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Die Gedichte Ashina und Unter dem Bild eines toten Hundes erschienen zuerst in Metamorphosen 11.